Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Wissenschaftsjournalismus

Slow-Science

Dass von einem Manfred Spitzer, der seit Jahren auf dem ominösen ‘Neuro-Ticket’ reist, nichts Seriöses zu erwarten ist, lässt sich für den Kundigen regelmäßig voraussehen. Da aber der Mann so schön headline-tauglich formuliert, drucken alle Medien das kulturpessimistische Ratatouille unseres ‘Schirrmachers für Arme’ zunächst gern und häufig ab – zuletzt sein Wirrsal von der ‘digitalen Demenz’.

Bis zur Widerlegung von Spitzers Thesen durch die Wissenschaft dauert es in der Regel längere Zeit, weil man dort Labors, Versuchsreihen und Blindstudien statt bloß eines Verlags benötigt, um seriös zu arbeiten. So kommt es, dass unser Science-Rastelli immer schon die nächste Welle surft, dass er längst einige Ecken weiter das Beinchen hebt, während seine alte, abgelegte These, wenn die Wissenschaft sie ein für allemal widerlegt, längst nach saurem Kohl zu duften begann, und kein Medium das abgestandene Zeug mehr drucken mag:

„Die alarmistischen Thesen von Spitzer und Co. haben wenig mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun“

Journalismus + Wissenschaft

Die Berichterstattung in den Boulevard-Medien habe Mitarbeiter seines Teams zur Verzweiflung gebracht.”

Man könnte auch von einem Unverhältnis sprechen. Heute hat die Wissenschaft jene Ergebnisse zu liefern, die den Medien ihre Auflage und das Überleben garantieren, sonst taugt die Wissenschaft wissenschaftsjournalistisch gesehen nichts und kommt auch nicht ins Blatt. Zumindest, seitdem der Dieter E. Zimmer kaum noch was schreibt. Immerhin konnte der Mann noch trockenes Knäckebrot in Schwarzwälder Kirschtorte verwandeln. Bei den Heutigen kommt nur ein bunt behängtes Vorurteil dabei heraus, was publizistisch bekanntlich darauf hinausläuft, dass das Publikum als ‘Wissenschaft’ nur noch das rezipiert, was es eh schon zu wissen meinte. Auch der Stephen Jay Gould ist längst tot …

Über Wissenschaftsjournalismus

Im besten Fall begnügen sich die Journalist/innen und Redakteur/innen damit, minimal umgeschriebene Presseerklärungen von Universitäten oder Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Die Originalstudie(n), über die dort berichtet wird, lesen sie selten bis nie, und sie sprechen im Normalfall weder persönlich mit den Wissenschaftler/innen, über deren Ergebnisse sie berichten, noch fragen sie bei unabhängigen Expert/innen nach. Im schlimmsten Fall versuchen sie, eigenständig Vereinfachungen vorzunehmen (was schnell zu Verzerrungen und inhaltlichen Fehlern führt), Hintergrundinformationen hinzuzufügen (die häufig falsch oder irrelevant sind), oder sie sprechen mit zufällig ausgewählten Forscher/innen, die von der Materie keine Ahnung haben (was dazu führen kann, dass unstrittige Ergebnisse als umstritten präsentiert werden). Und im allerschlimmsten Fall schreiben sie einfach eine Pressemeldung ab, die ihrerseits nicht etwa auf einer wissenschaftlichen Studie beruht, sondern auf einem Artikel in der Boulevardpresse.

So viel für heute zur Auffassung der Wissenschaft vom Wissenschaftsjournalismus. Schon seltsam, dass wir darüber nichts in den Zeitungen lesen …

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