If your memory serves you well ...

Schlagwort: Welt Online

Käseablagerungen

Mit ihrem Schlichtgestrickten hat das Cover-Girl von Welt Online  wieder einmal komplexere Formen der Aufklärung ersatzlos abgeräumt. Sie zürnt, weil jüngst einige Ökonomen von der ‘Enteignung’ der Profiteure dieser Finanzkrise geredet haben sollen. Was jene zwar nicht taten – aber sei’s drum. Andrea Seibel schrub ihrem darob erstaunten Publikum jetzt:

“Europas Staaten sind daher alle in einer Staatsschuldenkrise, denn die globalisierte Welt erfordert mehr Dynamik und Esprit als einen Umverteilungsstaat.”

Wie man’s auch liest – diese Lady schreibt nur einen Satz, und schon steckt der gesamte Besinnungsaufsatz gleich voller Fehler: Erstens befinden sich gar nicht “alle” Staaten Europas in einer Krise, das steht da wohl nur, damit der alarmistische Bullshit aus dem Hause Seibel den gewünschten Eindruck einer Gesetzmäßigkeit gewinnt. Zweitens erfordert die Globalisierung für die dicken Dinos der Weltökonomie keineswegs ‘mehr Dynamik und Esprit’, im Gegenteil, haben sie Mist gebaut, so werden ihre ‘Unternehmensschulden’ mit ‘Staatsschulden’ beglichen, von wegen “too big to fail”. Drittens spricht der Satz der Dame ganz nebenbei auch der geschundenen Grammatik Hohn. Und viertens erleben wir keine “Staatsschuldenkrise”, wir stehen vor einer “Bankenkrise”, wo sich ‘durch die Bank’ alle Institute verzockt haben, weshalb sie das, was jetzt vom ‘deutschen Michel aller Länder’ in ihre Tresore fließen muss, unverfrorenerweise als ‘Griechenlandhilfe’ usw. bezeichnen: Spanien hat zum Beispiel absolut und prozentual wesentlich geringere Staatsschulden als die vergleichsweise potent aufgestellte Bundesrepublik, und trotzdem muss das ganze Land unter den ‘Rettungsschirm’, nur, weil seine Banken durch eigenhändig errichtete Bauruinen wanken. Und wenn man sich fünftens fragt, wer denn da gerettet wird, wenn permanent Banken gerettet werden müssen, dann landet man sehr schnell bei den Besitzern von Banken, also bei ‘den Vermögenden’, denen jetzt einige Ökonomen einen Kredit auf Zeit als ‘Lastenausgleich’ für den Staat abknöpfen wollen. Was wiederum von jeder Enteignung weit entfernt ist …

Mit einem Wort: ‘Sechs, setzen!’. Dieses harsche Urteil mache man aber einer selbstgewissen Chef-Ideologin des Neoliberalismus begreiflich. Die klarsten Gedanken finden in einem festgefügten Intellektualparkhaus keinen Platz, dort, wo die Parklücken nur für Tretroller und für die Dutzendweisheiten schwäbischer Hausfrauen gebaut sind. Also kann es sich – so lautet vermutlich ihr messerscharfer Umkehrschluss – doch gar nicht um Gedanken handeln. Weil’s nämlich nicht in ihre Lücken passt …

Nachtrag: Und weil dieser verfluchte Umverteilungsstaat und vor allem die bösen Sozis ‘immer mehr’ wollen, deswegen wurde unter Gerhard Schröder der Spitzensteuersatz ganz erheblich gesenkt – oder so oder wie oder was? So faktenfrei jedenfalls funktioniert Andrea Seibels bunte Welt der Pappkameradschaften: “Unser Sozialstaat ist ein Steuerstaat. Je mehr er umverteilen will, desto mehr Einnahmen braucht er, und die holt er sich bei seinen Bürgern. Er “braucht”, und er “holt”. Bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Und bei denen, von denen er mehr holt, will er immer noch mehr holen.” Jaja, unsere armen Reichen, ich sehe sie förmlich vor mir, wie sie, seit Jahren geplündert vom nimmersatten Sozialstaat, an ihrem fadenscheinigen Hungertuch nagen müssen, während zu ihrem frugalen Mahl ihnen die Andrea Seibel etwas auf der Arschgeige improvisiert …

Anmerkung: Selbstverfreilich bezieht sich die Headline ausschließlich auf Textabsonderungen meinerseits. Mann ist ja Kavalier …

Ratatouille à la Broder

Lecker Kraftfutter genießen, gemeinsam in exquisiter Gesellschaft aus dem großen Welt-Online-Trog, dazu mit dem Versprechen garantierter Vorurteilsmast-Erfolge?

Nehmen Sie zu diesem Zweck vor allem immer ‘nen ordentlichen Schlag Hiervon und auch einen Davon, mischen Sie alles möglichst wild durcheinander, zum Beispiel einen Hauch von Gaza-Streifen mit einem alten amerikanischen Südstaaten-Witz, polemisieren Sie erst gegen Äquidistanz, um dann zielflüchtig von Brilliantringen zu faseln, reden Sie mal über irgendwelche Schweden wirr, dann wieder über Hannelore Kraft, lassen Sie zwischendurch ruhig ein paar Luxusautos in Flammen aufgehen, geben Sie dem Spießer dabei immer ordentlich Senf an die brodernde Mischung, und würzen Sie schlussendlich mit einem obskuren Weltblatt wie der ‘Neuen Westfälischen’ ab – fertig ist der püschedelisch blubbernde Wundertrunk mit wahnhaft-wirrer Wirkung aus dem Pro-NRW-nahen Hause Henryk M. Broder, garantiert rezeptfrei hingepixelt und auch noch nicht vom BtmG indiziert.

Disclaimer: Müsste ich zwischen Salafismus und Broder wählen, würde ich peinlich genau auf diese schröckliche ‘Äquidistanz’ achten, um dann – glauben wir Broder – wie Buridans Esel intellektuell prompt zu verhungern. Mit anderen Worten: Für die Lebenspraxis ist vieles höchst probat, wogegen Broder eifert. Oft ist es sogar ein Indiz für Qualität …

Nebenbei: Man beachte bitte auch das wohlige Grunzen dort in den Kommentaren, der beste Beleg für überragende Zuchterfolge.

Ach ja - hier noch der passende Kochtopf

Bild: TheoPB, GNU-Lizenz, wikimedia

Naive Seelen

Ob sie bei ‘Welt Online’ wohl wirklich glauben, dass all das weniger wahr wäre, was der Wallraff über ihr Leitmedium, die Bild-Zeitung, Anno Dunnemals herausgefunden und niedergeschrieben hat, sobald sie diesem Mann im schönsten Jerry-Cotton-Stil aus gleichfalls dubiös geheimdienstlichen Quellen IM-Tätigkeiten bei der Stasi anbammeln könnten?

Langley, Virginia: Es regnet, der Wind weht steif an diesem Frühlingsmorgen, der Himmel ist verhangen. Ein grauhaariger Mann in dunklem Anzug und weißem Hemd geht durch den Empfangssaal, seine Schritte hallen, als er über das große Siegel mit dem Weißkopfseeadler schreitet.

Oha – in Virginia regnet es also manchmal, wer hätte das gedacht? Und erst ‘geht’ er, auf dem weißköpfigem Adler dann ‘schreitet’ er? – Naja, das ist ja wohl das Mindeste, was so’n Vogel erwarten darf! – Schnulz!!!

Zahlendreher

Die Blödverkaufe bei der ‘Welt’ nimmt oft schon groteske Züge an. So liest der geneigte Interessent in dichter Folge dort derzeit folgendes:

“Im neuen Wahltrend legen Union, Grüne und Piraten zu. … Die FDP verharrt dagegen im Umfragetief. Die Union setzt nach einer Forsa-Umfrage ihren Höhenflug in der Wählergunst fort. Im neuen Stern-RTL-„Wahltrend“ kommen CDU und CSU zum dritten Mal in Folge auf 38 Prozent … “

Ich resümiere: Die Union ‘legt’ also deshalb ‘zu’, weil sie schon zum dritten Mal in Folge sich nicht weiter verbessern kann. Und das Ganze wäre dann prompt als ein veritabler ‘Höhenflug’ zu betrachten. Manches möchte ich einfach nicht schreiben müssen … aber formulieren wir’s, um der armen Fakten willen, mal halbwegs sachkonform:

“Den größten Sprung in der Wählergunst machten, folgen wir dem neuen Forsa-Wahltrend, die Bundesgrünen mit plus zwei Prozent. Mit einem Prozent Zuwachs zählten auch die Piraten zu den Gewinnern der Woche. Die FDP verharrt dagegen am Rande der politischen Nachweisgrenze, auch die Union kann sich nicht weiter verbessern. Die Linke verliert einen Prozentpunkt, ebenso wie die SPD.”

Süsswoll – und schon wird allmählich ein Schuh daraus …

© 2020 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑