If your memory serves you well ...

Schlagwort: Reportage

Wahrheit, die in den Kram passt

Vor die Wahl gestellt, würde ich allemal Iwan Bunins ‘Revolutionstagebuch’ der Heroisierung des Geschehens durch John Reed vorziehen. Trotzdem führt ein Vergleich zu interessanten Feststellungen.

Iwan Bunin nimmt die Position eines Außenseiters und wachen Beobachters ein. Die Revolution erscheint bei ihm als ein blutiger Karneval, der massenweise auch eklige Figuren nach oben spült und die Not im Volk endemisch macht. Ein John Reed, der die weitere Entwicklung glücklicherweise nicht mehr erlebte, weil er schon 1920 starb, zeichnet uns dagegen edle Heldenscharen auf schnell errichteten Barrikaden, die eine morsche Ordnung hinwegfegen, um die Grundlage für eine bessere Zukunft zu schaffen. Allesamt eint diese Revolutionäre – angeblich – der Glaube an einen ‘neuen Menschen’, den diese Revolution unter Schmerzen schon bald gebären wird.

Lenin pries die ‘Zehn Tage, die die Welt erschütterten’ im Vorwort prompt als äußerst “wahrheitsgetreu”, nicht aber deshalb, weil der Reporter alles so geschildert hätte, ‘wie es war’, sondern weil Reed die Ereignisse in ihr “wahres Licht” gerückt habe. Und das war allemal die heroisierte Illumination des Geschehens durch die erwünschte Ideologie, ein literarischer Scheinwerfer- und Theatereffekt also. Und Lenins Frau, Nadeshda Krupskaja, ergänzte, dass John Reed deshalb die Wahrheit hätte schildern können, weil er selbst ein “leidenschaftlicher Revolutionär” gewesen sei. Der Stallgeruch stimmte folglich auch.

Generell ist dies Verfahren kennzeichnend für die Rezension aller ‘ideologischen Literatur’: Immer beginne hinter der banalen Wahrheit der Oberfläche erst das Reich der tiefer liegenden ‘wahren Wahrheit’, eine Wahrheit, die im voraus durch die passende Ideologie schon ‘präformiert’ sei, und auch nur von den Eingeweihten erkannt werden könne. Ein im Kern elitäres Konstrukt. Und das eben gilt auch für unsere heutigen Verschwörungstheoretiker und Ideologen, wo man bspw. bei allen schandbaren Exzessen des globalen Finanzkapitalismus doch immer sehen müsse, wie sehr diese weltweite Raffgier alle Menschen unweigerlich in eine neue glückliche Zukunft führen würde. Auch das ist John-Reedismus …

Spuren sprachlicher Verwüstung

Sie gehen einfach nicht mehr dicht genug heran, unsere Katastrophenjournalisten. Prompt regiert in ihren Texten überall das Klischee. Jeder Tropensturm hinterlässt dann eine Spur der Verwüstung, die “Leichenberge türmen sich“, und natürlich liegt der übliche “Verwesungsgestank in der Luft“. Garniert wird das Ganze mit einer Zierpetersilie aus Zitaten Verantwortlicher. Mein Gott, wie anschaulich! So nahe brachte mich ja noch niemand ans Geschehen heran …

Um den Ironiemodus wieder abzuschalten – Vergleichbares habe ich bis in die Wortwahl hinein schon tausendmal gehört, es ist ein verbaler Lego-Kasten. Diese Sprache rüttelt bestimmt keinen Leser aus seiner Bierruhe auf. Die Reportage wird hier zur Sofa-Literatur – vorhersagbar wie eine Merkel-Rede. Als hätten diese Reporter beim Anblick der erstbesten Leiche auf dem Bürgersteig die Straßenseite gewechselt, ein duftendes Taschentüchlein vor die Nase gepresst, um ja nicht Auge in Auge mit dem Tod zu geraten. Wie anders klang dies noch bei Hemingway, nach jenem Wirbelsturm, der im Jahr 1935 fast Key West von der Landkarte geblasen hätte:

“Zwei Frauen, nackt, vom Wasser hoch in die Bäume geschleudert, verschwollen und stinkend, ihre Brüste groß wie Ballons. Fliegen zwischen ihren Beinen. Dann stellst du fest, wo du dich befindest, und erkennst sie als die beiden sehr netten Mädchen, die drei Meilen von der Fähre eine Sandwichbude und eine Tankstelle betrieben haben. Wir haben neunundsechzig Leichen an Stellen gefunden, die für niemanden zugänglich gewesen waren. Indian Key ist vollkommen kahlgefegt, kein einziger Grashalm mehr da, und der hochgelegene Mittelpunkt war mit lebenden Muscheln, Krebsen und toten Muränen übersät, die vom Meer dorthin gespült worden waren. Der ganze Meeresgrund ist da rübergegangen. Ich hätte diesen miesen literarischen Bastard, der seinen Hurrikan braucht, nur zu gern dabeigehabt, um ihn mit der Nase ein bißchen da reinzustoßen” (Brief an Maxwell Perkins, 7. Sept. 1935).

Ein solche Beschreibung geht unter die Haut, gerade wegen der furchtbaren Details. Das eben ist der Unterschied zwischen denen, die nah genug herantreten können, und jenen, die mit ihren verzärtelten Gemütern Katastrophen nur aus der Vogelperspektive ertragen, um beim Schreiben dann zu den beruhigenden Dauerlutschern aus Sprachstanzen zu greifen, statt zur Kotztüte. Noch einmal Hemingway:

“Jetzt sagen sie, keine der Leichen soll an Ort und Stelle verbrannt oder begraben werden, sie sollen alle in Arlington begraben werden; das würde bedeuten, etwas zu transportieren, was so verwest und aufgedunsen ist, daß es platzt, wenn man es hochhebt; verfault, eitrig, verwest, ekelhaft, völlig unmöglich einzubalsamieren – man müsste sie sechs, acht Meilen zum Boot transportieren, dann auf dem Boot noch einmal zehn bis zwanzig, ehe sie in Kisten kommen; und das Ganze stinkt buchstäblich zum Kotzen – unterwegs nach Arlington!”

Für Hemingway sind die Opfer des Hurrikans infolge des Verwesungsprozesses bereits völlig entmenschlicht, als ‘etwas’ oder ‘es’ kann er die stinkenden Gebilde nur noch bezeichnen, alles Erbarmen verliert er angesichts der desolaten Lage. Das ist die wahre Rationalität der Katastrophe, solche dichten Beschreibungen gehen unter die Haut! Für den Ökonomen und FDP’ler in uns hält er dann auch noch ein Argument bereit dafür, weshalb diese verrotteten Stücke Fleisch unbedingt über Land verfrachtet werden müssen. Ein Argument, das folgerichtig keinesfalls auf Pietät beruht, sondern auf blankem Geschäftssinn:

“Die meisten Proteste gegen das Verbrennen oder Begraben kamen von den Leichenbestattern aus Miami, die 100 Dollar pro Toten bekommen.”

Solche Reportagen aus Katastrophengebieten würde ich mir wieder mal wünschen, meine Damen und Herren von der schreibenden Zunft!

Horizontal und vertikal

Es war Kurt Tucholsky, der Texte mit Hilfe dieses Maßstabs unterschied. Unter dem Titel “Horizontaler und vertikaler Journalismus” erschien am 13. Januar 1925 ein Text von ihm in der ‘Weltbühne’ (GA VII, 26ff), der zwei grundlegende Textsorten im Journalismus skizzierte. Beide gibt es bis heute – hier zunächst die Beschreibung des ‘horizontalen Schreibers’, der sich dadurch auszeichnet, dass er zwanghaft alles mit dem Gewohnten vergleicht:

“Wir haben den horizontalen Journalismus, der den reisenden Berichterstatter in seiner Klassenebene lokal verändert. Herr Schulz wird nach Rom, Herr Young nach Berlin versetzt. Was geschieht – ? Sie vergleichen die Fahrweise der elektrischen Bahnen, die Preise, die Bauart der Häuser, die Läden in der Fremde mit den Einrichtungen des Vaterlandes, immer aufgrund ihrer gewohnten Anschauungen; und berichten so in die staunende Heimat … Der horizontale Journalismus läßt viel sehen, aber nicht das Interessante.”

Der horizontale Journalist bleibt also immer derselbe Stenz, der er schon in Wanne-Eickel war: seinem Milieu verhaftet, unfähig, Atmosphäre einzufangen, die Lebensumstände, das Fühlen und Denken der Menschen zu begreifen. Altkluge Weisheiten sind die Folge, die immer auf einem Vergleich fundieren, gepackt in den adjektivreichen Sound des Feuilletons und der Reiseprospekte: “Das umherschweifende Leben in der endlosen Wüste hat aus den Beduinen harte und erbarmungslose Krieger geformt, auch die tagelangen, schneidenden Sandstürme und die unbarmherzige Glut der Sonne, die das Verlangen nach europäischem Komfort für den Reisenden zu einer Fata Morgana machen“. Ja – woher will der denn das wissen? Hat er lange im Schatten der Dünen gelebt, oder ist er doch nur ein Europäer auf Stippvisite? Es könnte ja auch die Religion sein, die dazu führte, die Sitten, die Habgier, der umgebende Despotismus – was weiß ich? Nichts, nichts, nichts weiß ich, sobald ich in ein fremdes Land komme. Ich bin nur ein weißes Blatt Papier.

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Dinge sprechen lassen

Weil ich da drüben in der Medienlese einem Journalisten partout den Ernest Hemingway unter die Nase reiben musste, folgt hier ein kurzer Text über das journalistische Verfahren dieses großen Amerikaners.  In den “49 Depeschen” finden sich seine wesentlichen Artikel – und man kann blind in den Berg hineingreifen. Getroffen hat es den Text “Orden zu verkaufen“, der am 8. Dezember 1923 im Toronto Star erschien.

In seinem dreiseitigen Text schildert Hemingway, der sich selbst nur ‘den Berichterstatter’ nennt, was ihm passiert, wenn er mit seinen Kriegsauszeichnungen aus dem Ersten Weltkrieg durch Pfandleihen läuft, um Geld darauf aufzunehmen. Wir haben es also mit einer Reportage zu tun – und ganz nebenbei mit einem starken Anti-Kriegs-Text, den ich glatt zur Schullektüre machen würde, sollte ich irgendwann mal etwas zu sagen haben.

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