Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Zeitungssterben

Der Leser soll’s fressen …

Die eher links neigenden Käufer der “MZ” erhalten also künftig im Lokalen ein eisern konservatives Blatt wie die “WN”. Der Mantelteil dagegen kommt aus dem Ruhrgebiet.

Jawollja – eine einzige Tageszeitung für das gesamte Westfalen täte es doch schließlich auch. Was das erst für ‘Synergien’ gäbe! Alle BWLer auf den Teppichetagen dürften bei diesem Gedanken feuchte Augen bekommen. Anders ausgedrückt: Das ‘Zeitungssterben’ ist hausgemacht, es ist geradezu eine Spezialität deutscher Verleger.

Die richtige Frage

Das übliche Lamento – blöde Leser, geldgierige Verleger, gesellschaftlicher Werteverfall, Anzeigenverlust – das wird auch jetzt wieder ertönen. Die richtige Frage lautet in meinen Augen aber anders: Warum betrifft dieses publizistische Scapa Flow eigentlich vorneweg die Wirtschaftszeitungen so massiv? Und woher will der Neoliberalismus künftig seine Munition dann beziehen? Dem Handelsblatt unter Gabor Steingart soll es – einem On dit zufolge – ja auch nicht gerade rosig gehen.

Ich denke mal, es liegt daran, dass hier der journalistische Verlust an Glaubwürdigkeit besonders groß und die Transformation eines öffentlichen Forums in ein ideologisches Dogmengebäude besonders weit fortgeschritten war – alles garniert mit ein wenig Lifestyle und ‘Anziehberatung’ für Leute, die keine Ahnung haben, dass sie darin aussehen wie der Ochse im Cutaway. Kurzum: Wer mag schon jeden Tag die gleiche Buchstabensuppe – auch ‘Redaktionskonzept’ genannt?

Die “Financial Times Deutschland” (“FTD”) soll eingestellt werden. … Die Wirtschaftszeitschriften “Impulse” und “Börse Online”, die ebenfalls Gruner + Jahr gehören, sollen nach dem Vorschlag des Vorstands verkauft werden. Nur das Wirtschaftsmagazin “Capital” soll der Verlag offenbar behalten – aber künftig von Berlin aus weiterführen.

Mediale Sprechblasen

Nehmen wir mal an, Sie arbeiten bei einer Zeitung, zum Beispiel einer Stuttgarter Sonntagszeitung. Dort droht der Verleger Ihnen und Ihrem Publikum plötzlich mit einer “inhaltlichen” und “organisatorischen” “Neuausrichtung” jenes Blattes, das bisher vor allem als feuilletonistische Beilage auf dem sonntäglichen Frühstückstisch das regionale Wir-Gefühl beschwor. Wenn wir uns das aus dem Verlegerischen ins Deutsche übersetzen, dann meint – ein wenig Medienerfahrung vorausgesetzt – dies Wörtchen “inhaltlich” vor allem, dass die Abteilung ‘Public Relations’ jetzt das Kommando auf der Brücke übernimmt, die “Neuausrichtung” will uns sagen, dass ab jetzt die Interessen des Anzeigenkunden die Interessen des Lesers dominieren, und “organisatorisch” verbrämt, dass die alte Besatzung rausfliegt, die dann sehen kann, wo sie bleibt.

Und genau so kommt es ja jetzt auch, vor allem deshalb, weil der Eigentümer sich beim allzu gierigen Spekulieren wohl die Bandscheibe verhob. Doch – Entschuldigung! – ‘rausfliegen’ heißt das bei dieser SWMH natürlich nicht, es heißt “Modifizierung von Arbeitsverhältnissen“, wie sie auch schon anderswo im Verlag zu besichtigen sind – aber auch hier.

Der Journalismus jedenfalls ist in gewissen Augen schon längst keine Erzähl- und Schreibkunst mehr, sondern ein nervtötender Kostenfaktor im Verleger-Portfolio, den in einer Zeitung nun wirklich nur noch Unbedarfte suchen sollten. Seinen erwünschten Text kann doch der Anzeigenkunde sich selbst viel billiger erstellen. Und Beschwerden von dessen Seite gibt’s dann auch nicht mehr …

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