If your memory serves you well ...

Schlagwort: Vetustas

Endlich sagt’s mal einer!

Es gibt im Internet keine Angebote, die den Umsatz der Verlage nennenswert mindern, indem sie Urheberrechte verletzen. Zumindest sind die Verlage in den vergangenen Jahren nicht in der Lage gewesen, auch nur ein einziges Beispiel für einen solchen Fall zu nennen.”

Schreibt jemand aus dem Verlagswesen an eine darob höchst erstaunte Öffentlichkeit. Das ist aber noch längst kein Grund, nicht trotzdem ein Leistungsschutzgesetz für null Gramm geklauter Leistung zu fordern (Litotes). Wer könnte ein wenig Extraprofit, erschlichen durch eine verlogene Argumentation, in diesen harten Zeiten denn nicht gut gebrauchen (rhetorische Frage)? Nach dem Springer’schen Motto: Friede, Freunde, Eier kochen (Vetustas) …

Perlen des Parlando

Um in Deutschland auskömmlich seinen Lebensunterhalt als ebenso TV-kompatibler wie unvermeidlicher Öchsperte zu bestreiten, genügen ein paar Sprachperlen dieser Güteklasse, hier dargebracht vom Kapitän Ahab des Finanzgewerbes, dem Jäger des kapitalen Wals: „Das Geld wächst nicht auf Bäumen“. Ja, das hätte ich allerdings auch nicht gedacht … recht betrachtet, wächst es gar nicht.

Das Geld fällt doch bekanntlich vom Himmel (Deutsche Post 1959, amtl. Werk, gemeinfrei)

Grabrede auf die Demokratie

Mit Jesuitismus kennt er sich ja aus – Rainer Hank, der Wirtschafts-Guru der ‘Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung’ (FAS). Schließlich lehrte er fünf Jahre beim ‘Cusanuswerk’, der Elitenschmiede des Vatikan in Deutschland. Weshalb er sich aber ins Gebiet der politischen Theorien verstieg, bleibt sein Geheimnis: Si tacuisses …

Interessant aber ist dieser Text, der jetzt im Führungsorgan der deutschen Großbourgeoisie erschien, um einmal zu verfolgen, wie sehr sich solche Großmeister des Elitarismus inzwischen von demokratischen Positionen verabschiedet haben. Rainer Hank hält dort eine “Grabrede auf den Liberalismus”, aber nicht um in das allgemeine Westerwelle-Bashing einzufallen, sondern um uns zu zeigen, wie sehr doch der Liberalismus seine antidemokratischen Wurzeln verraten habe, zu denen es dann wohl zurückzukehren gelte.

Wie üblich im konservativen Diskurs umgibt er sich zu diesem Zweck mit einer Reihe ‘historischer Kronzeugen’, auf die er sich als zitateliefernde Autoritäten stützt. An erster Stelle natürlich Friedrich Naumann, nach dem die Restliberalen noch heute ihre Stiftung benennen. Wobei Hank aber ganz vergisst, dass Naumann nicht nur ein Annexionist und Defaitist war, sondern innen- und sozialpolitisch den Ausbau des Sozialstaates forderte, und für jenes Bündnis aus Arbeiterbewegung und demokratischem Bürgertum stand, das heute bei der FDP so ganz in Vergessenheit geraten zu sein scheint – trotz Lindners “mitfühlendem Liberalismus”, der aber bisher eher eine Papierformel bleibt, die keinerlei Taten zeugt.

Der ‘Schrumpfzustand’, konstatiert Hank, sei für den Liberalismus eher ein Normalzustand, weil der wahre Liberalismus doch antidemokratisch sei und auf eine Herrschaft weniger Besitzender hinauslaufe. Seine ganze Moral bestünde deshalb in der Ablehnung allen Zwangs beim Wirtschaften, euphemistisch und aus Wählbarkeitsgründen auch ‘Freiheit’ genannt. Offene Worte!

Mit einem solch negativen Freiheitsbegriff könne aber die blöde Menge, diese ‘swinish multitude’, nun mal nichts anfangen, deshalb wende sie immer eine mächtige und destruktive Waffe gegen dieses höchst vernünftige Prinzip – die verderbliche Moral:

“Der Antiliberalismus und Antikapitalismus der Mehrheit stört sich nicht nur an der Glanzlosigkeit der negativen Freiheitsidee, er bestreitet ihr auch die moralische Existenzberechtigung. Moral ist überhaupt die stärkste – sollte man sagen: brutalste oder vulgärste – Waffe der Gegner des Liberalismus. Denn Moral bietet kübelweise positiven Inhalt. Und das kommt immer gut an, besser jedenfalls als die negative Freiheitsidee.”

‘Kübelweise’, ‘brutalst’, ‘vulgär’ – es ist nicht schwer zu erraten, was unser Muster-Katholik von einer moralischen Beschränkung wirtschaftlich handelnder Subjekte hält. Folgerichtig kommt er auch zu einem politischen Schluss, der faktisch auf den Umsturz der Demokratie hinausliefe – eine qualifizierte Minderheit müsse wieder über die Mehrheit herrschen, auf Grund eines durch Alter und Gewohnheit legitimierten Rechtes, das allemal höher zu setzen sei als eine skandalöse neue Rechtsetzung durch eine unqualifizierte Mehrheit:

“Dafür aber ist der Liberalismus smart, elitär, nie ohne eine Prise Arroganz und zuweilen sogar versetzt mit einem Schuss Demokratieverachtung, jedenfalls dann, wenn Demokratie nichts als die Tyrannei der Mehrheit meint. Schlimm sei es, von einer Minderheit unterdrückt zu werden, wusste der britische Liberale Lord Acton, ein Katholik, schlimmer noch sei es, von der Mehrheit in seiner Freiheit eingeschränkt zu werden. Rechtsstaatlichkeit ist in der Hierarchie der Werte des Liberalismus der Demokratie vorgeordnet.”

Erst fällt also irgendwie und irgendwo ein ewiges Recht vom Himmel, an dessen unwandelbaren Säulen dann keine Mehrheit mehr deuteln dürfe. Und daraus würde dann – ausgerechnet bei einer eingeborenen Zahnwalts- und Klientel-Partei wie der FDP – wie von selbst schon eine Abkehr vom Klientelismus folgen, den doch immer nur die anderen betrieben.

Was Rainer Hank der FDP in seinem Text empfiehlt, ist also nicht mehr und nicht weniger als der Abschied von der Demokratie, die in seiner Theorie doch nur dubiose Mehrheitsentscheidungen produziere. Und dies zugunsten eines Staates ewiger Rechte der Ohnehin-schon-Privilegierten. Kurzum – Stuttgart 21 und die ‘Wutbürger’ tragen längst auch bei unseren Eliten Früchtchen. Und jawollja – ich freue mich schon auf die ersten der neuen FDP-Plakate mit dem eingängigen Slogan: “Freiheit statt Moral!” …

Im medialen Antiken-Saal

Drüben im Jakblog spießte der Herr Jakubetz kürzlich ein Zitat auf, das streng nach eingeschlafenen Journalistenfüßen müffelte. Ein ehrbarer Offliner vom beschaulichen Westfalen-Blatt versuchte darin, dem werten Publikum das innovative ‘Zwischennetz’ von seinem Dreifuß herab näher zu verklickern:

“Das Internet ist heute als Informationsquelle und Kommunikationsmittel von großer Bedeutung. Nicht nur im Beruf, auch im privaten und schulischen Bereich ist der Zugang zur weltweiten Datenautobahn sehr wichtig”.

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Antiquarium München, Bild: Gryffindor, Public Domain, Wikimedia

Allein schon der Begriff ‘Datenautobahn’ wirkte auf mich derart gestrig, dass ich zunächst gar nicht glauben konnte, dieses Zitat könne der Jetztzeit entstammen. Die Autobahn-Metapher stammt meines Wissens aus den 90er-Jahren, als die halbe Welt sich noch mit quietschenden und fiependen Modems herumschlug, als es noch 5,25″-Disketten gab, als den meisten Zeitgenossen das biedere ISDN als rasend schnelles Teufelswerk erschien und es fast schon magisch anmutete, wenn ein Text innerhalb von einer Minute von Castrop-Rauxel nach Auckland gelangen konnte. Darüber aber wundert sich heute niemand mehr. Kurzum: Ein Schreiber, der den Begriff ‘Datenautobahn’ fürs Internet verwendet, der ist ebensoweit hinter seiner Zeit zurück. Und eine Redaktion sollte so viel Pietät besitzen, dass sie einen solchen Schreiber nicht gerade hinter die zeitgemäßen Themen klemmt.

Auch sachlich ist das Bild einer ‘Datenautobahn’ als Synonym fürs Internet grundfalsch. Ein Jongleur – um ein anderes Multitalent heranzuziehen – der wird ja nicht wegen Schnelligkeit bewundert, sondern wegen seiner Geschicklichkeit. Zwar kann das Netz große Datenmengen sehr viel rascher transportieren als noch zu Olims Zeiten, wo es dessen Kinderschuhe auftragen musste. Trotzdem sind die wirklichen ‘Datenschleudern’ des informationellen Weltverkehrs sehr viel näher an den ‘Backbones’ des Datenverkehrs zu suchen. Moderne Rechnernetzwerke verwenden für die Datenübertragung zwischen Banken, Satelliten, Mobiltelefonen oder Unternehmen alles, unter anderem Stand-by-Leitungen – aber zumeist nicht das vergleichsweise langsame und dazu höchst unsichere Internet eines providergebremsten Publikumsverkehrs. Das Internet – das ist für mich so etwas wie das Straßennetz des globalen Dorfes – man kann sich dort unterhalten, man kann spazierengehen, einkaufen, arbeiten oder kommunizieren. Und so, wie man auf einer Straße der realen Welt das Kanalsystem, die Stromleitungen, die Mobilfunkmasten oder die Telefondrähte nicht sieht, obwohl sie dazugehören, so ist es eben auch im Internet. Das Internet ‘as we know it’, das ist nur ein kleiner Teil des Netzes – und der ist noch nicht einmal das schnellste. Es ist auch meistens keine ‘Daten-Autobahn’, sondern der Schleichverkehr dort gleicht der Londoner City zur Rush Hour, so dass allüberall längst über einen Ausbau nachgedacht wird.

Dieser sichtbare Teil des Internet ist aber der wichtigste – soweit es unser soziales Zusammenleben betrifft. Darüber müssten wir reden, wollen wir seine Bedeutung richtig verstehen. So macht das öffentliche Internet beispielsweise die hilflosen Interventionen eines ‘Westfalen-Blatts’ demnächst (vielleicht) überflüssig, weil es die Mittler und Makler von Information – die deshalb so genannten ‘Medien’ und die dort arbeitenden Journalisten – weitgehend entbehrlich machen könnte. Es dereguliert ferner die Information auf eine bisher ungekannte Weise, wodurch Kontrolle und Zensur zunehmend zu kommunikativen Unmöglichkeiten werden könnten. Und es bricht ‘auf Sicht’ wohl nahezu alle bestehenden Informationsmonopole, indem es alle Archive öffnet. Auf diese und auf viele andere Weisen wirkt das ‘Zwischennetz’ sicherlich revolutionär, aber nicht, indem man diese Staustrecke eine ‘Datenautobahn’ nennt …


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