If your memory serves you well ...

Schlagwort: Spiegel Online

Der Mann trägt Kausalkette

Ein Prinzip wie die Kausalkette setze ich mal als bekannt voraus: Der Schreiber haut eine wilde These an den Anfang seines Elaborats und leitet daraus dann Glied für Glied immer größeren Bockmist ab, wobei er den Anschein von Logik mit Wörtchen wie ‘weil’, ‘deshalb’ oder ‘daraus’ erzeugt – oder auch einfach durch die bloße Zusammenstellung, woraus dann ein Eindruck von Zusammenhang wie von selbst entsteht. Weil ja jeder Leser arglos glaubt, der Autor hätte sich beim Schreiben auch etwas gedacht. Erst kommt also irgendetwas Skurriles, irgendein funkelnder Mind-Catcher, daraus folgt dann ein nächster Satz, der beliebig aus der Luft gegriffen wurde, aus ihm resultiert dann wiederum etwas beliebiges Anderes, was irgendwann schließlich bekanntlich das Erwünschte zur Folge haben soll. Von einem beliebigen Anfang geht’s logikbefreit endlos weiter, bis die Kette nur noch klötert. Kausalketten gehören zur Grundausrüstung des Politiksprechs.

Mit Hilfe einer solchen Kausalkette streicht uns justamäng auch der Jan Fleischhauer vom ‘Spiegel’ unsere graue Alltagslogik kunterbunt an. Zunächst gibt’s auch dort erst einmal die wilde Anfangsthese des modernen Happi-Happi-Journalismus:

“Kaum etwas liebt der Deutsche so sehr wie die Kuhstallwärme der Volksgemeinschaft.”

Nun gut, es möchte so manchen geben, der dies archetypische Fortleben einer Nazi-Ideologie bestreitet. Aber gleich anfangs macht sich eine solch schräge Behauptung natürlich gut, der Schreiber gebraucht eine ‘rebel-logic without a cause’. Da fühlt er sich dann gleich wie James Dean. Und wer ihm nicht zustimmt, der ist ein Bauer, der noch im Kuhstall lebt. Während alle Schlichteren im Geiste denken, eine solche verbale Blendgranate wäre schon die Wahrheit, nur weil’s bei ihnen an den Synapsen blitzt und donnert.

Wer jetzt glaubt, ich hätte jetzt im Folgenden etwa Text unterschlagen, der irrt, es geht haargenau und lückenlos so wie beschrieben weiter:

“Zu viel Eigensinn ist [dem Deutschen] fremd, das Exzentrische und Abseitige überlässt man lieber anderen Nationen.”

Daher wohl dann der berühmte ‘deutsche Sonderweg’, von dem alle Historiker so viel zu erzählen wissen. Die Deutschen sind nämlich eigentlich die ‘Normalos’, alle anderen seien ‘exzentrisch’ und neben der Spur. Das ist schlicht das angewandte ‘Geisterfahrer-Prinzip’. Umstandslos folgt schon das nächste Glied in Fleischhauers funzelnder Lampiongirlande:

“Exzentrisch zu sein, heißt ja immer auch, sich irgendwie unsozial zu verhalten.”

Was einen Gandhi prompt zum Normalmenschen schrumpfen lässt. Denn nur der Asoziale ist im Kern der wahre Individualist. Wer notorisch neben der Spur ist, muss immer auch moralbefreit sein. Zumindest ‘irgendwie’. Daraus dann – Achtung, Kausalkette! – folgt für mich die große Regel: Beginne ich über Jan Fleischhauer nachzudenken, wird’s unweigerlich komisch. Vermutlich spürte er aber, wie ihm mit heißem Atem die Vernunft im Nacken saß, also geht’s rasant weiter über Stock und Stein, bis die allgemeine Logik aus der Kutsche kotzt:

“Als unsozial zu gelten, ist aber das Kainsmal der deutschen Gesellschaft.”

Jaja, deshalb genießen ja auch der Ackermann, der Maschmeyer oder der Middelhoff ‘kaineswegs’ Ansehen im Land der Germanen. Reisten die nämlich in unser Land des immerwährenden Anstands ein, hinge sie der inhumane Moralpöbel womöglich gleich an die nächste Straßenlaterne …

Schon schließt sich für diese Ausgabe Fleischhauers Kausalkette, denn eine solche Kolumne hat ja keine immerwährende Zeichenzahl. Freu dich also, Leser, jetzt gibt’s den Fleischsalat – also die Conclusio: Weil die FDP bekanntlich auch asozial ist, deshalb wird sie fälschlicherweise als asozial mit Hass überschüttet, obwohl sie doch nur den Individualismus hoch hält:

“Es ist erstaunlich, welchen Hass die FDP auch nach ihrem Abschied aus dem Bundestag auf sich zieht.”

Tscha – wer so argumentiert, wie der Jan Fleischhauer, der wird zwar nie einen Lehrstuhl erklimmen … erstaunlich finde ich es aber, mit welcher Logik man heutzutage als Qualitätsjournalist ein wenig brillantinieren darf.

Boah, was der Jan alles weiß!

Die Verursacher und Bewahrer der italienischen Staatssklerose sind die Gewerkschaften.”

Und ich Dummerchen dachte, dieses Italien sei mehr als zehn Jahre von einem notgeilen Bunga-Bunga-Padrone regiert worden, dem größten Rechtsausleger und Gewerkschaftsfeind seit Benito Mussolini, ein Mann, der schon Kommunismus witterte, wenn es eine Minderjährige wagte, in seiner Gegenwart einen BH zu tragen. Während alle Regierungspartner sich im grenzfaschistischen Bereich ihren Jagdschein erwarben – und die gesamte Elite des Landes es als folkloristische Tätigkeit des Pöbels ansah, überhaupt noch Steuern zu zahlen. Während die Richter vom willfährigen Parlament in Hanswürstchen verwandelt wurden.

Seither, sagen jedenfalls ‘linke Berufsideologen’, kranke das ganze Land daran, dass dieser Berlusconi alles und jedes Staatsvermögen in den Rachen der Bourgeoisie und Finanzhaie expediert habe, wohl auch in den Rachen noch ganz anderer Organisationen, die in Bella Italia aber von der Bourgeoisie notorisch nur schwer zu unterscheiden seien. Während er die großen Privatvermögen jedem Zugriff entzog …

Süsswoll, so kann man sich täuschen! Wer zum Jan Fleischhauer geht, der kommt doch immer schlauer zurück …

(Quelle: Zeitung)

Hinweis: Bis auf weiteres verzichtet der ‘Stilstand’ auf Links zu Verlagen, die sich nicht ausdrücklich und glaubwürdig vom geplanten Leistungsschutzrecht distanziert haben.

Fleischhauahauahaua …

Heute gibt er seinem darob erstaunten Stammpublikum den kernigen Radikalfeministen … – natürlich immer brav am ideologischen Patschehändchen von Mutti, seiner femininen Ersatzkonstante, die ja an Röttgen vollzog, wovon Alice Schwarzer ewig nur schwafelte. Jan Fleischhauers unüberlesbares Merkelkuscheln resultiert wohl daraus, dass es bei ihm mit der richtigen Mutti nicht so geklappt haben soll, woraus ja dann ein dickes Buch entstand. Irgendwann legt er bestimmt auch noch diese fabulöse Marotte mit dem linksfamiliären Gutmenschentrauma ab. Dann guckt sein Publikum endgültig so aus der Wäsche, wie es immer schon war …

Blöde Headlines

In der Sportberichterstattung ist sie besonders häufig zu finden – die Plapperlapapp-Überschrift. Sie hofft von Geburt an darauf, dass niemand über sie nachdenkt. Zum Beispiel dieses schöne SpOn-Exemplar – vom Sportreporter mit heißem Herzen nach der Niederlage von Zwaytern München in die Tastatur gehämmert:

“Ein Trauma wird wahr.”

Beckmessern wir ein wenig an diesem kurzen Text herum: Medizinisch gesehen ist ein Trauma eine mentale Störung, die durch einen realen Schock ausgelöst wurde. Die Reihenfolge wäre demnach genau umgekehrt – erst schlägt die Realität wahrhaft zu, dann tritt sofort das Trauma ein. Ein Trauma vor dem Trigger aber gibt es niemals, auch die Bayern-Spieler hatten vor dem Spiel vielleicht die Hosen voll, aber nie im Leben ein Trauma im Kopf. Ein Trauma auslösen konnten erst die versemmelten Elfmeter – erst war ‘auf dem Platz’, dann war ‘Aua’ und ‘Trauma’. Was der Kollege Schreiberling gemeint haben dürfte, ist wohl so etwas: “Ein Albtraum wurde wahr“.

Nachtrag – Grenzwertig (und aus dem ‘Stern’) ist dieser Kitsch hier: “Ganz München trägt Trauer.” Ein vertrauenswürdiger Informant behauptet, dass er mindestens hundert Münchner in legerer Freizeitkleidung gesehen hat …

Murks gebiert Murks

Ob man nun ‘danebenliegen’ schreibt oder ‘fleischhauern’, es ist faktisch zum Synonym geworden. Auch in seinem neuesten Besinnungsaufsatz erfreut der Kanalarbeiter mit dem Kindheitstrauma uns gleich anfangs mit einer völlig realitätsenthobenen Prämisse:

“Bei der Kandidatensuche für das Amt des Bundespräsidenten lag die Wahl am Ende zwischen Bischof Huber und Pastor Gauck.”

Tscha, da weiß der Herr Spiegel-Kolumnist doch mal wieder mehr als alle Beteiligten. Dem allgemeinen On-Dit zufolge standen dort nämlich am Schluss diese zwei Figuren zur Wahl: 1. Klaus Töpfer als Favorit der Union und 2. Joachim Gauck als jener Strohhalm, an den die FDP sich bis zum letzten zu klammern beschloss.

Da aber gleich eingangs an Fleischhauers These nichts stimmt, ist der Rest des Artikels über die angebliche Vormacht des Protestantischen in Deutschland dann eben auch nur Murks. Denn der Töpfer ist nun mal katholisch – und gewiss kein Kirchenmann …

Indikatoren des Unwissens

Es gibt in Texten unauffällige ‘Indikatorwörtchen’, die darauf hindeuten, dass hier auf dem kargen Boden dürftiger Fakten die üppigen Blüten des Qualitätsjournalismus aufblühen konnten. Ein schönes Beispiel findet sich derzeit bei Spiegel-Online, wo die Schreiberin wohl ein wenig zu oft Dr. House guckte, ihr dazu dann noch ein US-Artikel über eine amerikanische Umfrage in die Hände fiel, woraus sie uns dann prompt eine fünfteilige Klickstrecke zusammenstrickt. Hier ein Ausschnitt aus dem dazugehörigen Nix-Genaues-weiß-man-nicht-Text mit seiner typischen Kombination aus exakten Zahlen (‘110 US-Ärzte, 17 Prozent’), verbal verpackt in dicke Lagen relativierender Vagheit:

“Eine Mini-Umfrage unter 110 US-Ärzten etwa hat ergeben, dass sich angeblich bereits 17 Prozent über ihre Patienten lustig gemacht haben – vornehmlich, wenn jene in Narkose ahnungslos dahindämmerten. Im Angesicht von Krankheit und Tod, nach 24-Stunden-Schichten und mit Bergen von Arbeit auf dem Schreibtisch neigen offenbar nicht wenige Ärzte dazu, ihren Frust mit Spott loszuwerden. Deutsche Chirurgen sind da vermutlich nicht unschuldiger, wie hoch die tatsächliche Lästerquote hierzulande allerdings liegt, weiß niemand genau.”

© 2021 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑