If your memory serves you well ...

Schlagwort: Stil (Seite 1 von 7)

Gebritzel

Manchmal funkt es bei mir im Kopf – und ein Wort schaut mich seltsam an. Ob das Resultat erhellt oder nicht, das mögen andere beurteilen. Seit einiger Zeit jedenfalls führe ich eine Textdatei, wo ich solche Einfälle aufschreibe. Hauptsache sie sind kurz. So entsteht eine Art ‘aphoristisches Wörterbuch’. Hier einige Auszüge:

Arbeitszeugnis: Arschwisch mit Löchern
Bildung: Wirksamstes Mittel gegen Langeweile, im Verkehr mit sich selbst wie mit anderen
Establishment: Jener Sehnsuchtsort, wo angeblich niemand je hinwollte
Event: Versuch, Schnittchen Bedeutung zu verleihen
Pegida: Das wird man doch noch nichtsagen dürfen!
Politiker: Ein Lügner, der sich selbst überzeugt hat
Provinz: Rückzugsraum der Vernunft
Religion: Etablierteste Form des Aberglaubens
Rente: s. a. ‘Marienerscheinung’
Schickeria: Treffpunkt arrivierter Bürger minderer Begabung
Student: Von studere ‚sich bemühen‘ (s. Arbeitszeugnis)
Tattoo: Der Versuch, sein idealisiertes Inneres nach außen zu tragen (vgl. a. ‚Socke, verkehrt rum‘)
Zukunft: Die Wurst für den Schlittenhund

Blasphemie!

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Beim Stöbern in meinen alten Dateien stieß ich auf diesen Text. Mir waren damals all die üblichen Ratgeber zum Schreiben im Netz aufgestoßen, deren Ratschläge dann doch immer auf ‘Wolf Schneider’ mit einer Prise SEO hinausliefen. Ich habe meine konträren Ansichten damals in ‘zehn Gebote’ gefasst:

Die zehn Gebote
Schreiben im Web 2.0

1. Du sollst keine anderen Götter haben.
Ich bin ein neuer Gott, geboren in einer ‚Medienrevolution‘. Die alten Gebote gelten nicht mehr.

2. Du sollst eine Gemeinde formen.
Vernetze dich, beteilige dich an Diskussionen anderswo, setze Links und äußere dezidierte Meinungen, die eine Debatte auslösen. Dann werden meine Engel, die Suchmaschinen, dich weit oben, zu meiner Rechten, platzieren.

3. Du sollst in Bildern sprechen.
Die Menschen sehen nur, was ihnen anschaulich ist. Sprich in Metaphern, entdecke die Macht einer neuen, bildhaften Sprache.

4. Du, nur du, sollst Zeugnis ablegen.
Weil du für meine neue Kirche sprichst, stehst du allein. Die Kirche der Individualität hat selbst keinen Mund. Werde nie zu einem bloßen Sprachrohr, sondern zu einem Autor, der auf jedem Marktplatz wiedererkannt wird. Schaffe dir in meinem Namen einen Namen.

5. Du sollst nicht nur Wörter und Buchstaben nutzen.
Meine Welt ist ‚multimedial‘: Ich spreche aus Filmen, aus Animationen, aus Bildern und Fotos – und nicht nur aus grauem Text zu den Menschen.

6. Du sollst den neuen Gott beschreiben – aber keine Theologie verbreiten.
Meide die Fachsprache der Gelehrten, beschreibe in einfachen Worten komplizierte Dinge, damit die Gemeinde das Sehen lernt.

7. Du sollst deine Überzeugung mitteilen, nicht meine Gebote.
Sprich also in der Ich-Form, zeige dein Gesicht, stehe zu deinen Aussagen, berufe dich nicht auf Autoritäten, die immer so vergänglich sind wie das Laub im Herbst.

8. Du sollst erzählen.
Die Menschen folgen Geschichten, nicht den Beschreibungen. Mache aus jedem Gegenstand einen ‚Helden‘, gib ihm eine Biographie, eine Entwicklung und Erlebnisse.

9. Du sollst von dir selbst überzeugt sein.
Schreibe nie etwas, woran du nicht glaubst. Schon führen alle Wege zu mir.

10. Du sollst mich achten.
Bestelle den neuen Acker in meinem Geist. Reiße das Unkraut und die alten Wurzeln aus.

Bild: Welleschik, wikimedia, CC-License

Der Augengraus

Carta hat nicht nur redaktionell den lange angekündigten ‘Rielauntsch’ vollzogen. Wer will, soll sich’s anschauen. Früher hatten Beerdigungsanzeigen ein solches Black-&-White-Layout, heute ist es wohl ‘zeitgemäß’. Auch beim Text hatte dieser Relaunch seltsame Folgen. Aber der werte Leser wird’s schon fressen:

“Wenn Verlage Kommentare abschalten, werden die notwendige Verdichtung von kulturellen Prozessen die technischen Plattformen machen.”

Wer jault da unter meinem Schreibtisch? Ach so, die vom Stil getretene Grammatik. Der Weg führt weg von der Dichtung, hin zur Verdichtung.

Für den Zettelkasten (24)

In den Lehrbüchern über den Stil aber scheint die Vorstellung zu herrschen, als ob eine jede Art des Stils in eines jeden Gewalt wäre, und durch Regeln füglich erlernt werden könnte, und als ob insbesondere derjenige, welcher über den Stil schreibt, von jeder Art des Ausdrucks selber vollkommen Herr und Meister wäre; da es doch schon zu den besonderen Vorzügen des Geistes gerechnet wird, wenn einer nur in einer einzelnen Art nicht gewöhnliche Talente zeigt.

Was wirklich schön gesagt sein soll, muss vorher auch schön gedacht sein; sonst ist es leerer Bombast und Wortgeklingel, das uns täuscht.”

(Karl Philipp Moritz: Vorlesungen über den Stil, Werke III, 653 u. 586)

Mit anderen Worten: Wolf Schneider klingt so kurz angebunden, wie er klingt, weil er so kurz denkt, wie er denkt. Anders zu denken und zu schreiben ist dann nicht mehr erlaubt, sobald ein Einzelner seinen Maßstab an Einsicht autoritativ vom Katheder verkünden darf. Reisende Scholaren, Plagiatoren und Parodisten sind die Folge. Natürlich kann auch ein minderer Autor wie meine Wenigkeit selbst Goethes Stil oder denjenigen eines Peter Handke ohne große Mühe nachahmen … es bliebe aber immer nur Parodie. Etwas Eigenes könnte ich auf diese Weise nie ausdrücken, weil sich das Wort dann nicht meinem Denken fügt.

Daneben gibt es natürlich noch den Fabrikstil der Mühelosigkeit, ich nenne hier mal Ken Follett als Beispiel für all die anderen Büchertischmatadore. Oder – um von Älteren zu reden – den Marcel Proust, der über weite Strecken so klingt wie eine Gala-Illustrierte zur Jugendstilzeit, ein Mann der uns nebenbei auch noch den ganzen ‘Gotha’ nebst allen Verwandtschaftsbeziehungen als Literatur verkauft. Letztlich ist das aber immer nur Pret à porter, ein C&A-Stil, der Erwartungen erwartungsgemäß bedient. Was übrigens auch für den ‘Industrieton’ im Journalismus gilt.

Der akademische Knödelton

Hannah Bethke ist Professorin an der Universität Greifswald. In einem FAZ-Artikel beschwert sie sich über orthographische und grammatische Defizite des heranwachsenden Prekariats, vermutlich völlig zu Recht. Ein ‘Non scientiae sed pecuniae discimus‘* zieht unausweichlich Folgen nach sich. Aus dem Dickicht der Kommentare trötet vor allem eins – Zustimmung. Wie aber steht es um die Sprache der Kritikerin selbst?

“Nur hier wird sichtbar, inwieweit der Inhalt der Literatur tatsächlich verstanden und analytisch durchdrungen wurde und ob die dort (hoffentlich!) gewonnenen Erkenntnisse in einen wissenschaftlichen Text transformiert werden konnten, der selbständig geschrieben worden ist.”

‘Nur hier’ – also in den handschriftlichen Hausarbeiten – würde ‘sichtbar’, was in den Seminarstunden vom Manna ihres Vortrags bis in die Köpfe des Nachwuchses gelangt sei? Das wird wohl an ganz anderen Stellen auch noch offenbar werden, spätestens dann, wenn das Berufsleben beginnt. Aber egal – in der Denkwelt der Frau Professorin werden jedenfalls die Erkenntnisse eines Lehrvortrags in einen Text ‘transformiert’, diese Inhalte müssten möglichst tiefgreifend ‘analytisch durchdrungen’ sein, die Darbietung der kümmerlichen Ergebnisse wäre dann ‘eklatant’, wo nicht gar schockierend, solche Mängel würden an allen Ecken und Enden ‘aufgewiesen’, usw.

Mit anderen Worten: Diese bildungskritische Tirade leidet selbst an ‘Sprachkrebs’, an einer bürokratischen Verschwurbelung einfachster Sachverhalte, auch wenn die Grammatik halbwegs unbeschadet die Tortur übersteht. Mit ihrer beklagten “Niveaunivellierung” aber schießt sich die Frau Professorin dann vollends selbst ins Knie. Derart ‘Hochgestochenes’ bewirkt immer sprachliche Luftlöcher, die nur einer ungewollten Hochkomik Raum geben. Wie’s anders ginge? Vielleicht so:

“Nicht nur hier zeigt sich, ob die Studierenden Bücher überhaupt verstanden haben. Ob sie grundlegende Unterschiede erkennen und ob sie diese in einem Text durchdacht bewerten können.”

Das klänge nicht ganz so ‘akademisch’? Dafür aber ist der Text kürzer – und vermutlich würden ihn sogar Seminaristen verstehen …

*Wer dort falsches Latein findet, darf es behalten …

Für den Zettelkasten (17)

Hat jemand etwas zu sagen, so gibt es keine angemessenere Weise als seine eigene; hat er nichts zu sagen, so ist seine noch passender.”
(Jean Paul, I.5., 276)

Der grassierende ‘Industrieton’ und das Fließbandgemöhre im Journalismus wären damit stets unangemessene Stilmittel. Egal, was Wolf Schneider dazu sagt …

Fuchsteufelsbild

Wer irrt dort derart gleichnishaft durch den deutschen Sprachraum? Das kann nur Lehmings Malte sein, unser Welterklärbär vom ‘Tagesspiegel’:

“Die Hühner im Stall gackern laut das Prinzip der friedlichen Koexistenz vor sich hin. Doch wenn der Fuchs kommt und sich nicht daran hält, gibt es anschließend meist ein Huhn weniger.”

Oha, …eiß am Stil! Ich denke mal, der Malte genoss nie jenen himmelschreienden Sound, der sich erhebt, besuchen Fuchs oder Marder ungebeten einen Hühnerstall. Beim Gackern und bei nur einem Hühnchen an Krimtartar bleibt’s dann nicht. So drängt sich mir die Ansicht auf, hier gackere jemand bild- und stilverlegen in seiner Kolumne ‘so vor sich hin’ – nichts zu finden, das war sein Sinn.

Und so sitzen die ‘domestizierten Westhühner’ angeblich brav im Stall – aber bei welchem Hühnerzüchter bloß? Während die Bewunderung des Kolumnisten für den freiwildernden Fuchs Putin durch jede Zeile weht. Mal ganz abgesehen davon, dass das lauteste ‘Gegacker’ bisher aus Richtung ‘Moskau Inkasso’ und aus der werten Famiglia drumherum erschallt. Es handelt sich eher um ‘Fuchsgebell’, und nicht um Gegacker, um mich dem Malte mal begreiflicher auszudrücken …

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