Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Wolfgang Bok

Hättest du geschwiegen …

Mein Lieblings-Intelligenzler im geradezu alpinen Feuilleton-Gebirge deutscher Hochkultur, der Wolfgang Bok also, schrieb uns im ‘Cicero’, diesem ebenso avantgardistischen wie frechen Magazin für gehobene Ansprüche, folgendes aufs Brötchen:

“In seinen „Moralischen Schriften“ listet Umberto Eco insgesamt 14 Merkmale des Faschismus auf, die weitgehend auf Putins Herrschaftsgebaren zutreffen … Der Faschismus lebe, so der italienische Literat („Momo“) und Philosoph, „von der Obsession, die anderen hätten sich gegen ihn verschworen“.

Auch Johann Wolfgang von Goethe schrieb bereits in einem seiner Hauptwerke (“Durchs wilde Kurdistan”): “Wenn einer, der mit Mühe kaum gekrochen ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär’, so irrt sich der”.

Schlimm ist das!

Wer am (vom Menschen gemachten) Klimawandel zweifelt, ist ein „Klimaleugner“. Wer die Zuwanderung in die Sozialsysteme begrenzen will, ist ein „Rechtspopulist“. Wer das Euro-System für eine Fehlkonstruktion hält, ist ein „Europagegner“. Und wer Schwule und Lesben nicht bis in den letzten gesellschaftlichen Winkel mit Heterosexuellen gleichstellen will, wird als „homophob“ in die Ecke des Antiliberalen gestellt.”

Und wer die ‘rosa Winkel’ im KZ damals leugnet, würde wohl immer gleich als ein “Nazi” diskriminiert? Nee, nee, nee – wo soll dieser Meinungsterror die Liberalität bloß noch hinführen? Näheres zu Wolfgang Bok hat übrigens dieser Text zu bieten. Wuschwuschwusch, und schon ist alles, was dem Herrn nicht ins Weltbild passt – und das ist so einiges -, nur noch blanker ‘Sozialismus’.

Der Wolf jagt die Meute

Da kam unserem Wolfgang Bok ganz unversehens die FDP abhanden – und was schreibt er in den ‘Cicero’? Die Versager – tätä! – seien doch ganz andere gewesen:

“Die grüne Journaille hat versagt.”

Man fragt sich ja, wer das bitteschön sein soll? Eine ‘grüne Journaille’ mitten im schwarzen Deutschland, vermutlich ja aus dieser Bok-Marguier-Poschardt-Seibel-Siems-Steingart-Dönch-Fleischhauer-und-so-weiter-Medien-Mafia, die diesmal bis zur Schließung der Wahllokale faktisch die Grünen jagte. Die Wacheren unter uns erinnern sich noch … wenn das Wort ‘Niederschreiben’ je einen Sinn machte, dann im Vorfeld der Bundestagswahl. Und das – soso! – wäre also die ‘grüne Journaille’ gewesen, die sich dort selbst versenkte?

Dass der Wolf dann noch die FDP und die AfD, die bekanntlich beide nicht im Bundestag vertreten sind, zu einer ebenso virtuellen wie ideellen Mehrheit auf seinem Taschenrechner zusammendaddelt, was vermutlich dann irgendein Gebilde ‘rechts vom Konservatismus’ und von Merkel wäre, wenn’s so etwas Krankes denn gäbe, das verwundert in seiner zuordnungstüddeligen Wirrsal mich doch bis zum Hirnschmerz. Vor allem, weil die untergegangene FDP selbst als ‘Partei der Mitte’ keinesfalls mit den Giddels von der AfD in einen Topf geworfen werden möchte. Aber das macht ja nichts, beim Wolf, unserer meinungsfrohen Laokoonfigur im Kuddelmuddel neuerer Wahlergebnisse, bei dem kommt heuer alles in die Wurst …

Was faktisch hingegen feststeht, ist folgendes: Im Bundestag gibt es nach der Wahl eine ‘linke Mehrheit’ von vier Stimmen, der es aber so ergeht, wie den zwei Königskindern – aus nicht vom Wähler zu vertretenden Gründen. Wer das bestreitet, kann nicht zählen und leidet unter Hirnflöten – um mich mal höflich auszudrücken.

Mut zu Lucke

Der deutsche Journalismus baut gern fern störender Fakten. Ein neues Beispiel findet sich im ‘Cicero’. Bekanntlich wurde der Professor Bernd Lucke bei einem Wahlkampfauftritt ‘fremdgeschubst’. Zwei Männer waren auf die Waldbühne im Bremer Bürgerpark gesprungen, der eine von ihnen brüllte ‘Scheiß-Nazi!’ und stieß den Herrn Professor zweimal an der Schulter, bis der von der Bühne hoppste. Dann rannten die beiden davon. Zu besichtigen ist diese grauenhafte Gewalttat hier.

Prompt – zur angemessenen publizistischen Verwurstung – erhält Wolfgang Bok seinen Auftritt, früher mal bei Scholz & Friends, heute ein zupackender freier Journalist, immer zur Stelle, wo’s um den Uppercut eines geborenen Rechtsauslegers geht. Der ‘Cicero’ forderte genau dies von ihm jetzt ein – und Bok lieferte. Slimm, gaaanz slimm geht’s demnach zu in Deutschland:

“Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) [lässt sich] trefflich in die rechte Ecke stellen. Und wer dort verortet wird, ist im politischen Diskurs vogelfrei. In Bremen wird deren Vorsitzender Bernd Lucke auf offener Bühne von einer Horde „vermummter Gestalten“ angegriffen. In Göttingen muss die junge Partei um Polizeischutz bitten, um sich vor Angreifern „aus der linken Szene“ zu erwehren. Auch in anderen Städten beklagt sie „massive Pöbeleien und Sachbeschädigungen“.

Nun ja, dies ist wohl die erste ‘dschunge Partei’, die vor allem graumelierte Rentner anzieht, die nach ihrer D-Mark greinen (vgl. Video). Der Text jedenfalls siedelt – zieht man das Bildmaterial zu Rate – eher in Maximaldistanz zur Wahrheit, wobei man dem Wölfchen zugute halten mag, dass der Polizeibericht auch nicht viel besser ist als das journalistische Elaborat. Förmlich demontiert wird das Wahngebilde hier – und zwar Bild für Bild, Sekunde für Sekunde, und stets absolut lesenswert. Man fragt sich schon, weshalb der Journalismus so etwas Gutes nicht mehr auf die Reihe bekommt. Es gab nämlich gar keine ‘Horde’, die beiden Männer waren auch nicht ‘vermummt’, niemand sprühte dort mit Reizgas – allenfalls tat dies eine aufgescheuchte Polizei kurz darauf. Kurzum, ein chaotischer Ablauf voll frei flatternder ‘Enten’, der aber so ähnlich, wie er im zutiefst widersprüchlichen Polizeibericht dann stand, von jeder besseren Postille abgedruckt wurde. Mich jedenfalls erinnerte das Ereignis eher an Laiendarsteller, die mal böse Linksextremisten spielen sollten. Die Polizei räumt inzwischen ein, dass sie nichts weiß, zumindest nichts Genaues, redet aber noch immer von drei ‘Angreifern’, wo doch nur zwei zu sehen waren:

“Die Polizei nahm zunächst drei Angreifer im Alter von 22, 25 und 27 Jahren fest, setzte sie später aber wieder auf freien Fuß. Es habe keine Haftgründe gegeben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wie viele Störer insgesamt bei der Kundgebung waren, sei noch unklar. Ob die drei Verdächtigen der linksextremen Szene zuzurechnen sind, wollte der Sprecher nicht sagen.”

Tscha, keine Haftgründe, keine Ahnung … ähnlich grauwertig ist die Lage in Göttingen, dem zweiten Beispiel, das Bok anzuführen weiß. In diesem Hort des Bösen regiere ja angeblich seit Wochen der Terror. Bei näherer Betrachtung scheint es mir jedoch so, dass dort ein AfD-Funktionär penetrant und laut ‘Mimimi’ macht, dass er was von Brandstiftern schwadroniert und damit die Polizei unnötigerweise in Atem hält. Die Vorgänge dort haben schon Max-Frisch’sches Format:

“In der Nacht vom 9. auf den 10. August rief das AfD-Mitglied Lennard Rudolph die Polizei. … Die Polizei durchsuchte das Gelände. … Rudolph erstattete Anzeige gegen Unbekannt wegen Hausfriedensbruch. … Die Polizei wunderte sich, dass Rudolph den Beamten in der Nacht nichts davon gesagt hatte. … Rudolph berichtete den Polizisten nun von „Benzingeruch“, den er wahrgenommen habe. …”

Bei dieser Sachlage hätte meine durchaus begründbare Arbeitshypothese zunächst einmal ‘Willi Wichtig auf Paranoia’ gelautet. Der deutsche Journalismus aber – hier mit der dankenswerten Ausnahme der FAZ – schreibt derweil fröhlich und unisono von “Attentaten” auf die AfD und von einem unerträglichen Terror der autonomen Szene im verruchten Göttingen. Kurzum – wir erleben mitten im Wahlkampf ein Publizistikversagen auf breiter Front. Und unser Wölfchen bellt mit Lucke im gleichen Chor:

“Der Presse teilte [Lucke] später dann mit, der Überfall sei eine „unerträgliche Störung des demokratischen Wettbewerbs“ und ereiferte sich, von „Schlägertruppen wie seinerzeit in der Weimarer Republik“ zu sprechen.

Jaja, diese armen Verfolgten von der AfD, die so recht gar keiner mehr wahrgenommen hat. Und jetzt sitzt ihnen – wie in der Weimarer Republik – die linke SA auf den Hacken, weil sie ja eigentlich gar nicht rechts sind … oder so ähnlich jedenfalls. In Bayern haben sie einem sogar den Arm ausgekugelt! Wie isses denn nur möglich! Beim ‘Focus’ wurden derweil aus jenen Behauptungen der AfD, denen die Polizei widerspricht, längst Fakten gemacht:

‘Vorstandsmitglieder wurden telefonisch bedroht. Beispiele: „Wenn du bei der AfD bleibst, werden wir dein Kind morgens zur Schule begleiten“ oder „Wenn du weitermachst, dann werden wir dich kaltmachen“. Das Wohnhaus eines Kreisvorstandsmitglieds wurde mit Benzin übergossen.’

Wahrlich, das muss ein autonomer Goliath gewesen sein, der ein ganzes Wohnhaus ‘übergießt’. In manchen deutschen Redaktionen riecht es längst auch nach Benzin. Alle erwähnten Recherchen zum Ablauf des Geschehens fanden übrigens mal wieder im Internet statt … wie in jüngster Zeit immer öfter.

Disclaimer: Ich persönlich hätte übrigens nichts gegen einen Einzug der AfD in den Bundestag einzuwenden. Da bin ich mir mit Helmut Markwort ausnahmsweise mal einig. Weil eine sechste Partei die Fortsetzung des schwarzgelben Elends am wirksamsten verhindern würde, und weil die AfD auch – ähnlich wie die Linke – in jeder denkbaren Konstellation als Koalitionspartner ein ideologischer Totalausfall wäre.

Wo lebt der?

Die „Generation Greenpeace, Gender, Gerechtigkeit“ sperrt sich gegen journalistische Pluralität.”

Wie schön wäre es, mehr ‘Gerechte’ statt ‘Rechte’ säßen auf Chefredakteurssesseln! Dass er sich mit seinem Artikel gerade selbst ad absurdum führt, merkt dieser Wolfgang Bok dabei noch nicht einmal. Artikel gegen eine angebliche ‘gutmenschliche Meinungshoheit’ gibt’s wie Sand in der Wüste. Erwähnt seien, angesichts dieses Hirnflötens, bloß mal: Ulf Poschardt, Gabor Steingart, Alan Posener, Andrea Seibel, Dorothea Siems, Frank Schirrmacher, Jan Fleischhauer, Malte Lehming, Jennifer Nathalie Pyka, Henryk M. Broder, Jasper von Altenbockum, Michael Naumann, Alexander Marguier, Matthias Matussek, Kai Diekmann, Roger Köppel – von kleineren Kalibern bei den Zuarbeitern und Provinzzeitungen gar nicht zu reden. Nahezu alle relevanten Posten sind hierzulande mit beinharten Hayekisten, Marktradikalen oder sonstwie Empathiebefreiten besetzt. Nicht nur deshalb sieht es in diesem Land so aus, wie es aussieht.

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