If your memory serves you well ...

Schlagwort: Relativierung

Die Exkulpierung

Sie funktioniert so, dass ich zunächst anprangernd auf die Verbrecher und auf all das andere Gesocks draufschlage, bis die Schmerzensschreie aus jeder Zeile gellen. Dann aber schließe ich meine Philippika mit der beruhigenden Zusicherung, dass keineswegs alle Banker Bankster seien, sie seien nur eine verschwindend kleine Minderheit, so selten wie schwarze Schafe, während sich die große Mehrheit redlich um Anstand und Sitte im Geldgewerbe mühe. So auch in diesem Fall, wo es gilt, durch Individualisierung ein System zu retten:

“Es stimmt ja – die weitaus überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter des nationalen und internationalen Bankgeschäfts benötigen derlei Appelle nicht. Sie sind die Leidtragenden eines Finanz-Systems, in dem sich schwarze Schafe als weiße tarnen können, bis die eigenen Kassen voll sind.”

Die Systemkritik Michael Naumanns beschränkt sich darauf, dass die raren und unangenehmen Figuren sich in diesem System ‘tarnen’ könnten. Daher müsse es darum gehen, das System besser ‘auszuleuchten’. Zum Vergleich: “Es stimmt ja – die weitaus überwiegende Mehrzahl der Mitarbeiter der nationalen und internationalen Mafiaunternehmen benötigen derlei Appelle nicht. Sie sind die Leidtragenden eines verbrecherischen Systems, in dem sich schwarze Schafe als weiße tarnen können, bis die eigenen Kassen voll sind.” Während die alltäglichen Handlanger als ganz kleine Lichter nur die eingehende Sore und die Hehlerware gebunkert haben, oder sich um den pünktlichen Schutzgeldeingang kümmerten …

Man könnte daher sprachlich auch anders verfahren, weil erst die Diskreditierung eines Berufes statt einzelner Personen möglicherweise soziale Erfolge brächte: “Es gab im Mittelalter auch anständige Henker. Wenn die Leute einen von ihnen sahen, bekreuzigten sie sich trotzdem und wechselten die Straßenseite. Und heute gibt es natürlich auch anständige Banker …

Mit einer Unze Denunze …

Man könnte jetzt meinen”, “Es scheint so”, “Das wirkt wie”, “Auf den ersten Blick” … im journalistischen Sprachgebrauch gibt es eine Fülle von Möglichkeiten, Sachverhalte, die einem nicht in den Kram passen, durch einen kleinen ‘Vorreiter’ unterschwellig zu bestreiten, ohne sie ausdrücklich und argumentativ demontieren zu müssen. Der Schreiber stellt den Leser gleich anfangs in die erwünschte Positur zum Sachverhalt.

Dass bspw. die USA ein Gerechtigkeitsproblem haben, wäre faktisch kaum zu bestreiten, ziehen wir uns die harten volkswirtschaftlichen Daten über Einkommensentwicklung, Steuerlast etc. aus der Schublade. Allerdings passt solche Faktizität manchmal nicht zum politischen Programm, wie in diesem Fall beim ‘Cicero’. “Was tun?”, sprach schon Lenin, ein Autor, der in diesem Fall Christoph von Marschall heißt. Unser Schreiber greift zum kurrenten Kleingeld jedes Stilisten, und zieht sich eine altbewährte Denunze aus der Tasche:

“Mitt Romneys Steuererklärung wirkt wie der Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.”

Was hat er gesagt? Es ‘wirke’ nur so, hat er gesagt. In Wahrheit zwinkert er dem ideologisch gleich gepolten Leser aus besseren Kreisen Anderes, ja Gegenteiliges behauptend zu. Dabei lautet doch der Satz, formuliere ich ihn objektiv auch nur halbwegs tragfähig: “Mitt Romneys Steuererklärung liefert den Beweis, dass Amerika ein Gerechtigkeitsproblem hat.

Alles nur relativ!

Klar – entschuldigen lässt sich sprachlich vieles, auch gewaltsam, wie hier durch Thomas Fricke von der FTD. Wie’s dann rüberkommt, ob skurril oder staatsmännisch, das wiederum ist eine andere Frage:

“Um eins vorwegzunehmen: Dieser Bundespräsident ist eine ziemliche Null. Was er gemacht hat, ist blöd. Klar, auch die Salamitaktik. Und viel Schlaues hat er auch nicht gesagt, erst recht nicht zur Krise. Ein Ausfall. Trotzdem …”

Dieses “trotzdem”, das wie eine Narrenschelle am Text baumelt, hat einfach Klasse. Was mache das schon, wenn unser Staatsoberhaupt eine blöde Null und ein Totalausfall sei, argumentiert hier unser Krawallrelativierer. Der Schreiber macht zunächst dem desolaten öffentlichen Bild von Krischan, dem Leitwulff, Konzessionen bis zur Unterkante Oberlippe, um mittenmang plötzlich mit Blaulicht und quietschenden Reifen eine argumentative Schleuderkehre zu vollführen – nach diesem Muster:

“Nero war ein Sadist und Quartalsirrer – klar! Er massakrierte seine Familie, schrieb schlechte Gedichte, verachtete die Menschen und fackelte im Wahn die ganze Stadt Rom ab. Trotzdem …”

Wer will, darf das Muster gern mal mit Dieter Bohlen, Jossip Stalin, Dschingis Khan, Lothar Matthäus oder Hans-Olaf Henkel erproben …

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