Stilstand

If your memory serves you well ...

Unerhörtes

Fällt im Winter der erste Schnee, rauscht irgendwo eine Lawine den Hang hinab, sind auch die Schreibgewohnheiten nicht länger zu bremsen. Wir dürfen dann wetten, dass die Leichentuch-Metapher jedem schnellfertigen Schreiber umstandslos von der Tastatur auf den Bildschirm flutscht. Und wirklich liefert Google auf die Abfrage ‘Schnee + Leichentuch’ hin uns sofort 42.000 Belege:

“Ein Leichentuch aus Schnee über Blons.”
“Stalingrad: Schnee als Leichentuch für eine ganze Armee.”
“Berlin jetzt begraben unter Leichentuch aus Schnee und frierend bei minus 3° Celsius.”
“Schnee, das Leichentuch der Natur.” usw. usf.

Zerschellt ein Schreiber nicht bereits an den Klippen von Grammatik und Orthographie, dann erkennen wir die schlechten unter ihnen vor allem am Gebrauch landläufiger Metaphern. Sind diese ‘sprachlichen Sinnbilder’ abgegriffen, rundgelutscht und vom tausendfachen Gebrauch zerschlissen, dann weckt auch nichts mehr das Interesse des Lesers – alles klingt nach Gedudel und Tagesjournalismus. Im Kern handelt es sich um eine Form schriftstellerischer Arbeitsverweigerung. Auf den Sachverhalt ‘Schneefall’ hin wirft der Schreiber einen abgegrabbelten Zehrpfennig in den Schlitz seines Metapher-Automaten, und unten fällt – pret à manger – wie ein Kaugummi das erwünschte Sprachbild heraus.

Mit ein wenig Hirnschmalz aber wäre es jederzeit möglich, neue, unverbrauchte Metaphern zu erfinden – alles nur eine Frage der Imagination, für die – zugegebenermaßen – unter den neuen Bedingungen des Journalismus stets wenig Zeit bleibt.

“Schnee – die Weißheit der Natur.”
“Berlin: Stille, die sanft vom Himmel fällt.”
“Stalingrad: Der Winter bleichte blutige Trümmer.”

Peter Rühmkorf – genervt von dem eintönigen und vorhersagbaren Gleichklang aus ‘Sonnenstrahl und Pfeil’, aus ‘Mond und Sichel’, aus ‘Gefahr und Klippe’, aus ‘Rausch und Mohn’ – schüttelte einst neue Metaphern nur so aus dem Ärmel, als Probe aufs Exempel :

“Efeu, Meterware der Nacht”, “Der Pförtner blättert lustlos in den Türen”, “Der Sommer hängt noch an drei Fäden”, “Nun streift der Herbst die Handschuhe ab”, “Die Spinne spielt Jojo”, “Die Strecke stottert Telegraphenmasten” usw. (‘Die Jahre die ihr kennt’, Werke 2, 159).

Darin vor allem besteht vor allem das Handwerk des guten Texters – im Finden und Erfinden neuer Bildwelten, die den Horizont des Lesers öffnen und ihn auf unerhörte Weise ‘bilden’.

3 Kommentare

  1. Eine ebenso häufig wie hirnlos hervorgebrachte Metapher ist die vom ►»gezündeten Turbo«. (Was den Schreibern bei der Vorstellung eines ►brennenden Turbos wohl durch den Kopf gehen mag, ist rätselhaft. Vermutlich die Zugluft.) Eine weitere beliebte sinnleere Varietät besagter Turbo-Metapher ist die vom ►»eingelegten Turbo«. (Eingelegt, der Turbo. In Marinade?)
    Merke: eine schlechte Metapher ist keine schlechte Metapher, sondern gar keine.

  2. Die haben wohl jene Autorennen vor Augen, wo hinten aus dem Auspuff beim Abbremsen die Flammen züngeln – und das muss dann natürlich am Turbo liegen. Oder sie denken an David Hasselhoff, wenn der an seinem Wunderauto den Schalter umlegt …

    Aber das Thema ist mir derzeit ein wenig unangenehm – mein neuer Turbo hat mich gerade 1.700 Ocken gekostet. 😉

  3. Pardon. Tut mir leid, dass Ihr Turbo Ihnen solch unangenehme ►Turbolenzen bescherte.

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