If your memory serves you well ...

Ulf und die Sozialreligion

Was ich dreimal sage, ist wahr’, sagt der Snark in Lewis Carroll’s ‘Alice’. Ähnlich verfährt auch Ulf Poschardt in der ‘Welt’, wo er mal wieder die Grundlage dieses Staates frontal attackiert, unsere soziale Marktwirtschaft. Er nennt sie nur nicht so, er spricht lieber von einer ‘Sozialreligion’. Übrigens exakt dreimal in nur einem Artikel:

“… die sozialreligiösen Exerzitien …”
“… die sich an der bundesdeutschen Sozialreligion versündigen …”
” … Umfragen bestätigen die sozialreligiöse Ökumene aus Union und SPD …”

Was aber ist der Sinn solcher klerikalfixierten Umdeutungsversuche? Nun, wenn man die Verfassungsbasis eines Staates als bloße ‘Religion’ diffamiert, als bloßes (Aber-)Glaubenssystem, dann darf man sich auch wie einst Luther als Reformator fühlen, der die ‘große Hure’ zu Berlin herausfordert, indem er all den überbordenden ‘Sozialklimbim’ an den Pranger stellt, so wie einst der Wittenberger den Heiligenkult und den Ablasshandel zu Rom. Der Journalist dünkt sich folglich was: ‘Hier stehe ich, ich kann auch anders!’.

Ach, was vermisst unsere Posh doch ihre gute alte FDP … und die gute alte Zeit, als solche Positionen noch einigen relevant erschienen. Und gleich nebenan zerdrückt derweil die Dorothea ‘Dodo’ Siems wehmütig eine Zähre in ihrem Taschentüchlein …
_____________
“Ihm war klar, alle Müh’ war vergebens gewandt
An die Aufgabe, die viel zu schwer.
Ach, er musste von vorne beginnen und fand,
das zermartre ihm das Gehirn noch viel mehr.”
(Lewis Carroll: Alice 3, Die Jagd nach dem Snark. Eine Agonie in acht Gesängen)

8 Kommentare

  1. Werner Braun

    Zuerst einmal ziehe ich eine Augenbraue hoch, wenn ich lese, wie selbstverständlich in einem angeblich konservativen Blatt der Begriff der Religion generell abwertend und als politischer Bindestrich- und Kampfbegriff verwendet wird. Um noch ein paar Schäfchen aus dem antireligiösen Milieu mit abzufischen, entledigt man sich neuerdings anscheined auch dieser Tradition.

    Dann reiht sich der Artikel natürlich in den Teil bewährter Propaganda ein, der dem politischen Feind – hier den Befürwortern einer nicht ausgehölten Sozialen Marktwirtschaft – absolute Übermacht und totalen Gestaltungsspielraum der gesellschafltichen Verhältnisse unterstellt. Das wird dann gerne noch mit einer Prise Selbstviktimisierung abgerundet. Was natürlich ekelhaft ist angesichts der gesellschaftlichen Empirie und dem Siegeszug der Neo-Neoliberalen und der Libertären.

    Derweil brauchte er sich gar keine Sorgen zu machen, der Poschardt; der professoral salonfähig gemachte Sozialdarwinismus hat doch schon längst in der AfD seine neue Heimat gefunden und anders als zu Zeiten der FDP gibt er gar nicht erst vor, für Leistungswillige aller Schichten etwas zu bieten. Um sich die Haltung der “AfD-Elite” gegenüber den “Schwachen” klar zu machen, könnte man sich z.B. die Artikel von Konrad Adam zum Thema Wahlrecht ansehen…

    Es ist ein kollosaler Rückschritt, wie wir zunehmend die Einsicht vergessen, die Ernst-Wolfgang Böckenförde 1976 so prägnant in nur einem Satz zusammenfasste. (“Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann…”). Nein, eine völlig unregulierte Wirtschaft ist in diesem Sinn eben nicht “ursprünglicher” und allein schon dadurch schützenswerter als unsere sozialen Errungenschaften. “Was verteilt werden soll, muss erst erwirtschaftet werden” sollte als Propagandaspruch nicht mehr verfangen, sobald man anerkennt, dass der Sozialstaat (zumindest in D) den Rahmen mit schuf, der die ökonomischen Fortschritte hier in diesem bemerkenswerten Umfang erst erlaubte.

    Eigentlich ist es ein Armutszeugnis, heute nur noch mit volkswirtschaftlichen statt humanistischen Argumenten oder solchen der Tradition beim Argumentieren pro Sozialstaat gehört zu werden.

    Aber es war genau die Einsicht, dass es ohne sozialen Ausgleich in Deutschland nicht geht, die die Architekten unseres leider ehemaligen Wirtschaftssystems Eucken, Müller-Armack, Rüstow, Böhm und Röpke nach 1945 umtrieb.

    So gesehen zeugt das ermüdende Geschreibsel von Poschardt und Konsorten in erster Linie von einer erschreckenden und gefährlichen Geschichtsvergessenheit.

  2. Klaus Jarchow

    @ Werner Braun: Der Ulf Poschardt ist halt immer noch ein Popp-Literat, da kommt’s auf ein paar Fakten nicht an, solange nur der ‘Drive’ stimmt … 😉

  3. Werner Braun

    @ Klaus Jarchow

    Ist Pop-Literatur ein anderes Wort für verantwortungslosen Journalismus, den man sich in den fetten Jahren zur Unterhaltung leisten konnte und wollte?

    Mich persönlich treibt bei solchen Gestalten immer die Frage um, ob diese Leute das tatsächlich glauben, was sie da fabrizieren, oder ob sie sich einfach anbiedern wollen bzw. auf der Gewinnerseite sehen, und sich zusammen mit der von ihnen unterstützten Kaste gegen die Härten einer gescheiterten Gesellschaft als immun verstehen.

    Echte Ideologen scheint es ja durchaus noch zu geben. Unter den Journalisten scheinen sich insbesondere “Konvertiten” als Hardliner hervor zu tun. Man denke nur an Maxeiner und Miersch, die in einer Umweltbewegung unterwegs waren, bevor sie dem anderen Extrem verfielen.

    Hintergründe dazu fände ich sehr, sehr spannend.

  4. Klaus Jarchow

    Naja, der Ulf kam von der DJ-Culture her und verhedderte sich im Tom-Kummer-Skandal, was seinem göttergleichen Dandy-Gehabe aber keinen Abbruch tat. Andere dieser inzwischen auch schon leicht ranzigen Welt-Garde (Andrea Seibel, Thomas Schmid, Alan Posener, Henryk M. Broder, Matthias Matussek usw.) kamen dagegen u.a. von der taz, von den Sankt-Pauli-Nachrichten oder sogar von revolutionären Kampfgruppen her. Einstellungsbedingung war es wohl, immer feste das Gegenteil dessen zu behaupten, was ihnen zuvor so aus der Tastatur rann. Die härtesten Kritiker der Elche … es ist ein altes und auch journalistentypisches Spiel. Das sind übrigens in meinen Augen keine ‘Ideologen’, dazu müssten sie ja glauben, was sie schreiben. Woran wiederum ich nicht glaube … da spielt eher ein gewisser Zynismus eine Rolle.

    Pop-Literatur heißt: Aus Mangel an Wissen und Lebenserfahrung anderen Leuten ersatzweise seine Plattensammlung oder angesagte ‘Locations’ vorzustellen.

    Ein Beispiel für oben Gesagtes: “Neben Daniel Cohn-Bendit, Joschka Fischer und Matthias Beltz wurde [Thomas Schmid] Gründer der linksradikalen Gruppe Revolutionärer Kampf (RK), die sich vor allem der „Betriebsarbeit“ widmete. … Ab 2008 war Thomas Schmid Chefredakteur der Welt-Gruppe im Axel Springer Verlag.” Cela …

  5. Werner Braun

    “Pop-Literatur heißt: Aus Mangel an Wissen und Lebenserfahrung anderen Leuten ersatzweise seine Plattensammlung oder angesagte ‘Locations’ vorzustellen.”

    Ich weiß, es ist naiv. Aber ist Journalismus nicht eine viel zu ernste Angelegenheit für solche Spielchen? Vom journalistischen Sandkasten mit den hart umkämpften Förmchen bis zum realen Schlachtfeld ist es so weit nicht. Ich sehe eine menschenverachtende Abgehobeheit zwischen den Zeilen, wenn ich die hier so oft genannten und kritisierten “Journalisten” lese. Und dann haben diese Leute zum Teil sogar Kinder. Selbst der Hr. Grau, wenn ich mich nicht täusche. Wie geht das denn zusammen? Ein tiefer Glaube an die Folgenlosigkeit der eigenen Traktate?

    Wahrscheinlich müsste man im selben Alter sein, um das auch nur halbwegs nachvollziehen zu können. Ich kann es nicht.

    Wie erklärt dieser Teil einer Journalisten-Generation ihren Wandel? Selbst wenn das alles nur aus Zynismus heraus geschieht, muss man doch nach außen hin glaubwürdig bleiben und den völligen Meinungsumschwung plausibel machen. (Eine Entradikalisierung und eine vermittelnde Position wäre schließlich auch eine Möglichkeit gewesen…).

    Bei den meisten Journalisten dieser Bauart hätte ich neben dem Zynismus eine mindestens so große Portion Eitelkeit als Motivation vermutet. Eingebildete Größe, indem man sich bei denjenigen anbiedert, die bei uns eben als erfolgreich angesehen werden. Nachdem seit Jahren vermehrt nur noch der finanzielle Erfolg als Leistung definiert wird, schreiben diese Leute eben entlang der (perzipierten?) Ideologie der Mehrheit der Reichen. Und die verstehen sich anscheinend überwiegend als selfmade – aller Elitensoziologie zum Trotz.

    Unter’m Strich bleibt ein Glaubwürdigkeitsproblem in dieser Branche ingesamt, find ich.
    Und das ist die andere Seite der Medaille der von dir hier oft gescholtenen Verschwörungstheoretiker.

  6. Klaus Jarchow

    Nun ja, dazu müsste der Journalismus – den ÖR nehme ich jetzt mal aus – jene Funktionen ja wahrnehmen, die er auf Festveranstaltungen sich so gern zuschreibt: Aufklärung, Fortschritt, Toleranz, pipapo.

    Das Gesetz des Journalismus heute (und früher) heißt aber nun mal ‘Klicks’ und ‘Auflage’, um damit dem werten Anzeigenkunden zu suggerieren, dass das freche und bunte Medium vom Konsumenten auch gelesen würde. Journalismus bedient Verlagsinteressen, alles andere ist Sonntagsschule. Die ‘Welt’ verspricht sich also bspw. Einnahmen, wenn sie solch gewendeten Hardcore-Liberalen dort den Platz freiräumt. Es ist primär ‘Ideologie für Anzeigenkunden’, die sich pekuniär zu rentieren hat.

    Und glauben Sie mir: die Journalisten waren kaum jemals anders, es gibt ein paar Solitäre im Sumpf (Roth, Tucholsky, Polgar usw.). Ich lese gerade die Tagebücher der Gebrüder Goncourt, die spielen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und mitten in diesem journalistischen Milieu: die gleiche oder ähnliche geistige Korruption, wohin man schaut …

    Meine Sicht auf die Medien unterscheidet sich von der jener Verschwörungstheoretiker vor allem darin, dass diese vermeintlichen Retter das eingespielte Verfahren des Journalismus nur noch tiefer in den Sumpf reiten. Sie sind vom gleichen Schlag, nur auf unterschiedlichen Karrierewegen unterwegs, wohl, weil die üblichen überlaufen sind (Stichwort: Medienkrise). Die Lösung besteht ja nicht darin, eine gaaanz andere Sicht zu propagieren, die dann argumentativ und unterm Alu-Hut auf noch dünnerem Eis tanzen muss, wonach dann der CIA, die Bilderberger, die Zionisten – oder wer auch immer – die Welt insgeheim lenken. Sondern vielmehr der Wahrheit, der Logik, den Fakten und der Vernunft nicht ständig auf die Füße zu treten. Einen Mangel an Verstand kuriert man nicht dadurch, dass man plötzlich Ken Jebsen, Florian Rötzer oder Doktor Meschugges Wunderelixir anpreist. Der Journalismus wird nicht von geheimen Mächten gelenkt, er ist so, wie er ist – durch Selbstanpassung an Strukturen.

  7. Werner Braun

    “…lese gerade die Tagebücher der Gebrüder Goncourt”

    Die hören sich vielversprechend an.

    Trotzdem möchte ich mich von dem Gedanken nicht verabschieden, dass es Zeiten gab, zu denen der Journalismus das Publikum wenigstens nicht blöder machte, unter’m Strich.

    Danke Ihnen für den Austausch, muss mich jetzt um meine Gäste kümmern.

  8. Klaus Jarchow

    Nun ja – als Contra zu dieser Ansicht empfehlen sich Fritz J. Raddatz’ Tagebücher. Es war im Journalismus kaum jemals ‘besser’, vielleicht ein wenig anders …

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