Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Recherche

Mut zu Lucke

Der deutsche Journalismus baut gern fern störender Fakten. Ein neues Beispiel findet sich im ‘Cicero’. Bekanntlich wurde der Professor Bernd Lucke bei einem Wahlkampfauftritt ‘fremdgeschubst’. Zwei Männer waren auf die Waldbühne im Bremer Bürgerpark gesprungen, der eine von ihnen brüllte ‘Scheiß-Nazi!’ und stieß den Herrn Professor zweimal an der Schulter, bis der von der Bühne hoppste. Dann rannten die beiden davon. Zu besichtigen ist diese grauenhafte Gewalttat hier.

Prompt – zur angemessenen publizistischen Verwurstung – erhält Wolfgang Bok seinen Auftritt, früher mal bei Scholz & Friends, heute ein zupackender freier Journalist, immer zur Stelle, wo’s um den Uppercut eines geborenen Rechtsauslegers geht. Der ‘Cicero’ forderte genau dies von ihm jetzt ein – und Bok lieferte. Slimm, gaaanz slimm geht’s demnach zu in Deutschland:

“Die „Alternative für Deutschland“ (AfD) [lässt sich] trefflich in die rechte Ecke stellen. Und wer dort verortet wird, ist im politischen Diskurs vogelfrei. In Bremen wird deren Vorsitzender Bernd Lucke auf offener Bühne von einer Horde „vermummter Gestalten“ angegriffen. In Göttingen muss die junge Partei um Polizeischutz bitten, um sich vor Angreifern „aus der linken Szene“ zu erwehren. Auch in anderen Städten beklagt sie „massive Pöbeleien und Sachbeschädigungen“.

Nun ja, dies ist wohl die erste ‘dschunge Partei’, die vor allem graumelierte Rentner anzieht, die nach ihrer D-Mark greinen (vgl. Video). Der Text jedenfalls siedelt – zieht man das Bildmaterial zu Rate – eher in Maximaldistanz zur Wahrheit, wobei man dem Wölfchen zugute halten mag, dass der Polizeibericht auch nicht viel besser ist als das journalistische Elaborat. Förmlich demontiert wird das Wahngebilde hier – und zwar Bild für Bild, Sekunde für Sekunde, und stets absolut lesenswert. Man fragt sich schon, weshalb der Journalismus so etwas Gutes nicht mehr auf die Reihe bekommt. Es gab nämlich gar keine ‘Horde’, die beiden Männer waren auch nicht ‘vermummt’, niemand sprühte dort mit Reizgas – allenfalls tat dies eine aufgescheuchte Polizei kurz darauf. Kurzum, ein chaotischer Ablauf voll frei flatternder ‘Enten’, der aber so ähnlich, wie er im zutiefst widersprüchlichen Polizeibericht dann stand, von jeder besseren Postille abgedruckt wurde. Mich jedenfalls erinnerte das Ereignis eher an Laiendarsteller, die mal böse Linksextremisten spielen sollten. Die Polizei räumt inzwischen ein, dass sie nichts weiß, zumindest nichts Genaues, redet aber noch immer von drei ‘Angreifern’, wo doch nur zwei zu sehen waren:

“Die Polizei nahm zunächst drei Angreifer im Alter von 22, 25 und 27 Jahren fest, setzte sie später aber wieder auf freien Fuß. Es habe keine Haftgründe gegeben, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Wie viele Störer insgesamt bei der Kundgebung waren, sei noch unklar. Ob die drei Verdächtigen der linksextremen Szene zuzurechnen sind, wollte der Sprecher nicht sagen.”

Tscha, keine Haftgründe, keine Ahnung … ähnlich grauwertig ist die Lage in Göttingen, dem zweiten Beispiel, das Bok anzuführen weiß. In diesem Hort des Bösen regiere ja angeblich seit Wochen der Terror. Bei näherer Betrachtung scheint es mir jedoch so, dass dort ein AfD-Funktionär penetrant und laut ‘Mimimi’ macht, dass er was von Brandstiftern schwadroniert und damit die Polizei unnötigerweise in Atem hält. Die Vorgänge dort haben schon Max-Frisch’sches Format:

“In der Nacht vom 9. auf den 10. August rief das AfD-Mitglied Lennard Rudolph die Polizei. … Die Polizei durchsuchte das Gelände. … Rudolph erstattete Anzeige gegen Unbekannt wegen Hausfriedensbruch. … Die Polizei wunderte sich, dass Rudolph den Beamten in der Nacht nichts davon gesagt hatte. … Rudolph berichtete den Polizisten nun von „Benzingeruch“, den er wahrgenommen habe. …”

Bei dieser Sachlage hätte meine durchaus begründbare Arbeitshypothese zunächst einmal ‘Willi Wichtig auf Paranoia’ gelautet. Der deutsche Journalismus aber – hier mit der dankenswerten Ausnahme der FAZ – schreibt derweil fröhlich und unisono von “Attentaten” auf die AfD und von einem unerträglichen Terror der autonomen Szene im verruchten Göttingen. Kurzum – wir erleben mitten im Wahlkampf ein Publizistikversagen auf breiter Front. Und unser Wölfchen bellt mit Lucke im gleichen Chor:

“Der Presse teilte [Lucke] später dann mit, der Überfall sei eine „unerträgliche Störung des demokratischen Wettbewerbs“ und ereiferte sich, von „Schlägertruppen wie seinerzeit in der Weimarer Republik“ zu sprechen.

Jaja, diese armen Verfolgten von der AfD, die so recht gar keiner mehr wahrgenommen hat. Und jetzt sitzt ihnen – wie in der Weimarer Republik – die linke SA auf den Hacken, weil sie ja eigentlich gar nicht rechts sind … oder so ähnlich jedenfalls. In Bayern haben sie einem sogar den Arm ausgekugelt! Wie isses denn nur möglich! Beim ‘Focus’ wurden derweil aus jenen Behauptungen der AfD, denen die Polizei widerspricht, längst Fakten gemacht:

‘Vorstandsmitglieder wurden telefonisch bedroht. Beispiele: „Wenn du bei der AfD bleibst, werden wir dein Kind morgens zur Schule begleiten“ oder „Wenn du weitermachst, dann werden wir dich kaltmachen“. Das Wohnhaus eines Kreisvorstandsmitglieds wurde mit Benzin übergossen.’

Wahrlich, das muss ein autonomer Goliath gewesen sein, der ein ganzes Wohnhaus ‘übergießt’. In manchen deutschen Redaktionen riecht es längst auch nach Benzin. Alle erwähnten Recherchen zum Ablauf des Geschehens fanden übrigens mal wieder im Internet statt … wie in jüngster Zeit immer öfter.

Disclaimer: Ich persönlich hätte übrigens nichts gegen einen Einzug der AfD in den Bundestag einzuwenden. Da bin ich mir mit Helmut Markwort ausnahmsweise mal einig. Weil eine sechste Partei die Fortsetzung des schwarzgelben Elends am wirksamsten verhindern würde, und weil die AfD auch – ähnlich wie die Linke – in jeder denkbaren Konstellation als Koalitionspartner ein ideologischer Totalausfall wäre.

Die ‘Recherchetiefe’

Stürzt man sich in diesen investigativen Abgrund hinein, dann ragt der Mors weit aus dem Wasser. Wie auch hier, in diesem schavanesken Fall:

“Die Richtigkeit der Vorwürfe lässt sich ohne Zugang zu einer umfangreichen philosophischen Bibliothek kaum überprüfen.”

Und so wat hamwer nich, hamwer nie gehabt, kriegen wir auch nicht wieder rein!

Wegweiser: Wer das Thema vertiefen möchte … hier geht’s lang!

Analogiker

Der gute alte Kalauer lebt. Unter dem Titel “Digital der Ahnungslosen” tagte das ‘Netzwerk Recherche’ unter weitgehendem medialen Desinteresse in Hamburg.* Da jeder Kalauer gleich wieder einen Kalauer nach sich zieht, schlage ich fürs nächste Jahr “Zelluloser unter sich” als Titel für die Tagung vor.

Weil gleich eingangs in Rotation geraten, drehte sich das Schwungrad unserer Lautmaler weiter. Auch der Untertitel der Veranstaltung versuchte zu kalauern. Die verbale Erschöpfung der Macher war dort aber schon deutlicher zu spüren, jedenfalls starb der Gleichklang am Wegesrand: “Recherche jenseits von googeln und mogeln”. Zutreffender und wohlklingender wäre hier vielleicht eine “Recherche diesseits von telefonieren und insistieren” gewesen … woran sich die Frage, wie und ob solches heute möglich sei, ganz zwangslos angeschlossen hätte. Anders ausgedrückt: Die ‘Edelfeder’, die ohne Google heutzutage auskömmlich lebt, ist ein Märchen für die ganz Kleinen unter unseren real existierenden Publizisten.

Man sieht – nicht nur der Kalauer lebt, sondern auch das gut abgehangene digitale Ressentiment unter deutschen Edelfedern. Die Sekte der Altmedialen feierte eine Messe, eine “Art Kirchentag”, wobei sie als gute Rechercheure ganz vergaßen, zu erwähnen, dass ihr Ehrengast Roland Rino Büchel Mitglied der Schweizer SVP ist. Wo bekanntlich die ehrenwerten Mitglieder in Fragen von Muslimen, Migranten oder von Blochers Immunität so gar nicht das Wirken der Rechercheure zu achten pflegen, sondern sich vielmehr regelmäßig über solide Recherchen ganz ‘volksnah’ echauffieren. Wie im Falle der ‘Minarett-Initiative’ gegen muslimische Überfremdung, wo es diesen Biedermännlein auch nicht ins bedrohliche Bild passt, dass in der ganzen Schweiz nur drei Minarette zu finden sind. Schon ein wenig Recherche hätte genügt … vermutlich aber war man an möglicher Berichterstattung mehr interessiert. Was sich als Schuss in den Ofen erwies. Und so kommt’s, wie’s kommt, wenn dann das Braune in den Ventilator fliegt: “[S]chlecht recherchiert haben die Edelrechercheure vor allem selbst.”

*Etwas mehr als 1.000 Ergebnisse liefert die Abfrage ‘Netzwerk Recherche “Jahrestagung 2012″‘ – was einem Pups im Netz gleichkommt. Zum Vergleich: Schon ‘Thomas Leif’ liefert mehr als 14 Mio. Treffer …

Doller Beruf!

Kurz mal im Bundespräsidialamt anrufen – und schon bekommst du den Henri-Nannen-Preis!

Alles klar, Jan Fleischhauer!

Joachim Gauck sei also ein knallharter “Neoliberaler”, der jetzt wohl ganz im Sinne der Chicago Boys seine Reden schreiben wird. Und all die blöden Linken seien auf diesen raffiniert getarnten Hayek-Verehrer im Herz-Jesu-Pelz reingefallen. Das verkünden Sie uns – cum grano salis – mit der Süffisanz des geborenen Rechtsauslegers: ““Was das linke Lager heute als Sieg feiert, wird dort morgen schon als gewaltiger Irrtum gelten.” Da bleibt der Vernunft nur ein Trost: Mit Ihren rasanten Prophezeiungen liegen Sie nach der ersten Kurve zumeist schon im Straßengraben.

Denn sagen Sie mal – dies nur eine Möglichkeit zur schlichten Widerlegung Ihrer These – finden Sie nicht auch, dass die Personalauswahl des neuen Präsidenten einem bekennenden Konservativen wie Ihnen Anlass zur Sorge geben sollte? Derselbe Herr Gauck, Ihre angebliche Rechts-von-mir-ist-nur-die-Wand-Figur nämlich, die hat sich mit David Gill, Andreas Schulze und Johannes Sturm als kongeniale Redenschreiber, Ideengeber und persönliche Vertraute gar keine Margaret-Thatcher-Apostel ausgesucht, wie sie Deutschland jetzt brauchen würde, damit ein Ruck durch die morschen Knochen fährt. Nein, Joachim Gauck hat sich vielmehr zwei SPD’ler und einen Grünen zu sich ins Präsidialamt geholt. Sogar welche mit Parteibüchern! Und eben nicht neoliberale Jahrhundertgenies wie den Hans-Olaf Henkel oder bspw. auch einen Philipp Mißfelder! Ich muss schon sagen, konservativer und neoliberaler geht’s doch eigentlich kaum … und Ihre These beging soeben Selbstmord.

So vernunftverloren plätschert Ihr Text unter Missachtung jeder Logik auch weiterhin durch die Zeilen: “Mit Gauck zieht der erste Neoliberale ins Schloss Bellevue ein.” Soso, der “erste” also? Nur eine kurze Gegenfrage – was wäre denn dann der Christian Wulff gewesen? Vielleicht ein Trotzkist oder gar ein böser Sozialdemokrat? Und hat sich der Herr Gauck nicht selbst mehrfach öffentlich als “LINKER und liberaler Konservativer” bezeichnet? Wobei wir uns natürlich fragen dürfen, ob bei solchen Kreuzungen aus Feuer und Wasser nicht wieder ein Patchwork-Wesen wie der “rechte Sozialdemokrat” herauskommen könnte. Sei’s drum …

Wissen Sie, Herr Fleischhauer, angesichts Ihres unaufhörlichen Gewurkels neben jeder Spur von Sinn und Verstand überkommt mich der blanke Neid: Sie dürfen Ihre verdrehten Instinkte frei ausleben, ohne sich von Recherche, Fakten, Argumenten oder Sachkenntnis bremsen zu lassen. Sie dürfen ungestraft der Sprache Gewalt durch mangelnde Sprachgewalt antun. Und wöchentlich liefern Sie, der Sie sich vermutlich als überlegener ‘Leistungsträger’ fühlen, der Redaktion einen länglichen Riemen ab, wie ich ihn innerhalb einer halben Stunde zusammenlöten würde. Anschließend streichen Sie ungestört noch viel Schotter ein. Das alles hat in meinen Augen etwas von ‘Dolce far niente’.

Schwundstufe

Über den Journalismus in den Zeiten seines fortschreitenden Verfalls:

Ich habe viel über Journalismus gelernt in dieser Woche – und wenig, was ich wissen wollte.

Apropos – bei meinem Eingangssatz handelt es sich um ein leicht verfremdetes ‘Plagiat’. Wer die Quelle herausfindet, darf sie behalten …

via: Bildblog – man beachte beim Wortvogel auch die Kommentare zur zeitlichen Koinzidenz von journalistischen Vorwürfen und verlegerischen Veröffentlichungsterminen …

Das journalistische Manifest

An der Textsorte Manifest, am aggressiven Zuspitzen von Sachverhalten zur Thesenform also, habe ich mich noch nie versucht. Zeit wird’s:

1. Der Journalismus soll – seinem Selbstverständnis zufolge – die Mächtigen dank der aufklärerischen Kraft der Öffentlichkeit kontrollieren und die ‘Wahrheit’ hinter den Potemkin’schen Kulissen aufdecken. Historisch war das schon höchst selten der Fall. Heute weniger, denn je.

2. Der Journalismus soll die Partizipation der Menschen am demokratischen System bewirken, indem er ihnen Entscheidungshilfen ‘für oder wider’ an die Hand gibt. Faktisch aber gleicht das Angebot der Medien einem sozialistischen HO-Laden, wo – statt argumentativer Vielfalt – in allen Medien das Immergleiche im Schaufenster steht.

3. Der Journalismus soll mit den Mitteln der Sprache die Leidenschaft und das Engagement der Menschen wecken. Faktisch kommt – mit einigen Ausnahmen – überall eine Rumford’sche Sprachsuppe für Geistesarme auf den Tisch, in der sich allenfalls die Gemeinplätze und Stanzen noch wohlfühlen. Das Publikum aber schiebt den Teller weit von sich.

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Lehrstück ‘Qualitätsjournalismus’

Hätte ich in der Ausbildung künftiger Journalisten etwas zu sagen, dann müssten meine Schüler diese unterhaltsame Lehrstunde in angewandtem Qualitätsjournalismus ausgiebig analysieren. Denn fast schon regelhaft ist der deutsche Qualitätsjournalismus nicht dort zu finden, wo er sich selbst zum ‘Qualitätsjournalismus’ zu adeln pflegt. Immerhin: Schaden soll diese ‘rosarote Brille für die Haut’ wohl nicht …

Fermentierte Grasnahrung

Eigentlich hatte ich den folgenden Text als einen Kommentar geschrieben, drüben in Ugugus Blog. Da der Beitrag mir aber recht gut gelungen ist, weil er viele Punkte meiner Klagelieder zusammenfasst über die Termitenplage, welche die Bewohner von Holzhausen befallen hat, sei er hier nochmals eingestellt. Es ist ja schließlich mein Text. Wer ihn schon kennt, soll diesen Beitrag schlicht überschlagen. Hier also meine Rede und die Gegenrede von André Marty:

Ich antwortete auf André Marty: “@ André: … Medien sind nicht geil – sondern die größte Sackgasse, in die ein junger Mensch derzeit hineinstolpern kann. Weil es zwar weiterhin ein Pendant zum werten Berichterstatter geben wird (vermute ich jetzt mal), wozu dann aber Medien gar nicht mehr zwingend erforderlich sind. Es geht auch ohne ‘Mittler’, denn nur die Information ist im Kern eine Ware, nicht das Portal oder der Titel auf dem bedruckten Papier, sei es ‘Spiegel’ oder ‘NZZ’ – allen Branding-Knallköpfen zum Trotz. Bleibt die Frage, wer bezahlt uns dann den Tanz der Tippfinger auf der Tastatur? Der gute Gott des Idealismus, der auch die Lilien auf dem Felde … ? Also, wer schützt zunächst einmal den Nachwuchs, indem er seine altmodischen Träume platzen lässt – von einer Medienwelt, die es längst nicht mehr gibt?

André said, on Juni 22, 2009 at 6:27:
@Chat Atkins: Falls dem so wäre, wie Sie bloggen, dann können sie uns sicher auch erklären, weshalb das Vernetzen des Netzes einfach nicht funktionieren will. Und Sie können mich ach’ so altmodischen bloggenden Journalisten sicherlich auch aus der Sackgasse führen in Sachen Medien als Teil des demokratischen Meinungsbildungsprozesses – und sagen Sie mir jetzt bitte nicht, die Bloggerei werde auch in Westeuropa schon bald, bald public opinion beeinflussen, gell. Denn Sie wissen zu gut, dass dem nicht so ist, zu recht oder unrecht.

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Du Schönschreiber!

Ein Schimpfwort war dies unter den Redakteuren in den 90er Jahren. Ein echter Kerl, der ging auf Recherche, er telefonierte herum, nahm an konspirativen Hintergrundgesprächen teil und haute dann seine Story aufs Papier, ohne groß auf die gequälte Orthographie zu achten. Weshalb lange ausformulieren? Und wozu gab es eine Schlussredaktion?

Auch mir pappte dieses Etikett an, sobald ich ungewöhnliche Sprachbilder suchte oder nach einer unerhörten Formulierung fahndete, statt lieber dem neuesten Klinikskandal auf die Schliche zu kommen. Ein Redakteur von echtem Schrot und Korn hatte – nach dem Selbstverständnis solcher Leute – eigentlich gar keine Zeit zum Schreiben. Markworts ‘Fakten, Fakten, Fakten!’ war zum Credo einer ganzen Journalistengeneration geworden – und der ‘Focus’, dieses Zentralorgan aller Instant-Worte, der große ‘Markterfolg’, der aus dem Nichts heraus sogar dem ‘Spiegel’ Angst machte, der war der angebetete Götze aller Schreiber, die mit dem Konjunktiv auf Kriegsfuß standen.

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