Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Reinhard Jirgl

Blumento Pferde

Wer’s denn kann, darf ruhig die Orthographie verbiegen. Große Meister in dieser Disziplin hießen bzw. heißen Arno Schmidt oder Reinhard Jirgl. Wenn’s aber jedes Mausi treibt, fern von Sinn und Verstand, dann wird’s eine bloße Marotte oder Unsitte. Es sind orthografische ‘Legwarmers’ fürs sprachgestalterische Aerobic. Das Gesetz hingegen lautet anders: Aus jeder Verfremdung muss Gehirnnahrung entstehen. Oder, um mich für Ökonomen verständlich auszudrücken, ein Zusatznutzen muss her. Zum Beispiel könnten plötzlich Nebenbedeutungen jenseits des Gewohnten frischlingshaft durchs Schriftbild flitzen. L’art pour l’art aber ist nicht erlaubt. Andererseits hielten Verbote noch keinen Schreibtrottel auf, genausowenig wie die rote Ampel den Rowdy.

Eine unübersehbare Lächerlichkeit besteht zum Beispiel darin, mitten ins Wort ein Kapitälchen zu klotzen: WerbeAgentur, VersicherungsBüro oder LandBäckerei … um gleich jene Felder zu nennen, wo dieser Blödsinn am wildesten wuchert. Ein anderer Irrsinn besteht darin, feste orthographische Ehen bewusst zu trennen. So hat jetzt der Großschriftsteller Carsten Maschmeyer ganz ohne Sinn und Verstand sein neuestes Oeuvre höchst gedankenfrei tituliert – oder aber, sein Ghostwriter delirierte sich da was zusammen: “Selfmade: erfolg reich leben”.

Nein, nein, das ist kein Tippfehler, keine vom Himmel gefallene Leerstelle. Anscheinend sollen wir uns bei diesem guillotinierten Adverb was denken. Ich wüsste nur ums Verrecken gern, was. Selbst dann, wenn ich zu Maschmeyers Gunsten annehme, dass ihm irgendein ‘trendgockel’ modisch kleingeschriebene Substantive angedreht haben sollte, dann ist eins davon bloß keins. Schon ergibt die ganze Reihung keinen Sinn, geschweige denn Verstand. Wie ich’s auch betrachte, es ist und bleibt schlicht Murks …

Es traf mal nicht den Falschen!

Auch wenn die Begründung für den Büchner-Preis wieder einem mühseligst hochgestemmten Feuilleton-Geschwurbel gleicht, wo der Leser solchen Drecks gleich weiß, dass der Schreiber dieses Instant-Elaborats den Besprochenen nie selbst gelesen, dafür aber tief in den Kasten mit den altbewährten Allzweck-Lego-Steinen gegriffen hat:

Jirgl habe in seinem Romanwerk “von epischer Fülle und sinnlicher Anschaulichkeit ein eindringliches, oft verstörend suggestives Panorama der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert entfaltet”.

“Verstörend suggestiv”, “sinnlich anschaulich” – alles Quark. Ein Text von Jirgl gleicht zunächst mal einem widerhakenbewehrten Drahtverhau, er schlägt unseren Lesegewohnheiten frontal ins Gesicht, sinnlich ist dort rein gar nichts. Reinhard Jirgl spielt auf bewundernswerte Weise mit dem Material und mit der Orthographie der deutschen Sprache, aus den bewussten ‘Fehlern’ erblüht eine Welt von ungeahnten Nebenbedeutungen. In seiner Art erinnert Jirgl am ehesten noch an Arno Schmidt. Textprobe:

“Und bleib inmitten dahinkwellender, mit immer Mehrmensch sich vollsaugender Menge 1fach stehn, stell Koffer & Reisetasche ab: – 1 geschniegeltes Bürschchen im Trenchcoat rempelt seinen Koffer gegen mich, das Scheißpennergesox verfluchend, – & hastet mit fliegendem Mantel weiter; ich blicke mich um.” (Abtrünnig, S. 68)

Ordograffie?

Wer fehlerhaft schreibt, wer den Leser bei fast jedem Wort zwingt, zu erraten, was der Schreiber mit diesem Buchstabenhäufchen ‘eigentlich’ mal gemeint haben könnte, der findet nicht viele Leser. Deswegen erlernt auch das anarchistischste Plappermäulchen aus der regelarmen Teenie-Community irgendwann die ‘richtige’ Schreibweise. Das Medium erzieht sich seine Schreiber.

Damit haben sich dann nicht die ‘bürgerliche Repression‘ und die ‘kapitalistische Dressur’ durchgesetzt, wie dies einige linke Regelallergiker gelegentlich noch meinen, sondern schlicht der gesunde Menschenverstand: “Wenn ich schreibe, will ich gelesen werden. Folglich schreibe ich am besten so, dass ich gelesen werde“.

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