Stilstand

If your memory serves you well ...

Vertane Chancen

Oft wünsche ich mir, dass das Feuilleton mir einmal nicht den neuesten Band der (übrigens stinklangweiligen) Brecht’schen Notizbücher ans Herz legen würde oder einen Büchner’schen ‘Sensationsfund’, Ereignisse, die allenfalls in germanistischen Seminaren noch ihr Restinteresse finden mögen. Denn die ‘wirklichen Leute’ rund um uns herum lesen längst anderen Stoff, und da gäbe es ja auch fürs sinnhubernde Feuilleton eine volkspädagogische Aufgabe, die angesichts des Blödsinns auf allen Bestsellerlisten sogar eine gewisse Berechtigung hätte. So führt die Spiegel-Liste auf dem vierten Platz derzeit von einer Cecilia Ahern ein Buch mit dem bescheuerten Titel ‘Die Liebe deines Lebens’, dessen Klappentext gleich schon mal furchtbarste Vermutungen bestätigt:

“Adam will einfach nur, dass alles aufhört. Er ist über das Geländer der Brücke geklettert und schaut hinunter in das kalte, schwarze Wasser. Christine will einfach nur helfen. Mit einem Deal kann sie Adam vom Springen abhalten: Bis zu seinem nächsten Geburtstag wird sie ihn überzeugen, dass das Leben lebenswert ist! Schnell wird klar, dass sie ihn nur retten kann, wenn sie ihn wieder mit seiner großen Liebe zusammenbringt. Doch dann merkt Christine, wie sie sich selbst Hals über Kopf in Adam verliebt …”

Tscha – im Roman ist das Wasser immer viel kalt und schwarz. Ich frage mich auch, weshalb die Protagonistin nicht zumindest Eva heißt, wo er doch schon auf den schönen Namen Adam hört. Jedenfalls ist das der Stoff, an dem schon die Marlitt und die Courths-Mahler mümmelten: Selbstloses Mäuschen rettet Prinzen – und gerät prompt in die Fänge der Lüühübe. Solch ausgeleierte Handlungsstränge pilchern schlicht auf dem Niveau all der Hausfrauen-Filmchen für abgehalfterte Schauspieler bei den Öffentlich-Rechtlichen herum.

Was wäre dies aber für eine Gelegenheit fürs Feuilleton, mal einen gekonnten Verriss zu schreiben, um einen solch abgenudelten Plot in Sarkasmus zu ersäufen und das Märlein von der ewigwährenden Buntheit des Lebens durch den Kakao zu ziehen? Aber nein! Wieder mal wird eine Gelegenheit versäumt, dem Publikum jenen Mist unter die Nase zu reiben, den es sich wie ein Junkie täglich reinzieht. Ich gebe ja zu: Wir müssten diese Bücher dann sogar lesen. Und vermutlich brächte ein derartiger Spaß uns auch Ärger mit der Anzeigenabteilung ein …

2 Kommentare

  1. Denn die ‘wirklichen Leute’ rund um uns herum lesen längst anderen Stoff

    Haben die das nicht immer getan – zumindest, wenn sie die Möglichkeit dazu hatten?

  2. Entschuldigt das Plattitüden? Wenn’s nie irgendwo Kritik gibt, wähnen die ja, auf einer Stufe mit Döblin oder Doderer zu wandeln.

    Außerdem ist dieses Genre des Seichten auch Moden unterworfen – die zeitenthobenen Landlust-Romane der Rosamunde sind ja nicht allein auf dem Markt. Da gibt es neuerdings zum Beispiel für die pubertierende Weiblichkeit diese verkannten und wahnsinnig feinfühligen Vampire mit dem zärtlich-sanften Bis(s). 😉

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