Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Stanzen (Seite 1 von 3)

Persönlichkeit als Grabbelware

Persönlichkeit beschreibt – philosophisch gesehen – die einzigartige Individualität eines Menschen in seiner Zeit. Zu einer Streicheleinheit wird der Begriff aber regelhaft, wenn er Journalisten in die Hände fällt.

Auf jedem besseren Schützenfest bspw. bevölkern viele ‘Menschen’ die Festwiese, zumeist sind sie auch noch ‘frohgestimmt’, sobald aber jemand das Podium erklimmt und zum Mikrofon greift, mutiert er zu einer ‘Persönlichkeit des öffentlichen Lebens’. Obwohl er so einzigartig doch gar nicht ist.

Der Begriff gehört also zu den Stanzen oder zur ‘journalistischen Grabbelware’, mit denen man sprachlich sein berichterstatterisches Wohlverhalten etwas aufhübschen kann. Kuschelrhetorik halt – sie schmeichelt dem Umworbenen und nutzt dem Journalisten. Google liefert derzeit fast dreihunderttausend Treffer …

Biss zum Abwinken

Es war vorauszusehen: Seit Uruguays Stürmer Suarez gestern seine Zähne in die Schulter eines italienischen Verteidigers grub, kalauern alle Medien im ‘Beiß-Modus’ fröhlich vor sich hin:

Der verbissene Engel
Die größten Beißer der Geschichte
Der Zahn Gottes
Attacken des “Vampirs” aus Uruguay
Der weiße Hai des Weltfußballs
Verachtung für den Beisser
Vorsicht bissig!

Ich vermisse noch den ‘Beißheitszahn’, das ‘stürmende Bisserl’, den ‘Bissmackhering’ oder den ‘bissexuellen Charakter’ dieses Ausrasters …

Im Adjektiv-Zoo

Journalisten, insbesondere wenn sie über das Ausland schreiben, denen geht es oft wie mir: Sie sitzen daheim oder in der Redaktion vor ihrem knarzenden Schreibtisch und sollen dennoch den Leser ‘hautnah’ packen. Das Substantiv allein genügt ihnen dann nicht mehr, nahezu unvermeidlich wird jedes Hauptwort mit einer Charakterisierung und Wertung verbandelt. Wenn’s wenigstens noch ungleiche Ehen wären – zumeist aber sind sie so vorhersagbar wie der Sonnenaufgang: Müllers Heidi heiratet Meiers Krischan …

Im Fall des Irak wären also die Klerikofaschisten der Isis keineswegs nur ‘Kämpfer’, nein, es sind allemal “brutale Kämpfer”, obwohl doch auch der Philipp aus Dinslaken dort herumirrt, dem in einer Moschee das Hirn gewaschen wurde. Und wenn ich mit dem Zählen eingenommener Städte nicht mehr nachkomme, dann wurden allemal “zahlreiche Städte” erobert, ein kleiner Zusatz, der bei aller Unbestimmtheit doch die Größe der Bedrohung maximiert, obwohl es faktisch in diesem Zeitraum nur zwei oder drei Städtchen waren. Und die Regierungstruppen kämpfen niemals bloß gegen all diese Söldner, nein, sie kämpfen stets unter “härtesten Bedingungen”. Wie auch sonst, Herr Superlativus?

Ähnlich geht’s im Sportteil zu: Das Wörtchen ‘Fußballstar’ wäre ja eigentlich kaum zu überbieten, aber dort im Hurra-Ressort werden diese Millionarios adjektivisch immer noch ein wenig mehr aufgebrezelt: Es sind natürlich “große Fußballstars” – wahrscheinlich alle mit einem Gardemaß von zwei Metern. Und es handelt sich im Sport auch nicht schnöderdings um ‘Profis’, der gewiefte Sportreporter verwandelt sie gewohnheitsmäßig in “echte Profis”. Alle anderen dagegen sind bloß “normale Spieler”, also ‘falsche Profis’, die nur Geld abstauben, statt auf dem Platz um ihr Leben zu dribbeln, als wären sie nicht mehr ‘normal’.

Wechseln wir zum Wirtschaftsteil, wo die Manager nicht einfach nur irgendwohin fliegen, nein, sie sind allemal “persönlich nach Paris geflogen”. ‘Unpersönlich’ wäre wohl auch ein Unding. Konzerne, die sich vermählen wollen, schließen nie bloß eine ‘Allianz’, eine “umfassende Allianz” sollte es in Deutschlands Redaktionen schon sein. Und ‘Arbeitsplätze’ sind zwar wichtig, noch schöner aber wirken allemal “zusätzliche Arbeitsplätze”. Tscha, was ein Adjektiv doch ausmacht … ich könnte diese Reihung ohne Ende fortführen.

Diese Zwangskombiniererei trifft natürlich nicht nur auf Redakteure zu, sondern bspw. ebenso auf das Kommentariat der Putin-Fanboys: Wer die Kiewer Regierung nicht flugs mit dem Beiwort ‘faschistisch’ bedenkt, wer jedwede Propaganda nicht als ‘westlich’ charakterisiert, wer nicht jeden Beitrag, der ihm nicht passt, mit dem Etikett ‘unseriös’ versieht, der ist auch kein ‘wahrer’ Troll. An ihren Adjektiven könnt ihr sie erkennen …

Um nicht missverstanden zu werden: Ich eifere hier nicht gegen Adjektive und Adverbien generell. Die dritthäufigste Wortart im Deutschen darf man nicht in die Tonne treten. Mich langweilen aber diese vorhersagbaren Kombinationen, dieses journalistische Pret-à-porter. Wobei wiederum mein ‘journalistisches Pret-à-porter’ zeigt, worauf ich ziele: Ein Wort aus dem Textilgewerbe wurde mit einem Adjektiv aus der Tastatur-Zunft verkoppelt. Mit der Garantie, durch Entlegenes und Unerwartetes mehr Leseanreiz zu schaffen …

Farbenblinde Reporter

Bei manchen PR-Gefälligkeiten in der lokalen Berichterstattung fragt man sich ja, ob diese Journalisten überhaupt durchdenken, was sie da schreiben:

“Mit viel Herzblut haben wir uns engagiert”, versicherte Vera Milus. Weiß-Blau war dementsprechend die dominierende Farbe.

Tschaja – ‘dementsprechend’ auch der weitere Text. Als ganz abgelutschtes Schmankerl glänzt in einer Nebenrolle natürlich auch wieder “viel Liebe zum Detail“, ein Aspekt, den jener Artikel dann eher vermissen lässt. Eine besonders dienstfertige Reportermumie, die sich dort ächzend und erwartungsgemäß auf die klapprige Kleinkunstbühne des Blättchens zu quälen hat …

Leseraustreibung

Stanzen, die wir nicht mehr lesen wollen – null Nährwert, kein Aroma, nirgends ein zutreffendes Bild oder ein Gedanke:

Gesamtpaket (961.000 Ergebnisse)
hochwertig (7.780.000)
Herzstück (1.030.000)
externe Dienstleister (1.140.000)
ausgelagert (1.020.000)
gravierend (947.000)
Erwartungen übertroffen (570.000)
unter dem Strich (6.340.000)
Allzeithoch (784.000)
Konjunkturlokomotive (42.700)
Größenordnung (1.980.000)
Impulsgeber (915.000)
grundlegende Reformen (2.130.000)
überraschend stark (5.730.000)
der niedrigste Stand (2.470.000)
deutlich im Plus (12.900.000)
(… tbc)

Feinheiten beachten

Begeht ein Klempner einen Mord, dann bleibt er ein Klempner, bestenfalls mutiert er auf dem Boulevard zum ‘Klempner-Mörder’. Brennt ein Rechtsanwalt mit dem anvertrauten Geld durch, dann bleibt er ein Jurist, trotz Millionenbetrugs. Steht aber ein Banker vor Gericht, dann ist er allemal und bestenfalls nur ein “ehemaliger Banker” …

Ehemaliger Banker bringt Kirche um eine Million Euro
Ehemaliger Banker wegen Geldwäscherei verurteilt.
Ehemaliger Banker überfiel Post in Hagen
Ehemaliger Banker zieht Migros über den Tisch

Tscha – ‘Banker überfällt Post in Hagen’, wie subversiv klänge das denn wohl – so ganz ohne Adjektiv? Das brächte ja einen ganzen Berufsstand in Misskredit. Deshalb wohl ist mit Überreichung der Entlassungspapiere auch gleich die ganze “ehemalige” Ausbildung futsch …

Im Stanzenparkhaus

Woran merke ich eigentlich gleich, dass ich es mit einem journalistischen Text zu tun habe? Zumeist liegt es an den Stanzen, an den Bewohnern eines kleinen Wörterzoos, die jedem Schreiber umstandslos zu Hilfe eilen, sobald Not am schnellfertigen Begriff herrscht.

Das sei jetzt aber “zu kurz gedacht”, warnen da schon erste Kritiker, die zwar selber nicht viel länger denken können, die aber befürchten, dass sich “in der Bevölkerung immer mehr Unmut breitmachen” könnte über diese langweilige Vorhersagbarkeit der journalistischen Sprache.

Jaja, dieser ‘Unmut’! Auf die Dauer verliert der Journalismus dadurch nicht nur immer mehr an Esprit, sondern “zunehmend auch an Rückhalt in der Bevölkerung”. So was kommt eben von so was …

“Flexibel reagieren”, empfehlen einige als Remedur. Das alles spiele sich doch noch “im Halbschatten einer nicht thematisierten Krise ab”. Was tun? Vielleicht ginge es darum, als erstes “einen ehrgeizigen Zeitplan” aufzulegen? Tscha, warum immer nur bei der Ehre geizen …?

Schon aber droht neues Ungemach. “Angesichts des schwierigen Umfelds” gilt es, den wahren “Dreh- und Angelpunkt” ins Auge zu fassen, sonst bediene man nur “typische Vorurteile.” Wer’s begreift, kriegt Bonuspunkte …

Eins ist jedenfalls unmittelbar klar – das Thema erregt die Gemüter”, am meisten in den Redaktionen, wo solche Behauptungen immer wieder “durch die Debatte geistern,” wie einst die weiße Frau. Was wäre, wenn jetzt die Journalisten “öffentlichkeitswirksam” à la Depardieu die Republik in Richtung Russland verließen, also “ihren Wohnsitz ins Ausland verlegten,” wo ihre Steuereinnahmen dann nicht mehr “in die Kassen von Bund und Ländern fließen”” Ja, was wäre denn dann? Sollten sie nicht doch besser “lukrative Kabinettsposten” anstreben …?

Anmerkung: Dieser Text hat mich einschließlich Fundstellensuche handgestoppte 22 Minuten gekostet: Fundstellen aneinander nageln, ein wenig Pseudo-Zusammenhang dazwischen erzeugen … fertig ist die Laube. Und das Tagewerk getan.

Willkommenskultur

Zu den mehr oder minder hervorragenden Eigenschaften der Sprache gehört es, dass sie Dinge aus dem Hut zaubern kann, die kein Mensch je sah:

“Rösler fordert Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte.”

Jaja, unser Fiepsi als ‘Kulturschaffender’. Was um Himmels willen soll das denn sein, diese ‘Willkommenskultur’? Soll der Bürgermeister die Ankömmlinge an der Gangway mit einem Strauß roter Rosen per Handschlag begrüßen? Sollen leicht geschürzte Maiden den ausländischen Fachkräften einen roten Teppich ausrollen, während die Bigband spielt? Sollen randalierende Ausländerfeinde in der wichtigen Phase des Begrüßens doch bitte mal kurz die Schnauze halten? Und was passiert überhaupt danach, dann, wenn nämlich die Zeit des Willkommens vorüber und der Arbeitsvertrag unterschrieben ist? Ist diese ‘Kultur’ jetzt ratzfatz wieder vorbei? Sobald der triste deutsche Alltag am Arbeitsplatz und auf der Straße die Fachkräfte einholt, dann, wenn der durchsichtige Wortschleier von einer eilfertig und windmacherisch dahergeschwätzten ‘Willkommenskultur’ fällt, und das blanke Nichts erscheint?

Kurzum: Hohle Nüsse aus dem Wirtschaftsministerium, weil dem die Unternehmen besorgt meldeten: ‘Houston, wir haben da ein Problem’. Sprachsalbaderei! Aber die vereinigte Presse lacht dieses Wort-Talmi nicht aus, sondern druckt’s und schweigt.

Vermutlich wollte er ja bloß einen humaneren, zivilisierteren und kultivierteren Umgang mit Ausländern fordern. Das aber wäre weiten Teilen seiner Partei dann sauer aufgestoßen, zum Beispiel dem Burschenschaftsflügel der FDP, denen mit den FPÖ-Allüren. Niemand kann rechts hetzen und links den Hut ziehen. Röslers Problem sind die eigenen Reihen …

Es rumort im Journalismus

Tausendfach schreiben sie’s hin – und sie meinen allemal, dass es im Hintergrund ein vernehmliches Murren und Munkeln gegeben hätte – eine gewisse Unruhe. Dabei ist die Wortbedeutung des ‘Rumors’ eine andere. Der Rumor erzeugt einen infernalischen Krach, als wenn ein fluchender Alkoholiker in einer gekachelten Großküche tausend gußeiserne Kochtöpfe umtreten würde. Lärm, Getöse – das ist in etwa die Wortbedeutung des ‘Rumors’. Ramentern, rumbollern, krakeelen, vandalieren – das wären Verben, die sich halbwegs synonym einsetzen ließen.

So aber meint’s der deutsche Journalist heute nicht mehr – bei ihm gibt es allenfalls ein “Rumoren hinter den Kulissen”, was höchstens den Theatervorhang in sanfte Wallung versetzen kann. Weit abseits der Wortbedeutung züchteten sie sich aus altem Kraut ein neues Pflänzchen, das für den Gebrauch im ‘modernen Qualitätsjournalismus’ wie geschaffen schien, auch wenn alter Sinn und Verstand den Texten entfleuchte:

Hier zunächst der Hä-Fall: “Die Sektflaschen sind längst im Altglascontainer, das Orakelblei ist vom Parkettboden abgekratzt, aber in den Knallblättern rumoren immer noch die Ausläufer des Jahresendgewitters.”

Hier die ‘produktive Unruhe’, in klerikalen Kreisen sehr beliebt: “Wir wollen, dass es rumort”, sagt Bernhard Fritzenschaft. Und zwar im besten Sinn. Die konstruktive Unruhe halte die Kirche lebendig.”

Prompt wackeln die Heiligenfiguren mit den Köpfen: “Die U-Bahntrasse in Köln stört nicht nur in der Philharmonie, auch im Wahrzeichen der Stadt ist ihr Rumoren zu hören.”

Die FDP, der Ort, wo das Tuscheln Krach macht: “Rumoren in der FDP: Verliert Rösler bald seinen Job?”

Pelzigs Patchwork-Seele kriegt auf der Stelle die Motten: “Sätze wie dieser rumoren durch die hellwache Bürgerseele eines Erwin Pelzig, die noch von antiken Werten wie Gerechtigkeit und Redlichkeit zusammengehalten wird.”

Der Jahresendzeit-Blues ertönt: “Immer, wenn die Weihnachtsfeiertage vorüber sind, spürt man in schwäbisch-alemannischen Landen ein geheimnisvolles Rumoren.”

Daraufhin räumt Rennie den Magen auf: “Die Spannung war nun greifbar und setzte sich in der Magengegend als angenehmes Rumoren fest.”

In der Werbepause machen Marketing-Leute mit dem Wörtchen ein wenig Klingeling: “Die Gerüchte um biegsame Displays für Smartphones rumoren schon länger.”

Wenn’s im Hintergrund grummelt, wenn die Erwartung froh brummt, dem Pressmensch ‘rumoren’ in die Tippfinger kummt …

Journalistisch -> Deutsch

Dutzendphrasen und ausgelatschte Metaphern befüllen die Publizistik wie Wassertropfen das Meer. Auch das Reden vom ‘Betonen von Gemeinsamkeiten’ gehört dazu, ein musikalisch-sprachbildlicher Gemeinplatz, den das große Gurgeln mit einer Viertelmillion Treffern belohnt. Zumeist sind es solche aus dem journalistischen Habitat. Hier eine aktuelle Fundstelle mit einigen Alternativen, die uns da doch ganz zwanglos auf der Zunge lägen:

“Merkel und Cameron betonen Gemeinsamkeiten.”
Merkel und Cameron sülzen belangloses Zeug.
Merkel und Cameron haben sich nichts zu sagen.
Merkel und Cameron verlieren sich in Geschwätz.
Merkel und Cameron necken sich mit Nettigkeiten.
Merkel und Cameron kommen einfach nicht auf den Punkt.
Merkel und Cameron führen eine Placebo-Kommunikation.
Merkel und Cameron backen sich Allgemeinplätzchen.
Merkel und Cameron umschiffen jeden Dissens.
Merkel und Cameron labern sich ‘nen Wolf.
Merkel und Cameron hätten auch zu Hause bleiben können.

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