Soll jemand stilbewusst schreiben, dann ist das Ergebnis bei Wenigschreibern vorhersehbar: Die Texte wandeln sich – die Wörter werden gewählter, der Duktus gestelzter, der Tonfall gravitätischer, die Wortstellung verschrobener – und der Sinn drapiert sich in ein verbales Theaterkostüm. Der Text wird pathetisch und wirkt plötzlich ebenso ulkig, wie er zuvor langweilig war. Manierismus heißt dieses Stilmerkmal, das unter bestimmten Bedingungen einem Rilke erlaubt sein mag, nicht aber uns:

„Nennt ihr das Seele, was so zage zirpt?“

Was aber noch nicht einmal einen großen Dichter unsterblich macht, das macht uns mit Sicherheit unsterblich lächerlich.

Manierismen sind kein Monopol der Literatur, im Gegenteil, überall dort, wo es ums Verkaufen geht, sind Manierismen sogar die Regel. Jede pupsige Pressekonferenz wächst sich aus zum Event; ein Text wiederum enthält Meinung und Form nur noch in homöopathischen Dosen, er ist zum verschrieenen Content mutiert, einer seltsamen neudeutschen Kunstspeise voller Keywords, die durch Viral Communications und Buzz Marketing die nötige Brand Celebrity für Pumps oder Pizza generieren soll. Mit bekanntem Resultat:

‚Die Challenge, alles geben zu dürfen, den Spirit zu fühlen, leidenschaftlich zu kämpfen: das haben Tchibo und die Summer Challenge gemeinsam’ .

Auch das ist ‚Manierismus’, auch das ist Kitsch, wo der Stil dem Thema nicht ‚angemessen’ ist, alles klingt nach einem gedankenflüchtigem Werbemausi, das in einen Kessel mit kolumbianischem Marschierpulver gefallen ist.

Einem guten Alltags-Stil dagegen – und für den schlage ich mich hier in die Bresche – dem merkt niemand die Arbeit oder das Geklingel an, er wirkt niemals bemüht, kein Schreiber hat sich plötzlich die Lizenz zum Dichten erteilt. Ein guter Stil kommt niemals von oben herab. Der gute Stil passt einfach, wie der maßgeschneiderte Anzug seinem Träger. Und nur ihm …

Stilgesetze sind unwandelbar, sie werden immer wichtiger – und trotzdem immer weniger gelehrt. Noch nicht einmal zwischen den Sprachen bestehen große Unterschiede: Elementare Regeln guten Stils gelten im Deutschen wie im Englischen oder Spanischen.

Hier ein russisches Beispiel: In einer Polemik gegen die Schreiber und Journalisten seiner Zeit greift Alexander Puschkin das alltägliche Stilverständnis scharf an:

„Was soll man von unseren Schriftstellern sagen, die es für unwürdig halten, die allergewöhnlichsten Dinge einfach beim Namen zu nennen, und meinen, sie könnten ihre naive Prosa durch Zusätze und welke Metaphern beleben. Diese Leute können nicht ‚Freundschaft’ sagen, ohne hinzuzufügen: dieses heilige Gefühl, dessen edle Flamme usw. Es müsste heißen: ‚früh am Morgen’ – aber sie schreiben: kaum erhellten die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die östlichen Ränder des azurblauen Himmels – ach, wie ist das alles neu und frisch, ist es etwa schöner, nur weil es länger ist? (…) Genauigkeit und Kürze – das sind die vornehmsten Eigenschaften der Prosa. Sie braucht Gedanken und wieder Gedanken, ohne Gedanken sind die glänzendsten Formulierungen unnütz“.

‚Genauigkeit’, ‚Kürze’, ‚die Dinge beim Namen nennen’, ‚Inhalt haben’ – alles Gesetze, die heute noch über die Wirksamkeit eines Textes entscheiden. Und dazu die große Schule des alltäglichen Sprachgebrauchs:

„Man halte sich an seinen Nachbarn, er spricht natürlicher. Diese Sprache merke man sich, studiere sie, stenographiere sie noch. Sie ist reizvoll, voller Varianten, unglaublich farbig, und literarisch so gut wie unbekannt. Sie ist brauchbar zur Tragik, Komik, Burleske, Ironie, Naivität, Galgenhumor und Humor ohne Galgen. Und sie gewährt einen ungeheuren Vorteil: wer in ihr spricht oder schreibt, wird vor Schwindel, Schmus, Kunst und gelehrtem Schwachsinn bewahrt“ (Döblin).

Das Schlichte, das Solide, das Zutreffende, das Genaue – das ist Stil. Um es knapp auszudrücken: Stil ist Reduktion – und gerade deshalb viel Arbeit. Weshalb ihm dann niemand mehr diese Arbeit anmerkt:

„Denn allgemein verbreitet ist das Missverständnis, dass, was sich leicht lesen ließe, auch leicht hingeschrieben sei“ (Tucholsky).