Als gelegentlicher Carta-Autor bekam ich heute Post von der neuen Carta-Redaktion. Darin geht es um die ‘Neuaufstellung’ von Carta und um die selbsterzeugten Querelen, die daraus folgten:

“Letztlich blieben gegenüber [Wolfgang Michals] vorherigem Vertrag … zwei Formulierungen, die wir zusätzlich aufnehmen wollten, um das Selbstverständnis von Carta laut Vereinssatzung als Orientierung in das operative Geschäft zu integrieren, obschon es im praktischen Alltag der Herausgeber- und Redaktionsarbeit längst Usus und Konsens war. Diese Passagen lauteten wörtlich:
– Der Redaktionsleiter entwickelt selbstständig Themenfelder (aktuell als auch langfristig, z.B. als Dossier), die zur Linie des Vereins/Carta zu zählen sind. Im Vordergrund stehen Originalbeiträge von für adäquat erachteten Autoren.
– Er arbeitet mit den Herausgebern zusammen und stimmt die publizistischen Linien mit ihnen ab. Er berichtet dem Verein über die Weiterentwicklung der Site und steht diesem bei redaktionellen Fragen der Mittelakquise zur Seite.”

Tschaja, ‘das Selbstverständnis von Carta laut Vereinssatzung als Orientierung in das operative Geschäft integrieren‘, bei solch einem verschwurbelten Sound muss ich immer an Kommerzialisierung denken – ich weiß auch nicht, wieso. Und bei ‘adäquat erachteten Autoren‘ fallen mir Dummerjan immer ‘linientreue Schreiber’ ohne unnötige Verwindungssteife ein. Wie dem auch sei, jedenfalls klingt’s ja noch halbwegs harmlos bzw. verharmlosend. Diese Sichtweise ist bloß mit derjenigen von Wolfgang Michal einfach nicht zur Deckung zu bringen. Der schreibt:

“Bei Carta geht es um die Verteidigung der redak­tio­nellen Unabhängigkeit, also darum, ob die Website carta.info weiter eine jour­na­lis­tisch ausge­rich­tete Plattform bleibt oder sich zu einem weit­ge­hend intrans­pa­renten Projekt eines kleinen Berliner „Netzwerker“-Klüngels entwickelt. Für Letzteres gibt es Anzeichen. Anfang Juli legte mir der im Mai neu gewählte Carta-Vereinsvorstand einen neuen Redaktionsleiter-Vertrag für die Website vor, der in wesent­li­chen Punkten von meinem bishe­rigen Vertrag abwich. Ich sollte Veröffentlichungen auf Carta künftig mit allen Herausgebern und dem Fördervereins-Vorstand abstimmen. Darüber hinaus enthielt der Vertrag zahl­reiche Aufgaben, die mit der Tätigkeit einer Redaktionsleitung nichts zu tun haben, etwa die Arbeit für den Förderverein und die Abtretung meiner Autorenrechte. Ich habe das nicht unterschrieben. Anfang September wurde ich dann mit der Berufung eines neuen Herausgebers durch den Förderverein (der gar nicht zuständig ist) konfron­tiert. Zuständig sind die Gesellschafter der Carta Unternehmergesellschaft (UG), die als Verlag im Impressum steht. Gesellschafter sind Tatjana Brode und ich. Bislang wurden alle wich­tigen Fragen einver­nehm­lich zwischen uns entschieden. Nach der putsch­ar­tigen Übernahme der Website durch den Förderverein am 11. September präsen­tierte sich der Verein dann auf der Website groß­spurig als ‘nicht­kom­mer­zi­elles Netzwerk’.

Das klingt eindeutig nach mehr als nur nach zwei kleinen Passagen, die in den Vertrag eingefügt werden sollten, eher nach Putsch als nach Korrekturen. Auch die beliebt-berüchtigte Kausalumkehr findet sich im Text der neuen Carta-Macher. Laut neuem Vorstand soll Wolfgang Michal seinen Zugang zu Carta erst dann verloren haben, als er den hier zitierten Kommentar veröffentlicht hatte. Gemäß Wolfgang Michal aber wurde er schon eine Woche zuvor klammheimlich ausgesperrt, woraufhin er erst dann seinen Text verfasste.

SimonPepper, Creative Commons

Wrack der MS Meyer-Lucht / Foto: SimonPepper, Creative Commons

Irgendwer lügt hier also. Fragt sich nur, wer? Wolfgang Michal wie auch Vera Bunse – also die gesamte ehemalige Carta-Redaktion – kenne ich als integer, ehrlich und zuverlässig. Den neuen Vorstand hingegen nicht. Ich möchte diesen auch, glaube ich, gar nicht mehr kennenlernen. Er ist mir schon kenntlich genug. Und die anschwellenden Rotationsgeräusche scheinen mir in Robin Meyer-Luchts Grab ihren Ursprung zu haben.

Vera Bunse hat übrigens ihre Sicht der Dinge in diesem Beitrag gleichfalls dargelegt.

Disclaimer: Oben habe ich mich aus Gründen der Vereinfachung als ‘Carta-Autor’ bezeichnet. Faktisch war es immer so, dass Vera bei mir anfragte, ob sie einen Beitrag aus dem ‘Stilstand’ bei Carta ‘zweitverwursten’ dürfe. Dem habe ich in der Regel zugestimmt. Direkt für Carta geschrieben habe ich nie … und ich werde dies jetzt erst recht nicht tun. Carta möge mich bitte aus dem Verteiler entfernen.