Nur selten ist der Erzählstrang ein langer ruhiger Fluss, am ehesten wohl noch bei wandelnden Bildungstempeln, wie zum Beispiel einem Peter Handke. Eine interessante Erzählung dagegen macht Zeitsprünge wie einst die bekannte Maschine bei H.G. Wells: Szene folgt auf Szene. Dazwischen aber geht’s ratzfatz …

Der Grund dafür ist einfach: Wenn schon die strapazierten Augen des Publikums beim Lesen mechanisch durch die Zeilen wandern müssen, dann wäre ein ebenso abwechslungsarm verlaufender Spaghetti-Code beim Handlungsverlauf das beste Medikament für einen erholsamen Tiefschlaf: «Dann verschloss er seine Wohnung, ging die Treppe hinunter, öffnete die Haustür und trat auf die Straße. Einen Moment überlegte er, bevor er sich nach links wandte … usw.». Kurzum – das wäre ein Barbiturat als Erzählstil.

Alle guten Erzähler verfahren nie, nie, nie so mechanisch, sie verfolgen ihren Helden nicht Schritt für Schritt. Sie reißen vielmehr Löcher in den Erzählteppich, sie springen von Szene zu Szene, sie malen detailverliebt an den dramaturgisch entscheidenden Stellen jede Einzelheit aus, während dazwischen einzig und allein der Schnitt regiert: „Zwei Jahre später war Heinz-Gerd verheiratet. Seine hochfliegenden Pläne vom Abenteurerdasein begrub er am Knick seiner Karriere …“. Zack – und schon wären wieder zwei Jahre in unserem großen Entwicklungsroman vergangen.

Berühmt für sein szenisches Verfahren ist bspw. Lew Tolstoi – nicht zuletzt dadurch wurde er ‘literaturgeschichtlich’. In „Krieg und Frieden“ geht es gleich nach der epischen Schilderung einer Hirschjagd über -zig Seiten im epischen Flicflac direkt zur Schlacht von Borodino. Trotzdem erfolgt kein Bruch der Handlung, denn die Geschichte dieser 1.500 Seiten besteht ja darin, an exemplarischen Figuren den faulen Zustand der russischen Gesellschaft zu schildern, aber nicht darin, einen imaginierten Helden sicher von A nach B zu transportieren. Deshalb müssen bei Tolstoi immer nur Exempel oder Szenen her, zum Beispiel das bestimmt tausendfach zitierte Leeren der Wodkaflasche auf einer Fensterbank, nicht ohne Grund eine der unvergesslichsten Episoden der Weltliteratur: Eine zaristische Jeunesse Dorée sieht nur noch so viel Sinn in ihrem Leben, dass sie um eines Momentes der Sensation und der Anerkennung willen bereit ist, dies Leben buchstäblich aus dem Fenster zu werfen.

Literarhistoriker kennen das vergleichbare Beispiel einer losgerissenen Kanone, die über das Deck jenes Schiffes schlingert, das im Roman „1793“ die Konterrevolution in die Vendée trägt. Seiten über Seiten schildert Victor Hugo hier, wie das entfesselte revolutionäre Eisenmonstrum die adligen Träume schon im Ansatz zu versenken droht:

“Gleich dem leibhaftigen Wagen aus der Apokalypse rollte die Kanone durch den Raum. Die große Laterne über dem Vordersteven der Batterie warf über den gespenstischen Vorgang einen zwischen Schatten und Licht schwankenden Schein. Die Umrisse des Geschützes schwanden in der Heftigkeit seines Laufes, bald tauchte es schwarz im Lichtenschein auf, bald warf es weißliche Schimmer durch das Dunkel. / Es vollzog weiter die Hinrichtung des Schiffes. …”.

So geht es weiter, sechs atemlose Seiten lang. Dann folgt der Schnitt – und einige Wochen sind ins Land gegangen.

Auch weniger bekannte Autoren nutzen diese „Inszenierung“ ihrer Texte virtuos. Der brasilianische Nobelpreisträger Jorge Amado beispielsweise, der immer im Bann der Kakaoplantagen von Bahia stand, schildert den Aufstieg einer ‘hinterhältigen’ Stadt, der Tocaia Grande, die sich vom Sumpfloch zur blühenden Metropole wandelt, die aber im seelisch-menschlichen Bereich immer das gleiche, alte Sumpfloch bleibt. Ganze Jahre rauschen im Roman im Nu an uns vorbei. Die Szene aber, wo der Neger Castor, der als Schwarzer die ‘weiße Kontrastfigur’ in der allgemeinen Schweinerei jener Bewohnerschaft darstellt, um Gottes Lohn der Leibhure eines Banditen den entzündeten Zahn zieht, obwohl ihm als einziger Dank ein Loch im Kopf droht, die umfasst viele Seiten. Handwerksgeschick, Kommunikationsgeschick, Seelenruhe, Barmherzigkeit und hochprozentiger Alkohol, das illustriert Amado an diesem Beispiel umfassend, die sind allesamt gleichermaßen erforderlich, um einen vollwertigen Menschen zu formen:

“Der Neger bat Coroca, die Laterne so zu halten, dass sie die Mundhöhle ausleuchtete, dann lockerte er ganz vorsichtig das Zahnfleisch mit der Dolchspitze; feine Blutrinnsale liefen der Frau aus den Mundwinkeln. Manuel Bernades wandte den Blick ab, starrte ins Leere. Lautlose Stille, nur das unterdrückte Stöhnen der Gepeinigten war zu hören; wenn die Klinge stach, zuckte sie jedes Mal zusammen” …

Ich garantiere dafür, dass von den mitleidenden Lesern bis zum Ende dieser seitenlangen Szene niemand einschlafen wird, obwohl es doch nur um einen entzündeten Zahn geht.

Szenen in ihrem Detailreichtum sind überhaupt die hohe Schule der Literatur – nicht nur als wirksamstes Instrument der ‘Leserbindung’. In magischer Verdichtung lässt sich die Widerständigkeit der Schrift, des bloß Symbolischen, überwinden. Aus Worten werden die Dinge. In einem Zitat von Scott Fitzgerald:

“Nur durch die vollkommene Einheit von Form und Substanz kann das Licht magischer Suggestionskraft die banale Oberfläche der Worte für einen flüchtigen Augenblick überspielen.”

Darum, um mit der Magie der Unmittelbarkeit Leser zu binden, darum ist der Mikrokosmos des Szenischen so wirkungsvoll. Unsere Erinnerung bietet uns Stoff und Details genug, da bleibt als Aufgabe für uns Blogschreiber eigentlich ‘nur noch’ die Überhöhung ins Allgemeingültige …