If your memory serves you well ...

Schlagwort: Zettelkasten (Seite 1 von 5)

Für den Zettelkasten (39)

Ich habe mein halbes Leben lang versucht, mich vom Journalismus zu lösen, aber ich stecke noch immer bis zum Hals darin – in einem niederen Gewerbe und in einer Abhängigkeit, schlimmer als der von Heroin, angesiedelt in einer befremdlichen Welt voller Außenseiter und Trunkenbolde und Versager. Ein Gruppenfoto der jeweils zehn besten Journalisten Amerikas wäre ein Monument menschlicher Häßlichkeit, wann immer man es machte. Es handelt sich nicht um ein Gewerbe, das viele flotte Typen anlockt, und es interessiert weder jemanden aus der Calvin-Klein-Schickeria noch aus dem internationalen Jetset. Eher würde die Sonne am flammenden Himmel östlich von Casablanca untergehen, als dass ein Journalist die Titelseite des People-Magazins zierte.”
(Hunter S. Thompson: Gonzo Generation, S. 298 f)

Frères Goncourt (1)

Goncourt

So – durch den ersten Band der ‘Tagebücher’ habe ich mich jetzt durchgeschlagen, sogar mit viel Vergnügen. Hier einiges, was mir auffiel.

Die Brüder Goncourt hatten reich geerbt, niedere Dinge, wie die Notwendigkeit Geld zu verdienen, unerwartete Rechnungen oder materielle Verlegenheiten kommen daher gar nicht vor. Sie sind Teil der Pariser ‘Bohème’, schreibbegabte Müßiggänger also, deren größter Feind die Langeweile ist.

Sie gelten als die ersten ‘Naturalisten’ der französischen Literatur, was aber bloß Verwirrung stiftet, weil sich die Begriffe der französischen und deutschen Literaturgeschichtsschreibung stark unterscheiden, von einem Gerhard Hauptmann bspw. sind sie meilenweit entfernt. Für mich wären sie eher späte Romantiker, was aber wiederum nicht unserer Eichendorff’schen Welt voll Waldhornklang und Waldeseinsamkeit gleicht. Der Begriff ‘Romantik’ verweist eher auf jenes Genre, das wir ‘Schauerromantik’ nennen: E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe oder auch der Marquis de Sade werden in den Tagebüchern immer wieder als Bezugsgrößen genannt.

Dementsprechend haben die Brüder einen scharfen Blick für alle Skurrilitäten, Abartigkeiten und für die geheimen Antriebsfedern des Menschen. Ihre Welt ist auch deshalb höchst muschi- und schwanzgesteuert. In Fülle gibt es dort Wörter, die man nicht unbedingt in einem Text des 19. Jahrhunderts zu finden erwartet – ‘Möse’, ‘ficken’ oder ‘vögeln’ – das, was damals ‘Gossensprache’ hieß, ist dort eine kurrente Münze.

Ihre Welt ist überaus klein und beschränkt, allenfalls nehmen sie ein Zehntel der Gesellschaft in den Blick. Bauern, Arbeiter, Unterschichten kommen bisher nicht vor, allenfalls wird mal ein Dienstmädchen ‘flachgelegt’. Ihre Welt besteht vor allem aus der Bourgeoisie und aus dem Geschwader in ihrem Gefolge, aus Journalisten, Verlegern, Huren, Maitressen und Literaten, alles spielt in den Salons und Cafés – oder auf Landsitzen.

Beide sind grandiose Beobachter für die Menschen dieser Kreise, aber durchaus auch bspw. für Landschaften. Ihre Philosophie – oder ‘Weltsicht’ – ist jener ‘Positivismus’, wie ihn in Frankreich Comte propagierte. Menschen seien demnach durch Milieu, Rasse und Zeitgeist determiniert. Weil die Brüder das erkannt zu haben glauben, dünken sie sich als Beobachter weit über dem gemeinen Leben zu schweben, obwohl ihr eigener Rassismus – zum Beispiel in Form des Antisemitismus – sich immer wieder Bahn bricht. Sie sind selbst nicht frei von dem, was sie glossieren. Zeitgenossen eben …

Ihr phänomenales Sprachgedächtnis erlaubt es ihnen, jene ‘Szene’ dann ganz ungeschminkt zu Wort kommen zu lassen. Wer bspw. die Anfänge des Journalismus studieren will, findet hier ein wahres Füllhorn an Authentizität – und an Korruption. Später, als sie bekannter wurden, kommen dann wohl auch die Großschriftsteller hinzu. So weit bin ich aber noch nicht.

In ihrem Mikrokosmos sind sie dann tatsächlich Naturalisten – spitzzüngig, aphoristisch, ironisch und immer auf den Punkt genau. Einige Kostproben:

“Dieser Zeitung fehlt es an nichts, außer an Abonnenten.”
“Er glaubte dem Gedruckten.”
“Kennst du diese Frau?” – “Sehr gut. Sie ist die Frau von zwei Freunden von mir.”
“Der Geist gewisser Leute ähnelt stark dem Sonntag: Da geben sich alle Gemeinplätze ein Stelldichein.”
“Vielleicht war er brutal, um nicht verlegen zu wirken.”
“Wir sind angeklagt wegen des Verstoßes gegen die schlechten Sitten.”
“Die Geschäfte? Das ist … das ist das Geld der anderen.”
“Familie wütend, daß er keine Geliebte hat, sehen in dieser Keuschheit ein Zeichen der Degeneration.”
“Las morgens die Bibel und abends Rabelais.”
“Wenn die Bäuche voll sind, und die Menschen nicht mehr vögeln können, kommen sechs Fuß große Kerle aus dem Norden daher. Heutzutage, wo es keine Wilden mehr gibt, werden es die Arbeiter sein, die diese Arbeit in rund fünfzig Jahren erledigen.”
“Erst lächerlich sind die Parvenüs nunmehr verrückt geworden.”
“Rücksicht, Achtung, Respekt wird nur dem verdächtigen Kapital der Börse entgegengebracht.”
“Vielleicht – ich bezweifle es – gibt es noch eine aristokratische Partei in Frankreich; aber ich suche noch immer einen Edelmann.”
“Wenn man gut ist, erscheint man feige; man muß böse sein, um für mutig gehalten zu werden.”
usw.

Für den Zettelkasten (36)

Anfang Juni 1911 erwähnten die Italiener gegenüber der britischen Regierung die “Schikanen”, denen italienische Untertanen in Tripolis angeblich durch die osmanischen Behörden ausgesetzt waren (es war Standard, dass die europäischen Mächte ihre kolonialen Eroberungen und Raubzüge mit der Behauptung rechtfertigten, ihre Anwesenheit sei notwendig, um Staatsangehörige vor Misshandlungen zu schützen).”
Christopher Clark: Die Schlafwandler, 322

Irgendwie kommt mir das Muster bekannt und höchst aktuell vor …

Für den Zettelkasten (35)

Es ist eine der Wirkungen der Ideologie, dass durch die Ideologie der ideologische Charakter der Ideologie geleugnet wird.“
Louis Althusser

Am Ende dieses Prozesses steht dann eine ‘Partei des gesunden Menschenverstandes’ … früher ‘gesundes Volksempfinden’ genannt.

Für den Zettelkasten (34)

Gehört in die Reihe – ‘Ein guter Journalist darf keine Meinung haben’ oder ‘Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?’:

“Le Moniteur” (1815), Paris:

9.3. “Die Bestie hat ihre Höhle verlassen”
10.3. “Ganz Frankreich verabscheut den Moloch”
11.3. “Das korsische Ungeheuer hat französischen Boden betreten”
13.3. “Der Peiniger übernachtet in Grenoble”
18.3. “Der Tyrann auf dem Vormarsch nach Dijon”
19.3. “Bonaparte will Paris erobern, aber er wird elendiglich scheitern”
20.3. “Der Kaiser bereits in Fontainebleau”
21.3. “Der Befreier pocht an die Tore der Hauptstadt”
22.3. “Seine kaiserliche Majestät ist heute in Paris eingetroffen. Vive l’Empereur!”

via: Kosmologelei

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