If your memory serves you well ...

Schlagwort: Wirtschaftswoche

Aparte Definitionen

Liberalismus, das heißt Mut und Mut zur Wahrheit, die man nach besten Wissen und Gewissen sucht, wohl wissend, dass man sie nie ganz und schon gar nicht ganz objektiv finden wird.”

Tscha, nicht der Hauch einer definitorischen Ahnung, zum Beispiel, dass politische Ideologien auf gesellschaftlichen Interessen aufzusetzen pflegen: Also wer ist weshalb in diesem Land ‘liberal’? In ihrem begrifflichen Wünsch-dir-was-Paradies wären auch die folgenden betschwesterlichen Häkeleien nicht ganz von der Hand zu weisen:

“Christlicher Geist, das heißt Mut und Mut zur Wahrheit, die man nach besten Wissen und Gewissen sucht, wohl wissend, dass man sie nie ganz und schon gar nicht ganz objektiv finden wird.”

“Linkes Denken heute, das heißt Mut und Mut zur Wahrheit, die man nach besten Wissen und Gewissen sucht, wohl wissend, dass man sie nie ganz und schon gar nicht ganz objektiv finden wird.”

“Unternehmerische Verantwortung, das heißt Mut und Mut zur Wahrheit, die man nach besten Wissen und Gewissen sucht, wohl wissend, dass man sie nie ganz und schon gar nicht ganz objektiv finden wird.”

Und dank solcher Sprechblasen darf man (also frau) sich dann “zu den 500 wichtigsten Intellektuellen Deutschlands” zählen. Richtig so! Wir brauchen endlich mehr von solchem ‘Mut zur denkerischen Freiheit’, um – widdewiddewitt! – endlich einzusehen: Dies Land ist personell arm dran. Besonders im Oberstübchen …

Egoismus macht doof!

In der Mitteilung der Staatsanwaltschaft heißt es: “Die betrügerisch erlangten bzw. veruntreuten Anlagegelder sollen hauptsächlich für den extrem aufwändigen und exzessiven Lebensstil der Beschuldigten (…) verwendet worden sein.”

Betrachten wir ergänzend die Fotos dort, dann fragt sich prompt jeder halbwegs vernünftige Mensch, welchen Limbo der IQ eines Vermögenden wohl aufs Parkett legen muss, bevor er solchen gegelten Party-Löwen sein Geld anvertraut. Und welcher Unfall alle Menschenkenntnis außer Gefecht gesetzt hat …

Also kein Mitleid – weder mit den einen, noch mit den anderen. Egoismus bleibt die Ideologie derjenigen, die da meinen, es wäre jeden Tag Silvester. Und wenn uns Neoliberalismus und ‘Rand Corp. 2.0’ zu ‘Egos’ machen könnten, so wie es Frank Schirrmacher glaubt, dann zögen wir alle in einen riesengroßen Kindergarten, bis die Blase platzt oder – treffender – bis der Schneeball in der Sonne schmilzt …

Nuancen

Unsere treudeutsche ‘Wirtschaftswoche’ mag so etwas von ihrer FDP gar nicht glauben und greift grammatisch zum Putativ: “Der Bericht soll frisiert worden sein.”

Der FAZ ‘offenbart’ sich auch kein Handlungsbedarf – schon gar kein Skandal, ‘bloß wegen so’n büschen Redigieren’: “Vor der Veröffentlichung sind offenbar einige Sätze geändert worden.”

Der ‘Spiegel’ sieht dagegen überall nur noch Löcher im Käse: “Kritische Sätze fehlen, Hinweise auf unbequeme Fakten sind verschwunden

Das ‘Handelsblatt’ zieht sich auf rhetorische Fragen und auf Fiepsi Rösler zurück, und konstatiert einen erwünschten Wandel vom ‘Armutsbericht’ zum ‘Wohlstandsreport’: “Wurde der Armutsbericht der Bundesregierung geschönt? Nein, sagt Philipp Rösler.

Der ‘Stern’ denkt an den Mann auf der Straße und verfällt ins Umgangssprachliche: “Gerechtigkeitslücke? Hamm wa nich. Jedenfalls entfiel ein entsprechender Satz im Armutsbericht der Bundesregierung.

Die ‘Süddeutsche’ zielt mit den echauffierten Sozialverbänden prompt auf die Falsche, denn die Schönfärber saßen bekanntlich im FDP-Wirtschaftsministerium, diesem Taka-Tuka-Land liberaler Utopisten: “Sozialverband warnt von der Leyen vor Zensur.”

Die ‘Welt’ hingegen weiß als einziges Qualitätsmedium von revolutionären Umtrieben zu berichten, die der weiße Ritter Fiepsi Rösler mit Fug bekämpft hätte: “Passagen, die den Eindruck von “sozialen Unruhen” erweckten, seien zu Recht gestrichen worden.

Die ‘Zeit’ ist eher etepetete und mag sich die Finger nicht schmutzig machen; sie zitiert vorwiegend Zitate anderer Leute: “Die Süddeutsche Zeitung zitiert den FDP-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der Bericht habe nicht “der Meinung der Bundesregierung” entsprochen.”

Nur auf ‘Twitter’ geht unter dem Hashtag #armutsbericht so volksnah zu, wie es unsere Realitätsverleugner in den Ministerien verdient haben.

So gemein ist eben nur das Internet – so fies ist nur der Medienwandel – und ‘abgehoben’ ist für das, was unsere Medien größtenteils schreiben, gar kein passender Ausdruck mehr. Aber gut, sie fahren dahin …

Syndication – und die Folgen

Die stolze falsche Exklusivmeldung steht jetzt noch vergessen im Online-Auftritt des Schwesterblattes »Wirtschaftswoche« herum, das Meldungen des »Handelsblattes« vermutlich als Teil einer Qualitätsoffensive aufträgt.

Hihi, diese Metapher des Herrn Niggemeier sitzt einfach – sie kleidet auch die zweite Garnitur dieser verlegt verlogenen verlegenen verlegerischen Kinderschar in den publizistischen Einheits-Look.

Leben Zombies länger?

Klusmann: „Noch ist die ,FTD’ im Kern eine Zeitung. Ich will die Marke aber auf den Tag vorbereiten, an dem dieses Szenario über die Zeitung hereinbricht.“

Es wäre ja auch erstaunlich gewesen, wenn Deutschlands ‘beste Wirtschaftszeitung’ ausgerechnet in der Wirtschaft Erfolg gehabt hätte. BWL ist kein bildungsförderliches Studium, folglich greifen die Absolventen dort auch lieber zum Wirtschafts-Focus oder zur Economy-Praline, also zu leichtverdaulicher Sushi-Kost wie ‘Manager-Magazin’ oder ‘Wirtschaftswoche’: “Elektroautos spielen in den Dienstwagenflotten der deutschen Konzerne keine Rolle.” Börps! – wer hätte das nun wieder gedacht? Ohne die gebotene ‘qualitätsjournalistische Recherchetiefe’ kommt da niemand drauf …

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