If your memory serves you well ...

Schlagwort: Süddeutsche

Der Journalist in seinem Dusel

Folgender Text fand sich heute in der ‘Süddeutschen’, wo es um den Putschversuch der thailändischen Eliten geht. Die ‘Gelbhemden’ wollen dort bekanntlich das demokratische ‘One-Man-One-Vote-Prinzip’ aushebeln, weil sie als Minderheit sonst keine Chance hätten, jemals an die Macht zu gelangen – zumindest müssten sie sich auch mal um andere Leute kümmern als um sich selbst:

“Die Oppositionellen allerdings wollen keine Neuwahlen, da sie von einem erneuten Sieg der Regierungspartei ausgehen. Sie fordern eine tiefgreifende Reform des politischen Systems.”

Das klimpert sich so einfach in die Tasten, diese ‘tiefgreifende Reform’, wo es doch um die Etablierung eines Ständestaates anstelle einer Demokratie geht – weil die Reichen nun mal besser wissen als die blöden Bauern, was gut für diese ist. Vermutlich käme dem Schreiber selbigens auch bei der möglichen Einführung der Scharia in Somalia noch der bloße Wunsch nach einer ‘tiefgreifenden Reform’ durch religiös vernagelte Islamisten in die Tippfinger. Das Wörtchen ‘Reform’ sollte für fünf Jahre aus allen Redaktionsstuben verbannt werden.

Nuancen

Unsere treudeutsche ‘Wirtschaftswoche’ mag so etwas von ihrer FDP gar nicht glauben und greift grammatisch zum Putativ: “Der Bericht soll frisiert worden sein.”

Der FAZ ‘offenbart’ sich auch kein Handlungsbedarf – schon gar kein Skandal, ‘bloß wegen so’n büschen Redigieren’: “Vor der Veröffentlichung sind offenbar einige Sätze geändert worden.”

Der ‘Spiegel’ sieht dagegen überall nur noch Löcher im Käse: “Kritische Sätze fehlen, Hinweise auf unbequeme Fakten sind verschwunden

Das ‘Handelsblatt’ zieht sich auf rhetorische Fragen und auf Fiepsi Rösler zurück, und konstatiert einen erwünschten Wandel vom ‘Armutsbericht’ zum ‘Wohlstandsreport’: “Wurde der Armutsbericht der Bundesregierung geschönt? Nein, sagt Philipp Rösler.

Der ‘Stern’ denkt an den Mann auf der Straße und verfällt ins Umgangssprachliche: “Gerechtigkeitslücke? Hamm wa nich. Jedenfalls entfiel ein entsprechender Satz im Armutsbericht der Bundesregierung.

Die ‘Süddeutsche’ zielt mit den echauffierten Sozialverbänden prompt auf die Falsche, denn die Schönfärber saßen bekanntlich im FDP-Wirtschaftsministerium, diesem Taka-Tuka-Land liberaler Utopisten: “Sozialverband warnt von der Leyen vor Zensur.”

Die ‘Welt’ hingegen weiß als einziges Qualitätsmedium von revolutionären Umtrieben zu berichten, die der weiße Ritter Fiepsi Rösler mit Fug bekämpft hätte: “Passagen, die den Eindruck von “sozialen Unruhen” erweckten, seien zu Recht gestrichen worden.

Die ‘Zeit’ ist eher etepetete und mag sich die Finger nicht schmutzig machen; sie zitiert vorwiegend Zitate anderer Leute: “Die Süddeutsche Zeitung zitiert den FDP-Vorsitzenden und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler, der Bericht habe nicht “der Meinung der Bundesregierung” entsprochen.”

Nur auf ‘Twitter’ geht unter dem Hashtag #armutsbericht so volksnah zu, wie es unsere Realitätsverleugner in den Ministerien verdient haben.

So gemein ist eben nur das Internet – so fies ist nur der Medienwandel – und ‘abgehoben’ ist für das, was unsere Medien größtenteils schreiben, gar kein passender Ausdruck mehr. Aber gut, sie fahren dahin …

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