If your memory serves you well ...

Schlagwort: Sprachnörgler

Der toitsche Recke

Sie lernen es nie. Im ‘Cicero’ hat es mal wieder jemanden in die Einkaufsmeile – Entschuldigung, in die ‘Shopping Mall’ – einer deutschen Großstadt verschlagen. Prompt erklingt die alte Leier:

“Wenn wir von dem einen verbindenden Element sprechen, das für Deutschland steht, dann sind es nicht Semmelknödel oder Spätzle, Udo Lindenberg oder Beethovens Neunte. Nein, das alles Verbindende ist unsere Sprache.”

Mit Beethovens Neunter im Kopf findet er im Werber-Tohuwabohu natürlich nur wenig Anlass zu klassischer “Freude!”: “Travel Centers” sieht er, “Coffee to go”, “Beverage” und “Cool to School” – kurzum das ganze schnappatmige Werbe-Papperlapapp aufgedrehter Koksnasen, die sich allein deshalb schon für kreativ zu halten pflegen.

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Dann du sprichst so Kiezdeutsch!

Vor Gott sind alle Sprachen gleich – im Reich der Wörter gibt es keine ‘Hochsprachen’ und ‘niederen Dialekte’, jede Sprache ist geeignet, das soziale Zusammenleben zu regeln und den Alltag zu meistern. So lautet – etwas verkürzt gesagt – die pragmatische Sicht der Sprachwissenschaft auf die linguistische Landschaft. Ein Blick, der sich doch erheblich von dem der selbsternannten ‘Sprachkritiker’ unterscheidet.

Vor allem dort, wo ein Bastian Sick, ein Wolf Schneider oder der Verein für deutsche Sprache sich tummeln, wachsen längst die Vorurteile wie Löwenzahn am Wegesrand. Vor allem dann, wenn es sich um Soziolekte aus so genannten “Problemstadtteilen” handeln sollte. Von “Gossensprache” ist dann schnell die Rede, von “Kauderwelsch”, “Primitivsprache” und “Gestammel”.

Schön ist es da, wenn statt dieser retardierten Kulturorakel die Linguistik sich an einer Analyse des Phänomens versucht. Die Potsdamer Sprachwissenschaftlerin Heike Wiese hat das getan – mit durchaus überraschendem Resultat. In Deutschland wächst ein neuer Dialekt heran, gleichwertig dem Sächsischen, Bayrischen oder Niederdeutschen. Es handele sich hierbei keineswegs um eine Flicksprache aus aller Herren Länder, es sei auch weit und breit keine Grammatik im Verstümmelungszustand zu finden, im Gegenteil sei der neue Soziolekt in mancher Hinsicht sprachlich sehr viel effizienter als das “Standarddeutsche”.

Aus einer ganzen Reihe von Wiese’schen Beispielen hier nur eins: Mit der Silbe ‘so’ habe sich ein sprachlicher ‘Marker’ herausgebildet, der wie ein Edding auf funktional besonders bedeutsame Bestandteile eines Satzes hinweise, wie oben in der Überschrift das ‘so’ vor dem ‘Kiezdeutsch’.

Keinesfalls dürfe man ferner Menschen, die Kiezdeutsch sprächen, als ‘defizitäre Sprecher’ betrachten, die nur einen ‘restringierten Code’ beherrschten. Förmlich das Gegenteil sei oftmals richtig. Umstandslos könnten die meisten Jugendlichen ins Standarddeutsche zurückschalten, wenn die Situation dies erfordere. Sie seien also – im Gegensatz zum ‘Standardgermanen’ – zumindest schon mal zweisprachig, sollten die Eltern daheim noch ins muttersprachliche Russisch, Arabisch oder Bosnisch verfallen, oft sogar dreisprachig. Von der Sprachkompetenz her den meisten Deutschen damit weit überlegen.

Die vehemente Ablehnung des neuen Dialektes hätte daher zumeist soziale Gründe, folgert die Potsdamer Professorin: Jugendliche mit oder ohne Migrationshintergrund aus “Problemstadtteilen” hätten eine entwickelte Sprache des sozialen Verkehrs miteinander ausgebildet. Diesen Zwecken sei die neue Variante der deutschen Sprache perfekt angemessen. Wer auf diese neue Sprachvariante schimpfe, pflege vor allem seinen eigenen Dünkel gegenüber jenen Menschen, die sozialen Orten entstammten, wo ein anständiger ‘Standarddeutscher’ doch gar nicht zu verkehren pflege.

Heike Wiese: Kiezdeutsch. Ein neuer Dialekt entsteht. beck’sche reihe 6034, München 2012

Ramsauer und die Grammatik

Tscha – wer sich als kühner Toitsch-Sprach-Bewahrer kopfüber in den großen Kampf gegen migrantenmäßig wuchernde Anglizismen stürzt, der sollte doch zumindest mit der Statik der deutschen Sprache ein entspanntes Verhältnis pflegen. Es muss ja nicht gleich erotisch sein. Das aber ist natürlich nur meine unmaßgebliche Meinung:

“Die deutsche Sprache aufzunehmen, halte ich für ein bemerkenswertes Anliegen, mit der man sich auseinander zu setzen hat. Aber genauso wichtig ist es, die deutsche Sprache auch zu praktizieren.”

Feste üben, Herr Ramsauer, immer nur feste üben! Dann wird es selbst in Ihrem Fall mit dem ‘Praktizieren’ sicherlich auch noch etwas …

Bei den Deutschländer-Würstchen

Jenes harte Hirnholz, das unter dem Namen ‘Aktion Lebendiges Deutsch‘ unhaltbare Sachverhalte in die Welt hinaus zu posaunen pflegt, hat sich im Kampf gegen die Windmühlen des Denglischen ein neues Husarenstück geleistet: Erstmals wollen sie toitscher als deutsch sein – und deshalb deutschen sie ein kerndeutsches Wort noch toitschtümelnder ein, wohl deshalb, weil sie es irrtümlich für einen Anglizismus ohne jeden Ariernachweis gehalten haben. Das Wörtchen ‘Dumpinglohn’ sollen wir nach ihrem Willen künftig durch ‘Hohnlohn’ ersetzen – das jedenfalls ist ihr sprachmusikalisch ebenso wie sprachwissenschaftlich unhaltbares Begehren.

Mit ein wenig schlichtem Gegurgel hat ihnen der Anatol Stefanowitsch jetzt vorgerechnet, dass es sich um ein Wort handelt, das nahezu ausschließlich im Deutschen seine Nische gefunden hat (okay, ein paar Dänen kennen es auch). Der Ausdruck ‘dumm gelaufen’ aber, der entwickelt sich allmählich zu meinem Standard bei der Beurteilung sprachnörglerischer Aktivitäten, dort in jener semantischen Todeszone, wo das ‘lebendige Deutsch’ allmonatlich von einigen älteren Herren exekutiert wird …

Den Fehler gibt’s nicht …

den haben sich irgendwelche Sprachnörgler bloß spaßeshalber aus den Fingern gesogen, um mal wieder auf eine vorgeblich illiterate Jugend einzuprügeln, dachte ich. Oder der Bastian Sick hat sich mit seinen Sprachwitz-komm-raus-Erfindern nächtens im Suff zusammengehockt, um die nächste Show zu planen – wobei aus dem Bierdunst dieses Konstrukt destilliert worden sei. Nun aber las ich das hier – ‘in echt!’ – und verschluckte mich fast am Frühstücksei:

“Bubacks Vorgehensweise hat eine hohe Plausibilität – und doch eine Achillesverse.”

Kein Kopp, aber Kopien!

Wenn ich mich bei der Aktion lebendiges Deutsch anmelde, dann bekomme ich allmonatlich von der Stiftung Deutsche Sprache einen schnieken Neuigkeitselektrobrief mit einer pdf-Datei zugesandt, worin mir die verdorbensten Wortkandidaten zum Zwecke einer sprachlichen Re-Arisierung vorgestellt werden. Samt Statistik und einem Dossier über das üble Treiben der Zwangsumtäuflinge, insbesondere über ihre lüsternen ödipal-muttersprachlichen Absichten. Gegen diese Welt voll denglisher Bastarde kämpft die Stiftung Deutsche Sprache.

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