Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Regionalismus

Die Heimat meiner Sprache

Mein Buch über das ‘Schreiben im Web 2.0’ nähert sich rapide der Fertigstellung. Bis zur Seite 152 ist es jetzt durchredigiert. Hier folgt ein Passus, der beschreibt, weshalb jeder bessere Schreiber auch sprachlich durch seine Herkunft in der Wolle gefärbt bleibt, während diejenigen, die ihrer ‘Provinz der Sprache’ mit Bleichmitteln zu Leibe rücken, zumeist in fremden Zungen reden müssen, in denen der ‘Public Relations’, des ‘Wissenschaftssprechs’ oder im ‘Industrieton des Journalismus’. Es sind Heimatvertriebene:

“… Jeder Schriftsteller hat auch sprachlich eine Heimstatt – seine Imagination, seine Kunst, sein Witz, sein Können ist an eine bestimmte Region und an eine bestimmte Zeit der Erinnerung – zumeist an jene der Jugend – fest geknüpft. Stephen King stellte in seinem höchst empfehlenswerten Buch über ‚das Leben und das Schreiben‘ klar, dass die unendliche Reihe seiner Romane fast alle einen Ort als Zentrum haben, ein Brachgrundstück, das ihn in jungen Jahren fast das Leben gekostet hätte. Nahezu immer habe bei ihm ‚der Ort des Grauens‘ jene Wildnis der Kindheit zum Ursprung:

„Unsere neue Wohnung befand sich in der dritten Etage auf der West Broad Street. Einen Häuserblock weiter hügelabwärts, nicht weit von Teddy’s Market und gegenüber von Burret’s Building Materials, erstreckte sich ein weitläufiges, verwuchertes Gelände, das rückseitig von einem Schrottplatz begrenzt und in der Mitte von Eisenbahnschienen durchquert wurde. Dieses Stück Wildnis gehört zu den Orten, auf die ich immer wieder zurückgreife. Es taucht hier und dort unter allen möglichen Bezeichnungen in meinen Büchern und Geschichten auf. Die Kinder in Es nennen es „die Barrens“, wir nannten es Dschungel.“

Was für Stephen King gilt, trifft auch für andere Autoren zu. Ein Sven Regner ist ohne die regional verankerte, höchst ‚fiekeliensche‘ Art zu denken und zu argumentieren, gar nicht denkbar. Auch dort, wo er seinen Herrn Lehmann durch das Berlin der Wendezeit stapfen lässt. Seine Protagonisten sind stets ‚Bremer im Ausland‘. Frank Schulz trägt in seiner ‚Hagener Trilogie‘, der wohl besten ‘Heimatgeschichte’ in deutscher Sprache, die sehnsuchtsvolle Erinnerung an ein kleines Dörfchen an der Elbmündung tief ins sonnige Griechenland hinein; ein Joachim Ringelnatz klingt immer nach Waterkant, seine Metaphorik bleibt meerverbunden, selbst dann, wenn er ausnahmsweise auf einer Bänkeltour in München seinen Verstand versäuft; ein Heimito von Doderer ist nur in Wien denkbar, ein Charles Dickens nur in London, ein Alfred Döblin nur mit Berliner Kodderschnauze … die Reihe ließe sich schier endlos fortsetzten.

Uns alle prägte irgendein Ort, aus dem wir schreibend dann die Details, die Atmosphäre, den Sprachklang und generell unsere Glaubhaftigkeit beziehen. Anders herum wird aber auch ein Schuh daraus: Vieles von dem, was einstmals Pop-Literatur hieß, das war ja deswegen sprachlich so arm, weil es ständig seine Herkunft aus der Provinz verleugnete, um sich stattdessen im angelesensten Szene-Jargon als hipper, trendiger Großstadt-Nomade zu präsentieren, der trotzdem ohne jeden Anker der Erinnerung in eben dieser Großstadt auch schriftstellerisch nie Wurzeln schlug. Die Pop-Literatur versuchte ersatzweise sich aus Plattensammlungen, In-Lokalen, Modeartikeln u.ä. eine ‚Heimat‘ zu zaubern. Was gründlich misslang.

Natürlich habe auch ich eine solche Heimat, die umso präsenter wird, je älter ich werde. In meinem Fall ist es Bremerhaven, eine geschichtsarme Stadt am Geestebogen, im grauen Schlick der Unterweser. …”

Regionalismen

Plattdeutsch und Humor seien Synonyme, sagt Tucholsky. Trotzdem betrachten es viele immer noch als Fehler, in ihrer Berichterstattung, selbst in der lokal gebundenen, mit ‘Regionalismen’ zu arbeiten. Immer noch wird eine imaginäre ‘Hochsprache’ gepflegt, die nur auf dem Papier zu finden ist – aber nicht unter Menschen.

Gestern stand ich mit einem Nachbarn am Zaun – und natürlich kam das Gespräch auch auf die Griechenland-Krise. “Westerwelle sagt aber, die Steuern würden trotzdem gesenkt“, sagte ich. “Seggt hei!“, antwortete mir der Nachbar. In großartiger Lapidarität kam in dieser kleinen, abwertenden Sentenz alles zum Ausdruck, wofür sonst ganze Absätze verschwendet werden müssten: “Wer ist schon Westerwelle?“, fand ich darin, “Dascha ok blot so’n fixen Dschung” und vor allem: “De snackt to veel“.

Die regionale Einfärbung eines Textes – speziell im Plattdeutschen – bringt also nicht nur oftmals die witzigeren Formulierungen hervor, sie hält auch die treffenderen Kommentare zum Weltgeschehen bereit. Sollte also unser Raffelmäuschen von der Privatversicherungsfront mal wieder über den ‘demographischen Faktor’ zetern und uns die drohende ‘Vergreisung’ der Gesellschaft als Teufel an die Wand malen, dann ließe man seinem interessierten Alarmismus – statt mit ellenlangen auf Statistik gestützten Gegenargumentationen – mit einem plattdeutschen Satz viel sicherer die Luft aus den Reifen: “Nu schiet di man nüch ins Hemd!“.

Auch die Wortbildungen sind im Plattdeutschen schlichtweg umwerfend und zudem meist sehr viel anschaulicher. Hier eine kleine Blütenlese zum Abschluss: ‘Verkloogfideln‘ für ‘Überwindung von Vermittlungsproblemen‘, ‘Suupuut‘ für ‘Aufgaben eines Wirtschaftsministers‘, ‘Gebabbel‘ für ‘Public Relations‘, ‘Swinepreester‘ für ‘Werbefachmann‘, ‘Tüünkraam‘ für ‘Politik‘ usw. usf.

Die Sprache der Leute

Ist das nun  Wissenschaftlichkeit oder Bedeutungshubern? Das Imponiervokabular dieser Frau Professorin, die ich hier anonymisiert habe, weil ich bekanntlich ein netter Mensch bin, dieses Vokabular lässt vielleicht den einen oder anderen innerlich strammstehen, textlich bewirkt es Distanz zu einer Aussage, die auf dieser Welt noch kein lebendiges Wesen je verstanden haben dürfte:

„Während herkömmliche Projekte innerhalb von Funktionsbereichen ein schrittweises Vorankommen bewirken, sind strategische Initiativen von der Strategie abgeleitete Prioritäten, die von verschiedenen Funktionsbereichen bearbeitet werden.“

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