If your memory serves you well ...

Wozu ‘Belesenheit’?

Immerhin – vielleicht hätte sich mit ein wenig mehr historischem Wissen die Finanzkrise sogar vermeiden lassen. Zumindest aber könnte man mit Hilfe einer gewissen ‘Belesenheit’ die Märchenonkels aus der Ökonomenzunft ein wenig zauseln, die unentwegt davon faseln, dass die große Blase “unvorhersagbar” gewesen sei, “einzigartig” und “nie dagewesen”, dass also niemand wissen konnte, dass eine Wechselreiterei mit Derivaten, Credit Default Swaps und anderem Giftzeugs zwangsläufig in die Katastrophe führen muss. Wer sich auf Geschichte und Geschichten versteht, der entlarvt solche Koryphäen leicht als blinde Orakel, und ihre “Analysen” als Märlein und ökonomisches Münchhausentum. Im Gegenteil: Es gibt nichts Neues unter der Sonne, es ist immer wieder die gleiche Geschichte. Um das zu erkennen, muss man aber ‘belesen’ sein.

Nehmen wir die erste Weltfinanzkrise – sie ereignete sich im Jahr 1857. Näheres findet sich hier und hier. Kurz gefasst, fokussieren all diese Beiträge darauf, dass ein Schurke namens Edward Ludlow von der Ohio Life Insurance Company den ganzen Kladderadatsch durch übermäßige Eisenbahnspekulation ausgelöst habe. Man sieht – auch damals verstand sich der Journalismus schon trefflich auf die ‘Personalisierung’: Wo es ein Unglück gibt, muss immer auch eine ‘Hexe’ her.

Der Kern des Ganzen war anders, sehr viel unpersönlicher und ‘systemischer’: Die Welt – insbesondere Russland – hatte sich damals von amerikanischen Getreideimporten abhängig gemacht, die Farmer in den USA prosperierten, die Banken liehen ihnen bereitwillig Geld für Maschinen und Landankäufe – und dann war plötzlich dieser Krimkrieg vorbei und Russland fuhr zudem selbst Rekordernten ein. Der amerikanische Hochpreis-Getreidemarkt brach mangels europäischer Nachfrage zusammen, die Kredite der amerikanischen Banken an die Farmer wurden – nach heutigem Vokabular – zu ‘Subprimes’, viele Banken faillierten, und von den USA ausgehend raste die Krise als Dominoeffekt um die Welt.

Gehen wir etwas näher an das Geschehen heran: ins schöne Hamburg. Dort expandierten die Kaufleute – die Slomans, die Godeffroys, die Mercks und Amsincks – nicht mit Hilfe von Aktienausgaben, sie liehen sich gegenseitig bereitwillig Geld, indem sie wechselseitig ihre Wechsel vertrauensvoll akzeptierten. Es war eine Sache der ‘Familienehre’ und des ‘guten Namens’, die dazu führte, dass dieses System reibungslos funktionierte. Mit diesen Papieren konnten ein Kaufmann in guten Zeiten jederzeit zur Bank gehen, die nahm für sich den Diskontsatz von einigen Prozent von der Wechselsumme, und zahlte den Rest an denjenigen aus, der den Wechsel präsentierte.

Gab nun ein Kaufmann mehr Wechsel auf zukünftige Gewinne, Ladungen oder Ernten aus, als er Kapital besaß, nur um weiter expandieren oder repräsentieren zu können, dann war er faktisch auch in guten Zeiten schon pleite. Das aber wollte keiner wissen. Bis zur Krise … dann war plötzlich der ‘Credit’ dahin. Die maßlose ‘Wechselreiterei’ der ehrbaren Kaufmannschaft Hamburgs – was wir heute ‘Blase’ nennen – flog unter großem Gestank und Geschrei auf: Abrakadabra – nur durchschnittlich ein Sechstel der ausgestellten Wechsel war überhaupt durch irgendeinen Gegenwert gedeckt.

Gerüchte machten in Hamburg prompt die Runde: Der oder jener sollte nicht mehr zahlen können, so wurde getuschelt. Wechselproteste, Zahlungseinstellungen und Bankrotte drohten Hamburgs Wohlstand zu ruinieren. Wie heute sollte in dieser Situation der Staat einspringen – und er tat dies später auch. Man war ja unter sich – wählen, ja selbst nur ein Konto eröffnen, das durfte damals nur derjenige, der ‘selbständig’ war. Noch nicht einmal Geschäftsführer hatten als ‘Angestellte’ politisch irgendetwas zu sagen, Hamburg war damals eine Plutokratie reicher Familien.

Die Hamburger Honoratioren waren in zwei Fraktionen gespalten: Es gab einerseits den Senat und die Senatoren, Juristen aus gutem Hause vor allem, die mit wahrem Vergnügen die Kaufleute zu ‘Bankrottiers’ gemacht hätten. Und es gab die Kaufleute in der Commerzdeputation, heute würden wir Handelskammer sagen, die vom Staat – also von der Allgemeinheit – unverzüglich Hilfe forderten, obwohl sie sonst sich jede Einmischung des Staates verbaten, sei es in Hinsicht auf Gesetze, auf Zölle oder Steuern. Deshalb, weil die Auswirkungen der Krise “die Existenz aller Staatsangehörigen sowie des Staates auf das Directeste gefährden“. Die Kaufleute entdeckten plötzlich ihr volkswirtschaftliches Gewissen. Nach langem Hin und Her belieh Staat zunächst über eine ‘Belehnungscommision’ die Papiere und nicht leichtverderblichen Waren der Koofmichs mit zwei Drittel ihres vormaligen Wertes. Was aber noch immer nicht reichte.

Inzwischen rauschten nämlich die Preise in den Keller, zumindest diejenigen für die Ware in den rappelvollen Lagerhäusern der Kaufleute. Niemand kaufte mehr zu den alten Preisen, und zu den neuen niedrigen Preisen wollten die Kaufleute wiederum nichts hergeben. Es kam zu absurden Situationen, die uns zeigen, wie es um jene ‘Rationalität’ der Marktteilnehmer und des Marktes bestellt ist, von der uns der Neoliberalismus so viel Rühmens macht: Der Handel kam fast völlig zum Erliegen. Die Auswüchse wurden so extrem, dass bspw. ein Lagerhaus voller Butter am Ende als wertlose Wagenschmiere verkauft werden musste, weil die ‘rationalen Marktteilnehmer’ die Butter ums Verrecken lieber ranzig werden ließen, als sie unter Einkaufspreis auf den Markt zu bringen.

In Hamburg brach Anarchie aus: Die kleinen Leute stürmten die Sparkassen, deren Tresore natürlich leer waren, weil sie das Geld ebenfalls verliehen hatten. Gläubiger fuhren mit Wagen vor die Speicher ihrer Schuldner, und luden alles auf, was nicht niet- und nagelfest war. Die Polizei prügelte in beiden Fällen dazwischen und löste diese ‘Aufstände’ und ‘Emeuten’ auf.

Die Banken hatten während der ganzen Zeit genügend Geld – nur liehen sie es aus begreiflichen Gründen nicht mehr ausgerechnet den Hamburger Kaufleuten. In demselben Monat, wo der hochweise Senat die fürnehmsten Häuser am Alten Wandrahm zu stützen beschloss, gaben die Hamburger Banken den Lübeckern 1,5 Mio. Bankomark, drei Mio. den Rostockern und gar zehn Mio. der schwedischen Regierung. Wobei in den Hamburger Banken wiederum dieselben Familien in den Verwaltungsräten saßen, deren andere Sippenmitglieder als Kaufleute gerade den Bach hinabgingen. Die angebliche Rationalität ist auch hier allenfalls mit Schizophrenie zu erklären, Paradoxien und Absurditäten leiten einen Markt in der Krise viel eher als die ehernen Gesetze des Adam Smith.

Letztlich retteten Kredite aus Österreich und Preußen, vor allem aber die Hilfe reicher Verwandter, vielen Kaufleuten das Leben. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass Hamburg, die damalige Hochburg des Neoliberalismus, der Globalisierung und der Wechselreiterei, sehr viel mehr als andere Städte unter der Krise zu leiden hatte, weil anderswo die Staatsaufsicht oder ‘Regulierung’ viel strenger war. Während Hamburg 300 Zahlungseinstellungen und 150 Bankrotte teilweise hochangesehener Firmen verzeichnete, brachte es das damals annähernd gleich reiche Bremen auf 14 Bankrotte. So etwas kommt eben von so etwas – und Calvinismus hat was, manchmal auch gute Seiten. In Hamburg aber luden sie sich Ernst Haeckel ein, den Hohepriester eines falsch verstandenen Darwinismus in Deutschland. Es gab keinen Gott in diesen Schichten – weshalb dann noch Gewissen? Politisches Fazit: Sitzt die Bourgeoisie auf dem Bock, fährt der Karren vor die Wand.

Wollte ich einen brandaktuellen historischen Roman schreiben, dann würde ich diese erste Weltwirtschaftskrise im Hamburger Milieu bearbeiten. Hier kam alles zusammen: Maßlose Spekulationssucht, demonstratives Herumpupen und Protzen mit zusammengeliehenem Reichtum, soziale Gewissenlosigkeit und eine Gesellschaftstragikomödie, die alle Schichten umfasste. Alles war dort comme chez nous


5 Kommentare

  1. Dierk

    Wären Volks- und Betriebswirtschaft wirklich Wissenschaften, wäre eine Aussage, ‘Das war unvorhersehbar!’, nur als polemische Albernheit wahrgenommen worden. Schließlich besteht der Witz in der Wissenschaft darin, überprüfbare Vorhersagen zu treffen – und dabei öfter Recht als Unrecht zu haben. Spökenkiekerei andererseits, die kann jeder, schon gar, wenn nie Prophezeiungen nie überprüft werden.

    Es ist ja auch nicht so, als hätte es keine Ökonomen gegeben, die rechtzeitig, und mit nachvollziehbaren Begründungen, auf das Problem hingewiesen hatten; Krugman wäre einer davon. Es wollte nur niemand hören. Und da die Ökonomie zwar viele große Wörter kennt, aber trotzdem keine Wissenschaft ist, stimmte man darüber ab, was denn nun richtig sei.

    Dummerweise übersahen fast alle Beteiligten, allen voran die Entscheidungsträger in Aufsichtsräten, Vorständen und der Politik, dass die Wirklichkeit nicht nach Mehrheitsentscheid existiert; Wissenschaft natürlich genau deswegen auch nicht.* Dabei sollte jedem halbwegs intelligenten Menschen klar sein, dass Geld ohne dahinter stehende Werte nur ein Luftballon ist, erst recht, wenn wir uns klarmachen, wie einfach Buchgelder aufgeblasen werden können.

    Ach ja, es hat noch niemand gezeigt, dass mittel- oder langfristig, ja auch nur kurzfristig, die Grundregel der Preisfindung falsch wäre: Der Preis regelt sich Angebot und Nachfrage. Wenn keiner mehr zahlen will, geht der Preis in den Keller.

    *Für die Nicht-Studierten: Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass die Mehrheit immer falsch liegt!

  2. Chefarztfrau

    Die nächste Runde ist ja schon gesichtet: Uaahhh, der Dollar-Carry-Trades-Burst

  3. Chefarztfrau

    @ Dierek,

    “Schließlich besteht der Witz in der Wissenschaft darin, überprüfbare Vorhersagen zu treffen”

    NICHT IN DEN GEISTESWISSENSCHAFTEN – die sind pointen- und erkenntnislos.

  4. Klaus Jarchow

    @ Dierk: Würde sich die Ökonomie als ‘Geisteswissenschaft’ betrachten, die sie ja faktisch ist, dann wären die Kriege der Schumpeterles, der Hayekianer und Keynesianer, der Minsky-Apologeten usw. ja ganz lustig zu beobachten. So ähnlich, wie ‘Hegel gegen Schopenhauer’, mit dem klassischen K.o. durch Schopenhauer in der siebten Runde damals. Dann kam der neue Herausforderer Nietzsche mit seinen ‘übermenschlichen Kräften’. Der Sieger solcher Hahnenkämpfe darf dann mit seinen Thesen die Gehirne eines bürgerlichen Publikums einige Zeit lang verwirren. So wie heute die ‘ökonomische Neoklassik’ im Gefolge der Philosophenschule von Friedman & Co. KG, auch Neoliberalismus genannt.

    Die Ökonomie führt sich aber auf, als wäre sie eine exakte Naturwissenschaft, wofür dann deine Regeln der Falsifizierbarkeit und Reproduzierbarkeit gelten würden. Würden sie alle Versuchsreihen – also die großen Wirtschaftskrisen seit 1857 – mal als ‘Reproduktiva’ nebeneinanderstellen, dann wäre vielleicht sogar einiges an (natur-)wissenschaftlicher Erkenntnis möglich. Durch das Argument der ‘Unvergleichbarkeit’ berauben sie sich aber gerade dieses einzig erkenntnisförderlichen Zugangs. Man muss immer auf die Muster achten, die verbinden.

    Insofern ist es einerseits nur gerecht, sie an ihren eigenen Ansprüchen zu messen, andererseits weiß doch jeder aufgeklärte Zeitgenosse die Schamanentänze der Ökonomenzunft um das Goldene Kalb richtig zu deuten. Sinn macht nun mal keinen Sinn, sondern nur dichten Nebel …

  5. Dierk

    Nun ja, nicht zufällig heißen Geisteswissenschaften auf Englisch ‘humanities’. Allerdings sehe ich die Einschränkung gar nicht so, sie ist künstlich entstanden. Ich denke schon, dass sowohl die Sozialwissenschaften* als auch die Geisteswissenschaften, die zusammen mit Teilen der Biologie zu den historischen Wissenschaften zählen, durchaus Erkenntnis bringen können. Ja, ich bin sogar überzeugt, sie können in vielerlei Hinsicht wissenschaftlichen Kriterien entsprechen.

    Dummerweise hat sich seit Hegel ein Gelehrtentypus durchgesetzt, zumindest in Deutschland und Frankreich, der mehr Interesse an abseitigen Interpretationen auf Basis nicht fassbarer, eingebildeter Phänomene hat, als das Wesen der Welt zu erforschen. Diese Aus-dem-Bauch-heraus-Kasperei hat tatsächlich nichts mit Wissenschaft zu tun, bringt so gut wie keinerlei Erkenntnis hervor, vernebelt nur die Denkfähigkeit.

    Ideologie vor Erkenntnisgewinn lautet das Motto. Das erleichtert selbstverständlich das Arbeiten, ja, es verhilft den Mediokren – sofern sie nur irgendwann mal so richtig auf den Putz hau’n ohne wie Sarrazin zu überziehen – zu Status. ein Hoch auf die Postmoderne, die es den Anarcho-Libertären ermöglicht, sich die Labels ‘konservativ’ oder ‘neo-liberal’ anzuheften. Und kaum einer bemerkt den Etikettenschwindel, die billige Propaganda der laut schnatternden Ganter.

    *’Wissenschaft’ benutze ich hier in der volkstümlichen, weiten Bedeutung, sonst würde das ganze sich noch lesen wie ‘ne mittelmäßige Hauptseminarsarbeit.

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