Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Stanzen (Seite 2 von 3)

Traditionspflege

Fernsehduelle geben den abhängig beschäftigten Menschen in unseren Massenmedien das Gefühl, dass Massenmedien und ihr Tanz um den Papiertiger noch irgendwie wichtig wären. Entsprechend umfassend, korinthenzählerisch und bizarr ist oft die Berichterstattung:

“Das Verkrampfte vom Anfang, das Nussknackerhafte, das aufgesetzte Lächeln, es war auf einmal verschwunden. Stattdessen nickte der Kandidat stumm und grinste wissend, wenn Barack Obama das Wort hatte.”

Jaja, dies ‘stumme Nicken’, wer beherrscht das so lautlos schon? Kurzum: Mimik-Experten unter sich … bei ihnen hätte eine Angela Merkel keine Chance.

Nachtrag: Das personifizierte Grauen und die glattgeschleckte Unglaubwürdigkeit sah für mich eher so aus wie Karl Theodor zu Guttenberg, also wie dieser Florian Silbereisen der Politik. Aber vermutlich ist das alles bloß ‘Geschmackssache’, was wir in solche Äußerlichkeiten hineinkaspern …

Die arme Socke!

Hat dem schnellfertigen Schreiber dieser geschmacklosen Buchstabensuppe niemand gesagt, dass sein popstarker Text diesmal ausnahmsweise nicht hinter der gnadenreichen Bezahlschranke der ‘Hannover’schen’ vor unbefugten Blicken des Publikums verstecken spielen darf?

“Nicht nur das Maschseefest bietet viel Programm, auch das Fährmannsfest in Linden bietet Musik … Für Filmliebhaber lohnt es sich weiterhin beim Seh-Fest vorbeizuschauen. … Am Wochenende gibt es wieder vielfältiges Programm auf dem Maschseefest. … Die Besucher beim Fährmannsfest in Linden erwartet von Freitag bis Sonntag auf zwei Bühnen ein vielfältiges Musikprogramm mit international renommierten Bands und regionalen Newcomern. … Zu den Höhepunkten zählt der Open-Air-Poetry-Slam „Macht Worte!“ … Als Überraschungsgast spielen am Sonnabend um 17.30 Uhr die Monsters of Liedermaching auf der Festivalbühne auf der Fährmannsinsel. Für die kleinen Besucher gibt es am Sonnabend und Sonntag … zahlreiche Angebote zum Mitmachen und Zuschauen …”

Ein ‘vielfältiges‘ Programm zeichnet sich für mich, das geborene ‘Monster of Niedermaching‘, dadurch aus, dass die Künstler alle der Generation 50 Plus entstammen sollten – ‘zahlreich‘ beginnt für mich bei ‘mehr als drei‘ und ein Event ‘bietet etwas‘ dann, wenn die Bühne nicht gänzlich leer bleibt, ‘international renommiert‘ bedeutet ‘haben schon mal in Holland gespielt‘, ‘regionale Newcomer‘ treten ‘erstmals außerhalb des Proberaums‘ auf, während das Programm, sofern es so sehnsüchtig Besucher ‘erwartet‘, auf mindestens einen zahlenden Gast nicht grundlos hoffen zu dürfen meint …

Blasenschwäche

Erst hatten wir die “Finanzblase”, dann kam die amerikanische “Hypothekenblase”, die “spanische Immobilienblase” folgte ihr auf dem Fuß. Und jetzt kommt dies:

“Die große Angst vor der China-Blase.”

Kurzum: Die Welt oder der Journalismus – einer von beiden leidet an galoppierender Blasenschwäche. Mich graust es derweil nur vor dem Platzen der großen “Kapitalismusblase”. Das wird bestimmt kein Zuckerschlecken …

Mit Latein auf du und du

Will der Journalist Bildung prätendieren und zu diesem Zweck das kleine Latinum präsentieren, fragt er gleich anfangs sein Thema nach dem Weg: “Wohin gehst du?“, heißt es dann im Text. Natürlich auf Latein – wozu hat man denn damals den ‘Gallischen Krieg’ gebüffelt:

Quo Vadis Spanien? – Spanien stellt den Euro auf die Probe
Quo Vadis, Linke?
Quo vadis, Handball in Düsseldorf?
Quo vadis Schlecker: Investor oder Zerschlagung?
Quo vadis Elbphilharmonie?
Quo vadis, Bochum?
Quo vadis, Hamburg? Die Visionen des Olaf Scholz

Ob links, ob rechts – klassische Bildung zeigt ein jeder gern. So rappelt und plappelt das quer durch alle Blätter tausendfach fort. Ein schlichtes ‘Wohin des Wegs?‘ suchen wir dagegen vergebens.

Henryk Sienkiewicz soll einem Medium, offenbar aus dem Totenreich heraus, gesteckt haben, dass er sich wegen dieser inflationären Zeitungsstanzerei nicht mehr in den Antikensaal trauen dürfe, weil ihm dort an jeder Ecke ein schadenfrohes ‘Quo vadis, domine?‘ entgegenschalle, sobald er sich dem Kiosk nähere …

Geistiger Fordismus

Zu den dämlichsten Wörtern der deutschen Sprache zähle ich die ‘Denkfabrik’. Was die Beliebtheit des Begriffs nicht schmälert. Das große Gegurgel spuckt zu unserem ubiquitären Allerweltswort etwa 3,5 Mio. Treffer aus. Das Kunstwort stammt aus der notorisch falsch verdübelten Vorstellungswelt von Ökonomen und Managern, die irgendwie zu glauben scheinen, Kreativprozesse ließen sich ähnlich organisieren wie eine Hähnchenschlachterei.

Wobei sie vergessen, dass genormte und standardisierte Produkte, wie sie eine Fabrik ja notwendigerweise ausspucken wird, immer das Gegenteil einer Idee oder einer Innovation darstellen. Weil jedem Produkt ein identisches Produkt auf dem Fließband schon voranging. Auch ihre Denkfabrik wird daher nur das Immergleiche produzieren – lauter Me-Too’s. Insofern ist das, was eine beliebige ‘Denkfabrik’ liefern kann, niemals eine Innovation, sondern immer nur banal genormtes Flachblech, wie es längst tausend andere Klitschen abdeckt:

“Lüder Gerken, der Leiter der Denkfabrik “Centrum für Europäische Politik”, befürchtet, dass Frankreichs Wettbewerbsfähigkeit weiter nachlassen könnte – und die Lage für das Land ähnlich problematisch werden könnte wie für Spanien und Italien.”

Sensationell – wer hätte das ohne die Hilfe einer Denkfabrik schon zu denken vermocht! Ich weissage sogar, dass die Lage für Deutschland ähnlich problematisch werden könnte, wie für Frankreich, Spanien und Italien …

Die Schmückschmocks

In unserer Glitzerwelt muss es funkeln und glänzen. Wo der deutsche Journalist aufzukreuzen geruht, um die schnöde Umgebung mit seiner Gegenwart zu beehren, darf Talmi, Strass und billiger Modeschmuck nirgends zu finden sein. Deshalb wird jeder Semi-Promi gedruckt zum Klunker:

Hochkarätige Jury unter dem Vorsitz von Michael Trautmann steht fest

Hochkarätig besetzt ist auch heuer wieder der Linzer Autofrühling.

Mit markigen, fast poetischen Worten leitete Frank Plasberg seine hochkarätig besetzte Runde ein.

Nach dem dritten tödlichen Pferdeunfall am Set wird die hochkarätig besetzte amerikanische TV-Serie um einen alternden Wettpaten und sein Comeback nicht mehr fortgesetzt.

Mit einem hochkarätig besetzten Programm setzt die Fachthemenmesse Neckar-Alb regenerativ in der Balinger Volksbankmesse neue Maßstäbe.

Hochkarätig besetzte Tagung zum Thema Musiktheater für Kinder

Am Donnerstag findet in der Stadthalle eine hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion zur Zukunft der Arbeitsplätze in der Schifffahrt teil.

Hochkarätig besucht war die Jahresversammlung des Vereins „Fleischerzeugerring Unterfranken“.

Tschaja – wem Markigkeit als Vorstufe zur Poesie erscheint … jedenfalls rasseln selbst die Fleischerzeuger bei uns schon schwergewichtig mit den verdienten Juwelen, und auf der Balinger Volksbankmesse sieht’s aus wie bei Tiffany’s in der Auslage. Auffällig ist die Präponderanz kontierbarer Werte vorm IQ, ums Verrecken schriebe kein deutscher Journalist: “Intelligent besetzt war diese oder jene Runde …“. Aber gut, das würde ja auch gar nicht den eher grauen als grauzelligen Tatsachen entsprechen …

Mit Anstand und Würde?

Der Bundestagspräsident wäre gut beraten, mit Anstand und Würde den Hut zu nehmen und das Schloss Bellevue zu verlassen”, sagte [der Bundestagsabgeordnete] Wellmann [CDU].” Mal abgesehen davon, dass der ‘Bundestagspräsident’ nicht in diesem Schloss residiert – unser naseweiser Antizipator sollte von Menschen, die schon gebeutelt genug sind, keine Dinge verlangen, die faktisch seit Tagen nicht mehr möglich sind: Der Mann wird das Schloss Bellevue mit einem lebenslangen Ehrensold verlassen, aber unter keinen denkbaren Umständen mit Anstand und Würde. Hüte trägt er auch nicht …

Die Schülerlotsen

Auf den Weg gebracht!” – kaum eine Plattitüde duftet so streng nach Parlament und Ausschusswesen, wie diese rundgeschliffene Perle des politischen Sprachgebrauchs: “Das Bundeskabinett hat gestern eine Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen auf den Weg gebracht.”

Heute ist es nicht länger Hauptaufgabe der Politik, etwas zu erreichen oder ein Projekt bis ins Ziel zu bringen. Es genügt, ihm den richtigen Weg zu weisen, dann vielleicht noch ein kleiner Schubs, und schon muss das politische Baby auf eigenen Füßen gehen. Einer weiteren Bemutterung durch die Politik bedarf es nicht:

“Gut zwei Monate sind vergangen, seitdem der Bundesrat das Gesetzespaket zur Energiewende auf den Weg gebracht hat.”

Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich regelhaft die Schwachstelle dieser Stanze, ihre immanente Fragwürdigkeit: Denn warum hören wir in der Folge so rein gar nichts mehr von dem, was von solchen ‘Entscheidern’ einst auf den Weg gebracht wurde? Wie lang ist überhaupt dieser Weg? Ist ihn schon jemals jemand zu Ende gegangen? Und was wird am Ende vom Selbstläufer noch übrig sein?

Fragen über Fragen – die dann, diesem Sprachgebrauch zufolge, allesamt nicht mehr Aufgabe der Politik sind. Denn sobald eine Initiative ‘auf den Weg gebracht’ wurde, endet der politische Sektor. Obwohl die Leichen derer, die von der Politik auf den Weg gebracht wurden, zu Tausenden den Straßenrand säumen …

Oldies but Goldies

Journalisten haben Lieblingsmetaphern, gern auch solche, die ihnen das Denken abnehmen. Hierzu zählt seit Methusalems Zeiten mit Sicherheit der ‘Paukenschlag’. Wenn der Leitartikler lautstark auf das geschundene Fell haut, dann gewinnt er – glaubt jedenfalls er – für das drögeste Thema die nötige Aufmerksamkeit. Hier einige Anwendungen, frisch aus unserer inhaltsleer daherdröhnenden Medialgegenwart:

“Energiepolitischer Paukenschlag in der Region.”
[Was ist los? Nichts ist los. Hohenlohe führt eine Bürgerbeteiligung beim Entscheid über Energieprojekte ein.]

Schon in wenigen Stunden beginnt die Comic Con 2011 in San Diego mit einem Paukenschlag. Der Cast aus der Twilight-Saga “Breaking Dawn” hat sich angesagt.
[Worum geht’s? Semi-Promis besuchen nur halbwegs Interessantes.]

Der Paukenschlag von Rapinoe
[Ein haushoher Favorit schoss, wie erwartet, früh das erste Tor.]

“Paukenschlag in Vluyn: Die Feuerwehrleute wollen … mit einer Mahnwache – auf ihre Situation aufmerksam machen.
[Ein paar Männlein stehen rum – die Pauke macht dazu Bummbumm.]

“Ferienauftakt mit einem Paukenschlag: 204 Mädchen und Jungen beteiligten sich an erster Falkenseer Sommerakademie.”
[Wie die Ferienakademie mal fast ausgebucht war …]

“Paukenschlag in Murrhardt. Bürgermeister Dr. Gerhard Strobel wurde nach acht Jahren erdrutschartig abgewählt.”
[Das Duisburger Modell: Ein Bürgermeister hielt sich – den Fakten zum Trotz –  für einen Sugar-Daddy.]

Resumée: Der ‘Paukenschlag’ im Journalismus funktioniert immer noch ähnlich probat wie bei Papa Haydn und seiner Symphonie mit dem Paukenschlag: Sobald das Publikum wohlig dahinzudösen beginnt, schlägt der Mann am Ochsenfell zu. Das Publikum schreckt hoch, denkt ‘Ach so!’ und versinkt wieder in medialen Dämmerschlaf …

Wortlügen

Auch einzelne Wörter können uns dauerhaft und tiefgreifend desinformieren. Zu ihnen zähle ich bspw. die geläufige Journalistenstanze von der “Machtergreifung” Hitlers. Das Wort setzt ein Bild in Szene, dass nämlich damals ein Mann oder eine Partei aktiv nach der Macht ‘gegriffen’ hätte. Historisch gesehen ist das höherer Blödsinn, eine Worthülse, die vor allem dazu dient, den Blick von den wirklichen Vorgängen abzulenken. Denn in Wahrheit wurden die Nazis von ganz anderen Gruppen ‘installiert’, es handelt sich um eine ‘Machtübergabe’ gesellschaftlicher Eliten an einen politischen Desperado, der als Handpupppe eben jener Eliten dienen sollte. Dass dieser Plan gewaltig in die Hose ging, ist wiederum eine andere Geschichte.

Die NSDAP war zum Jahreswechsel 1932/33 jedenfalls gar nicht handlungsfähig oder zu einer ‘Machtergreifung’ in der Lage. Sie war im ‘inneren Kameradenkrieg’ versunken, zutiefst gespalten in einen ‘sozialistischen’ Parteiflügel unter den Gebrüdern Strasser und in eine ‘realpolitische’ Fraktion unter Hitler, Goebbels und Göring. Im November 1932 war sie bei den Wahlen überdies krachend eingebrochen (- 4,3 %), die Parteifinanzen waren mehr als nicht mehr vorhanden, die Bräunlinge waren bei allen Banken bis über beide Ohren verschuldet.

Vorbereitet wurde die Kanzlerschaft Hitlers folglich auch gar nicht in der NSDAP, die Parteispitzen verzweifelten damals an jeder realen Machtperspektive – von einem beherzten ‘Zugreifen’ also keine Spur. Hitlers Kanzlerschaft wurde in Geheimgesprächen – ganz ohne Hitler – zwischen Hugenberg, von Papen und Hindenburg verabredet, unter Einbezug der Reichswehrspitzen. Hitler sollte als populistischer Kanzler einer bürgerlich-konservativen Regierung ‘entzaubert’ und ‘eingebunden’ werden. Seine Kanzlerschaft war daher nichts, was die Nazis aktiv erreicht hätten. Ihnen war vielmehr die Rolle zugedacht, populäre Pappnasen, Trickfiguren und Handlanger abgewirtschafteter gesellschaftlicher Eliten zu werden – im Klartext sollten sie bloß die nützlichen Idioten von industrieller Bourgeoisie, Großgrundbesitz und Militär sein. Fakt ist: Hitler wurde ins Amt ‘gehievt’, weshalb “Machtübergabe” jenes Wort wäre, das dem wirklichen Sachverhalt am nächsten kommt. Geplant war im Kern sogar eine “Ohnmachtsübergabe”, wobei der braune Kanzler sich vor dem Parlament müde hampeln und im Falle eines Falles vom Reichspräsidenten gefeuert werden sollte. So ähnlich sieht es übrigens die seriöse Geschichtsschreibung durch die Bank.

Natürlich wäre andererseits die wahre Geschichte bestimmten gesellschaftlichen Gruppen bis heute denkbar unangenehm. Nur so erklärt sich aus meiner Sicht die fortdauernde Karriere des allzu bequemen Wörtchens “Machtergreifung” – bis tief in die aktuelle Presselandschaft hinein:

“Denn die Machtergreifung Hitlers war der Anfang der Katastrophe …” (Tagesspiegel)
“Die Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30.Januar 1933 war für die Juden ein Schicksalsschlag …” (Fürther Nachrichten)
“Nach der Machtergreifung der Nazis wurde er aus seiner Dresdner Bank gedrängt …” (Die Welt)
“Einen ersten Eindruck dessen, was nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten folgen sollte, mussten die jüdischen Geschäftsleute bereits am 1. April 1933 erfahren … (Märkische Allgemeine)
“Wir erleben wie an der eigenen Haut, welche konkreten Konsequenzen die Machtergreifung Hitlers in ganz anderen Ländern hatte …” (MDR)
“Nach der “Machtergreifung” kam er im NS-Terrorapparat unter …” (FAZ)

Die genannten Beispiele stehen für buchstäblich tausende weitere in der Tagespresse. Bewusstere Redakteure setzen immerhin den Begriff in Anführungsstriche oder sie sprechen ohne nähere Begründung von der “sogenannten Machtergreifung”. Die einzig historisch wahre Formulierung, eine “Machtübergabe an Hitler”, kommt hingegen nirgends vor, weil sie damit Hitler vom ‘Subjekt’ in ein ‘Objekt’ verwandeln würden, grammatisch gesehen in ein Akkusativobjekt. So verzerrt ein einziges verlogenes Wort, das Reden in kurrenten Stanzen, permanent die Wahrnehmung der Menschen, insbesondere derjenigen, die nie ein dickleibigeres Geschichtswerk in die Hand nehmen dürften.

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