If your memory serves you well ...

Schlagwort: Wahrheit

Ulf und die Sozialreligion

Was ich dreimal sage, ist wahr’, sagt der Snark in Lewis Carroll’s ‘Alice’. Ähnlich verfährt auch Ulf Poschardt in der ‘Welt’, wo er mal wieder die Grundlage dieses Staates frontal attackiert, unsere soziale Marktwirtschaft. Er nennt sie nur nicht so, er spricht lieber von einer ‘Sozialreligion’. Übrigens exakt dreimal in nur einem Artikel:

“… die sozialreligiösen Exerzitien …”
“… die sich an der bundesdeutschen Sozialreligion versündigen …”
” … Umfragen bestätigen die sozialreligiöse Ökumene aus Union und SPD …”

Was aber ist der Sinn solcher klerikalfixierten Umdeutungsversuche? Nun, wenn man die Verfassungsbasis eines Staates als bloße ‘Religion’ diffamiert, als bloßes (Aber-)Glaubenssystem, dann darf man sich auch wie einst Luther als Reformator fühlen, der die ‘große Hure’ zu Berlin herausfordert, indem er all den überbordenden ‘Sozialklimbim’ an den Pranger stellt, so wie einst der Wittenberger den Heiligenkult und den Ablasshandel zu Rom. Der Journalist dünkt sich folglich was: ‘Hier stehe ich, ich kann auch anders!’.

Ach, was vermisst unsere Posh doch ihre gute alte FDP … und die gute alte Zeit, als solche Positionen noch einigen relevant erschienen. Und gleich nebenan zerdrückt derweil die Dorothea ‘Dodo’ Siems wehmütig eine Zähre in ihrem Taschentüchlein …
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“Ihm war klar, alle Müh’ war vergebens gewandt
An die Aufgabe, die viel zu schwer.
Ach, er musste von vorne beginnen und fand,
das zermartre ihm das Gehirn noch viel mehr.”
(Lewis Carroll: Alice 3, Die Jagd nach dem Snark. Eine Agonie in acht Gesängen)

Folglich ist es wahr:

Moskau und die Separatisten dementieren.”

Nur Trottel glauben, dass diese Stahlwalze in der Ukraine zum Stehen kommt. Lauter Chamberlains … geben wir dem Untier doch ein Stück hiervon und ein Happihappi davon. Das bekommt davon bloß immer mehr Appetit. Ich will den guten, alten Churchill wiederhaben … und verlegt endlich zehn NATO-Divisionen an unsere Ostgrenzen. Und führt die Wehrpflicht wieder ein.

“Sanktionen funktionieren. Russland steht unter großem wirtschaftlichem Druck”, sagte der CDU-Politiker [Elmar Brok]. Die sind alle so VWL-vernagelt, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen können, dass da längst jemand auf ‘wirtschaftlichen Druck’ sch…t.

Was spricht man derweil so unterm Alu-Hut? Wäre die CIA nicht auf der Krim einmarschiert, hätten die USA nicht im Donbas eingegriffen, dann würden wir heute mit Russland in Friede und Freude leben. Ja, Eierkuchen …

Sonst noch was? Ach ja:

“Bundesmerkel fordert von Putin eine Erklärung. Erklärung einfach: Es ist Krieg.”

Manche Medien gehen allerdings entschieden zu weit – das möchte ich dann doch nicht sehen:

“Russland lässt alle Hüllen fallen.”

Putin, Lawrow, Dugin und Schirinowski nackt? Äh, bäh! Die Schnellmerker der deutschen Medien wachen allmählich auf und schauen sich erstaunt in der ‘Welt’ um:

“Russische Truppen stehen schon tief in der Ostukraine. Sie zeigen, dass der Kremlchef den Westen immer wieder belogen hat.”

Ach, wirklich? Hat er das? Also nee! Also doch!

In Mariupol wartet inzwischen eine vieltausendköpfige Menge auf ihre Befreier. Aber – oops! – die tragen ja ukrainische Flaggen … was soll das denn? Da verrutscht einem Alu-Hütler doch glatt das Weltbild. Gut übrigens der Beginn der UN-Sicherheitsrats-Debatte durch den Vertreter Litauens:

“The non-existent Donetsk People’s Republic.”

Warum nur?

Warum nur hat sie ihren schrägen Plot nicht als Roman deklariert? Sicher geborgen im Dickicht des Fiktionalen hätte ihr kein Gericht der Welt etwas anhaben können – und sie könnte heute friedlich und wohlversorgt an ihren Autorentantiemen mümmeln:

‘In “Überleben unter Wölfen” hatte Defonseca berichtet, wie ihre Eltern 1941 von der Gestapo verschleppt wurden. Sie selbst sei über Belgien, Deutschland und Polen geflohen, heißt es in der Autobiografie. Auf der Tausende Kilometer langen Flucht sei sie von Wölfen begleitet und schließlich in das Rudel aufgenommen worden. 2007 kam die Geschichte sogar als Film in die Kinos.’

Wahrheit, die in den Kram passt

Vor die Wahl gestellt, würde ich allemal Iwan Bunins ‘Revolutionstagebuch’ der Heroisierung des Geschehens durch John Reed vorziehen. Trotzdem führt ein Vergleich zu interessanten Feststellungen.

Iwan Bunin nimmt die Position eines Außenseiters und wachen Beobachters ein. Die Revolution erscheint bei ihm als ein blutiger Karneval, der massenweise auch eklige Figuren nach oben spült und die Not im Volk endemisch macht. Ein John Reed, der die weitere Entwicklung glücklicherweise nicht mehr erlebte, weil er schon 1920 starb, zeichnet uns dagegen edle Heldenscharen auf schnell errichteten Barrikaden, die eine morsche Ordnung hinwegfegen, um die Grundlage für eine bessere Zukunft zu schaffen. Allesamt eint diese Revolutionäre – angeblich – der Glaube an einen ‘neuen Menschen’, den diese Revolution unter Schmerzen schon bald gebären wird.

Lenin pries die ‘Zehn Tage, die die Welt erschütterten’ im Vorwort prompt als äußerst “wahrheitsgetreu”, nicht aber deshalb, weil der Reporter alles so geschildert hätte, ‘wie es war’, sondern weil Reed die Ereignisse in ihr “wahres Licht” gerückt habe. Und das war allemal die heroisierte Illumination des Geschehens durch die erwünschte Ideologie, ein literarischer Scheinwerfer- und Theatereffekt also. Und Lenins Frau, Nadeshda Krupskaja, ergänzte, dass John Reed deshalb die Wahrheit hätte schildern können, weil er selbst ein “leidenschaftlicher Revolutionär” gewesen sei. Der Stallgeruch stimmte folglich auch.

Generell ist dies Verfahren kennzeichnend für die Rezension aller ‘ideologischen Literatur’: Immer beginne hinter der banalen Wahrheit der Oberfläche erst das Reich der tiefer liegenden ‘wahren Wahrheit’, eine Wahrheit, die im voraus durch die passende Ideologie schon ‘präformiert’ sei, und auch nur von den Eingeweihten erkannt werden könne. Ein im Kern elitäres Konstrukt. Und das eben gilt auch für unsere heutigen Verschwörungstheoretiker und Ideologen, wo man bspw. bei allen schandbaren Exzessen des globalen Finanzkapitalismus doch immer sehen müsse, wie sehr diese weltweite Raffgier alle Menschen unweigerlich in eine neue glückliche Zukunft führen würde. Auch das ist John-Reedismus …

Lügen ist eine Kunst!

Nur damit sind schließlich die märchenhaften Honorare der PR-Profis zu rechtfertigen. Für mich wird aber auch der zunehmende Sagencharakter der Wulff’schen Aufklärung plausibel, wo jede Wahrscheinlichkeit mit der Länge der Geschichten immer mehr dahinzuschwinden droht:

“Wulffs Ehefrau Bettina habe die Kosten für die Urlaube 2007 und 2008 aus Geldgeschenken ihrer Mutter beglichen, nachdem Filmproduzent David Groenewold die Beträge zunächst ausgelegt haben soll. … Der Staatsanwaltschaft erscheine diese lange Aufbewahrung der Geldscheine “zumindest wirtschaftlich als unvernünftig”, da Wulffs Konten im Juli 2008 um mehr als 10 000 Euro überzogen gewesen seien.”

Tscha – das riecht nicht nur in den Nasen von Staatsanwälten komisch. Denn die Wahrheit ist immer einfach und schlicht, jeder Trottel kann sie aussprechen, alle Widersprüche lösen sich in Wohlgefallen auf. Die Lüge dagegen macht alles kompliziert – ihr Erfundenes wächst unter der formenden Hand wie ein Hefekuchen, und jeder Widerspruch klebt am Erzähler wie ein Fliegenfänger. Was wiederum den Ruhm der großen Schriftsteller begründet, die es immer mit bloßen Fiktionen statt mit Fakten zu tun haben. Wenn ihre Lüge gelingt, sprechen wir sogar von ‘höherer Wahrheit’ …

Argumentatives

Die Wahrheit ist eine Erfindung des Lügners” – der bekannte Satz des Kybernetikers Heinz von Foerster ist überall im Kommunikationsbereich eine ‘olle Kamelle’: Wahrheit in relativen Zeiten ist nur noch das, was von anderen als wahr anerkannt wird. Absolute Wahrheitsansprüche führen nur in die Ideologie – und in der Folge auf den Scheiterhaufen.

Trotzdem versuchen wir natürlich weiterhin, ‘wahrheitsfähige Sätze’ zu bilden, die in der Diskussion von anderen akzeptiert werden. Dieses ‘Überzeugen’ geschieht mit Hilfe der Argumentation, indem wir nämlich die Prinzipien unseres Denkens, die uns zu bestimmten Schlussfolgerungen geführt haben, sprachlich offen legen.

Die formale Satzlogik listet einige solcher Denkprinzipien auf, die sich wechselseitig aber widersprechen können, weshalb der erste Fehler schon darin bestünde, wenn ich zwei dieser Prinzipien in einem Textabsatz vermische. Hinzu kommt, dass die Sprache ein denkbar unlogisches Instrument ist.

Eines dieser Prinzipien wäre zum Beispiel die so genannte ‘Gleichheitsregel’. Formallogisch ausgedrückt: “A = A“, jedes A ist mit sich selbst identisch, oder: alle A’s sind als A zu betrachten. Im Alltag begegnet uns diese Regel in Sätzen wie “Alle Menschen sind gleich” oder dem juristischen Hauptsatz “Wesentlich Gleiches muss auch gleich beurteilt werden”. Auch “Persil bleibt Persil” fällt unter diese Gleichheitsregel oder der konservative Hauptsatz “Das haben wir schon immer so gemacht!”. Genauso wie das Kinderquengeln: “Robin hat aber auch ein Nutella-Brot gekriegt!”. Es sind nicht nur einzelne Sätze, die eine solche Argumentation transportieren, ganze Reden oder Artikel können unter dieser Flagge segeln. Zu finden ist diese Argumentation vor allem im familiären und sozialen Bereich, in der Politik oder auch in der christlichen Kirche: “Vor Gott sind alle gleich”.

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Dinge sprechen lassen

Weil ich da drüben in der Medienlese einem Journalisten partout den Ernest Hemingway unter die Nase reiben musste, folgt hier ein kurzer Text über das journalistische Verfahren dieses großen Amerikaners.  In den “49 Depeschen” finden sich seine wesentlichen Artikel – und man kann blind in den Berg hineingreifen. Getroffen hat es den Text “Orden zu verkaufen“, der am 8. Dezember 1923 im Toronto Star erschien.

In seinem dreiseitigen Text schildert Hemingway, der sich selbst nur ‘den Berichterstatter’ nennt, was ihm passiert, wenn er mit seinen Kriegsauszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg durch Pfandleihen läuft, um Geld darauf aufzunehmen. Wir haben es also mit einer Reportage zu tun – und ganz nebenbei mit einem starken Anti-Kriegs-Text, den ich glatt zur Schullektüre machen würde, sollte ich irgendwann mal etwas zu sagen haben.

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