Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Public Relations (Seite 2 von 9)

Blöde Frage

Auf welcher Seite ist eigentlich der berüchtigte ‘Schwarze Block’ zu suchen?

“Der gewaltsame Angriff von 30 bis 40 Vermummten auf die Davidwache in St. Pauli, bei der Polizisten angeblich schwer verletzt wurden, hat nicht so stattgefunden, wie anfangs von der Polizei dargestellt.”

Die halbe Innenstadt wird jetzt aber abgeriegelt und generalverdächtigt. Chapeau für eine gelungene schwarze PR, in deren Gefolge alle Medien auch brav Hoppe-Hoppe-Reiter spielten. Faktisch stellt sich die Sachlage so dar:

“Mehr als deutlich geworden ist jedenfalls wieder einmal, wie irreführend eine Medienkampagne ist, die auf einer komplett unhinterfragten Pressemitteilung der Polizei beruht – und die darüber hinaus noch lauter Dinge dazu erfindet, die noch nicht mal in eben jener Meldung stehen.”

Mit anderen Worten: komplettes Medienversagen. Was sagen eigentlich Polizisten dazu, auch wenn diese ‘kritischen Polizisten’ natürlich in der Minderheit sind:

“Die Hamburger Polizei führt sich auf wie eine Ordnungsmacht des finsteren Mittelalters. Die Hamburger Politik lässt sich wie hilflos von „ihrer“ Polizei vorführen. Die Rolle von Exekutive und Legislative scheint verkehrt worden zu sein.”

Solange aber diese ‘Ordnungsmacht’ die Medien auf ihrer Seite weiß, kann sie auf solche Statements pfeifen.

Klarstellung (weil mich eine Mail anstänkerte): Die Antifa ist der ‘falsche Fuffziger’ des Antifaschismus. Mit SA-Methoden lässt sich in meinen Augen der Faschismus wohl kaum bekämpfen. Zudem sind sie bloß die ‘nützlichen Idioten’ eines aus dem Ruder laufenden und schill-geprägten Hamburger Polizeiapparats – samt ihres unsäglichen Innensenators, der aus irgendwelchen Gründen meint, immer noch Sozialdemokrat zu sein. So sehe ich das. Andererseits waren dort neben diesem Antifa-Häuflein noch Tausende von anderen Demonstranten, denen es um die Sache ging. Und Hunderte von Polizisten, die von dieser Führung dank einer unsinnigen Eskalationsstrategie ‘verheizt’ wurden. Beide Gruppen verdienen meine Empathie. 

Wie Führungsfiguren ticken

Wäre es besser gewesen, die Dame hätte nicht getwittert, wie sie denkt? Ich glaube nicht. Sie hat uns nur einen dankenswerten Einblick in jene Gedankenwelt gegeben, in der unsere Funktionseliten zu leben meinen:

“Fliege nach Afrika. Hoffe, ich bekomme kein Aids. War nur’n Witz. Ich bin weiß.”

Bleibt die Frage, was uns die Frau Justine Sacco mit ihrem wirren Tweet sagen wollte. Ich komme auf drei Möglichkeiten:

A. Weiße Frauen bekommen kein AIDS, selbst wenn sie mal mit einem Ureinwohner in die Kiste steigen.
B. AIDS ist ein Witz – bestenfalls eine rein afrikanische Krankheit, die nur schwarze Afrikaner befällt.
C. Igitt, Schwarze – ich würde mich nie auf irgendeine Form von ‘Rassenvermischung’ einlassen.

*kopfkratz* Bleibt als Fazit: Public Relations und Bildungsansprüche bleiben weiterhin Gegensätze …

Forscher? Experten?

Insgesamt summieren sich die langfristigen Kosten dadurch auf 852 Milliarden Euro. Dies geht aus Berechnungen der Freiburger Finanzexperten Bernd Raffelhüschen und Stefan Moog … hervor.”

So weit ich weiß, wurde dieses Raffelmäuschen – samt der angeschlossenen Freiburger Klippschule, einer Fernforschungs-Einrichtung der deutschen Assekuranz – schon längst als Sprachrohr all der deutschen Fonds-Zubereiter, Strukturvertriebler und Versicherungsverticker verhaltensauffällig (1). Motto: ‘Wir malen uns mal eine ansteigende Linie, und verlängern die bis ins Jahr 3000‘. Mit Wissenschaft aber hat das eher wenig zu tun … nur im ‘Focus’ drucken sie so etwas fast schon notorisch. Die absolut gepflegte Ausdrucksweise dieses hochbezahlten Professeurs vergessen sie dabei stets zu erwähnen: „Hallo Herr S., mit Verlaub, Sie sind ein Arschloch (hoch drei). Ihr Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen.“ Tscha, wer möchte da nicht gern ein Arschloch sein?

(1)”Botschafter” der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen (SRzG)
seit 11/2007 Aufsichtsrat der Augustinum gGmbH
seit 01/2006 Aufsichtsrat der ERGO-Versicherungsgruppe AG
seit 08/2005 Aufsichtsrat der Volksbank Freiburg eG
seit 06/2005 Vorstandsmitglied der Stiftung Marktwirtschaft Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des Wirtschaftsrats der CDU
Mitglied des Beirats der Walter-Raymond-Stiftung der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA)

Grobianische PR

Auf einen groben Klotz gehört manchmal auch ein grober Keil. Jetzt jedenfalls werden die üblichen Verdächtigen, die sich sonst vornehmlich durch Null-Kommunikation und Hinterzimmer-Geschleiche auszeichnen, doch endlich mal wach:

Diese Formulierung sei „typisch für einen Aktivisten-Sprech, der Fakten unterdrückt“, erregte sich der Agrarchemieverband IVA. Die Kampagne rücke Landwirte in die Nähe von Kindermördern. „Die Lebensmittelwirtschaft“, ein von Wirtschaftsverbänden gegründeter Verein, meinte, der BUND habe sich als Gesprächspartner verabschiedet. … Der Bauernverband stellte die Gemeinnützigkeit in Frage.”

Tscha, wer hier wohl gern die Fakten unterdrückt? Aber wenn der eine Gemeinnützige dem anderen Gemeinnützigen an die Subventionen will, dann wird’s tatsächlich ernst. Ich warte auf den ersten grobianischen Gülle-Film. Vielleicht niedliche Bambis mit großen Tumoren dank nitratbelastetem Grundwasser … das gäbe erst richtig Alarm in der agrarchemischen Kuschelecke.

Zu den Fakten jedenfalls über dieses famose ‘Bundesinstitut für Risikobewertung’, das sie dort so selbstgewiss an die Front der Schwarzen PR führen, zählt bestimmt eine gewisse Nähe zu einschlägig bekannten Herstellern:

‘Die ZDFzoom-Reportage „Das stille Gift“ vom 8. Mai 2013 vertrat den Standpunkt, dass das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Pestizide wie Glyphosat nicht mit unabhängigen Experten beurteilen würde, und dass den Bewertungen des BfR keine unabhängigen Studien, sondern überwiegend von Herstellern wie Monsanto selbst beauftragte Studien und sogar Studien unbekannter Herkunft ohne Namensnennung von Autoren zugrunde liegen würden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung stünde demnach seit Jahren in der Kritik.’

Darüber stand wiederum nichts im FAZ-Wirtschaftsteil, schon klar …

Methode Münchhausen

Das fundamentale Prinzip der deutschen Stromversorgung lautet: Jeder Kunde hat einen Lieferanten, und dieser muss liefern – egal, was kommt. So steht es in der Stromnetzzugangsverordnung.”

Marktwirtschaftliche Prinzipien für e.on, RWE und Vattenfall, bester Herr Spiegel-Redakteur? Wo doch dort in den Aufsichtsräten abgehalfterte Politiker dicht an dicht sitzen, so wie Krähenschwärme auf einem Leitungsdraht? Wovon träumen Sie denn nachts? Da krächzen die doch lieber die üblichen Klagelieder, wenn sie ihre Mondpreise nicht länger einstreichen dürfen: “RWE warnt vor Strom-Blackouts” … und das, wo ganz Europa in unverkäuflichem Strom förmlich schwimmt. Der Börsenpreis nahe Null drückt gerade dies doch aus – oder etwa nicht? Wann aber hätten schnöde Fakten einen PR-Profi je interessiert …

Apropos, steigende Energiepreise: Als ich zu einem Anbieter von ‘grünem Strom’ wechselte, war der erstens billiger als der bisherige Großversorger. Und ich habe seither – zweitens – in vier Jahren noch nicht einmal eine Tariferhöhung erhalten. Wo soll das hinführen? Tscha, vermutlich in die Energiewende …

Öchspertentum

Der ‘Geist’ nimmt in dienender Stellung rascher als der Korpus die lakaienhafte Haltung ein. Hier findet der wahrhaft vollkommene Verkauf statt – was sollte der Geistige, seinen Geist verkaufend, vom Kaufe ausnehmen und zurückbehalten?”
(Bert Brecht, FA XXI, 428)

 

Dumme Sätze im Journalismus

Selbst große Männer reden manchmal blödes Zeug daher. Das gilt auch für den Satz von Hans-Joachim Friedrichs: „Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.” Dieser Satz wird auf jeder besseren Journalistenschule den Eleven am ersten Tag schon eingebimst. Wer sich also über den unengagierten ‘Industrieton’ im ansteigenden Grauwert unserer Zeitungen ärgert, der suche zunächst bei dieser Heiligsprechung der Empathiebefreiten und bei diesem Objektivitätsdogma die Schuld.

Ich kenne buchstäblich keinen großen Journalisten, ob nun Egon Erwin Kisch, ob Carl von Ossietzky, ob Emile Zola, Erich Kästner, Heinrich Heine, Joseph Roth, auch Cristoph Lütgert oder selbst den frühen Hans Habe, wo sich der Schreiber nicht ‘mit einer guten Sache’ gemein gemacht hätte. Das zählt in historischer Betrachtungsweise geradezu zu den Entstehungsbedingungen späterer Größe im Journalismus.

Nahezu jeder Text von Kurt Tucholsky ist von seinem engagierten Kampf für eine gute Sache, nämlich für den ‘Erhalt der Weimarer Republik’ geprägt. Und das gegen eine stets übermächtige Heerschar von schlechten Journalisten, die zum Beispiel damals im Dienste des flächendeckenden Hugenberg-Oligopols den Judenhass und den Untergang des demokratischen Staatswesens täglich herbeischrieben. Denn eines wird allzuoft vergessen: Jeder gute Journalist steht regelhaft knietief im Mist seiner Berufskollegen aus Journalismus und Public Relations. Richtig lautet Friedrichs’ Satz daher so:

“Einen schlechten Journalisten erkennt man daran, dass er sich mit jeder Sache gemein macht, außer mit einer guten.”

Schon fielen mir so allerhand Namen ein …

Wider den bösen ‘Ökologismus’

Wenn der Jan Fleischhauer über Klimaskeptiker schreibt, dann erfahren wir zwar, dass er seine Buddies Dirk Maxeiner und Michael Miersch schon aus den seligen Tagen bei Broders ‘Achse des Guten’ kennt, dass er mit ihnen mal auf einem Flussdampfer die Spree hinabgeschippert ist, von den Qualifikationen solcher ‘Klimaskeptiker’ erfahren wir dagegen wenig. Dabei haben sich die beiden als bloße Journalisten inzwischen eine lukrative und industriefreundliche Nische in den Public Relations eingerichtet, wo sie als ‘neutrale Journalisten’ alltäglich den Klimawandel zu leugnen haben, und den ‘Ökologismus’, einen aus den USA importierten Popanz, auch im deutschen Sprachgebrauch nach Kräften zu verteufeln trachten. Motto: ‘Erst bau’ ich mir ‘ne Sockenpuppe, dann hau’ ich kräftig drauf’.

Am Anfang einer solch gewagten Verteidigung sollte trotzdem redlicherweise immer die Frage nach der ‘Qualifikation’ der beiden stehen:

“Zuerst standen Dirk Maxeiner & Michael Miersch beim Chemiekonzern Hoechst ‘in Lohn und Brot’. Sie machten für den Chemie-Multi ‘phantasievolle Pressearbeit’ (Handelsblatt) als Textchefs der umstrittenen Hoechst-Zeitschrift „Change“. Doch dann kamen die Werbeabteilungen der Konzerne auf die Idee, dass ‘neutrale Journalisten’ viel besser für Chemie-, Atom-, Gen- und Kohlekonzerne werben können als teure PR-Abteilungen der Konzerne.

Gut – wir wissen jetzt, es geht wohl um eine eher faktenarme, dafür aber höchst ‘phantasievolle’ Pressearbeit: Nach dem Studium der Germanistik und Sozialpädagogik (Miersch) oder nach einigen Brrmm-Brrmm-Texten als Autojournalist (Maxeiner) wird man so in Deutschland prompt zum kritischen Klimawissenschaftler befördert, zumindest in der ‘Welt’. Vielleicht sollte ich es dort auch mal als “kritischer Atomphysiker” versuchen.

Fleischhauer regt sich jedenfalls darüber auf, dass eine wissenschaftlich hochkarätig besetzte Institution in Deutschland, nämlich das ‘Umweltbundesamt’ (UBA) in Berlin, welches nach diversen Umbesetzungen seit des seligen Röttgen Zeiten keineswegs mehr eine Hochburg des ‘Ökologismus’ ist, sondern eine schwarzgelb gelenkte Wissenschaftsinstitution, dass also diese Institution vor derart ‘kritischen Geistern’ wie Miersch und Maxeiner ausdrücklich zu warnen wagt: ‘Was erlauben sich Strunz!‘. Im Kern lief die Kritik dieses Umweltbundesamtes sogar auf den Vorwurf blanker Scharlatanerie hinaus. Das empört den Jan Fleischhauer maßlos, schon aus Gründen alter Verbundenheit:

“Es ist jedenfalls ziemlich lange her, dass eine staatliche Institution in Deutschland erklärte, welche Meinungen in diesem Land haltbar sind und welche nicht.”

An diesem Satz ist so ziemlich alles falsch. Bestenfalls ist er geeignet, die Meute der Klimaskeptiker begeistert aufheulen zu lassen. Wissenschaftlich ‘haltbar’ sind Meinungen nun mal nur, wenn sie ‘verifizierbar’ sind. Wenn wir mal davon ausgehen – ich hoffe, der Fleischhauer widerspricht mir jetzt nicht – dass es sich auch bei den deutschen Universitäten zumeist noch um ‘staatliche Institutionen’ handelt, dann ist es eher die Regel, dass von dorther jene Hinweise kommen, welche Ansichten als wissenschaftlich seriös zu betrachten wären. Daran ist auch nichts ‘lange her’. Nun ja, bekanntlich produziert die Industrie – auch die Meinungsindustrie – alle möglichen Waren, nur selten aber seriöse Ansichten.

Nach Ansicht universitärer Wissenschaft reden in manchen Zeitungen plötzlich allzu viele Blinde von der Farbe, dort, wo sich Sozialpädagogen und Motorjournalisten plötzlich über den Klimawandel verbreiten dürfen, zudem noch aus dem Dunstkreis interessierter Berichterstattung heraus. Im Grunde wehrt sich hier die Wissenschaft gegen den publizistischen Siegeszug der Public Relations – die manchmal eben auch ‘moderner Qualitätsjournalismus’ genannt werden wollen.

Noch bräsiger – und wie gewohnt höchst lauthälsig – wirft sich prompt der Henryk M. Broder für seine Kumpels bei der ‘Achse des Guten’ in die Bresche, um diesen ‘Shitstorm’ weiter anzufachen. Er scheut erwartungsgemäß nicht vor einer gewagten ‘braunen Parallelführung’ zurück, gekonnt verknüpft mit einem Seitenhieb auf Erich des Roten Zeiten. So etwas ist schließlich sein publizistisches Markenzeichen:

“Das Umweltbundesamt beansprucht die Deutungshoheit beim Klimawandel für sich und stellt Journalisten in der Debatte an den Pranger. Ein solches Vorgehen erinnert an Reichskulturkammer und DDR-Regime.”

Naja, der Satz erinnert doch eher an Henryk M. Broder. Kurzum – für mich stellt sich der Sachverhalt inzwischen so dar: Arm in Arm inszenieren der Jan Fleischhauer und der Henryk M. Broder eine ‘Weißwäscherkampagne’ für ihre publizistischen Mitstreiter und damit auch für die verbündete Industrie. Mit dem hanebüchenen Argument, dass das Bundesumweltamt gefälligst die Schnauze zu halten hätte, wenn ein Germanist und ein Autojournalist andere Leute mangelhaft qualifiziert und industriegesponsert verblöden. Eingefleischte PR-Vertreter sehen das natürlich komplett anders, mit den gewohnten Folgen beim Publikum – der böse, böse Ökologismus will uns doch alle nur versklaven:

“Die sektiererischen Ökologisten wollen Europa in die Steinzeit zurückführen, um ihre ureigenen idiotischen Ideale zu verwirklichen. Daher reiten sie auf der Welle des “Klimawandels” – nur ein Mittel zum Zweck. Der neue Hitler sind die Ökologisten – im Deckmantel eines Gutmenschen verkleidet.”

Tscha – lieber Steinzeit, als diese ‘schöne neue Welt’

Es passt übrigens zum Bild, dass die beiden Gutächsler den Text des Umweltbundesamtes nirgends verlinken. Wo sollte das auch hinführen, wenn sich jeder selbst ein Bild macht? Sie würden halt so gern weiterhin unter der Flagge ‘kritischer Journalisten’ segeln, weshalb sich auch ihr Leib-und-Magen-Blatt auf höchster Ebene empört über “das ungewöhnliche Vorgehen des Uba, kritische Journalisten an den Pranger zu stellen.” Immerhin, wir wissen jetzt, dass es Teile der deutschen Publizistik als ‘ungewöhnlich’ erachten, wenn ihre Textfabriken von Wissenschaftlern überhaupt noch als kritikwürdig betrachtet werden. Zumeist scheint unter Wissenschaftlern wohl das unkluge Motto zu gelten: ‘Was schert es die Eiche …’. Das große Publikum erfährt das, was es von der Wissenschaft weiß, nämlich dann aus einer kontaminierten Presse. Ich würde mir mehr mitdebattierende Wissenschaftler wünschen.

Der inkriminierte Passus in der Broschüre lautet übrigens so – und ist deshalb in seiner Unangemessenheit gaaanz schröcklich, fuurchebaar und unverzoihlich: “Auch in Zeitungen und Zeitschriften, Rundfunk und Fernsehen tauchen mitunter Beiträge auf, die nicht mit dem Kenntnisstand der Klimawissenschaft übereinstimmen. Bekannt für derartige Beiträge sind die Journalisten und Publizisten Dirk Maxeiner und Michael Miersch. Die Autoren verfassten gemeinsam Bücher und schrieben für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften. Gegenwärtig veröffentlichen sie wöchentlich eine Kolumne in der Zeitung „Die Welt“.” Nicht auf dem ‘Stand der Wissenschaft’ wären die beiden? Das geht doch schon mal gar nicht, das ist doch wahrlich ehrabschneidend …

Ein Retardierter

Über die ausufernde Gender-Diskussion, die allzu oft auf Gefühligkeit statt auf veritablen Argumenten beruht, wüsste ich auch so mancherlei Sottisen zu Markte zu tragen. Dass daher der Reinhard Mohr gegen Unisex-Toiletten eifert – wobei er allerdings ganz vergisst, dass ja diese Einrichtungen ‘die binären Geschlechterrollen’ angeblich hinterfragen sollen, dass diese logischerweise deshalb kein Ausdruck wildgewordener “Frauenpolitik” sein können – das sei ihm geschenkt. Tendenziell stünde ich auf diesem Feld sogar an seiner Seite. Denn auch Transsexuelle wissen meist sehr gut, ob sie lieber die Tür für Männlein oder Weiblein wählen möchten.

Auch beim Rant gegen eine nachträgliche ‘antirassistische’ Redaktion bewährter Kinderbücher ginge ich mit ihm Arm in Arm. Aus ein paar verlaufenen Gender-Aktivistinnen sich aber gleich eine ‘Bewegung’ zusammenzureimen, aus einem Kompott von Zeiterscheinungen sich ein Komplott zu erdichten, nur weil er in einer Behördenkantine am Veggie-Tag mal keine Currywurst serviert bekam, das schießt erheblich übers Ziel hinaus. Vollends dann dieser Klippschülersatz, der uns zeigt, dass hier jemand vom Wesen der Sprache keine Ahnung hat:

“Die Sprache ist ein Abbild der Realität.”

Philosophisch gesehen ist das blankes 19. Jahrhundert. Denn das ist Sprache eben nicht! Allerdings ist dieses bemooste Ammenmärchen der beständige Irrglaube aller Wortschmiede in den Public-Relations-Abteilungen, die den Gott ihres ‘Wording’ anbeten. Hier wachsen dann die ‘Entsorgungsparks’ und die ‘Lebensleistungsrenten’. Das bestens gepflegte Missverständnis ist auch der Popanz gewisser Journalisten, die da glauben, dass sie Leute Eins-zu-Eins ‘informieren’ könnten. Mit den tatsächlichen Verhältnissen beim Sprachgebrauch aber hat das nichts zu tun. Beim Reden oder Schreiben handelt es sich um ein mehr oder minder gekonntes Fuchteln mit Symbolen, allenfalls geeignet, im Hirn der Leser vorgefertigte Frames zu aktivieren. Das gilt dann eben auch für den Gender-Diskurs: Er formuliert Gleichgesinntes für Gleichgesinnte. Der Außenstehende steht ratlos und ohne Schlüssel davor.

Kein Wort also wird jemals die Realität ‘dort draußen’ abbilden, allenfalls kann es jene Realität in den Köpfen stimulieren, in der gewisse Leute zu leben wähnen: Zwischen dem Wörtchen ‘Kuh’ und der echten Kuh auf ihrer grünen Wiese, zwischen der ‘Freiheit’ des Unternehmers und der ‘Freiheit’ des Clochards, klafft immer eine Schlucht, die mit symbolischen Missverständnissen gefüllt ist, so dass jeder, der diese überqueren will, erst einmal knietief durch Müll waten muss.

Weshalb denn nimmt ein gegelter Börsen-Spekulant die Rede eines beliebigen FDP-Granden wohlwollend zur Kenntnis, während ein frischgebackener Akademiker, gefangen in der Schleife seines Endlos-Prekariats, durch ein- und dieselben Worte vom Lohn der Leistung, von der Freiheit und von dem Segen individueller Lebensentwürfe sich nur noch veräppelt fühlt? Weshalb formt ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung, der sich allzugern fremddenken lässt, beim Genuss eines Artikels aus der Tastatur des Reinhard Mohr gleich einen schäumenden Wortteppich aus blanker Bewunderung? Weshalb stammeln sie in den Kommentaren alle von ‘Mut’ und ‘Tabubruch’, obwohl doch im ‘Cicero’ tagaus tagein ähnliches zu lesen steht? Der Weg an die Spitze solcher Redaktionen ist mit diesen täglichen ‘Tabubrüchen’ gepflastert. Während andererseits der gebildete Mensch, erblickt er solche altbackenen Journi-Spielchen, wo immerzu Mäuse zu Elefanten aufgeblasen werden, sich bloß noch stirntippend abwendet …

Diese Differenz der Reaktionen entsteht, weil Worte eben nicht die Realität abbilden können. Jeder sprachliche Symbolgebrauch sucht die Tore einer geschlossenen Informationsfestung im Kopf des Rezipienten mit dem richtigen Code – oder Reiz – zu öffnen. Wenn Reinhard Mohr solche Texte wie diesen schreibt, dann stößt er im ‘Cicero’ eben auf die passenden Leser für diese tägliche Fertignahrung. Er gebraucht die richtigen Passworte und streut ein wenig stilistische Zierpetersilie darüber. Simsalabim! – schon passt der sprachliche Schlüssel zum mentalen Schloss der Meute. Jeder Schreiber schreibt so, wie diejenigen konstruiert sind, die ihm Beifall klatschen. Mit der Realität außerhalb der Köpfe aber hat das nichts zu tun. Schlau werden muss, bis auf Weiteres, noch immer jeder selbst …

Wording

Es ist CSU-Parteitag – eine leere Bühne in strahlendem Königsblau, dann eine Stimme aus dem Off: “Freuen Sie sich auf interessante Erfolgsgeschichten aus dem Chancenland Bayern.” Danach Disco-Rummtata und Einmarsch der Gladiatoren …

Von allen Adjektiven ist ‘interessant’ so ziemlich der profilärmste und totgerittenste Zossen, der noch frei herumlaufen darf. Eine ‘Geschichte’ erzählt natürlicherweise nur etwas, was immer schon vergangen ist. Wahrscheinlich dachten sie ja an den Uli Hoeneß. Und ‘Chancenland’ ist ein Retortenbegriff aus der Wortklempnerei von PR-Strategen, der keinem vernünftigen Menschen je über die Lippen käme, der aber mit Sicherheit hohe Rechnungen verursacht. An die Mieter in München dürften sie dabei kaum gedacht haben, eher schon an ihre Amigos. Kurzum: Haltloses, ideologisches Kasperletheater … wer darauf anspringt, über dessen geistige Verfassung mache ich mir so meine Gedanken.

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