If your memory serves you well ...

Verkrachte Existenzen

Schon “Faserland” hieß bei mir nur “Faselland”. In dem Buch, das den Schweizer Autor Christian Kracht über Nacht berühmt machte. erkannte sich halb Deutschland wieder, soweit es neben Börsenberichten noch Bücher las: In diesem Bussi-Bussi-Volk mit Popliteraten, in den hartherzigen Kokainnasen, die unentwegt ihren Weltschmerz betäuben mussten, spiegelten sich jene, die gern eine ‘Szene’ sein wollten. Es war Houllebecq avant Houllebecq – der Autor Christian Kracht begründete eine Art literarischen Existenzialismus für Sadomasochisten, und das Donnergrollen, nein, der Furz eines angeblich herannahenden konservativen Revolutiönchens im Gefolge Ernst Jüngers stieg dem Leser auch dort schon unangenehm deutlich in die Nase.

Vielleicht ist es bezeichnend für die Kracht’sche Generation, dass sie dort, wo sie sich intellektuell wähnt und das Hohle einer hedonistisch gewordenen Welt zu durchschauen meint, mit Regelmäßigkeit und Konsequenz sich erst noch eine Linie zieht und dann, geistig schön schmerzbefreit, nach rechts vor die Wand rennt. Halbbetäubt winkt sie dann als Bürgerschreck-Kombo den Philistern zu, mit Hitlerpüppchen und Taliban-Zitaten, eine wörterrasselnde Muppets-Show im Quoten-Desaster, trotz der lustigen Ku-Klux-Klan-Mützchen auf der Erbse …

Immerhin ist es im Dschungel aus Vorschusslorbeeren schön, dass Georg Diez im neuen ‘Spiegel’ (bisher nur gedruckt, S. 100 ff) den Christian Kracht endlich einmal als jenen Salon-Nazi darstellt, als der er sich immer offener gefällt. Mir gefällt aber nicht, dass Diez – bei aller überfälligen politischen Kritik – immer noch vor einer angeblichen Wortmacht dieses Schreibers wie ein Rekrut strammzustehen pflegt – old soldiers never die. Hier hat die deutsche Feuilleton-Kritik Defizite. Wer ein neues Buch mit einem Satz wie diesem eröffnet, der ist nun mal kein Wortmagier, sondern allenfalls Kunsthandwerker:

“Unter den langen weißen Wolken, unter der prächtigen Sonne, unter dem hellen Firmament, da war erst ein langgedehntes Tuten zu hören, dann rief die Schiffsglocke eindringlich zum Mittag, und ein malaysischer Boy schritt sanftfüßig und leise das Oberdeck ab, um jene Passagiere mit behutsamem Schulterdruck aufzuwecken, die gleich nach dem üppigen Frühstück wieder eingeschlafen waren.”

Das Kracht’sche Kunsthandwerk besteht z. B. in dieser Dreifachparataxe des Beginns (“Unter-unter-unter-“), hier beherrscht er tatsächlich einige Ponytricks aus den Schreibwerkstätten. Die Fragwürdigkeit beginnt bei den so transportierten Inhalten – oder bei der Wortwahl. Hier trifft kaum ein Wort die Situation: Ist das Firmament neben einer offensichtlich und noch dazu unanschaulich irgendwie ‘prächtig’ strahlenden Sonne wirklich hell? Erblicke denn nur ich den Himmel neben dem gleißenden Zentralgestirn dunkel, ja fast schwarz? Ferner – wer je das Horn eines Dampfschiffes im tiefsten Bass wüten hörte, der darf doch nicht von einem “Tuten” reden. Ein solch dürftiges Vokabular trifft nicht das infernalische Brüllen früher Dampfschiffsirenen, das dich vom Deck über die Reling zu fegen suchte.

Mal angenommen, jene Sirene wäre realiter ertönt – und nicht nur in der stumpfen Phantasie des Verfassers. Warum muss der Boy danach noch ‘sanftfüßig’ übers Deck huschen, weshalb muss er ‘behutsam’ die Schultern drücken, wo doch alles nach einem solchen Weckruf schon senkrecht neben dem Deckstuhl stünde? Und warum muss ein malaiischer Malaie unbedingt “malaysisch” sein? Und, und, und … immer ‘eindringlicher’ bimmeln bei mir alle Glocken.

Fragwürdigste Fragen stehen nach der Lektüre solcher Textpassagen also Schlange. Schon ‘Faselland’ flog damals nach zwanzig Seiten in die Ecke, drei Tage später ganz aus meiner Bibliothek. Man muss nicht jede Scharteke neben die guten Autoren stellen – da kracht’s nur nächstens im Regal! Fazit: Christian Kracht ist ein zunehmend rechter Ideologe mit einem schlechten Stil. So viel Kritik muss sein …

Disclaimer: Ich will mir nichts nachsagen lassen, weswegen ich hiermit nachdrücklichst bestreite, dass ich von dem Buch “Imperium” jemals mehr gelesen habe als die genannte Spiegel-Kritik und den dort abgedruckten ersten Satz …

Nachtrag: Schaut man sich die Reaktionen des deutschen Feuilletons an, dann stehen sie alle wie ein Mann, um den Spiegel-Mann lauthals zu verbellen und den gebräunten kleinen Schnuckiputz nach Kräften zu verteidigen.

5 Kommentare

  1. Dierk

    Der verkrachte Anfang ist ein guter Kandidat für den Bulwer–Lytton Fiction Contest.

    PS: Boy? Ehrlich? Macht sich da der Autor nicht mit jenen gemein, die auf den kleinen, niedlichen, aber inhärent unzivilisierten und gefährlichen Wilden, der den mächtigen Weißen dient, herabsehen?

  2. Jeeves

    Auch bei mir landen Bücher, die ich mir offenbar zu fixvorschnell oder zu ahnungslos gekauft hatten und die sich schnell als “falsch” erweisen, in die blaue Tonne, so z.B. letztlich – wie naiv kann man manchmal sein, schrecklich! – ein Werk eines Herrn Ulfkotte.

    Vor ein paar Tagen hab ich Sloterdijks dickes und teures “Sphären II” dann (nicht weggeworfen, sondern nur) auf die Mauer neben der Mülltonne gelegt mit einem Zettel: “Zum mitnehmen!” Es dauerte doch einen ganzen Tag, bis sich einer erbarmte. Zwei Wochen zuvor mit Kempowskis unsäglichem Lamento “Somnia” ging das mit dem “Zum mitnehmen!” viel fixer.

  3. Klaus Jarchow

    Tscha, leicht zu erklären – der Kempowski ist halt populär und seit ‘Tadellöser’ weithin dem Volk bekannt. Sloterdijks Titeleien klingen dagegen oft so, als wolle dir ein Yogi hier etwas Esoterisches andrehen – und unpraktisch ist es dann ja auch in jedem Fall …

  4. egonkrenz

    wohlig schnarrend brachialer wortdurchfall like the king of schwarzer kanal (u know halbgott?) ….nein nicht der lässige christian..DU stillgestandener hängender mundwinkel! halts maul deutschland..heil schweiz!

  5. Klaus Jarchow

    Yo, heile, heile Gänschen, Egon.

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