If your memory serves you well ...

Schlagwort: Semantik

Semantischer Fehler

Die ukrainischen Soldaten, die in dieser ‘Südtasche’ festsaßen, hätten sich den russischen Truppen “ergeben”, ‘they surrendered’, schreiben die russischen Medien nahezu unisono. Wie kann man sich eigentlich Truppen ‘ergeben’, die sich – laut Staatsführung – doch gar nicht im Krieg befinden?

Dass sie es bei Strelkovs Mannen mit Bestien zu tun hatten, würden sie dort allerdings nie sagen (bitte die verlinkte Fotostrecke nur anschauen, wenn man starke Nerven besitzt):

“The Russian terrorists filmed the aftermath and their ‘interrogation’ of the POWs. As such they committed several war crimes.”

Eine Frage der Wortwahl

Eine ‘Vermögensabgabe’, das klingt so verlogen – so, als würde uns mittelprächtigen Steuerbürgern von den Reichen eine ‘Gabe’ oder ein ‘Almosen’ zugeschnippt, oder als sollte die Bourgeoisie uns mehr oder minder freiwillig etwas ‘abgeben’. Fakt ist: Die Reichen haben das Geld durch ihr Vertrauen in windige Banken und schleimige Berater fast ganz allein ‘verzockt’ – alles, was jetzt ‘Euro-Krise’ oder ‘Staatsschuldenkrise’ genannt wird, ist quasi ein Programm zur Rettung der Reichen vor den Konsequenzen ihres Handelns, denn die Banken, in denen sie als Gläubiger ihr Geld zu haben meinten, sind ‘ausgelutscht’ oder bis auf die Knochen ‘abgenagt’, ohne Geldflutung praktisch insolvent. Insofern sollten wir auch nicht länger von einer ‘Vermögensabgabe’ reden, sondern von einem ‘Lastenausgleich’, wie nach dem zweiten Weltkrieg schon einmal – wahlweise auch von einem ‘Flutopfer’. Der Ansicht sind längst auch Ökonomen:

“Auch die deutschen Krisenkosten [sollten] von den Vermögenden getragen werden.”

Leere und Alltagssprache

Und die Erde war wüst und leer”, mit diesen Worten beginnt der zweite Vers der Genesis. Theologiestudenten oder Scholaren, die den hebräischen Urtext der Bibel büffeln mussten, bürgerten diese ‘Wüstheit und Leere’, die große Anfangsentropie, dann in die deutsche Sprache ein: Aus dem hebräischen “tohu vavohu” wurde umgangssprachlich das ‘Tohuwabohu’, ein Wort, von dem heute viele Laien vermuten, dass es wohl aus dem Südseeraum stammen dürfte, weil es sie lautmalerisch an ‘Honolulu’ oder ‘Samoa’ oder ‘Pagopago’ gemahnt.

Ein semantischer Unterschied hat sich bei dieser Assimilation allerdings eingeschlichen. Wo der Ursprungstext eine große ‘Leere’ beschrieb, denken wir bei dem Wort ‘Tohuwabohu’ heute an ein großes, überfülltes Durcheinander: an ein vollgestelltes, unaufgeräumtes Zimmer beispielsweise, an eine große Kreuzung in der Rush Hour, wo alle Ampeln ausgefallen sind, oder an die Küste New Jerseys nach dem Durchzug von ‘Sandy’. Das biblische Ursprungsgefühl der ‘Weite’ und ‘Leere’ ist im historischen Wandel der Wortbedeutung völlig verlorengegangen …

Verloren im Wortsinn

Warum nennen sich Beamte eigentlich hochtrabend ‘Exekutive’? Angesichts zunehmend verweigerter Amtsausübung und nach der erneuten Diagnose einer privatwirtschaftlichen Duldungsstarre wäre ‘Delegative‘ doch das sehr viel treffendere Wort für eine Staatsverwaltung, die nichts mehr selbst umsetzt, sondern ärmelschonerschonend das Exekutieren – resp. die Arbeit – anderen überlässt:

Jetzt hat Bundeswirtschaftsminister Guttenberg erneut die Dienste der Wirtschaftskanzlei eingekauft – für die Umsetzung eines Gesetzes.

Die semantischen Felder

Präzise und genau zu schildern, was offen vor Augen liegt, das genügt nicht, um gut zu schreiben. Alle Schilderung von Landschaft ist immer auch Schilderung von Bedeutung. Wenn Büchners Lenz ins ‘Gebirg’ geht, dann geht es nicht um graue Granitfelsen, sondern um das, was “in der Brust drängt, wenn das Gestein so wegsprang“. Und schon befinden wir uns auf den semantischen Feldern, den ‘beseelten Landschaften’ der Literatur …

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