Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Zeit

Von Zeit zu Zeit

Die Zeit ist die größte Entfernung zwischen zwei Orten”, sagt Tennessee Williams. Ein wenig erinnert mich diese Aussage an Heraklits Diktum, wonach kein Mensch zweimal in denselben Fluss steigen kann. Kehren wir an den Ort einer Kindheitserinnerung zurück, dann ist der Ort zwar noch da, doch die Kindheit ist verschwunden. Dazwischen liegt die Zeit.

Natürlich hat Frank Schirrmacher recht, wenn er das Internet als irreversibel bezeichnet, als ein Faktum, gegen das zu kämpfen einer Don-Quichotterie gleichkäme. An der Uhr hat aber trotzdem niemand gedreht, obwohl alle retardierten und überholten Strukturen durch das Netz zunehmend größere Probleme bekommen werden. Gegen das Netz kann man sich längst nicht mehr wehren, man kann es nur mehr oder minder sinnvoll in sein Leben integrieren. Das Netz ist der Hase im Märchen, es ist immer schon da, auch auf dem Zeitstrahl kann es niemand ausbremsen oder überholen.

Die neue, netzgenerierte Zeitebene bildet folgerichtig den Kern des Schirrmacher’schen Philosophierens – es ginge doch gar nicht um Print vs. Online, auch nicht um private vs. öffentlich-rechtliche Medien, es sei die Zeit selbst, die sich verändert habe, die durch das Internet revolutioniert würde, und zwar keineswegs nur durch die immer schnelleren Quantensprünge bei der technologischen Entwicklung:

“Jeder Mensch wird künftig in seinem persönlichen Leben mindestens so viele verschiedene Zeitzonen haben, wie es sie heute auf dem Erdball gibt. Irgendwo in seinem Leben wird es sechs Stunden früher sein – nämlich dort, wo er die Facebook News der letzten Stunden liest; irgendwo sechs Stunden später, dort, wo er sich mit Googles „predictive search“ die Gegenwart berechnen lässt (wie wird das Konzert, wann muss ich losfahren, was will ich suchen?), die zum Zeitpunkt der Suche noch Zukunft ist. … Die Überforderung durch digitale Technologien ist im Wesentlichen der Konflikt zwischen verschiedenen, in Konflikt stehenden Zeitebenen.”

Da ist etwas dran – zugleich ist so auch nichts daran. Einerseits fühle ich mich – wie ich im Vorläufertext ausführte – vom Internet keineswegs überfordert, auch nicht durch den Temporärspagat, der mich an verschiedene Zeitzonen anpasst. Jeder Frankfurter Bankmanager musste dies früher auch schon tun, dann, wenn er den Kollegen in New York anrufen wollte, und zwar lange vor Beginn jeder Digitalisierung. Natürlich kann ich heute Fernsehsendungen zeitversetzt sehen, was aber dann doch eher einer ‘Entformatierung der Zeit’ gleichkäme. Die Zeitpunkte gewünschter Information sind liquide geworden, es gibt keine Ankerpunkte im Tagesablauf mehr, so wie dies einstmals der Tagesschau-Termin um 20:15 Uhr war. Man könnte aber auch von einer Befreiung von Zeitzwängen sprechen, statt zur Alarmtrompete zu greifen.

Etwas anderes ist sehr viel wesentlicher: Derzeit dynamisiert, multipliziert und beschleunigt sich das Informationsgeschehen ins Ungeheure, in den alten wie in den neuen Medien. Die müde Sau, die einst durchs mediale Dorf getrieben wurde, ist zu einer Schweineherde auf Speed geworden – und trotzdem (oder deshalb) geht nichts mehr wirklich voran. Paul Virilio hat einmal vom “rasenden Stillstand” gesprochen. Die Welt gleicht einem verrückt gewordenen Flipper-Tisch: Bunte Ereignisse und Events wohin man blickt – bis uns nichts mehr wirklich wichtig ist, weil wir zu recht oder unrecht in dem unaufhörlichen Geflacker keinen Sinn mehr erblicken. Medien verschlingen unsere Zeit, sie gelten als blankes Amüsemäng, sie wirken als Mittel gegen die Langeweile, sie sind aber keine Konsensmaschinen mehr. Sie formieren uns nicht, auch tangiert uns nichts mehr – dank eines unaufhörlichen medialen Dopings, das in immer kürzeren Zeitabständen nach einem neuen Schuss verlangt – von Gott-weiß-was angetrieben.

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Zeitnahme

Mein Leben lang habe ich nur Uhren ohne Sekundenzeiger besessen. Was soll der Quatsch? Zu keinem Termin dieser Welt muss ich auf die Sekunde genau eintreffen. Moderne ‘Chronometer’ aber zeigen mir nicht nur die Sekunden an, sondern zum Beispiel sogar den Termin des Sonnenaufgangs in Nairobi oder den Börsenbeginn in New York.

Auch eine ‘Zwiebel’ besitze ich, eine Taschenuhr aus grauer Familienvergangenheit. Die versteckt ihre profane Funktion hinter einem dicken gravierten Deckel aus Nickel oder Zinn. Ein Klapp, und das ängstliche Schielen hört auf, eine Zeitnahme war damals dann gar nicht mehr ohne Umstände und langes Gefummel in der Westentasche möglich. Diese Uhr kennt ebenfalls keine Sekunden, dafür aber die Mondphasen für glückliche Hochzeitstermine, für die Aussaat usw. Wenn ich dieses mechanische Wunderwerk aufziehe, läuft sie immer noch, mit einem lauten Ticktack, das mich an das Wesentliche der Zeit erinnert: Dass unsere Zeit nämlich unaufhörlich abläuft, wie in einer Sanduhr auch.

Früher wurden Uhren mit einem Haufen von Ornamenten und Symbolik befrachtet, bis ihre mechanische Funktion hinter dem Spielwerk verschwand. In einem Schloss betrachtete ich vor einigen Jahren eine Uhr aus dem 17. oder 18. Jahrhundert, die in einem echten Totenkopf versteckt war. Der hohle Schädel umfasste das Räderwerk, das Zifferblatt erschien im Halbdunkel zwischen den beinernen Kiefern. Was aber schreiben wir wohl schon bald auf unsere Grabsteine: “Benjamin Broker, gest. 11. 11. 2011, 12:45:34 Uhr MEZ”? Ich meine, wo bleiben da Pietät und Zehntelsekunden?

Wir berauben uns in unserem Wahn der Zeit, überhaupt noch Zeit zu haben …

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