If your memory serves you well ...

Wenn der Jörges schreibt (1)

Den Hans-Ulrich Jörges lese ich richtig gern – denn von ihm kann ich viel lernen. Am meisten dann, wenn ich ihn gegen den Strich lese. Dann wird er zum literarisch-kulinarischen Hochgenuss, so wie wir es mit Fug und Recht von einem Alphajournalisten erwarten dürfen.

Ach, was wird dieser Berufsstand oft fälschlicherweise bespöttelt! Dabei sind seine Mitglieder überaus bekömmlich, von den Ansichten her meist gut abgehangen, wilde Aromen sind nicht mehr zu befürchten, vielmehr erfreut stets ein leichter Haut Gout unseren Gaumen. Um mir selbst ein wenig Freude zu bereiten, deshalb will ich an dieser Stelle Hans-Ulrich Jörges ‘Zwischenruf aus Berlin‘ regelmäßig ein wenig aufbereiten. Nicht allwöchentlich, dazu müsste ich einen stärkeren Magen haben, aber vielleicht alle 14 Tage.

Zugleich heißt diese Ankündigung, dass ich dem großen Mann des deutschen Journalismus jene Bemerkung damals längst verziehen habe, wonach die Print-Redaktionen den Helmriemen fester ziehen und ihre Siele geschlossen halten müssten, damit der “ganze Dreck aus dem Internet nicht von unten durch ihre Scheißhäuser” hochsteigt – wo bekanntlich der wackere Hans-Ulli Jörges auf seinem Hochsitz dankenswerterweise über uns wacht.

Doch in medias res: Zu Beginn einer alphajournalistischen Kolumne benötigt ein Schreiber zunächst eine möglichst wilde These, auf die noch niemand je gekommen ist. Heuer hat sich der Hans-Ulrich Jörges (HUJ) die ‘wachsende Inflationsangst’ in Deutschland zur Brust genommen, die von verantwortungslosen ökonomischen Quacksalbern auch noch geschürt wird – im ‘Stern’ erschienen unter dem Titel ‘Wenn das Brot Millionen kostet’:

“Es gibt kein zweites Thema, das die Deutschen so beschäftigt – aber öffentlich gar keine Rolle spielt: eine Währungsreform. Propheten, Scharlatane und Geschäftemacher treiben ihr Spiel mit den Ängsten.”

Natürlich ist in diesem kühnen Satz gleich eingangs eine logische Klippe enthalten, die aber der HUJ als altgedienter alphajournalistischer Fahrensmann gekonnt umschifft. Wir hätten nämlich einerseits von diesem Thema noch nie etwas gehört, andererseits soll es uns wie kein zweites beschäftigen? Da macht es doch beim Dümmsten schon mal ‘Marks müüs?‘ oder ‘Hä?’. Dem hat der HUJ aber argumentativ und nebensätzlich gleich vorgebeugt – er sagt nämlich: “das aber öffentlich gar keine Rolle spielt“. Das große Schisma, seine fixe Idee, hat er damit in den Text wieder eingeführt: Das Bähbäh-Thema der Inflationsangst nämlich treibt vor allem im Verborgenen sein Unwesen und damit allüberall, wo Trottel wohnen, vor allem aber im Internet. Nicht aber im lichten Reich der Großverlage, dort, wo das Großereignis unserer massenmedialen ‘Öffentlichkeit’ seine Festivals feiert, dort, wo die Pavarottis des Journalismus die allgemeine Aufklärung zelebrieren.

Wohin begibt sich jetzt der HUJ, um uns die verborgene Gefahr übertriebener Inflationsängste möglichst hautnah vor Augen zu führen? Richtig geraten – er stürzt sich mit verwegenem Mut ins Dunkel des Internet! Und zwar in eine absolut versaute Nische, in den ‘Landtreff’, wo modernisierungswillige Jungbauern über ‘Hybridweizen’ und ‘Soja-Kontrakte’ chatten. Hier also findet die gesellschaftlich ach so relevante Debatte über Inflationsängste statt, die uns der HUJ endlich mal aufgedeckt hat:

“Schakschirak” empfiehlt: “Mehr Handelsdünger streuen, dann hast du das Kapital in Form von Erzeugnissen auf dem Feld.” Und “hans g” berichtet: “Die Tage war der Landmaschinenvertreter da und meinte, ich müsse jetzt dringend in Sachwerte investieren – neuen Schlepper. Ich hab gefragt, ob er Aktien als Zahlung akzeptiert …” Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst der Währungsreform. Die Staaten stopfen Hunderte von Milliarden in die schwarzen Löcher der Finanzkrise, ihre Schulden wachsen darüber ins Galaktische.

Wer jetzt glaubt, ich hätte in dieser Textpassage irgendetwas unzulässigerweise gekürzt, der irrt. In solch halsbrecherischem Tempo führt uns Leser der Alphajournalist ständig im Zickzack durch die Steppe seines Genies, von Hänschens neuem Trecker zum Marx’schen Gespenst, das durch Europa schleicht, und wieder zurück zum Handelsdünger, der jener Acker ist, auf dem die Finanzkrise ins Bodenlose wächst. Oder so … Kurzum: Der HUJ lehrt angehende Schreiber, zunächst einmal die unbegründete Angst vor logischen Brüchen im Text und vor furiosen Kehrtwendungen in ein und demselben Satz abzulegen. Das alles seien im Gegenteil notwendige Stunts, an denen der echte Alphajournalismus sich erst beweise. Der gekonnte Einsatz schlichter Flickwörter – ‘nichtsdestotrotz’, ‘aber’, ‘dennoch’, ‘nur auf den ersten Blick’ usw. – diene dann als virtuoses Moltofill, mit dem sich logische Risse übertünchen und das Gedankengebäude am Einsturz hindern lasse.

Es ist fast schon unnötig zu erwähnen, dass jene Conclusio, die Hans-Ulrich Jörges einstmals als manischer Alphajournalist als einer der ersten in Deutschland entwickelte, uns auch diesmal wieder das Höllenfeuer des Internet schürt: Ganz unter der Hand wächst der Mann noch zu einem richtigen Internet-Experten heran, so gekonnt, wie er allwöchentlich seine Rosinante sattelt:

“Das Internet ist die Couch der (Geld-)Nation, eine zweite Welt, die Welt der Ängste und Albträume. Propheten und Scharlatane halten dort Sprechstunde. Und am Ausgang lungern Geschäftemacher, um die Schweißgebadeten abzukassieren.”

Tscha, das nun klingt für mich wiederum ganz nach dem ‘Stern’ und nach der Modernität, die zu pflegen dort allmählich zum markenbildenden Usus wird …


10 Kommentare

  1. Dierk

    Keine Ahnung, ob es mein schwächlicher Magen oder meine Prioritätensetzung ist, aber, was will der Jörges uns denn nun sagen? Gibt es eine begründete Inflationsangst? Reden die Menschen darüber? Ist er dafür, dagegen?

    Oder handelt es sich bei ‘Inflation’ im Moment nur um ein Buzz-Wort, kein Thema, mit dem windige Propheten – gehören die Pundits unserer Mainstream Media nicht genau in diese Kategorie? – scharlatanische Geschäfte machen wollen, dabei die Deppen, die nicht in der Stern Redaktion sitzen abzockend?

    PS: Das gehört nur am Rande hierher, aber könnten wir nicht alle einmal anfangen, die Vorhersagen von Kommentatoren, Journalisten, Politikern zu überprüfen? Die Propheten soweit haftbar zu machen als wir sie in der Öffentlichkeit ihrer Kleider entledigen?

  2. Klaus Jarchow

    Meine Vermutung: Der Abgabetermin nahte mal wieder unerbittlich – und er hatte vor lauter wichtigeren Terminen noch immer keine einzige Zeile geschrieben. So griff er zum verbalen Leimtopf und ‘patchwürgte’ ein wenig mit diesem Quast herum … anders ausgedrückt: Alphajournalist sein, das ist ja so etwas wie eine Professur, einmal berufen, wirst du den Titel auch nicht mehr los, egal, was du danach noch schreibst.

    Zum letzten Punkt: Worauf würdest du ihn denn ‘festnageln’ wollen? Darauf, dass irgendwelche Jungbauern mal ein paar Inflationserinnerungen aus Omas Zeiten in ihrem Chatforum ausgetauscht haben, und dass er – Huj! – daraus flugs ‘nen flotten Puffmais-Artikel hinhuschte?

    Kommende Polit-Lügen gibt es mehr als Fliegen auf ‘ner Kuhweide. Nur ein Beispiel: “Mit der FDP wird es keine Steuererhöhungen geben”. Wir wissen doch alle, dass dies blankes Rumgedröhne ist, Imponiergehabe und Brusttrommeln von Pseudo-Gorillas, und wir regen uns längst nicht mehr darüber auf. Letzteres ist das Problem …

  3. Dierk

    Na ja, in dem von dir auseinandergenommenen Artikel ist ja eher nichts drin – ich denke, einen Cremepudding an die Wand zu nageln … Auch dass Politiker eher manisch lügen, wissen wir spätestens, seit der von mir hoch ungeschätzte Sauerländer Müntefering, den Menschen erläutert hat, wie wenig das Wortgeklingel im Wahlkampf das Geräusch barer Münze ist.

    Wenn ich allerdings sehe, wie viele Pundits – ich benutze dieses Wort, weil ‘Kommentator’ es nicht wirklich trifft – jeden Tag ihre unmaßgeblichen Ängste als wichtige Wahrheiten unters Volk bringen, wird mir schlecht. Sicher, wir stehen noch besser da als die USA mit ihren Becks, O’Reillys und Scarboroughs. Trotzdem erkenne ich auch hier eine Tendenz weg von sauberer Recherche und ordentlicher Analyse hin zu seltsamen logischen Verrenkungen basierend auf Einbildung statt Bildung.

    Herr Jörges ist einer, der mir da unangenehm auffällt, die meisten Namen der regelmäßigen Gäste von Presseclub, Anne Will, Maybritt und ich weiß nicht wem noch so, kann man getrost dazu rechnen. Da aber Nachfragen oder Archiv bemühen höchstens dazu dienen, die Plattform des Blödmanns zu verfestigen, wäre es schön, immer wieder mal zu überprüfen, welche Prophezeiungen denn so eingetroffen sind.

    Heute scheint jeder zu wissen, wie die Finanzkrise gut zu bewältigen ist. Viele wissen ganz genau, was getan werden muss, wohin sich die Wirtschaft innerhalb der nächsten Monate entwickelt. Nicht wenige von den Experten, die jetzt die Lösung bringen sollen, haben uns den Mist eingebrockt. Seltsamerweise wurden die wenigen echten Stimmen, die frühzeitig warnten ignoriert oder als Kassandras* abgewatscht.

    Einige Blogger in den USA, u.a. Glenn Greenwald bei Salon.com, haben vor einiger Zeit angefangen, Billy Kristols Vorhersagen und “Wahrheiten” zu überprüfen … Man soll ja nicht leichtfertig aus Daten über die Vergangenheit Trends für die Zukunft berechnen – nicht, liebe Trendforscher?! -, aber wir können ziemlich sicher davon ausgehen, dass eine Aussage Kristols über ein zukünftiges Ereignis komplett daneben liegt.

    ‘tschuldigung, das Verbiegen der Wahrheit und die postmoderne Einstellung, Realität sei ohnehin eine Illusion, daher gibt es auch keine Lügen, bringen mich leicht in Rage. Herr Jörges, dessen Aussagen über eine technische Veränderung des Veröffentlichungsmediums schon so oft daneben lagen, war da nur ein Auslöser …

    *Wirklich, nicht oft genug: Kassandra hatte Recht!

  4. Klaus Jarchow

    Tschaja – der Alphajournalismus stärkt ganz allgemein die Vorurteilskraft in der Bevölkerung – das steht für jeden Einsichtigen fest. Unverdrossen glauben diese Herren – Damen sind in dem Metier eher selten – noch immer, nichts wäre so alt wie die Zeitung von gestern, also dürften sie sich unbesorgt um Kopf und Kragen quasseln wie in jenen seligen Zeiten von Anno Dunnemals, als die vierte Gewalt noch nicht von einer neuen fünften beobachtet wurde.

    Wer bspw. einmal anfangen wollte, dem durchschnittlichen Wirtschaftsjournalisten (also bspw. einem Münchau oder diesem Rauschebart-Sinn) vorzuzählen, was sie früher mal meinten und was sie heute meinen, ohne dass sie sich jemals beim Publikum für ihre hanebüchenen Denkfehler und ihre luftgepolsterten Prognosen entschuldigt hätten, der sieht zwischen Journalismus und Moral schon längst keinen zwingenden Zusammenhang mehr.

  5. Wolfgang Hömig-Groß

    Äh, mir ist das sehr peinlich, aber trotz nachvollziehbarer Kritik an ihm halte ich Jörges für einen Lichtblick im deutschen Journalismus – zugegeben mehr inhaltlich als formal.
    Bei kaum jemand anderem lese ich im Wartezimmer (wo sonst?) so viele in offenen Wunden reibende Finger (pardon, es ist schon spät) – auch und vor allem bei Fragestellungen, an denen die gesammelte Hochjournaille schweigend vorbeigeht (Beispiel: Was ist denn regulativ nun genau in Folge der Finanzkrise passiert? Nichts natürlich, alles wie vorher oder reine Absichtserklärung. Hab ich so deutlich nur bei Jörges gelesen!).
    Und wenn es sonst niemanden gibt, der das so schreibt, dann darf er es auch etwas verschwurbelt tun, wiewohl jeder, der eine Mission hat, dieser natürlich durch klares Denken und klare Sprache den größtmöglichen Gefallen tut.

  6. Klaus Jarchow

    Du solltest täglich die gute ‘taz’ lesen. Dann wüsstest du, woher der Mann seine ‘bittere Medizin’ bezieht – wie übrigens viele andere Granden auch …

  7. Axel

    Ich sage nur: Pfeifenraucher des Jahres 2008.
    Du bist, was Du isst rauchst.

  8. AuchAnderswo

    “(Beispiel: Was ist denn regulativ nun genau in Folge der Finanzkrise passiert? Nichts natürlich, alles wie vorher oder reine Absichtserklärung. Hab ich so deutlich nur bei Jörges gelesen!).”

    In der Zeit stand auch sowas, sogar mehrfach IIRC.

  9. Klaus Jarchow

    Hallo – darf ich mal kurz an den Text erinnern, der hier in Rede steht? Ich will ja gar nicht bestreiten, dass dem Großen Oszillator möglicherweise anderswo auch mal ein richtiger Satz zugelaufen sein könnte. Wer aber kann mir in dem Artikel hier eine konkrete Handlungsanweisung nennen? Außer natürlich ‘Internet, vergiss es!’ oder ‘Landwirte sollten bei ihrer Gülle bleiben!’

  10. Dierk

    Das Problem mit Geschwurbel ist doch, dass entweder jeder darin alles lesen kann oder aber niemand etwas Konkretes. Sollte einem professionellen Schreiber nur dann unterlaufen, wenn er PR für Dreck macht. Und zu glauben, eine schroffe, möglicherweise unhöfliche Art zu reden, sei dasselbe wie Direktheit, zeuge von Durchdringung, schien mir immer schon abstrus. Nicht erst seit Jörges und Steinbrück.

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