If your memory serves you well ...

The Great Snorby

Ich habe mich immer gefragt, weshalb wohl so viele Leute bei Fitzgeralds ‘Great Gatsby’ in Verzückung geraten. In der FAZ steht jetzt der neueste Hymnus auf diesen Dandy-Roman. Ich dagegen weiß nur, dass ich damals fast eingeschlafen wäre, obwohl es sich doch nur um knapp 200 Seiten handelt.

Da produziert sich – ich rede aus der Erinnerung heraus – eine Generation aus mehr oder minder jungen und stinkreichen Hallodris vor den Lesern (Fitzgerald als Verfasser eingeschlossen), die sich, umgeben von Reichtum, vor Langeweile zu Tode sehnt und säuft. Endlose Partys reihen sich aneinander wie die sprichwörtlichen Perlen auf der Schnur, die Gespräche strotzen vor Banalität, Sottisen à la Dieter Bohlen umflattern das Buffet, niemand scheint je arbeiten zu müssen, Schlaftabletten gehören scheffelweise zum Abendessen, der Arzt ist Dauergast, Eifersucht wird in bunten Cocktails ersäuft, Erlebnisse bestehen darin, dass man ‘dabei’ war, die Depression huscht als grauer Schatten an allen Wänden entlang, während ständig die Reifen irgendwelcher Rolls-Royces im Kies der Einfahrten knirschen. Kurzum: Ein Reigen absolut uninteressanter Figuren in weißen Anzügen, die Veilchenduft schnattern, wenn sie verliebt zu sein wähnen, oder aber mit halbwegs spitzigen Bemerkungen ihren Degout zu maskieren trachten. Lauter arme Würstchen mit Portfolio. Selbst der berühmte Schlußsatz*, mit dem Generationen von Amerikanistik-Studenten gequält wurden und werden, der tändelt doch bloß mit dem Vanitas-Motiv unter falschen Voraussetzungen, denn auf diesen Parties ‘kämpft’ doch keiner, und keiner von denen rudert ‘gegen den Strom’. Und letztlich – sterben müssen wir alle mal. Welch Erkenntnis – was für ein Schmachtfetzen!

Die meisten der Metaphern im Buch sind dabei – gelinde gesagt – noch schräger als meine. Und der unermüdlich herbeigeraunte Gatsby, als er schlussendlich aus den Kulissen tritt, der ist alles, nur eben nicht ‘Great’.

Zwar weiß ich, dass ich hier gegen einen weltliterarischen Kanon anstänkere. Mir aber scheint die Faszination des Romans bloß im sozialen Ort seiner Sehnsuchtslandschaft zu liegen: Alle DSDS-Gucker finden hier eine Traumwelt mit englischem Rasen und Golfplatz, die endlich mal so banal erscheint, wie sie es sind. Deren Protagonisten aber trotzdem in Reichtum baden. Woran die Leser der Jetztzeit ewiglich scheitern werden … weil sie nicht einzusehen vermögen, dass sie zur ‘Lost Generation’ von heute zählen, der bei aller Anpassung sogar ein wenig Luxus und Zugehörigkeit verwehrt bleibt. Ein Buch für feuchte Träume im Prekariat … wer dem amerikanischen Reichtum von damals ins Gesicht schauen will, der greife zu William Faulkner – vor allem zur Snopes-Trilogie. Da geht es reeller zu, es gibt sogar ‘Interessen’.

Nach allem, was man jetzt so liest, soll die derzeitige Neuverfilmung, die all das Raunen im Blätterwald dienstleistungsorientiert auslöste, wie ein ‘überlanger Werbespot’ wirken. Ja, das passt … aber wer tut sich das an?

*So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.” (Übersetzung: B. Arbabanell)

6 Kommentare

  1. Jeeves

    “wie die Perlen auf der sprichwörtlichen Schnur”
    .
    Da Sie es mit der Sprache immer(!) so genau nehmen, eine vorsichtige Anmerkung: sollte es nicht besser heißen
    “wie die sprichwörtlichen Perlen auf der Schnur” ?
    .
    .
    Mir ist übrigens beim ersten Lesen eines anderen Hochgerühmten ähnliches (eingeschlafen) passiert, bei Evelyn Waugh.

  2. Klaus Jarchow

    Hast recht – ich hab’s geändert.

    Tscha, dieser Mussolini-Fan Waugh soll ein ‘radikalkonservativer Zyniker’ gewesen sein, eine große feuilletonistische Klempnerleistung mit Hilfe unpassender Wortbestandteile. Für mich klingt schon ‘radikaler Konservatismus’ wie ‘sauscharfe Nutella’. Nun gut – aber die englische Brideshead-Serie bot allen Mode-Afficionados einen gewissen kostümierten Augenschmaus, was die Einschaltquoten erklären mag …

  3. Dierk

    Ich bin selbst kein Fan von Fitzgerald, aber ein paar nicht ganz so kleine Keiten …

    Es ist kein Wunder, dass die Depression – ich nehem an, du meinst schon jene wirtschaftliche, auch bekannt als Great Depression – im Buch keine Erwähnungen findet – es gab sie weder zur Handlungszeit [1922], noch, als FSF den Roman schrieb [VÖ 1925]. Wie in Europa, aber mit besserer wirtschaftlicher Grundlage, feierten die Menschen nach dem Großen Krieg, dass die Welt heil geblieben war.

    Genau wie in Europa damals und USA und Europa heute, gab es selbstverständlich hart arbeitende Menschen – und richtig Arme. Die sind tatsächlich im Werk vorhanden, irgendwie, geht es doch um die Verwirklichung des US-Amerikanischen Traums, auch wenn man sich dabei selbst verrät [oder nicht vor sich selbst davon laufen kann].

    Waugh ist heute, und speziell in Deutschland und den USA, für die edel-distanzierte TV-Verfilmung der 80er von Brideshead Revisited bekannt, aber sein literarischer Ruhm gründet sich auf die satirischen Werke, vor allem die Sword of Honour-Trilogie, The Loved Ones und A Handful of Dust.

  4. Dierk

    Huch, habe ich was Böses geschrieben oder welchen Grund gibt es, meinen Kommentar von gestern nicht zu sehen?

    [Diesen natürlich löschen, wenn wahrgenommen]

  5. Klaus Jarchow

    @ Dierk: Du hast bei mir hier völlige Kommentierfreiheit, ohne jede vorherige Gesichtskontrolle. Aber ich finde derzeit im Kommentarbereich derzeit keinen unerledigten Kommentar, derzeit weder von dir noch von anderen. Ich habe auch nichts gelöscht, außer ein paar SEO-Hemdenverkäufern oder so.

    Ha, ich habe ihn! Die wunderbare WordPress-Maschine hat dich aus mir unbekannten Gründen in den Spam-Bereich verschoben, wo dein Text neben ein paar Exemplaren mit chinesischen Schriftzeichen stand. Frag’ mich aber nicht, weshalb … bin ich Algorithmus?

    Ich meinte in meinem Text übrigens keineswegs die große Depression, sondern jene individuelle, die mit Tabletten, Suff oder einem Schießgewehr zu kurieren ist – entweder nach dem ‘Modell Zelda Fitzgerald’, die in der Klappse endete, oder nach dem ‘Modell Hemingway’. Als die wirtschaftliche Depression einsetzte, kamen andere Schriftsteller ins Spiel, Sinclair Lewis, John Steinbeck, Thomas Wolfe, Upton Sinclair, William Faulkner, auch Jack London. Die Zeit des eloquenten Tandaradeis in jenen ‘Gesellschaftsromanen’, die sich immer nur auf die Upper Class als ‘Gesellschaft’ fokussierten, war vorbei …

    Was mich am ‘Gatsby’ generell so stört, ist, dass ihn lauter Figuren bevölkern, die alle buchstäblich nichts können, rein gar nichts! Außer saufen und sich amüsieren natürlich … daher wird mir dort zu viel Wortsalat an ein absolut wertloses und uninteressantes Personal verschwendet, an gesellschaftliche Versager. Selbst der Gatsby ist doch bloß – wenn ich mich recht an das Gemunkel entsinne – durch finanzielle Trickserei und Alkoholgeschäfte mit der Mafia reich geworden, aber wie ein kleiner Pipijunge von großer Liebe träumen. Was für ein Held! Und die Daisy ist doch nur eine eiskalte Muschimaus, die mit Hilfe dessen, was sie zwischen den Beinen trägt, nach ‘oben’ kommen will, die ansonsten aber selbst eine Barbie als Intelligenzbestie erscheinen lässt. Was also ‘lieben’ all diese Blindfüchse an der? Nur ihre Fassade? Vielleicht wollte Fitzgerald ja genau diesen Unwert solcher Figuren darstellen – dann wäre mir das aber wieder zu ‘sophisticated’ geraten, weil er sich dazu jedes offenen Kommentars enthält. Kritik, die nicht kritisiert, ist keine.

    Zu Waugh geht aus meinem Kommentar (‘soll’) hervor, dass ich ihn nie selbst gelesen habe. Ich kenne ihn nur aus Schilderungen anderer in der Brief- und Memoirenliteratur. Das Leben ist zu kurz, um alles zu kennen …

  6. Paul S

    Ich hatte soeben in einem Brief folgendes geschrieben, b e v o r ich die Kritik ‘The great Snorby’ gelesen hatte:
    PS: Zur Zeit lese ich “Der große Gatsby” – ein us-amerikanischer Klassiker zwar, aber berauschend finde ich ihn nicht (den Film sehe ich mir – natürlich – gar nicht erst an; ich mag ja keine Literaturverfilmungen). In der Story gleich ein treffendes Sinnbild für die amerikanische Gesellschaft zu sehen, scheint mir zu hoch gegriffen. Ob es an der Übersetzung liegt (ich lese die von W. Schürenberg)? Wenn dieser Roman “auf Platz 2 der Liste der 100 besten englischsprachigen Romane (rangiert)” (SPIEGEL), dann sage ich nur: armes Amerika, du kennst eben nichts Besseres!

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