Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: rhetorische Frage

Wer konnte das ahnen?

Achtzig Redakteure wurden dafür zusammengezogen, 330 Kollegen entlassen.”

Und trotz dieses Personalschwundes wurde das mediale Konzentrat immer noch nicht begeisterter gelesen? Die fremdelnden Leser gingen noch viel rascher vor einer bloß noch behaupteten Vielfalt und Ortsnähe stiften? Wie konnte das denn bloß passieren? Sind die Leser denn tatsächlich nicht doof?

Die Entlassung von Ulrich Reitz liegt jetzt immerhin auf dieser begonnenen ‘großen Linie’ verlegerischer Weisheit – wieder einer weniger. Nur macht man mit McKinsey nun mal keine Zeitung …

Blöde Fragen

Nun gilt Uli Hoeneß in der öffentlichen Diskussion vor allem als Steuerbetrüger. Wie konnte das passieren?”

Ja, wie wohl?

Schlangenmenschen

Das zu bestreiten, was nie herauskommen durfte – und daraufhin den Status quo ante im Kopf wiederherzustellen, dies zählt bekanntlich zu den publizistischen Kernaufgaben eines konservativen Publizisten. Ein Meister dieses Fachs ist Jasper von Altenbockum von der FAZ, der hier am großen ‘Steuerleck’ seine Fähigkeiten eindrücklich demonstriert. Der wahre Meister beginnt in solchen Fällen immer mit einer Captatio Benevolentiae, er gibt also erst einmal den Gegnern recht:

“Die Wut über verantwortungslosen und illegalen Umgang mit Steuerschuld und Bürgerpflicht ist angesichts der Solidarität, die von Zypern bis Irland in Europa eingeklagt wird, nur allzu gut zu verstehen.

Das Verständnis darf aber niemals zu einem Handeln oder zu Konsequenzen führen. Nach diesem Zugeständnis dient probaterweise eine rhetorische Frage als gefällige Achse in der argumentativen Drehtür, weil sie erste Zweifel am breiten Konsens sät:

“Mit welcher Moral soll die Schuldenkrise, die sich zur europäischen Krise ausgewachsen hat, durchgestanden werden, wenn sich die einen aus dem Staub machen und sich die anderen fragen, warum dagegen nichts getan wird?”

Nun ja, abgesehen davon, dass diese “Schuldenkrise” eine “Bankenkrise” ist, haben wir es hier auf rhetorischem Gebiet mit einer ‘Pluralisierung’ zu tun. Offensichtlich – die Formulierung ‘mit welcher Moral’ suggeriert dies – gibt es nämlich ein ganzes Regal unterschiedlicher ‘Moralitäten’. Die große Empörung wäre also nur berechtigt, wenn man nur einen von beliebig vielen ethischen Standards zugrunde lege. Prompt schließt der Meister eine zweite rhetorische Frage an, formuliert als Generalfrage, weil sich ja die Moral soeben mangels Eindeutigkeit als untauglich zur Analyse erwies:

“Aber ist Moral der richtige Weg?”

Gut, dass der Pfadfinder und Wegweiser sich selbst nicht antworten muss – er käme in Teufels Küche, zumindest aber in Nietzsches Purgatorium! Die Moral jedenfalls verschwindet zusehends im Kielwasser der MS Altenbockum. Nachdem dieser Großkolumnist glücklich die Steuerhinterziehung von seiner ethischen Agenda absetzte, kann Captain Jasper endlich den gewohnten Hafen eines neoliberal infizierten Konservatismus anlaufen, von wo ihm schon die vertrauten Popanze vom Kai her zuwinken. Das Problem sei nämlich gar nicht die Steuerflucht, das Problem seien die Ausländer, die mangelnde Leistungsbereitschaft, das Internet, die Computerspiele, die Alt-68er, die Gewerkschaften, die Staatsschulden:

“Es hat den Anschein, als versprächen sich die Oasenstürmer über Nacht eine staatsschuldenfreie Zukunft, wenn erst einmal das Festland von Schlupflöchern gesäubert ist.”

Kein Wort davon, dass diese Staatsschulden zum überwiegenden Teil deshalb entstanden, weil die Bürger das Allotria gescheiterter Banken, also das der institutionellen Helfer unserer Steuerflüchtlinge, schultern mussten. Statt von einer “Bankenkrise” redet dieser neoliberale Typus aus Selbstschutz ständig und letztlich immer wieder über seine geliebte “Staatsschuldenkrise”, die immer des Pudels Kern zu sein hat, ob es nun um den Fußpilz geht oder um den Arbeitsmarkt in Taka-Tuka-Land. Und weil hier der Quell allen Übels zu suchen sei, deswegen hätten die Staaten ja letztlich auch selber Schuld, wenn ihre verschreckte Bourgeoisie jene Sore, die sie diesen Staaten raubte, in die Karibik verfrachtet. Wesse halbe wolle Strunz Steuer von Reiche? Wer mit einem Transfer von ‘Assets’ aus Gründen des Selbstschutzes Probleme habe, müsse jedenfalls zurecht verdursten:

“Steuerfluchtgeplagte Nehmerstaaten wie Griechenland und Geberstaaten wie Deutschland sitzen da auf ganz eigentümliche Weise im selben Boot – oder, um im Bild zu bleiben, aus dem Blickwinkel der Oase gesehen: in der Wüste.”

Kurzum – rhetorisch gesehen ein dreifacher Rittberger mit anschließendem Doppel-Tulup – allerdings ebenso erkenntnisfrei wie eine solche Eislaufrevue auch. Die Ehre des Steuerflüchtlings aber ist gerettet … auch nicht ganz unwichtig für einen treuen FAZ-Leser.

Monokausalität

Wenn nach Fukushima der Atomausstieg verordnet werden musste, wer ist daran schuld? Genau – die böse Hexe Angela Merkel! Wenn die Werte in unserer Gesellschaft nichts mehr zählen, wer ist schuld? Selbstverständlich die Relativitätsphysikerin Angela Merkel! Wenn die Demokratie ‘tits-up’ den Bach hinab treibt, wer ist schuld? Ganz klar die heimliche Diktatorin Angela Merkel! Wenn bei unseren Politikern sich gar nichts mehr rührt, wer ließ ihre Manneskraft versagen? Die männermordende Domina Angela Merkel! Wenn alle Parteien kein Profil mehr zeigen, wer hat sie denn so platt geschliffen? Wieder mal die große Blechschmiedin Angela Merkel! Weshalb grassiert der Fußpilz? Alles nur wegen Angela Merkel! Und wer schrub uns solchen Stuss? Natürlich die Gertrud Höhler! – – – Für mich allerdings klingt’s nach Zickenkrieg und Wortgewalt …

Der ‘Cicero’, die Ratgeberpostille

Alle Headlines stammen vom heutigen Online-Auftritt dieses hochglanzvollen Qualitätsmagazins für die geistige Elite unseres Landes – auf mich wirkt’s trotzdem eher wie eine Zuchtanstalt für jene rhetorischen Fragen, die sich das Publikum nie zu stellen gedachte:

Dass ich noch mal Wolf Schneider verteidigen würde, hätte ich auch nicht gedacht. Mit seiner Position aber, dass ein Fragezeichen in keine Überschrift gehöre, hat er in den meisten Fällen recht, vor allem dann, wenn uns bloß Banalitäten aufgebraten werden sollen.

Die rhetorische Frage

Um ein Nachdenken über das Offensichtliche zu verhindern, ist oft die rhetorische Frage probat, so wie es hier Malte Lehming unternimmt. Allerdings ist diese Scheinfrage ein zweischneidiges Schwert – sobald ein Hörer anfängt, ernsthaft über das Gefragte nachzudenken, erreicht der gewiefte Rhetoriker oft das Gegenteil dessen, was er beabsichtigte:

“Deutsche Politiker werden regelmäßig bestochen und erwidern das durch Entscheidungen zugunsten der Bestechenden: Dieses Vorurteil wird gehegt und gepflegt und dermaßen oft transportiert, dass es nicht überrascht, warum niemand mehr nach einem Grund dafür fragt. Oder nach einem Beispiel. Überlegen Sie selbst (und ganz spontan): An welchen Fall von Korruption in der deutschen Politik – sagen wir: in den vergangenen zwanzig Jahren – können Sie sich erinnern?”

Kurzum, Malte Lehming, unser Dreisterne-Meinungskoch vom ‘Tagesspiegel’, der vertraut darauf, dass niemand nachzudenken beginnt, fordert er sein tumbes Publikum derart frageweise zum Gehirn-Jogging auf. Dabei ergibt sich von Schäubles Aktentaschen über FDP-initiierte Hotelierssteuern nebst Mövenpick-Spende bis hin zu Guttis Patchwork-Promotion, um auch mal einen Fall geistiger Korruption hier zu nennen, doch mühelos so allerlei, was uns von einer korruptiven Welle in der Politik zu sprechen berechtigte. Nicht ohne Grund sackt Deutschland jährlich auf der Korruptionskala weiter ab, so dass längst auch die konservative FAZ über die zunehmende Korruption lauthals zetert:

“Deutschland hat weiterhin ein ernsthaftes Korruptionsproblem: Im jährlich veröffentlichten Index der Organisation Transparency International rutscht die Bundesrepublik vom 14. auf den 15. Platz ab – vor allem Politiker machten es korrupten Kräften zu leicht.”

Und – nicht wahr, Herr Lehming? – zahlreiche ‘Fälle’ und ‘Vorfälle’ dürfte es dann ja wohl auch gegeben haben. Ihr Herr Wulff hat also eine ganz erlauchte Ahnenreihe. Das angestrengte Gesundbeten, auch mit rhetorischen Stilmitteln, zeichnet zwar neoliberal Gläubige und andere Evangelikale oftmals aus, trotzdem steht dies Verfahren in diametralem Gegensatz zum modernen Qualitätsjournalismus …

Meta Physik lehren …

Es gibt einen unglaublichen Berg von Interviews, Artikeln und Traktaten, in denen pseudo-mutige A-, B- und C-Promis in der Nachfolge Bertrand Russells und in Maximaldistanz zu jeder publizistischen Sensation bekennen, dass sie nicht mehr an Gott glauben würden oder aber aus der Kirche ausgetreten seien: “Zum Atheisten bin ich aber erst auf der Uni geworden. Jaja, diese Aufklärung, diese zersetzende akademische Kritik in Verbindung mit dem sexualisierten 68er-Zeitgeist, stöhnen da verzweifelt, weihrauchumdampft und weibisch gekleidet der Großphysiker Mixa und sein treuestes Schäfchen, die Meta, da könne man’s mal wieder sehen …

Müssten wir – angesichts der unentwegt fortlaufenden Ereignisse – nicht im Gegenteil all die Vernunftfaulen, Konsequenzarmen und Denkparalytiker in ihrem Käfig, einem vor den Augen der Öffentlichkeit dahinbröckelnden System unbewiesener metaphysischer Annahmen, endlich mal fragen, warum denn sie noch immer in einer offenbar höchst mittelalterlich-kränklich sexualisierten Kirche verblieben seien? Um dann ihren schicksalsträchtigen Wirrsalen und Auserwähltheits-Rodomontaden über imaginierte Gott-Erlebnisse und mögliche Reformen von innen anschließend sprachkritisch den Prozess und aus ihren Argumenten göttliches Konfetti zu machen? Ein buchhändlerischer Erfolg wäre ein solches Vorhaben überdies …

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