If your memory serves you well ...

Tratschen. Eine Einführung

Sie heißt Marie Amrhein, sieht harmlos aus, und verfasst wöchentlich im ‘Cicero’ eine Kolumne, die das spießige Leben mit Mann und zwei Kindern in Berlin gegen die Herausforderungen anders gelagerter Lebensweisen zu verteidigen pflegt. Ihre Elaborate polemisieren dann gegen die Allverfügbarkeit des Netzes, sie will nicht, dass der blöde Massenmensch ständig nervende Petitionen unterschreibt, sie neidet der ‘Landlust’ die Auflage und unterstellt dem ‘Hipster’ eine heimliche Sehnsucht nach dem ruralen Misthaufen, oder aber sie empfiehlt ein ‘Da kann man nichts machen’ als probates Mittel gegen die Wohnungsnot – wenn sie nicht gerade feststellt, dass wir alle ‘vom Neid zerfressen’ sind, weil die Neid-Maschine ‘Facebook’ “mehr Neid schürt als jede noch so erbittert geführte Schlacht im Sandkasten”. Sie gibt uns also ‘Lebenshilfe’ vom Maulwurfshügel herab.

Nun gut, ‘Gaga’ könnten wir sagen, oder auch ‘moderner Qualitätsjournalismus’. Selbst eine Kristina Schröder hat noch ein paar ‘Follower’. Um dann das Heft mal wieder ins Altpapier zu befördern. Aber was ihren jüngsten Text betrifft, da lag mir dann doch der Max Liebermann weit vorn auf der Zunge. Marie Amrhein befasst sich mit dem Fall Mollath. Das Mädelstückchen geht argumentativ gleich so zur Sache:

“Auch Menschen mit paranoiden Wahnvorstellungen können einen aufgeräumten Eindruck machen.”

Anders ausgedrückt: Gerade das Normalsein habe uns immer verdächtig zu sein – und wenn das Schweinchen rosa ist, beweist das noch lange nicht, dass es Pinky heißt und zu uns gehört. Deshalb also, weil dieser Mann so bemerkenswert vernünftig wirkt, sei unser Verdacht irgendwie doch schon begründet, dass er dies eben doch nicht sei. ‘Marks Müs!’ und ‘Holla, aufgepasst!’ – sogar seine langen Schriftsätze seien noch bemerkenswert rational gewesen. Also gelte es, diesen Verblendungszusammenhang zu durchschauen. Gemunkel heißt wohl diese rhetorische Redefigur, feiner ausgedrückt: Insinuation. In polemischer Absicht auf einen anderen Fall angewendet: Gerade weil alles auf den Untaten des Herrn Hitler herumhackt, sei das schließlich kein Beweis, dass er ein böser Mann gewesen ist. In Wahrheit nämlich – siehe Blondie – usw. usf. …

Weshalb diese schwere seelische Störung des Herrn Mollath hinter seiner vernünftigen Fassade uns dummem Publikum unerkannt geblieben sei? Nun, ein psychologischer Gutachter schaue eben tiefer als ein Lieschen Müller oder ein Feld-Wald-und-Wiesen-Journalist von der ‘Süddeutschen’ dies je vermöge. So orakelt die Dame, tief im herbeigeraunten Expertenvertrauen befangen, merkbefreit weiter herum:

“Das Stigma psychische Erkrankung lässt Leserherzen höher schnellen. … Was ist noch normal, wenn schon sechsjährige Kinder, die zu unerklärlichen Wutausbrüchen neigen als psychisch gestört eingestuft werden können? Die Ängste, die solche Nachrichten bei den Menschen auslösen, sind verständlich. Da soll man Vertrauen zu Ärzten zu haben, zu einer Branche, deren Vertretung durch die Pharmalobby jeglichen Kredit verspielt hat. Mit den Banken ist es nicht anders und auch die bayrische Politik war in den vergangenen Wochen nicht gerade ein Musterbeispiel an Ehrlichkeit und Loyalität.”

Alles das beweist sicherlich irgendwas, man wüsste nur gern, was. Sind solche Kinderchen nun gaga – oder nicht? Müssen wir dann nicht auch die Kinderchen einsperren? Sind solche pharmazeutisch-medizinischen Experten dann nicht eher renditegeleitete ‘Öchsperten’?

Gerade – das in etwa der harte Kern, den ich diesem wilden Denken zu entnehmen vermochte – gerade weil unser korruptionsanfälliges System so ist, wie es ist, gilt es gegen auf der Hand liegende Befunde hellwach zu sein und das Misstrauen des Lesers gegen das Offensichtliche – ksssksss! – kräftig zu schüren. Alles wäre nämlich gar nicht so, wie es scheint. Du Dummerchen! Wir müssen nämlich ständig lernen, contre coeur der wahren Wahrheit ins Auge zu blicken, die sich ja gerade dadurch auszeichnet, dass sie uns verborgen ist. Um uns das aufzudröseln, dazu braucht es schon eine geborene Gaga-Expertin.

Mit Hingabe übernimmt Marie Amrhein, wiewohl auch nur zwischen den Zeilen, diese Rolle. Sie assistiert sogar Mollaths Frau, die offenbar nicht nur im Fall der Geldgeschäfte ihrer Bank mit der Wahrheit gelegentlich zu kollidieren drohte, und schreibt ihr eine höhere Glaubwürdigkeit zu. Einer Frau, die als ‘Geistheilerin’ heute Hilfe für „Menschen anbietet, die das Leben aus der Spur geworfen hat.“ Tscha – ausgerechnet! Ich würde mich für deren Hilfe bedanken, selbst wenn ich kilometerweit neben der Spur läge. Aber ich bin ja auch nur zu blöd, tiefer zu blicken.

Und das Resultat all dieses blanken Möhrens, Unkens und Mutmaßens führt die schreibende Hausfrau dann lauthälsig zu der folgenden Conclusio in ihrer Headline:

“Wie Mollath von der Zwangseinweisung profitiert.”

Anders ausgedrückt – ob nun berechtigt oder unberechtigt: Psychiatrie ist immer gut für dich … und der gute Onkel im weißen Kittel wird schon besser wissen, wie’s dir geht, als ausgerechnet du. Widerstand zwecklos.

Nebenbei: Marie Amrhein ist keineswegs die einzige, die argumentativ das Glatteis zu ihrem Terrain gemacht hat. Beim ‘Spiegel findet sich ein Beitrag aus dem gleichen Paralleluniversum, von einer gewissen Beate Lakotta, der Frau mit den öffentlichen Gegendarstellungen entnervter Gutachter. Wäre ich Macho, läge mir das Wort von der bedingungslosen ‘Frauensolidarität’ nicht fern … (Hinweis von sol1)

12 Kommentare

  1. sol1

    “Nach seinem Auftritt im politischen Untersuchungsausschuss, der sicher nicht rein zufällig in die heiße Phase des bayrischen Landtagswahlkampfes fällt…”

    Frau Amrhein “bezieht beliebige weitere Personen in ihr paranoides Gedankensystem ein”. Eine psychiatrische Ferndiagnose kann da nur zu dem Ergebnis kommen: “Die Prognose ist ungünstig, da keine Einsicht vorliegt.”

    http://blog.br.de/quer/beate-merk-ganz-schoen-verrueckt-oder-14062013.html

  2. sol1

    Bei Beate Lakotta spielt “Frauensolidarität” wohl eine geringere Rolle als der Versuch, den Ruf des “Starpsychiaters” Hans-Ludwig Kröber zu retten (die Vermutung liegt auch bei Sabine Rückert von der ZEIT nahe, die im Dezember letzten Jahres an einer ähnlich abstrusen Darstellung des Falls beteiligt war).

    Dessen grob fahrlässige Begutachtung von Gustl Mollath steht ja in einem krassen Konstrast zu seinen Äußerungen in dieser SPIEGEL-Titelgeschichte:

    ///”Wenn ich einem Menschen die Verantwortung über sich selbst abspreche, raube ich ihm seine Würde. Er ist kein Bürger mehr mit allen Rechten. Er ist nicht mehr satisfaktionsfähig; andere können über ihn bestimmen” – und zwar auf unbestimmte Zeit.///

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-56831267.html

  3. Klaus Jarchow

    Ach – war dieser Telediagnostiker Kröber mit dem Röntgenblick nicht derjenige, der nur ‘nach Aktenlage’ und ohne jeden persönlichen Augenschein den Mollath als einen weiterhin gnadenlos gagafährlichen Psychoten einstufte? Die biographischen Wege aus dem KBW heraus mäandern manchmal wundersam …

    Immerhin waren es drei Treffer – und dreimal Frauen. Ein Papakomplex? Mich dagegen erinnert dieses urbayrische Justiz-Dramolett je länger je mehr an den Martin Krüger aus Feuchtwangers ‘Erfolg’, wo auch das Urteil schon feststand, bevor man sich Argumente zurechtdengelte …

  4. sol1

    “…war dieser Telediagnostiker Kröber mit dem Röntgenblick nicht derjenige, der nur ‘nach Aktenlage’ und ohne jeden persönlichen Augenschein den Mollath als einen weiterhin gnadenlos gagafährlichen Psychoten einstufte?”

    Was er auch weiterhin zu tun beabsichtigt. Für 490 Euronen kann man sich demnächst von Hans-Ludwig Kröber und Klaus Leipziger über den “Fall Gustl Mollath: Realität, Wahn, Justiz und Medien” belehren lassen:

    http://www.forensik-berlin.de/content/Fallseminar_2013.pdf

    Der ursprünglich vorgesehene Titel des Referats ist entlarvend:

    http://opablogdotnet.files.wordpress.com/2013/06/krc3b6berleipz.jpg

  5. sol1

    Der Cicero-Artikel wird auch im Kommentarbereich von Gabriele Wolffs Blog diskutiert:

    http://gabrielewolff.wordpress.com/2013/05/26/der-fall-mollath-eine-hangepartie/comment-page-4/#comment-11564

  6. LöschMichBitteBitteLöschMich

    Jenseits der bayrischen Apologetenszene ist fast nur “Weibsvolk” gegen G.M. am geifern, Femastasen überall.

    Wenn Weiber auf sich selbst gestellt sind kommt nun mal nur perfide unlogische dümmliche Breierei dabei raus.

    Es gibt Ausnahmen, wenige. So wie ihre männlichen Pendants kommen die aber nicht (mehr) auf den Gedanken JournalistInnen zu werden.

    Übrigens:Verallgemeinerungen werden so genannt weil Sie “im allgemeinen” zutreffen.

  7. Klaus Jarchow

    @ Löschmich: Blödsinn – gerichtsgläubige Apologeten gibt’s auch auf maskuliner Seite genug. Lese doch einfach mal die Gabriele Wolff als Antidot. Schon redest du nicht mehr so’n dummes Zeug daher.

    Man (oder frau) soll eben nie ‘alle’ sagen, wo sie ‘manche’ meinen. Wo aber ein ‘Rosenkrieg’ hineinspielt, sind gern diejenigen am Ball, die gerne ‘Leute heute’ gucken und Rosamunde Pilcher oder den Boulevard lesen, und zwar Männlein wie auch Weiblein. Die ‘arme Frau’ wirkt in dem Milieu immer noch zugkräftiger als der ‘arme Mann’. Das ist der Lady-Di-Effekt – ich war übrigens damals schon eher für Prinz Charles …

    @ sol1: Diese Selbstgerechtigkeit geht mir allmählich auf den Keks. In diesem Milieu konnte ein simpler Postbote mal monatelang über Einweisungen und Entlassungen entscheiden, ohne dass dies jemandem auffiel. Das wollen wir nicht ganz vergessen. Der Gerd Postel zumindest hat damals mehr entlassen als per Lego-Gutachten eingewiesen …

  8. sol1

    Auch bei der ZEIT ist man eifrig bemüht, den Ruf der Psychiatrie zu retten:

    http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-06/psychiatrie-mollath-krankheit-unterbringung-interview-henning-sass/komplettansicht

    Die Leser allerdings erinnern sich an die hessische Steuerfahnder-Affäre und posten Kommentare wie diese:

    ///”Sie können sich darauf verlassen, dass Psychiater immer das Gesamtbild berücksichtigen und sich nicht nur auf eine Quelle verlassen.”

    Sie schreiben nicht von Bemühen, sondern Sie suggerieren, dass dies wirklich immer so sei. Das impliziert Unfehlbarkeit. Wollen Sie damit sagen, dass Psychiater immer unfehlbar sind?

    An der Stelle sei erlaubt darauf hinzuweisen, wie Psychiater Patienten bewerten, die solch eine Selbsteinschätzung haben…///

  9. Klaus Jarchow

    Das Problem an diesem Text, in dem der Prof. Saß ja recht problemeinsichtig argumentiert, ist der ‘Spin’, dem die Medien seiner Aussage im Lead dann sofort geben. Ihm wird etwas untergeschoben, was er gar nicht gesagt hat – ein Medienversagen, vermutlich um der Klicks willen. Einige Kommentatoren treffen genau diesen Punkt:

    “Der Fall Mollath beweist, psychisch Kranke können die Wahrheit sagen, meint der Gerichtspsychiater H. Saß im Interview.” Genau das hat Prof. Saß nicht gesagt! Diese Überschrift suggeriert, dass Prof. Saß ihn persönlich für wahnhaft hält! Genau das tut er aber nicht. Zu Mollath sagt er: “Ich habe Herrn Mollath nicht untersucht, daher kann ich über den Einzelfall nichts sagen.”

    Aus einer allgemeinen Aussage wird ein Statement zu diesem speziellen Fall gemacht. Einige ‘könnten’ das vielleicht – also zählt auch der spezielle Fall unbedingt dazu, obwohl dazu gar keine Aussage getroffen wurde. Ich wäre also vorsichtig, aus dem Fall eine Generalanklage gegen ‘die Psychiatrie’ zu basteln. das Problem sind wohl eher einige ‘Stars’ und ‘Gurus’ des Gewerbes, die nur noch selten ‘an der klinischen Front’ stehen. Und natürlich Medien, die alles simplifizieren und zuspitzen, der Schlagzeile wegen. In meinem Bekanntenkreis kam es zur Tötung eines Lebenspartners während einer schweren Depression. Der Täter ist für den Rest seines Lebens ‘fertig’, das ist klar, ob nun verurteilt oder nicht. Aber die drei Gutachter dort haben sehr einsichtig und keineswegs im Sinne der Anklage entschieden.

  10. sol1

    Marie Amrhein hat nachgelegt:

    /// Da ist ein fremder Mann in einem weißen Hemd. Er ist groß und rund und macht eigentlich einen ganz netten Eindruck. Aber er ist stinksauer auf mich. Er schreibt in seinem Blog, dass ich zwar harmlos aussehe, aber spießig sei, neidisch, eine „geborene Gaga-Expertin.“

    Gut, es gibt viel Schlimmeres im Netz über andere Menschen zu lesen, aber ich bin das nicht gewohnt. Nicht, dass mich wildfremde Mitbürger – und dieser Mann war nur einer von vielen – anranzen. Ich komm schon klar, danke. Aber hat meine Kollegin recht, wenn sie meint, dass ich mit so etwas in Zukunft rechnen müsse? Dass mich wildfremde Menschen anpöbeln? Dass sie persönlich werden, während es mir um die journalistisch-sachliche Auseinandersetzung geht? ///

    http://www.cicero.de/berliner-republik/shitstorm-steinbrueck-roth-und-bruederle-internet-kritik-bis-einer-heult/54916

  11. Klaus Jarchow

    Tscha – einige haben Probleme damit, dass die alte kritikenthobene Stellung des Journalisten erodiert. Einen Leserbrief konnten sie einfach nicht veröffentlichen, ein Blogbeitrag entzieht sich ihrem Zugriff.

    “Geborene Gaga-Expertin” finde ich übrigens noch recht harmlos, verglichen mit dem, was ich mir schon anhören musste. Immerhin hat sie mich wohl gelesen. Mit den ‘Gagas’, den mental Auffälligen also, beschäftigen sich einerseits die Psychologen von Berufs wegen und im Speziellen dieser Artikel aus thematisch-journalistischen Gründen. Mit dem Ausdruck räume ich ihr nur eine ganze Menge psychiatrischer Kompetenz ein, mindestens so viel wie den Gutachtern im Fall Mollath. ‘Gaga-Journalismus’ wäre andererseits aber auch mein Synonym für den meinungsstarken und faktenarmen ‘modernen Qualitätsjournalismus’, von dem die Verleger immer so herzerweichend tremolieren.

    Im Übrigen: Echten Trollen und Pöblern im Extremfall angemessen zu begegnen, erfordert eine ganz neue kommunikative Kompetenz – aber auch meine Kommentarspalte wäre im Verwechslungsfall lang und stünde jedem offen. Dialog kennen sie aber (noch) nicht, da werden sie erst ganz allmählich zum Fressen getragen. Constantin Seibt (‘Deadline’) und einige von den Besseren haben das ja schon kapiert. Einfach zu schweigen, ist sicherlich nicht das Richtige. Wenn einer in meinen Augen aber gar zu sehr ausrastet, muss ich mit ihm das Klobecken rhetorisch so ausscheuern, dass er aus Scham das Wiederkommen vergisst. So etwas erfordert allerdings Können. Einfach das Näschen hochtragen, genügt da nicht.

    Im Fall Mollath hatte sie in meinen Augen einfach nur Blödsinn geschrieben, und sie wurde deshalb zurecht auch anderswo ein wenig untergeduckelt. Manche schossen vermutlich auch zu scharf. Den Journalisten – ganz neue Erfahrung – lässt das Publikum nicht länger alles durchgehen. Es war ‘Blödsinn’ deshalb, weil kein einziges valides Argument für ihre aparte Sicht sprach, sie setzte mit großer Geste weitatmig an und ging prompt mit ihren Ritalin-Kinderchen im Arm logisch unter, inmitten all dieser anderen Gutachten ‘laut Aktenlage’, die zerstochene Reifen dort sahen, wo keine waren. Wenn nämlich die Menschen Angst vor der Psychiatrie haben müssen, wenn der Pharmalobby, den Banken und der bayrischen Politik einfach nicht zu trauen ist, wie sie ja selber oben im ausgiebig Zitierten schreibt, dann landet sie zwangsläufig so ziemlich beim Gegenteil ihrer These. Tut sie aber nicht. Sie vertraut stattdessen ihrer Intuition, einem ‘trotz alledem und alledem’ und weiß, zumindest aus meiner unmaßgeblichen Sicht, ansonsten nur längst widerlegte Behauptungen ins Feld zu führen. Und wenn sich etwas logisch derart verheddert, nenne ich das in meinem privaten Sprachgebrauch auch so, wie es mir vorkommt. Weil ich nun mal einer Argumentation eigentlich gern folgen können möchte. Vielleicht bin ich aber auch nur verbohrt …

    Ausgerechnet uns den Knigge als Hüter der bürgerlichen Manieren zu empfehlen, zeigt mir nur, dass sie außer dessen ‘Umgang’ wohl wenig von ihm gelesen hat. Der Mann konnte kräftigst mit dem Knüttel und mit beiden Hufen zugleich austeilen, sofern er nicht gerade als Pädagoge auch mal solch ein ‘Jugendbuch’ schrieb. Lies mal seine ‘Aufklärung in Abyssinien’ …

  12. sol1

    Da kenngt aber ein Kommentar seinen Knigge:

    /// Ich finde es immer wieder erfreulich, wenn das ungemein kluge ursprüngliche Buch von Knigge zitiert wird. Erstaunlich nur, dass das hier in Verbindung mit einem Nachtreten gegen einen Zwangspsychiatrisierten geschieht. Aber zurück zum Thema. Dieser Knigge ist doch eine wahre Fundgrube an heute noch gültigen Lebensweisheiten, die man halt einfach nur beachten muss:

    “Erzähle nicht leicht Anekdoten, besonders nie solche, die irgend jemand in ein nachteiliges Licht setzen, auf bloßes Hörensagen nach! Sehr oft sind sie gar nicht auf Wahrheit gegründet oder schon durch so viele Hände gegangen, dass sie
    wenigstens vergrößert, verstümmelt worden, und dadurch eine wesentlich andre Gestalt bekommen haben. Vielfältig kann man dadurch unschuldigen guten Leuten ernstlich schaden und noch öfter sich selber großen Verdruss zuziehn.”

    “Es gibt leider auch in Deutschland Staaten, in welchen die Regierungen es nicht gern sehen und es scharf ahnden, wenn gewisse Werke der Finsternis an das Tageslicht gezogen werden. Da ist Behutsamkeit nötig, sowohl in Gesprächen und Nachforschungen als in der Wahl der Menschen, mit denen man sich in Verbindung einlässt.”

    “Noch schonender als mit [den Kranken] soll man mit Leuten umgehn, auf welchen die schwere Hand des Schicksals liegt; mit Unglücklichen, Armen, Bedrängten, Verstoßenen und Zurückgesetzten, mit Verirrten und Gefallenen. […] Der Unterdrückten, Zurückgesetzten und Verfolgten soll man sich annehmen, insofern es die Klugheit erlaubt und wir ihnen dadurch nicht etwa mehr schaden als nützen. Dies ist nicht nur Pflicht, wenn von tätiger Hilfe und Rettung des ehrlichen Namens die Rede ist; sondern man soll es sich auch zum Gesetze machen, im gesellschaftlichen Umgange, wo das bescheidene Verdienst so oft übersehn und von leeren Windbeuteln über die Achsel angeschauet wird, wo Rang und Glanz den innern Wert verdunkeln und der Schwätzer und Persifleur den Weisen überschreien, in diesen Zirkeln den guten Mann, der stumm und verlegen dasteht, von niemand angeredet, ja mit Verachtung behandelt, gedemütigt, lächerlich gemacht wird, aus seinem Winkel hervorzuholen und ihn durch
    ehrenvolles, freundliches Zureden in gute Laune zu setzen. Man gebe einem solchen nur Gelegenheit, sich von einer vorteilhaften Seite zu zeigen, sich auf anständige Weise in die Unterhaltung zu mischen, und man wird sich wundern, welch ein ganz andrer Mensch aus ihm werden kann.”

    “Andern [Ärzten] fehlt es bei der gründlichsten Kenntnis an Beobachtungsgeist. Sie verwechseln die Zeichen der Krankheiten, lassen sich durch falsche Berichte der Patienten täuschen, forschen nicht kaltblütig, nicht tief, nicht fleißig genug und verordnen dann Mittel, die gewiß helfen würden – wenn wir die Krankheit hätten, mit welcher sie uns behaftet glauben. Wieder andre kleben an Systemgeist, an Autorität, an Mode und schieben nie auf ihre Blindheit, sondern auf die Natur die Schuld, wenn ihre Arzneimittel andre Wirkungen hervorbringen
    als die, welche sie aus Vorurteil ihnen zutrauen; endlich noch andre halten aus Gewinnsucht die Genesung der Leidenden auf, um desto länger nebst dem Apotheker und Wundarzte den Vorteil davon zu ziehn. In wessen von dieser Herrn Händen man
    nun auch fällt, so wagt man es doch darauf, das Opfer der Ungewissheit, der Sorglosigkeit, des Eigensinns oder der Bosheit zu werden.”

    “Wenn Du auch nicht das Unglück erlebst, dass Deine Angelegenheit einem eigennützigen, parteiischen, faulen oder schwachköpfigen Richter in die Hände fällt, so ist es schon genug, dass Dein oder Deines Gegners Advokat ein Mensch
    ohne Gefühl, ein gewinnsüchtiger Gauner, ein Pinsel oder ein Schikaneur sei, um bei einem Rechtsstreite, den jeder unbefangene gesunde Kopf in einer Stunde schlichten könnte, viel Jahre lang hingehalten zu werden, ganze Zimmer voll Akten zusammengeschmiert zu sehn und dreimal soviel an Unkosten zu bezahlen, als der Gegenstand des ganzen Streits wert ist, ja am Ende die gerechteste Sache zu verlieren und Dein offenbares Eigentum fremden Händen preiszugeben. Und wäre beides nicht der Fall, wären Richter und Sachwalter geschickte und redliche Männer, so ist der Gang der Justiz in manchen Ländern von der
    Art, dass man Methusalems Alter erreichen muss, um das Ende eines Prozesses zu erleben. […] Da muss mancher Unschuldige sein Leben auf dem Blutgerüste
    hingeben, weil die Richter nicht so bekannt mit der Sprache der Unschuld als mit den Wendungen einer falschen Beredsamkeit sind. Da lassen Professoren Urteile über Gut und Blut durch ihre unbärtigen Schüler verfassen und geben demjenigen recht, der das Responsum bezahlt. – Doch was helfen alle Deklamationen, und wer kennt nicht diesen Greuel der Verwüstung? Einen
    bessern Rat weiß ich nicht zu geben als den: Man hüte sich, mit seinem Vermögen oder seiner Person in die Hände der Justiz zu fallen! Man weiche auf alle mögliche Weise jedem Prozesse aus und vergleiche sich lieber, auch bei der sichersten Überzeugung von Recht, gebe lieber die Hälfte dessen hin, was uns ein andrer streitig macht, bevor man es zum Schriftwechsel kommen lasse. […] Man mache sich gefaßt, nie wieder in den Besitz seiner Güter zu kommen, wenn diese einmal in Advokaten- und Kuratorenhände geraten sind, besonders in Ländern, wo alter Schlendrian, Schläfrigkeit und Inkonsequenz in Geschäften herrschen.” ///

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

© 2021 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑