Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Zeitung (Seite 1 von 2)

Für den Zettelkasten (38)

Was ist eine Zeitung? In erster Linie die Popularisierung des Arschwisches.”
(Jules Goncourt: Tagebücher, I, 432)

Nostalgie

Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich.” H. L. Mencken, Werke II, 215

Eine Million Meinungen

Sind wir Deutschen wirklich ein einig Volk von Masochisten? Auf den Gedanken könnte kommen, wer Tartarenmeldungen wie die folgende liest:

Christoph Keese, ehemals Journalist und nun Cheflobbyist des Axel-Springer-Verlags, schreibt: “Gewerbliche Kopisten (stehlen) oft tausende Artikel auf einmal.”

Demnach gäbe es also Leute, die es zu ihrem ‘Gewerbe’ gemacht hätten, tausendfach banalste Zeitungsartikel zu rippen? Wobei zwischen ‘Kopieren’, ‘Lesen’ und ‘Klauen’ auch noch schlicht Gleichheitszeichen gesetzt werden? Bekloppter geht’s wohl nimmer! Das Problem der Zeitungen, die auch ich ein halbes Stündchen täglich vor dem Monitor konsumiere, besteht darin, dass es längst absolut genügt, einen einzigen Artikel zu lesen, um sie alle zu kennen. Die deutsche Publizistik befolgt das gute alte Alleeprinzip: Rechts ‘ne Pappel, links ‘ne Pappel, in der Mitte druckfrisch der Appel! Und der riecht auch noch komisch …

Nach der Lektüre einer Ausgabe der ‘Süddeutschen’ müsste ich schon zu hartem Stoff wie dem ‘Bayernkurier’ oder dem ‘Neuen Deutschland’ wechseln, um wirklich eine neue und andere Sicht auf die ewiggleichen Tagesmeldungen zu erhalten. Einige Zeitungen – wie die ‘Berliner’ und die ‘FR’ – sind dank ‘Zündikäjschen’ längst wortidentisch geworden. Wer also ‘tausendfach’ und freiwillig solche Artikel konsumiert, der verfügt über einen verdammt starken Magen, und dazu über Nerven wie Drahtseile. Anders ausgedrückt – das, was der Plakatmann unserer Verlegerzunft dort verkündet, ist analytisch schlicht Keese …

In Wahrheit ist es wohl so, dass sich die Individuen von Tageszeitungen und anderen Massenmedien zunehmend emanzipieren. Denn wegen der Anzeigen – einstmals ein echtes Kaufmotiv! – müssen sie keine Tageszeitung mehr erwerben, diese Anzeigen sind (bis auf die Todesanzeigen) längst ins Netz oder in Gratismedien abgewandert. Wozu also Pumpernickel abonnieren?

Wir dürfen ja nicht vergessen, dass die ‘Meinungsmache’ gleichgeschalteter und massenmedialer Zeiten oft auch einer ‘Blendung’ gleichkam. Immer galt es, aus Menschen ein ‘Volk’ oder eine ‘Herde’ zu formen. Die Zeitungen blökten uns vor, was die Besitzer gern hörten. Seit Hugenberg war ein manipulatives Verständnis von Publizistik vorherrschend – es hieß später nur netter, zum Beispiel ‘organisierte’ oder ‘formierte Öffentlichkeit’. Jetzt versagt plötzlich diese Dressur.

Ich kann an der neuen Freiheit des Publikums nichts Schlimmes finden, aber ich bin ja auch kein Verleger. Und wohin es uns führen wird, wenn sich jeder Mensch eine Privatmeinung zulegt, ist bisher weitgehend unerforscht. Das eigentliche Problem der Verleger aber sind die Verleger, vor allem diejenigen mit den kostenlosen Gratisblättchen, in denen außer Beilagen gar nichts Lesenswertes mehr zu finden ist:

„Die Edekas, Aldis und Lidls gehen mehr und mehr mit ihren Anzeigen aus den Tageszeitungen raus und machen lieber Beilagen in Anzeigenblättern“, sagt Tölcke.

Vorwärts geht’s abwärts

Auch wenn das eine oder andere gedruckte Medium gern “Fakten, Fakten, Fakten!” propagiert, bin ich mir trotzdem sicher, dass es immer einige Fakten geben wird, die dort nicht zu finden sind. Zum Beispiel die Ergebnisse der neuesten Allensbach-Studie zum Medienwandel: Unter Akademikern, so steht es da, nutzen inzwischen schon zwei Drittel das Internet als wichtigste Nachrichtenquelle, für viele ist es längst zur einzigen Quelle geworden. In der Gesamtbevölkerung hält sich das Fernsehen noch mit Ach und Krach, während gedruckte Medien chartmäßig in den Sturzflug übergegangen sind. Insgesamt hätte sich der große Medienwandel nochmals erheblich beschleunigt. Sü – und jetzt kommst du, beste Frau Unverzichtbarer-Qualitätsjournalismus!

Aktien haben kein Gewissen

Über die ‘Zeitungskrise’ ist viel und oft geschrieben worden. Ein erneutes Auswalzen des Themas kann ich mir hier schenken. Dass aber die publizistische (Rest-)Qualität vieler Zeitungen in auffälliger Weise von ihrer Struktur abhängt, das wird erheblich weniger diskutiert. Dort, wo die Herausgeberposition stark geblieben ist, genügt die publizistische Qualität auch heute noch halbwegs den Ansprüchen eines Publikums, das sich nicht für dumm verkaufen lassen will. Als Beispiele nenne ich hier ‘Zeit’, ‘FAZ’ oder auch ‘Spiegel’. Dort aber, wo die Verlage sich in Form einer AG der Logik der Börse unterworfen haben, dort kann man den allseits beliebten ‘Qualitätsjournalismus’ rapide dahinsiechen sehen, so wie einst die TBC-Kranken auf dem Balkon des Grand Hotels zu Sankt Moritz.

Dieser Effekt liegt in der Logik der Strukturen. Natürlich sinken derzeit die gewohnten Werbeeinahmen auf breiter Front: Immobilien-, Auto-, Partner-, Stellenmarkt und viele Märkte mehr gingen unwiderruflich ans Internet verloren. In einer Aktiengesellschaft aber liegt die Entscheidungsmacht über Konsequenzen dann allemal bei einer Gruppe anonymer Investoren, die ausschließlich an wirtschaftlichen Kennzahlen interessiert sind, denen mediale und publizistische Gesichtspunkte Hekuba sind.

Sinkt deren Rendite, dann muss auch in ihren Augen natürlich etwas geschehen. In der Logik solcher Geldnasen darf es sich aber niemals um eine Kürzung ihrer Gewinnerwartungen handeln; ein geschäftsführender Vorstand, der dies verträte, wäre seinen Posten innerhalb von Tagen los. Es gilt, einer gewinnfixierten BWL-Logik zufolge, allemal die ‘Ertragsstruktur’ zu verbessern, zum Beispiel durch Entlassungen, durch ‘Syndication’, durch PR-Dienstleistungen, durch ein allgemeines Schneller, Mehr und Flüchtiger im publizistischen Bereich. In der Folge kommt es zur bekannten ‘Boulevardisierung’, zum rudelhaften Hinterherhecheln, zu Zeitungen ohne Gedächtnis, die heute dies und morgen das verkünden, zu einer redaktionellen Linie, die sich strikt am Auf und Ab der Excel-Charts bemisst.

Kurzum: Ich frage mich, ob Aktienrecht und Qualitätsjournalismus überhaupt vereinbar sind? Ob BWL und Öffentlichkeit Arm in Arm gehen können? Die viel bekakelten ‘Gefahren aus dem Internet’ aber sind – strukturell und mit den Augen des lesenden Publikums betrachtet – für den Journalismus doch eher ‘Gefahren aus dem Aktienrecht’ …

Die Zeitung zur Zeit

Wenn Deutschlands Verleger ‘neue Ideen’ umsetzen, dann kommt hinten meist ein ‘Business Punk‘ oder eine ‘Gala for Men‘ dabei heraus, weil sie nicht publizistisch, sondern von der Anzeigenakquise her denken. Gratis und völlig kostenfrei stelle ich hier mal eine ganz andere Geschäftsidee zur Diskussion, die meines Erachtens zwingend Erfolg hätte: Eine neue Tageszeitung – nennt sie ‘Die Republik’ oder wie auch immer – die sich gegen den überbordenden INSM-Mainstream stellt, aber aus einer konsequent bürgerlichen Perspektive heraus. Kein DGB-Programmblatt also, kein altlinkes Refugium.

Nehmt die Gutachten der Wirtschaftsweisen zu Hilfe; entlarvt das Unternehmensberater-Blabla, indem ihr es sprachlich und ökonomisch analysiert; schaut, was aus angeblich so ‘innovativen Geschäftsideen’ nach zwei Jahren wurde; führt Interviews mit Enzensberger oder Heiner Geissler; betrachtet das Rösler’sche Kopfprämien-Gesundheitssystem, in dem ihr vor Ort in die Schweiz reist, wo es ja gerade mit Karacho gegen die Wand rast; kauft euch dafür die besten Schreiber ein – und genießt den unausweichlichen Erfolg, den ein solches Projekt hätte. Der letzte Satz jedes Artikels müsste, um eine redaktionelle Linie in das Projekt zu bringen, gedanklich zwingend lauten: “Im übrigen bin ich der Meinung, dass Tigerentenhausen zerstört werden sollte“.

Erfolg hätte ein solches Projekt deshalb, weil es alle Kriterien der Marktgängigkeit erfüllt: Alleinstellung, Publikumsbedarf und genügend Radau-Potenzial (neudeutsch ‘Awareness’), um zehn publizistische Zirkuszelte mit seinem Weckruf zu füllen. Warum bloß macht es keiner, sind die Verleger alle saturiert …?

Anreißer

Es hätte auch jede andere Regionalzeitung treffen können, der Weser Kurier dient mir nur als Beispiel: Die “Anreißer”, von denen ich rede, das sind jene kleinen Drei- oder Vierzeiler, hinter denen nach einem Klick dann der zugehörige Artikel auf interessierte Online-Leser wartet. Eine nicht ganz unwichtige Textsorte also, sie sollte für die Online-Ausgabe der Zeitung das sein, was der Koberer auf Sankt Pauli für die Tabledance-Bar ist.

Diese vierzeiligen Lockrufe zum tiefer verschachtelten Journalismus im Hintergrund gehen sprachlich oft schief. Vermutlich lassen sie dort gern die Volontäre ran. Hier einfach mal einige Beispiele aus der heutigen Online-Ausgabe – morgen schon sind sie dann alle wieder ‘vanished in thin air‘:

Mein Hund, der hat drei Ecken:
“Die Abwrackprämie hat unterschiedliche Seiten.”

Vergleichsweise harmlos:
“Das Bremer Handwerk ist insgesamt fast dreimal so groß wie das Mercedes-Werk in Sebaldsbrück.”

Stillgestanden!
“Die Kosten für ein Stilles Örtchen im Brilltunnel stehen in der Diskussion.”

Hekuba?
“Der Kuhpol, der in Hude-Wüsting entstehen soll, wird sich vermutlich nicht aus eigenen Mitteln tragen können.”

Dascha beruhigend!
“Zwölf Dioxinweiden an der Ems sind wieder freigegeben.”

Vorläufig höchst anschaulich:
“Das Musicalprojekt „Der schwarze Vogt“ ist ein engagiertes Vorhaben, das am kommenden Wochenende mit drei Vorstellungen im Tagungshaus Bredbeck seinen vorläufigen Höhepunkt erfährt.”

Was ich immer sag’:
“Es hatte schon etwas Sinnbildliches, als am Sonnabend auf der Tennisanlage am Sportpark Xavier Naidoo aus einem Autoradio zu hören war.”

usw. usf.

Wie gesagt – das ist eine zufällige Momentaufnahme, wahllos aufgespießte Beispiele für den Zustand des deutschen Qualitätsjournalismus in der Region …

BBC on Future of Journalism

Zum gefälligen Gebrauch für die Bürger Bloghausens folgt hier ein Link zu einer Studie der BBC über die Zukunft des Journalismus. Vieles von dem, was von deutschen Verlegern gern als ‘Brainfuck’ einer wildgewordenen Bloggerbande abgetan wird, findet sich jetzt dort in Form einiger steiler Thesen, direkt vom Parnass des Journalismus herab. Das Fin de Siècle ist damit gewissermaßen zur altmedialen Hausprophezeiung geworden, die weiße Frau schleicht den eigenen Enkeln hinterher, weil die das verlegerische Erbe verprasst haben. Wirklich umwerfend ist der Artikel zum Ende des ‘Festungsjournalismus’, der bei uns zumeist ‘Gatekeeper-Journalismus’ oder schlicht auch ‘Welt der Massenmedien’ genannt wird.

Wer dieses vielseitige pdf liest, wird jedenfalls nicht dümmer …

Via: Jakblog

Drei-Krisen-Taft

Stuttgart, 12:00 Uhr – die Anzeigenerlöse brechen ein, das neue Design aber sitzt. Heilbronn, 14:30 Uhr – immer mehr junge Leser bleiben dem Kiosk fern, die neue Gestaltung zeigt sich unbeeindruckt. Holzhausen, 20:00 Uhr – die ganze Republik tummelt sich im Internet, die neue Titelseite setzt farbenfrohe Akzente:

Chefredakteur Joachim Dorfs, sein Redaktionsteam und die Berliner Agentur Kircher Burkhardt haben die “Stuttgarter Zeitung” (STZ) einem umfassenden Relaunch unterzogen. … Dieser Schritt soll die “STZ” fit für die Zukunft machen. … Das auffälligste Ergebnis der Verjüngungskur ist ein farbiges Foto auf Seite 1.

Du Schönschreiber!

Ein Schimpfwort war dies unter den Redakteuren in den 90er Jahren. Ein echter Kerl, der ging auf Recherche, er telefonierte herum, nahm an konspirativen Hintergrundgesprächen teil und haute dann seine Story aufs Papier, ohne groß auf die gequälte Orthographie zu achten. Weshalb lange ausformulieren? Und wozu gab es eine Schlussredaktion?

Auch mir pappte dieses Etikett an, sobald ich ungewöhnliche Sprachbilder suchte oder nach einer unerhörten Formulierung fahndete, statt lieber dem neuesten Klinikskandal auf die Schliche zu kommen. Ein Redakteur von echtem Schrot und Korn hatte – nach dem Selbstverständnis solcher Leute – eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben. Markworts ‘Fakten, Fakten, Fakten!’ war zum Credo einer ganzen Journalistengeneration geworden – und der ‘Focus’, dieses Zentralorgan aller Instant-Worte, der große ‘Markterfolg’, der aus dem Nichts heraus sogar dem ‘Spiegel’ Angst machte, der war der angebetete Götze aller Schreiber, die mit dem Konjunktiv auf Kriegsfuß standen.

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