If your memory serves you well ...

Schlagwort: Publikum (Seite 1 von 2)

Für den Zettelkasten (32)

Die Journalisten, die als Stimmführer anerkannten, sind die öffentlichen Beamten des Publikums, und versehen dessen Funktionen gerade so, wie die Beamten des Fürsten die ihrigen. Sowenig nun derjenige, der einen Paß braucht, weil er nicht ohne ihn nach Italien oder Griechenland gehen kann, durch die moralische Beschaffenheit des Polizei-Direktors, den er vielleicht lieber auf der Galeere sähe, abhalten lassen soll, sich um den Paß zu bewerben, so soll auch der Autor, Künstler oder wer es sei, sich nicht daran stoßen, daß der Funktionär der öffentlichen Meinung, bei dem sich jeder sein gestempeltes Urteil über Menschen und Dinge abholt, zufällig den Galgen oder Hals-Eisen und Brandmal verdient, sondern die Verantwortlichkeit dafür dem Patron anheimstellen.”
(Friedrich Hebbel, Tagebücher, 6243)

Je wilder die These …

Ausgerechnet der Mann, der seine kruden Ansichten in Millionenauflagen unters Volk streuen darf (‘Deutschland schafft sich ab’: 1,5 Mio.), der jammert und zetert über fehlende Meinungsfreiheit, über ‘Tugendterror’ in Deutschland. Wahrscheinlich herrscht in seinen Augen erst dann Meinungsfreiheit, wenn alle seiner Meinung sind.

Generell lässt sich dieser wachsende Glaube an das Hanebüchene seit einiger Zeit beobachten: Je bekloppter eine Behauptung, desto gieriger wird das Machwerk gekauft. Mehr sage ich dazu jetzt nicht, sonst neige ich mich am Ende noch zu der Ansicht zu, dass das Publikum immer bescheuerter wird …

Aus dem Standard-Kommentariat: “In seinem ersten Buch vertrat er noch Thesen, jetzt hat er schon Axiome formuliert…..im nächsten Buch kommt dann hoffentlich die Weltformel.” Zum gleichen Thema auch der ‘Postillion’: “Thilo Sarrazin entgeht tugendterroristischem Anschlag nur knapp.”

Für den Zettelkasten (9)

Die Kritiker haben fast keine Geltung mehr, es ist kein Publikum da, das noch etwas auf deren brotlose Herstellung gibt, wenn dafür überhaupt noch Platz in den Zeitungen vorhanden ist, die ihre Aufgabe immer mehr in der Vermittlung von den Verkäufen nicht mehr zu haltenden Familiengutes sehen, in den Anzeigen von Nachtlokalen und in den Konstatierungen, daß die Kultur am Ende sei; wozu Kritik, wenn tüchtige Unternehmer, die ebensogut mit Alt-Eisen, Alt-Papier und Mädchen handeln könnten, als sie mit der Kunst Geschäfte machen – und sie machen damit Geschäfte, weil alle anderen Handelsobjekte immerhin Bezahlung verlangen, Kunst kriegt man aber umsonst – wenn diese Kunsthändler mit marktschreierischen Annoncen, Plakaten und anderen Selbstanpreisungen jede Kritik illusorisch bei einem Publikum zu machen vermögen, das völlig kritiklos ist, außer darinnen, daß die Kunst für sie auf dem Niveau von Animierdamen steht.”
(Walter von Molo, in: Das Tagebuch, 4. Jg., 295)

Unabhängig? – Überparteilich?

Nun ja, so sehen sie sich halt gern. Was hingegen das Publikum sieht, das sind bspw. die Headlines auf der heutigen Startseite beim ‘Cicero Online’. Diese repräsentative Seite des deutschen Qualitätsjournalismus sieht derzeit nun mal so aus:

“Der FDP steht ein triumphaler Wiederaufstieg bevor.”
“Die grüne Journaille hat versagt.”
“Generation Grün: Das Ende der Moralapostel.”
“Die Niederlage der FDP ist ein Sieg des Liberalismus!”

In geballter Form wirkt es schon ein wenig kampagnenmäßig, und bei Neuwahlen – sagen die Umfragen – stürze die FDP ja nur noch weiter ab. Aber sei’s drum. Irgendwer aber hat diese Texte ja wohl bestellt … auch wenn sie inhaltlich allen unverbildeten Gemütern allzufern der Realität daherzudichteln scheinen. Und wenn’s uns so knüppeldick aufs Brot gestrichen wird, klingt selbst der neoliberale Tabubrecher-Gestus hohl, er wirkt nur noch wie Mainstream-Ballett im Affenkäfig. Das aber ist ja eben die kindliche Natur dieses unipolaren Widdewiddewitt-Journalismus: ‘Komm mit uns nach Leckerland … statt harter Fakten gibt’s dort Schmand’. Aber immer erst nach der Rente mit 67 …

Aufklärung sah irgendwie mal anders aus.

Jaja, das Ironieverbot!

Was bringt mich als Leser dazu, eine Zeitung zu abonnieren? Ich kann nur für mich persönlich antworten: Kritische, am besten mit leichter Ironie formulierte Artikel, die ich nicht überall kostenlos nachgeworfen bekomme.”

Das war ja nur ein Leser – auf den hört doch keiner! Vielleicht wollen Journalisten auch gar keine Abos? Jedenfalls – dort auf deren Ebenen weht das Fliegenpapier des Hergebrachten, getränkt mit dem, was Leute wie Wolf Schneider sagten …

Die neue Wurstigkeit

Das Schöne am modernen Abstumpfjournalismus: Gibt’s jeden Tag einen anderen Aufreger, verlernt das Publikum, sich überhaupt noch aufzuregen. Wie zum Beispiel beim Bourgeoisie-Rettungsschirm, fälschlich auch ESM genannt. In Überdosis wirken selbst die täglichen Weltuntergangsartikel wie ein Sedativ …

Publikum im Wandel

Gleich zu Beginn seiner Erzählung ‘Viel Lärmen um Nichts’ stellt uns Joseph von Eichendorff das Publikum vor. Das wohnt in einem großen Schloss, während der Tross der Kreativen, bestehend aus Sängern, Musikern und Dichtern, an dieser Macht vorbeiziehen muss:

“Wem gehört der prächtige Pallast dort unten?” fragte Prinz Romano, auf dem schlanken Engländer nach seinen Begleitern zurückgewandt, indem sie so eben auf einer Höhe aus dem Walde hervorkamen und auf einmal eine weite reiche Tiefe vor sich erblickten. – “Dem Herrn Publikum!” erwiderte ein schöner Jüngling aus dem Gefolge. – “Wie! Also hier wohnt der wunderliche Kauz? kennst du ihn denn?” rief der Prinz verwundert aus. – “Nur dem Rufe nach”, entgegnete der Jüngling, sichtbar verwirrt und mit flüchtigem Erröten. …

“Göttliche Ironie des Reiselebens!” sagte der Prinz zu seinen Begleitern. “Wer von euch hätte nicht schon sattsam von diesem Publikum gehört, über ihn gelacht und sich geärgert? …”

Eichendorffs Landschaftsschilderungen sind eines der ältesten Prüfungsthemen in der Germanistik – hier mag es genügen, darauf hinzuweisen, dass seine daherzigeunernde Kunst sich nicht ohne Grund ‘auf den Höhen’ und ‘im Freien’ bewegt, während das Schloss des Publikums in der ‘Tiefe’, ‘dort unten’ auf flachbürgerlicher Ebene liegt. Materiell aber bleibt die Rangfolge klar: Dem Publikum gehört das Schloss, die Künstler reiten ihre Zossen und haben ansonsten leere Taschen und ‘frohen Mut’ zu haben.

Diese Passage fiel mir ein, als ich an das Urheberrechtsgebarme der heutigen ‘Kreativen’ dachte, die zu glauben scheinen, sie bekämen auch nur einen Cent mehr, träte morgen das Verlegerschutzabkommen ACTA in Kraft. Jene Leute, die sie dort genussvoll beschimpfen, das ist nämlich der heutige ‘Herr Publikum’. Bei den Jungen längst zu einhundert Prozent, und auch die Älteren sind schon überwiegend im Internet daheim, sehen wir mal von Rainer Brüderle, Hans-Olaf Henkel oder Oma Monsees ab.

Unaufhörlich wären all diese Publikümer dort dann damit beschäftigt, ranzige Tatort-Drehbücher raubzukopieren. Sie alle glichen “Lobbyisten toxischer Kräfte” (Frank A. Meyer), seien in “Lebenslügen gefangene Demagogen” (Tatort-Autoren), “Instant-Satisfaction suchende Wichser” (Volker Schlöndorff) voll “ökonomischer Ahnungslosigkeit” (Hans Magnus Enzensberger), oder gar “Diebe, die sich weigern, ihr nutzloses Dasein sinnvoll zu entwickeln” (Hans-Hermann Tiedje). Entweder muss sich also das Publikum tief ins Rotlichtmilieu hinein gewandelt haben – oder die Ansichten des fahrenden Volkes vom Publikum sind jenem in den Hakle-Bereich verrutscht.

Eichendorffs Text aus dem Jahre 1832 entstand zu einer Zeit, als auch in Deutschland die Raubdruckerei in voller Blüte stand. Trotzdem herrscht ein machtvolles Bild vom landbeherrschenden Publikum vor, der ‘Herr Publikum’ bei Eichendorff ist zwar ein reicher Spießer, aber kein Krimineller, obwohl auch er schon ‘Hehlerware’ gekauft haben dürfte.

Verglichen mit den Romantikern damals sind unsere ‘Kreativen’ in Stil, Duktus und Benehmen ziemlich abgesunken und auch eigentätig vollgestunken. Denn jene Leute, die dort ‘tief unten’ in den Schlössern und Bloghütten des Internet zu finden sind, das wäre nämlich ‘ihr Publikum’ heute – literat, gebildet, selbst schreibend. Mit dessen Austreibung dank verbaler Furzwettbewerbe sind sie gerade hingebungsvoll beschäftigt.

Zu diesem Zweck springen sie ihren Rezipienten mit dem Mors ins Gesicht. Schön blöd! Ich jedenfalls weiß, was ich mit dem nächsten Schlöndorff-Film, der nächsten Element-of-Crime-Scheibe mache: Gar net erst ignorieren …

Soweit es den Flohzirkusdirektor und Auslöser ‘vons Janze’ betrifft, weise ich ersatzweise auf diesen alten taz-Artikel hin …

Die Sache mit der Paywall

Tscha, doppelt gekniffen! Das Schlimmste aber ist, dass die gleichen Leute, die künftig kaum noch wahrgenommen werden, trotzdem Loblieder in die Tastatur hämmern müssen, wie superdupertoll doch dieses neu(gierig)e Leserbeglückungssystem aus dem Hause Madsack sei, vor allem für jenen Leser, der – lässt er sich drauf ein – prompt in Werbemails ersäuft wird:

“Als Journalist würde ich Zeter und Mordio schreien. Die Redakteure, deren Inhalt künftig nur noch von einem winzigen Staubkörnchenanteil der Bevölkerung gelesen werden, können ihre weitere Karriere in die Tonne kloppen – denn sie existieren im öffentlichen Diskurs nicht mehr. Madsack dürfte das nicht unrecht sein: So lassen sich Entlohnungen drücken.”

Aber was erwarten wir: Wo ‘Content’ zum ‘King’ wird, können Kunden und Leser nicht mehr König sein – und Schreiber nicht mehr Großvezire.

Nullsätze häkeln

In seiner eindrucksvollen Rede beleuchtete er viele Aspekte des modernen Lebens, die das wache Interesse eines zutiefst gebannten Publikums fanden.”

“In diesem festlichen Rahmen hatten die Gastgeber ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt, wo in sinnverwirrender Folge ein Höhepunkt den nächsten jagte.”

“Er bleibt eine Figur der Zeitgeschichte, die durch ihr Handeln und ihre Standhaftigkeit unser aller Erinnerung dauerhaft geprägt hat.”

Und so weiter und so fort, patati und patata, nix Konkretes weiß der Schreiber auch nicht. Er ist und bleibt so dumm wie sein verachtetes Publikum …

Das Volk – ein Bild

Woran zeigt sich elitärer Dünkel? Vielleicht an solchen Sätzen, wo ein Schreiber alles über die ‘Unterschichten’ zu wissen vorgibt. Faktisch aber hat er nur seine Vorurteile frisch auf Hochglanz poliert:

“Sechs Stunden Hochzeits-TV am Stück werden es am Freitag sein, die unzähligen Dokumentationen und Quasselrunden vor und nach der Hochzeit nicht mitgerechnet. Dieses Engagement ist, vorsichtig ausgedrückt, mutig. Denn das “Bild”- und “Bunte”-Prekariat, noch am ehesten empfänglich für solche Schmonzetten, weiß in der Regel kaum noch, wo auf ihrer Fernbedienung die Knöpfe fürs Erste und Zweite Deutsche Fernsehen zu finden sind.”

Mit Verlaub, bester Pöbelverächter, diese Hochzeit – die übrigens auch mir am Mors vorbeigeht – die ist doch eher das große Thema unter Zahnwaltsgattinnen, Ladeninhaberinnen und Society-Journalistinnen, die sich – “Hypa, Hypa, Hypa!” – hier ein ‘Event’ mit viel blauem Herzblut statt mit Tinte herbeischreiben. Denn das Interesse am Hause Windsor befällt quartalsweise nur diejenigen, die auch wie die Lemminge in den ‘Titanic’-Film gerannt sind. Und haben Sie sich schon mal gefragt, warum diese Kate und ihr Willi heute seitenfüllend eben auch auf den Titeln aller ‘Leitmedien’ prangen: “Countdown für das Jawort”, “Dem Jawort so nah”, “Der Prinz kütt”, “Queen schenkt Kate und William Adelstitel” … ad infinitum.

Diese voyeuristische Leidenschaft für Brautmoden und adlige Lebensplanung existiert hingegen nicht unter Bauern, türkischen Migranten oder Ein-Euro-Jobbern. Das ‘gemeine Volk’, zumindest hier bei uns in der Provinz, das interessiert sich derzeit eher für explodierende Spritpreise und die große Trockenheit auf allen Feldern. Weil daran schließlich ihre Existenz hängt.

Wer also die ‘Grünen Blätter’ liest, der muss sich diese Zeitvergeudung auch leisten können. Nebenbei bemerkt, sieht man die meisten Bild-Zeitungsleser, auf einem Haufen versammelt, noch immer im deutschen Bundestag. Das sieht im Grunde auch jeder Dösbaddel ein, nur eben kein Feld-, Wald- und Wiesen-Journalist, der sich notorisch ein Publikum imaginiert, das so nur in seinem ebenso elitärem wie unfundiertem Wolkenkuckucksheim existiert. Dass der übliche Seitenhieb auf die Öffentlich-Rechtlichen dabei nicht fehlen darf – nun ja, das gehört wohl zum Genre. Ein versteckter Geschäftssinn äußert sich hierin, nach dem Motto: Diese Hochzeit ist zwar kompletter Tinnef, aber wir hätten sie trotzdem gern ganz privat, weil nur wir den ‘Qualitätsjournalismus’ so weitherzig interpretieren können …

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