If your memory serves you well ...

Zielgruppengerecht?

Wer schreiben möchte, muss wissen, für wen. Sagen uns die wohlbejahrten Stilberater für Wort und Schrift. Das „was“ wäre erst einmal gar nicht so wichtig, denn das Produkt könne man der Zielgruppe mit Hilfe eines Textes auf den Leib „schneidern“ wie der Wolf seinen Journalistikschülern die ewig gleichen Weisheiten.

Soll sich also eher die fesche Supermarktkassiererin mit einem bewusst schlicht gestrickten Elaborat amüsieren, oder will ich den Akademiker packen, um dessen Lesegunst ich glaube, mit allerlei „Fachchinesisch“ buhlen zu müssen? Wer’s glaubt, wird jedenfalls komisch. Das Resultat ‘zielgruppengerechten’ Schreibens klingt nämlich oft so, wie das untertänigst hingehauchte Vergewurstel dieses kochaffinen Schreibgenies, das unserer „Haute Wolaute“ als amuse gueule sprachlichen Wahnsinn in einem Soufflé von ausgesuchten Überkandideleien kredenzen möchte:

… Rochats Küche ist keine der überraschenden Gesten, der Effekte oder der leichten Hand. Hier hat alles Präzision und eine erkennbar gewachsene Genese. Wenn an anderer Stelle etwa die Krustentiere einfach in Salzwasser gegart werden, benutzt Rochat eine komplexe Court-Bouillon. Der Effekt ist klar: Dort haben wir Hummer pur, hier eine optimierte Version seiner Zubereitung. Dort wird gegart, hier gekocht … Und so finden wir in diesem unaufgeregten, aber äußerst gediegenen Werk vor allem am klassischen Geschmacksbild orientierte Kreationen (“Pochierte Bresse-Poularde, leichte Schaumsauce mit schwarzen Trüffeln”), die bisweilen sogar historisch wirken (wie das “Über Holzkohlen gegrillte Hochrippenstück vom Simmenthaler Rind mit Pfeffer, Schalotten und Rotweinbutter”), aber nicht selten eine eben sublime Verbindung zur neuen Zeit eingehen (wie das “Jakobsmuschel-Carpaccio mit Steinpilzen, Granny-Smith-Äpfeln und Vin-Santo-Essig”). Rochats große Stärke ist neben einer minutiösen Präzision (die mit oft sehr genauen Mengenangaben und Garzeiten erfreut) die häufige Arbeit mit vielen winzigen aromatischen Elementen auf dem Teller, die – bei aller dekorativen Wirkung – ein Essen außergewöhnlich subtil machen können, ohne die Stärke des Hauptproduktes in irgendeiner Weise zu schmälern. … Jürgen Dollase

Oha – ich mag vor lauter sprachlichen Pretieusen schon gar nichts mehr herunterschlucken: Dollase schreibt angeblich für Feinschmecker – pardon für Gourmets natürlich. Denen er jede Gourmandise in sprachlicher Hinsicht aber abspricht. Zwar liefe die „sublime Verbindung zur neuen Zeit“ eines Jakobsmuschel-Carpaccios am rezeptiven Horizont unserer Supermarktkassiererin tatsächlich so vorüber, wie die Tütensuppen auf ihrem Warenlaufband wiederum an dem des Kulinarios mit dem sprachjuwelenfunkelnden Artikelstil. Sie wäre ja auch nicht seine Zielgruppe – glaubt er zumindest. Er schriebe ja nur für die Spesen bewehrten Edelleute der Restaurantpilgergilde, die sich ein frisches Schwertfischfilet auch leisten können müssen, und er schließt somit die Mehrheit der Menschheit aus seinen Betrachtungen aus, weil er meint, es genüge, genüsslich über Essbares in einer nicht geläufigen Sprache zu philosophieren, um mit seiner selbstverliebten Verbalerotik auch die nötige soziale Distanz zu servieren. Bleibt bloß die Frage, ob unsere Bourgeoisie denn so bescheuert sei, dass sie dieses schaumgeschlagene Sprachgemauschel goutiert? Ich denke, sie ist es nicht …
Guter Stil ist nämlich nicht im Plural zu haben, ein guter Text redet niemals dann ‘zielgruppengerecht’, wenn er möglichst hochgestochen und unverständlich als ‘Expertentext’ daher parliert. Anders ausgedrückt:

Dollases Text ist blanke Realsatire für jeden, der sich offene Ohren bewahrt hat. Jederzeit lässt sich über eine großartige Küche oder empfundene Geschmackseindrücke so schreiben, dass es nicht nur außerordentlich gut, sondern auch noch appetitanregend geschrieben ist:

Ich beiße ab. Kaue. Schiebe es im Mund hin und her. Gnatsche ein bißchen. Lutsche. Hm. Der Eindruck, den ich bekomme, ist sehr verworren. Das Wort könnte sein säuerlich, gealtert, steinig, kräftig, vielleicht kühn? Es könnte alles mögliche sein. Vielleicht ganz einfach stilvoll. Wie eine Frau, die ein Restaurant betritt? Subtil, süß. Wie Seetang? Es ist sehr mild. Nein, es ist nicht mild. Oder ist es doch mild? Halbmild? Na ja. Nach und nach wird es ein Dickes, nein, nicht ein Dickes, ein Cremiges oder richtiger ein Dünnes, ein Scharfes oder leicht Strenges, nein. Nein, das ist nicht streng. Auch wenn es grob ist, ist es mehr so, als wenn es gar nicht da ist, als wenn es transzendent ist, wie gedacht … Kristian Ditlev Jensen, aus “Leibspeise”, Hoffmann und Campe, ISBN (10) 3-455-40002-7

So setzt sich dieses geschmackliche ‘Herantasten’ sprachlich Seite um Seite fort, jeder vermag dem Schreiber virtuell nachschmeckend zu folgen, weil er zugleich präzise und in gebräuchlichen Worten schreibt. Auch hier geht es ums Essen. Mit dem Unterschied, dass sowohl die zitierte Supermarktkassiererin – die ich keinesfalls diskriminieren will, denn schließlich könnte sie ja nur ihr Germanistikstudium finanziell etwas aufbessern wollen – dass sowohl sie den Text versteht, wie auch ihrem Professor das Wasser im Munde zusammenlaufen dürfte, bei so viel Geschmacks- und Konsistenzeindrücken.

Man verschone uns daher vor prätensiösen Stilakrobaten, die noch mit einem schlichten Teller Erbsensuppe in der Hand immer gleich den Olymp der Unverständlichkeit erklimmen möchten …

5 Kommentare

  1. Klaus Jarchow

    Deinem Dollhasen wurde in der taz just heute auch gerade ein Denkmal errichtet.

  2. Mike

    Der Rudolf Walther hat ihn halt ebenfalls durchschaut (und das schon im November 2007), den ehemaligen Rockmusiker, der immer noch auf der Suche nach Akkorden und Obertönen ist – auch im Schweizer Wurstsalat, stelle ich mir vor. Wenn ordentlich Zwiebeln darin sind, könnte die Suche Erfolg haben …

  3. Wolfgang Hömig-Groß

    Bei mir hat er schon im zweiten Satz rettungslos verschissen: “gewachsene Genese”. Au weia. Ein blöder Wichtigtuer, dem analog zum Geschmack des Essens der Klang der Wörter reicht.

  4. Klaus Jarchow

    Einerseits konstruiert er hochartifizielle ‘Gewürzräume’, von denen keinem Anatomen dieser Welt jemals etwas schwante, andererseits ist er unfähig, die simpelsten Geschmackssensationen adäquat in Sprache zu fassen: “Jeweils leicht anders schmecken” – da sinkt jedwede Vorstellbarkeit unter null …

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