If your memory serves you well ...

Schlagwort: Werbung (Seite 1 von 3)

Marketeere des Journalismus

Wer Apple heißt, der muss sich um sein Marketing keine Gedanken mehr machen. Das übernimmt willig eine dienstbereite Presse:

“Star aus Cupertino: Was die Apple Watch wirklich kann.”
“Warum mit der Apple Watch eine neue Zeitrechnung begonnen hat.”
“Apple Watch: Tim Cook beschwört die alten Zeiten.”
“Apple Watch Event: Uhrsache und Wirkung.”
“Apple Watch ausprobiert: Revolution am Handgelenk.”
“Tim Cook erschafft mit Apple ein neues Ökosystem.”

Und so weiter, und so fort – klingelingeling, so geht mein Laden. Die armen Werbetexter, sie sind im Journalismus 2.0 der überflüssigste Berufsstand der Welt …

Wenn Werbung schadet

Der US-Internetkonzern Yahoo hat eingeräumt, dass über seine Webseiten in Europa Schadsoftware verbreitet wurde. Ein Sprecher des Unternehmens erklärte, auf den europäischen Yahoo-Seiten seien am Freitag Anzeigen erschienen, über die sogenannte Malware verbreitet worden sei. … Yahoo versicherte, die Schadprogramme seien rasch entfernt worden.”

Es betraf ja auch nur 300.000 Nutzer in jeder einzelnen Stunde. Und dann zetern sie, wenn auf der Gegenseite Adblocker zum Einsatz kommen, und die lustigen Cookies, das bunte Java-Script und all das andere Blinkyblinky ausgesperrt bleiben. Schon wundern sie sich, wenn die Leute ‘Yahoo!’ statt als Jubelschrei eher als eine Quarantänewarnung betrachten. Sollte ein funktionierendes Geschäftsmodell nicht darauf beruhen, dass der potentielle Käufer nicht gleich der Gelackmeierte ist? Und sollten Anzeigenkunden bloß deshalb schon mit einem Handkuss begrüßt werden, weil sie einem darbenden Portal ein paar ‘lousy pennies’ bezahlen? Aber vielleicht war es ja auch nur NSA-Werbung …

Werber sagen leise Servus

Ein Freund ließ mir die jüngste Ausgabe des ‘Spiegel’ da (Nr. 1 / 30.12.2013). Von der Seite 70 bis zur Seite 135 finden sich darin ganze neun Seiten an gedruckter Werbung. Bei diesen Anzeigen handelt es sich ausschließlich um Werbung für Produkte aus dem Hause ‘Spiegel’, um Eigenanzeigen also. Anders ausgedrückt: Auf diesen 65 Seiten gibt es nicht eine einzige Seite ‘Paid Content’.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, da wurde nahezu jede dritte Seite im ‘Spiegel’ von zahlenden Werbekunden gebucht.

Koksgeschwurbel

Wenn die Vorstellung schlingert und die Synapsen schreien, dann wird’s wohl ein Werber gewesen sein. Aus einer Ihmätschbroschüre:

„Unsere Kunden können sicher sein, dass sie stets ein besonderes Produkt für ihre besonderen Anforderungen erhalten. Oft sogar mehr, aber niemals weniger.“

Mehr als ‚besonders‘? Vielleicht gar ein noch ‚besondereres Produkt‘ für die ‚besondertsten Anforderungen‘ beim werten Kunden? Schon sonderbar …

Danke, es geht!

Unter dem Titel “Apropos Adblocker: (Wie lange) geht’s noch?” hat der Frank Patalong vom ‘Spiegel’ die Netzgemeinde angepinkelt, weil diese es doch tatsächlich wage, immer mehr AdBlocker zu verwenden. Am Ende gar das teuflische ‘Ghostery’, um endlich das allgegenwärtige Koofmich-Gedudel und Spurenschnüffeln im Netz abzustellen – so, wie auch der Schlachterladen den Hund mit dem Schild ‘Wir müssen leider draußen bleiben!‘ von seinen Wurstwaren fern hält.

Gut, wir wissen seit Patalongs unfreiwilliger Blog-Satire, dass mal wieder die knauserigen Leser Schuld sind, wenn die großen Verlage untergehen, auch, dass schon 25 % der Leser beim ‘Spiegel’ auf einen Adblocker vertrauen. Es mag ferner sein, dass diese Artikel gar nicht mir gehören. Aber gerade deshalb bleibt der Tracker jener VG Wort, die für die Portemonnaies von Autoren zuständig ist, unter ‘Ghostery’ bei mir ja auch betriebsbereit. Es ist ja nicht so, dass Abwehrmaßnahmen unterschiedslos alles abschmettern müssen.

Immerhin aber gehört mir der Rechner, an dem ich sitze, nur ich bezahle für das nutzlose Datenvolumen, das mir die vereinigten Werbe-Stalker durch die Leitung drücken, vor allem aber gehören mir jene Daten über mein Surf-Verhalten, die nicht nur Zuckerbergs Fratzenbuch so gern vermarkten würde: Dieses Abwehrverhalten aber sei eine “unglaublich kurzsichtige, die Realitäten ignorierende Argumentation”, schreibt Patalong. Denn darum ginge es ja gar nicht, weder um mich noch um meine Autonomie, es ginge um das Überleben der Verlagshäuser. Ohne diese ‘Realität’ gäbe es bald gar kein leckeres Lesefutter beim ‘Spiegel’ mit seinen immerhin 25 % Jahresrendite mehr. Es folgt noch einiges an weiterem Mimimi …

Worum es ‘in der Realität’ wirklich geht, das verraten uns dann eher die Homepages der Tracker-Bastler. Bei ‘Optimizely’, einer der allgegenwärtigsten unter allen Privatdetekteien im Netz, heißt es bspw.:

“[It was our goal] to create a world-class optimization platform that was easy to use in an effort to provide a platform for businesses to be able to conceive and run experiments that helped them make better data-driven decisions.”

Es geht also vor allem um ‘Business’, um Experimente am Leser, der damit im Netz zur Laborratte mutiert, dessen Verhalten in den Experimenten der Marketing-Versuchsleiter analysiert werden soll: Behaviorism reloaded. Entspricht das etwa meinem Selbstbild? Nö, nicht wirklich … und deswegen huste ich denen was.

Auch die Verlage nutzen natürlich diese Daten, um ihre Texte immer ‘leserfreundlicher’, d. h. ‘wirtschaftsfreundlicher’ zu gestalten. Eine Headline, die viele Klicks generiert, wäre natürlicherweise dann auch ‘gut’. Und wohl auch deshalb finden wir plötzlich Jolies fehlende Brüste auf den Frontpages aller Medien. Der Niedergang eines verlagsseitig täglich hochgerühmten ‘Qualitätsjournalismus’ findet (unter anderem) dank dieser allgegenwärtigen Verwanzung des Netzes statt. Die Verlage veranstalten dabei einen Klick-Limbo, so, als würde ein Schiff dann nicht sinken können, wenn es besonders tief und ‘zugangsfreundlich’ im Wasser liegt. Wer aber die Ventile aufdreht, der darf sich über die steigende Marketing-Brühe im Rumpf nicht wundern.

Vermutlich gäbe es auch eine Lösung für das Problem: Kein Werbetreibender, der seine fünf Sinne beisammen hat, darf bspw. für Güter des gehobenen Bedarfs die Seiten des ‘Spiegel’ ignorieren. Statt weiterhin auf Masse zu setzen, statt nur hilflos den ‘Tausenderkontaktpreis’ immer weiter abschmieren zu lassen, könnte ein solcher Verlag doch ganz arrogant nur eine einzige redaktionell eingebettete ‘Premium-Anzeige’ je Artikel zulassen. Die ‘dann auch was kostet’. Schließlich sind sie der ‘Spiegel’ – dort muss man sich doch gar nicht ‘drücken’ lassen. Dazu allerdings müssten sie zunächst einmal wieder zum ‘Spiegel’ werden, auf dem Weg dorthin einiges an boulevardesken Allotria über Bord werfen.

Eine solche Anzeige wäre also richtig viel Geld wert. Auch der Profit der Werbeagenturen bliebe außen vor, die Gewinne aus der ‘Gestaltung’ flössen zu den Verlagshäusern. Die Sache mit der Kreativität in Agenturen wird eh überschätzt – weiße Nasenringe machen noch kein Genie. Eine solch kleine ‘eingebettete’ Anzeige dürfte dann auch gerne ein dezentes Klickfeld tragen, was den kleinen Angestellten auf jene Kampagnenseite weiterlotst, wo ihm verklickert wird, weshalb er mit einem edlen Gucci-Hemd, trotz ansonsten nachgewiesener Blödheit, todsicher in die Teppichetagen aufsteigen könne. Falls er solche Märchen glaubt …

Derartige Ansätze erscheinen mir sinnvoller, als weiterhin zuzulassen, dass irgendwelche Marketing-Dackel mit Hilfe von Tracker-Software ganz KGB-mäßig ihre potenziellen Kunden ausspionieren. Denn die reagieren darauf zunehmend vergrätzt. Und zwar umso mehr, je weiter es sich herumspricht, dass eine Abwehr problemlos möglich ist. Für Verlage hat die Welt nun mal aus ‘Lesern’ zu bestehen, nicht aus ‘Konsumenten’. Überschreiten sie diese Zonengrenze, dann haben sie den ‘Publicistic Sector’ verlassen …

Eine gute Antwort auf Frank Patalong findet sich übrigens bei Felix Schwenzel, der mehr auf die technischen Details eingeht und sogar für eine Ausweitung des ‘theatre of war’ zwischen Lesern und Marketeeren plädiert:

“nochmal zurück zu ghostery, bzw. zum thema, dass die adblocker-diskussion auch eine bugblocker, flashblocker oder sogar javascript-blocker diskussion sein sollte, bzw. eine um datenkraken (übrigens eins der lieblingsthemen des gedruckten spiegels, zumindest wenn es sich um kraken anderer handelt).”

Nebenbei: Diese kleine Ein-Mann-Webseite verwendet kein SEO und nicht einen einzigen Analytics-Tracker. Trotzdem wird sie jährlich knapp eine Million mal aufgerufen …

Vertrauensverweis

Deutschlands ‘Qualitätsmedien’ begrüßen mich heute mit einer bescheidenen Bitte, die auf ein koordiniertes Vorgehen schließen lässt. Ich möge doch bitte ihre unverzichtbaren Werbeangebote den Filter meines Adblocker ungehindert passieren lassen:

Der Spiegel

 

Die Zeit

 

Die Süddeutsche

 

Die FAZ

Ich kann die pekuniären Sorgen der Verlage gut verstehen, welcher Anzeigenkunde zahlt schon für Werbung, die jeder im Voraus schon vor die Tür jagt. Ja, ich würde den ‘Angeboten’ vielleicht sogar Gastrecht gewähren, wenn nicht die Gefahr bestünde – wie just einer Warnung des ‘Spiegel’ in eigener Sache zu entnehmen – dass all dies Blinkyblinky auch allzu neugierige Trojaner enthalten könnte: Einmal mit der Maus ausgerutscht, schon kannst du deinen Rechner plattmachen. Solange die Zeitungen, denen ich im Prinzip durchaus vertrauen würde, ständig redaktionsfremde Dateien aufschalten (müssen?), bleibt mein Adblocker auch mein bewährter Haus- und Hofhund …

Wording

Es ist CSU-Parteitag – eine leere Bühne in strahlendem Königsblau, dann eine Stimme aus dem Off: “Freuen Sie sich auf interessante Erfolgsgeschichten aus dem Chancenland Bayern.” Danach Disco-Rummtata und Einmarsch der Gladiatoren …

Von allen Adjektiven ist ‘interessant’ so ziemlich der profilärmste und totgerittenste Zossen, der noch frei herumlaufen darf. Eine ‘Geschichte’ erzählt natürlicherweise nur etwas, was immer schon vergangen ist. Wahrscheinlich dachten sie ja an den Uli Hoeneß. Und ‘Chancenland’ ist ein Retortenbegriff aus der Wortklempnerei von PR-Strategen, der keinem vernünftigen Menschen je über die Lippen käme, der aber mit Sicherheit hohe Rechnungen verursacht. An die Mieter in München dürften sie dabei kaum gedacht haben, eher schon an ihre Amigos. Kurzum: Haltloses, ideologisches Kasperletheater … wer darauf anspringt, über dessen geistige Verfassung mache ich mir so meine Gedanken.

Waschmittelreklame

Wat is dat slimm – die SPD hat für den Politmarkt einen Kommerzmarkt-Slogan gewählt, und prompt fürchtet die Firma, die von diesen Agenturschnüffels beklaut wurde, sie könne mit den roten Schlümpfen und Hillbillys verwechselt werden. So entstehen sie, die Plagiatsaffären – aus Dummheit nämlich. Sei’s, dass es zur Promotion sonst nicht gereicht hätte, sei es aus einem kommerziell, zynisch und behavioristisch aufgefassten Polit-Marketing, wo jemand glaubt, der Wähler entscheide sich nicht für Konkretes, sondern immerdar für die dämlichsten Sprüche:

“Das Wir entscheidet.”

“Gemeinsam an irgendein Ziel.”

“Hand in Hand durchs Feindesland.”

“It’s us, stupid!”

“Im Team zu IHM!”

“So sind die Banden, die uns binden.”

Oder aber nahezu synonym zum gewählten Spruch und absolut retro-mäßig fürs Sozzen-Herz formuliert:

“Das Kollektiv entscheidet.”

Ob nun Zeitarbeitsfirma oder Sozialdemokratie – mir geht das verlogene Geblöke und Slogan-Gebolze nur noch auf den Senkel …

Infizierte Werbung

Klar – der gestrenge Adblocker bereitet allen Verlagen großen Kummer. Denn damit können die allseits beliebten ‘User’ ganz unbelästigt auf einem qualitätsjournalistischen Online-Angebot herumpflügen, ohne dass ihr Monitor ständig Blinkyblinky macht oder ‘Kauf mich!’ schreit. Was wiederum ganz und gar nicht den Absichten der Koberer aus dem Genre der ‘Markenführung’ entspricht. Jetzt aber entwickeln diese Adblocker noch einen gewaltigen sicherheits-technischen Zusatznutzen:

“Viren-Werbung auf Internetseiten.”

Vor infiziertem Marketing-Müll muss derzeit der Spiegel in eigener Sache warnen: Du rutscht bei solch infektiöser Werbung einmal mit der Maus dort ab, klickst auf ein harmloses Schöne-Neue-Welt-Banner – und schon hast du nicht nur die üblichen nervigen E-Mails aus dem Marketing im Postfach, sondern gleich die Pest an Bord: Einen Trojaner nämlich, der bei deinen Bankdaten gern auch mal mit hingucken möchte. Und weil es sich am Ende gar um ein Rootkit handelt, wirst du ihn auch nicht mehr los, ohne den ganzen Rechner platt zu machen. Wo aber ein Adblocker am Tor schon gnadenlos die Knute schwang, da ist begreiflicherweise auch nichts zu finden, um darauf überhaupt zu klicken.

Nach diesem Marketing-GAU dürfte jedenfalls die Akzeptanz von Online-Werbung nochmals erheblich sinken. Von Haftungsfragen gar nicht zu reden. Was wiederum die neuen Medien für die Absatzwirtschaft nicht lukrativer macht. Zugleich aber wird so der Adblocker – zumindest bei Chrome oder Firefox – auf deutschen Einzelplatzrechnern endgültig endemisch werden.

Kurzum: Werbung erscheint mir zunehmend als ein Konzept, das seine besten Tage sicherlich nicht mehr vor sich hat. Weil ein wahrer Kavalier fremden Leuten nicht ständig die Tür eintritt, oder dubiosen Gestalten passgenau die Nachschlüssel liefert …

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