If your memory serves you well ...

Schlagwort: Symbolik

Lob des Monotonen

Möglichst abwechslungsreich soll ich schreiben, nie zweimal das gleiche Wort in einem Satz verwenden, die Variation bei Wortwahl und Satzbau pflegen – so oder ähnlich predigen es alle Stilseminare, Schreibratgeber und Journalistenschulen. Und der Deutschlehrer malte bei allfälligen Wortwiederholungen mir ein dickes rotes W an den Heftrand. An diesem Grundsatz ist ja auch etwas dran – Anfängern und Primanern mögen solche Hinweise nützlich sein, damit sie nicht in einen kindlichen und anschauungsarmen Plapper- oder Hiphopperstil verfallen: “Ich sach dir, ej, voll geil ej, Alter. So was von geil, ej. Einfach nur geil!” Es gibt andererseits aber auch die Möglichkeit, die Wiederholung als Stilmittel bewusst einzusetzen, ohne dass dies dem Erfolg beim Publikum schaden muss. Die Wiederholung gleicht dann dem Basslauf in der Musik, sie wird zum rhythmischen Element.

Nehmen wir Charles Dickens, den großen ‘Volksschriftsteller’ Großbritanniens. Seine Bücher erreichten Auflagen, von denen Verleger bis dahin nur träumten. Wenn er eine seiner elfenzarten Heldinnen unerwartet sterben ließ, dann verfiel das ganze Land in Schockstarre. Charles Dickens war der Karl May der britischen Inseln – nur handwerklich und literarisch dem Winnetou-Wortschmied turmhoch überlegen. Der ‘Fehler’ der Wiederholung kommt bei Dickens überaus häufig vor, er ist dabei aber kein Ausdruck des Mangels, die Wiederholung hat bewusst der Intention zu dienen.

‘Klein Dorrit’ ist einer der Romane, die sich der ‘Gefangenschaft’ des Menschen in einer heraufdämmernden Geld- und Industriegesellschaft widmen, womit der Text am Beginn der ‘klassischen Moderne’ steht. Der Mensch ist nahezu unentrinnbar Opfer und Gefangener der Verhältnisse, seine Befreiung und Erlösung nicht mehr in Sicht. Diesem ökonomisch zementierten Leben begegnen wir gleich auf der ersten Seite, das Motiv der Unabänderlichkeit und des entgötterten Himmels wurde in die Form einer Wiederholung gegossen:

“Alle Welt in und um Marseille hatte regungslos zum glühenden Himmel emporgestarrt und war ebenso angestarrt worden, bis die Unbeweglichkeit dort zur allgemeinen Gewohnheit geworden war. Fremde gerieten aus der Fassung durch regungslose weiße Häuser, regungslose weiße Wände, regungslose weiße Gassen, regungslose ausgedörrte Landstraßen, regungslose Berge, von denen alles Grün weggesengt worden war.”

Erbarmungslosigkeit prägt das Bild, ohne jede Hoffnung auf Bewegung und Änderung. Kein Gott nirgends – die Situation perpetuiert sich in Ewigkeit, amen. Wir sind Gefangene in einer ewig gleichförmigen und unbarmherzigen Welt. Die Wiederholung des kleinen Adjektivs ‘regungslos’ erzielt diese große Wirkung.

Auch der innere Aufruhr und die Wut des Armen prallen an den Verhältnissen ab. Hungrig kehrt er in die Stadt zurück – und findet überall die Türen verschlossen:

“Dort war das Hotel mit seinem großen Torweg und seinem saftigen Küchenduft; dort war das Kaffeehaus mit seinen hellerleuchteten Fenstern und seinem Geklapper von Dominosteinen; dort war die Färberei mit ihren roten Tuchstreifen an den Türpfosten; dort war das Gewölbe des Goldschmieds mit seinen Ohrringen und Votivgegenständen; dort war der Tabakladen, aus dem lebhafte Gruppen von Soldaten mit Pfeifen im Mund herauskamen; dort waren die üblen Gerüche der Stadt, der Regen und Kehricht in den Rinnsteinen, die matten, quer über die Straßen gespannten Lampen, und die unförmige Postkutsche mit ihrem Berg von Gepäck und ihren sechs Schimmeln mit aufgebundenen Schwänzen, die eben an der Poststation abgefertigt wurde.”

Alles geschieht ‘dort’, und eben nicht ‘hier’, an jenem Platz also, wo der Arme steht. Die ganze bunte Welt der Stadt ist für den Armen nicht vorhanden. Wie mit Hammerschlägen betont das unaufhörliche Dickens’sche Gewitter des ‘Dort’ jene Distanz, die eine immerfort wachsende pauperisierte Schicht vom Leben ausschließt, solange, bis sie ihre Freiheit und ihre Kultur nur noch in den Gefängnissen findet. ‘Dort’ sind sie dann in ihrem ‘Hier’ angekommen, der Knast und die Arbeitshäuser sind ihre neuen Lebensmittelpunkte.

Die Wiederholung ist also sehr wohl ein vortreffliches Stilmittel, sofern man es einzusetzen versteht. Will ich Wirkungen der Unveränderlichkeit oder des unaufhörlichen Hindeutens erzielen, dann ist die Repetition an ihrem Platz.

Anmerkung: Über die Kurzsatzregel gewisser Stillehrer, wonach ein wohlgeformter Satz keinesfalls mehr als zwölf Wörter umschließen sollte, breite ich hier gnädig den Mantel des Schweigens. Dickens schrieb durchweg lange, überaus komplex gebaute Sätze. Er konnte es eben. Der hier zuletzt zitierte Satz enthält ungefähr 200 Wörter – dem Erfolg bei einem Massenpublikum hat dies durchaus nicht geschadet.

Die semantischen Felder

Präzise und genau zu schildern, was offen vor Augen liegt, das genügt nicht, um gut zu schreiben. Alle Schilderung von Landschaft ist immer auch Schilderung von Bedeutung. Wenn Büchners Lenz ins ‘Gebirg’ geht, dann geht es nicht um graue Granitfelsen, sondern um das, was “in der Brust drängt, wenn das Gestein so wegsprang“. Und schon befinden wir uns auf den semantischen Feldern, den ‘beseelten Landschaften’ der Literatur …

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