Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Public Relations (Seite 1 von 9)

Kleine PR-Schule (1)

Da hat Ihnen also der Agenturchef die Planung eines kleinen Sport-Events auf den Tisch geknolzt, und Sie sollen das Ereignis jetzt sprachlich besingen. Verdammter Mist! Nehmen wir als Beispiel das Hohelied, dass die Escom Marketing für dieses Hottehü-Festival in einer schwäbischen Kleinstadt veranstaltet – und achten wir auf die stilistischen Regeln, die sich daraus ergeben.

1. Verwenden Sie nie die Normalsprache, machen Sie dicke Backen und spitzen Sie affektiert den Mund – aus jedem ‘sich zeigen’ werde also mindestens ein ‘präsentieren’: “Das CHI ist nicht nur Treffpunkt für die internationale Elite des Reitsports, sondern bietet auch regionalen Nachwuchstalenten die Möglichkeit sich zu präsentieren.” ‘Meine sehr verehrten Damen und Herren, erleben Sie jetzt die Jugend-Voltigiergruppe des RC Friedenau …’

2. Bammeln Sie an wirklich jedes Substantiv ein Adjektiv, so sinnlos es auch sei. Wer solche Texte liest, denkt eh nicht nach. Aus der Turnierluft werde also ‘große Turnierluft’, wie immer man sich eine solche atmosphärische Erscheinung auch vorstellen mag: “Die Breitensportler haben in vier Prüfungen die Möglichkeit einmal große Turnierluft zu schnuppern.” Sind sie nicht süß, diese Schnuppernäschen …?

3. Seien Sie prätentiös, blasen Sie jeden Pups mit einem Füllsel wie ‘besonders’, ‘absolut’, ‘beliebt’ oder ‘ist mehr als nur’ zu einem wahren Heißluft-Baiser auf: “Das Int. S.D. Fürst Joachim zu Fürstenberg-Gedächtnisturnier ist mehr als nur ein Dressur- und Springturnier.” Wat’n Schlager – den in den Public Relations längst jeder mitsingen kann.

4. Machen Sie aus darbenden Künstlern Weltstars und behaupten sie, dass deren Beliebtheit immerzu steige, sie wissen ja, solch ein behauptetes Wachstum ‘erfreut’ jeden Kunden. Vergessen Sie nicht mit Wörtchen wie ‘erstklassig’ und ‘bunt’ ein wenig Zierpetersilie darüberzustreuen, ein schlichtes ‘pur’ krönt dann das Ganze wie die Kirsche den Eisbecher: “Der Veranstaltungssamstag (20.09.2014) erfreut sich immer größerer Beliebtheit bei den Besuchern des CHI Donaueschingen. Sie bekommen nicht nur erstklassigen Sport, sondern auch Abwechslung pur mit bunten Showeinlagen geboten. In diesem Jahr sind unter anderem Ana und Olli sowie Viktor Kirka mit seinen Kosaken dabei.”

Sie wissen nicht, wer Ana und Olli oder Viktor Kirka sind? Na, dann sind doch wohl Sie doof – und nicht der Schreiber. Der weiß das nämlich, auch wenn’s gar nicht so wichtig ist … aber er hätte mal wieder “ein echtes Highlight für die Region gesetzt”. Das ‘echt’ vor ‘Highlight’ ist übrigens ein ‘echtes Must’ … es gibt nämlich auch ‘falsche Highlights’, aber bestimmt nicht in den Public Relations.

Die große Gehirnwäsche

Eine Lüge muss nur oft genug wiederholt werden. Dann wird sie geglaubt”, soll schon Joseph Goebbels gesagt haben. Auf diesen Mechanismus scheinen derzeit auch russische Medien blindlings zu vertrauen. Mit altbekannten Auswirkungen:

“In Kiew regieren”, so gibt der kommandierende Offizier in Konstantinowka die Kremlpropaganda wieder, “Faschisten, die Menschen lebendig verbrannt oder enthauptet haben”.

Wo bleiben die Säurebäder und die Giftcocktails? Müssen wir im Westen blöd sein, dass wir von solchen Ereignissen so rein gar nichts mitgekriegt haben sollen. Aber keine Angst, diese Behauptung wird uns schon bald, verkleidet als unwiderlegbares Faktum, in den Foren deutscher Presseerzeugnisse wieder vor die Füße laufen … und das hier ist für mich der Desinformations-Witz des Tages:

“Zugleich habe der [russische] Minister eine “anti-russische Hysterie” in westlichen Medien beklagt.”

Farbenblinde Reporter

Bei manchen PR-Gefälligkeiten in der lokalen Berichterstattung fragt man sich ja, ob diese Journalisten überhaupt durchdenken, was sie da schreiben:

“Mit viel Herzblut haben wir uns engagiert”, versicherte Vera Milus. Weiß-Blau war dementsprechend die dominierende Farbe.

Tschaja – ‘dementsprechend’ auch der weitere Text. Als ganz abgelutschtes Schmankerl glänzt in einer Nebenrolle natürlich auch wieder “viel Liebe zum Detail“, ein Aspekt, den jener Artikel dann eher vermissen lässt. Eine besonders dienstfertige Reportermumie, die sich dort ächzend und erwartungsgemäß auf die klapprige Kleinkunstbühne des Blättchens zu quälen hat …

Medienohnmacht

Da mahnt man, da barmt man, da wirft man die ganz großen PR-Windmühlen an – und was nutzt es? Seit Anno Adenauer war keine Regierung mehr so beliebt wie ausgerechnet die große Koalition. Diesen Überschwang kann man – wie ich – ein wenig übertrieben finden, faktisch ist das wohl so. Da können unsere ‘Leitmedien’ auffahren, wen sie wollen:

“Wie die große Sozialromantik-Koalition unsere Zukunft ruiniert.”

“Die Rentenreform trifft die Falschen.”

“Wir brauchen die Älteren in den Betrieben.”

“Rentenpapst Rürup klagt an.”

“Schwarz-Rot wohnt kein Zauber inne.”

“Mindestlohn und Rentenpaket machen uns das Leben schwer.”

Tscha, liebe Butzemänner und Versicherungsvertreter – auf eure Rürup-Expertise und INSM-Apokalyptik beißen die Fischlein wohl nicht mehr so recht an? Äußerungen über die Grenzen der Wirksamkeit von Public Relations verkneife ich mir hier mal. Und der Untergang der FDP war eben kein Betriebsunfall, sondern ein Winterschlussverkauf. Wer war noch mal Dorothea Siems …?

“Come writers and critics
Who prophesize with your pen
And keep your eyes wide
The chance won’t come again
And don’t speak too soon
For the wheel’s still in spin
And there’s no tellin’ who
That it’s namin’
For the loser now
Will be later to win
For the times they are a-changin’.

Come senators, congressmen
Throughout the land
And don’t criticize
What you can’t understand
Your sons and your daughters
Are beyond your command
Your old road is
Rapidly agin’
Please get out of the new one
If you can’t lend your hand
For the times they are a-changin’.”

Die Russovielen

Gute Zusammenfassung dessen, was passieren würde, wenn man all deren Kommentare in einen Mixer schmeißt und aus dem Verbalbrei die Quintessenz zieht:

“Die als Russen verkleideten russischen Kämpfer sind von der CIA, der NSA, der EU und Majestix geschickt, um Verwirrung zu stiften! Das habe ich auf www. ru.ru.ru.ru gelesen. Echt!”

Immerhin scheint diese Iaah!-Iaah!-blökende Debilenfront mehr und mehr Lesern auf den Keks zu gehen … beim ‘Standard’ bildet sich sogar eine Gegenfront, die sie permanent ins offene Messer der Ironie laufen lässt.

Wieder ein Doktorspielchen

Gerd Müller von der CSU, seit wenigen Monaten Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, hat … über die JU und ihren “Beitrag zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung” geschrieben.”

Viel interessanter als diesen -zigten Plagiatsvorwurf fände ich, ob unser forscher Doktorant als waschechter Regensburger auch das örtlich wie thematisch naheliegende Wirken von Thomas Fürst, von Tobias Fritz und anderen Helden der Jungen Union so rein als Typus mal ausgiebig zu würdigen wusste … wie auch deren Aufstiegsbedingungen in einem burschenschaftsnahen CSU-Parteirahmen, wo’s immer leicht nach Bierdunst und Weihrauch duftet. Falls ja, wäre es Wissenschaft, sonst vermutlich nur PR …

Jubelperser

Es gilt, den größten Staatsmann der Neuzeit zu feiern, da ist manchem jedes Mittel recht. Sogar jener wahrhaft genialische Schachzug, die Aktienkurse des eigenen Landes auf eine riskante Talfahrt zu schicken, reift da zur welthistorischen Tat. Und alle Verschwörungstheoretiker jubeln mit:

“Russland hat einen genialen ökonomischen Springerzug gemacht, sie alle um den Finger gewickelt und in nur ein paar Tagen über 20 Mrd. Dollar verdient.”

Außerhalb dieses intellektuell eng umgrenzten Wirtschaftshorizontes nennt man so etwas zumeist ‘Stützungskäufe’ … und die wiederum kosten ‘Devisen’. Ein Wirtschaftsgut, das allmählich auch schon knapp wird – unter anderem deshalb:

“Wegen der Krim-Krise fliehen Investoren regelrecht aus Russland.”

Aus dem Bonker

Russland ist das einzige Land auf der Welt, das realistisch betrachtet in der Lage ist, die USA in radioaktive Asche zu verwandeln», sagte der Moderator Dmitri Kiseljow am Sonntagabend im staatlichen Sender Rossija 1. Mir fehlte – neben derartigen ‘Wunderwaffen’ – eigentlich nur noch der Hinweis auf die ‘Heeresgruppe Wenck’ …

Wer jetzt glaubt, durchgeknallte Moderatoren gäbe es doch überall, der irrt erheblich. Dmitri Kiseljow wurde von Putin persönlich als oberster Medienagent seines Landes installiert. Er ist die Stimme seines Herrn – und eben kein ‘Comical Ali’, weil Putin ja auch nicht Saddam Hussein ist:

“Am 9. Dezember 2013 wird [Kiseljow] von Präsident Wladimir Putin per Erlass zum Generaldirektor der Internationalen Informationsagentur “Russland Heute” berufen, die auf der Basis der Nachrichtenagentur RIA Novosti und des Radiosenders Golos Rossii (Stimme Russlands) errichtet wird und die staatliche Politik und russische Lebenswelt im Ausland verbreiten soll.”

Wer hier also so verbal-illusionistisch und gefahrenvergessen aufschäumt wie eine Kukident-Tablette, das ist Putins Sprachrohr selbst. Es ist eine authentische und zertifizierte Stimme aus dem russischen Führerbunker – und ich hoffe nur, ich irre mich. Die Folge, in Kiseljows eigenen Worten:

“Jegliche Herabsetzung der Messlatte, jegliche Absenkung der Moral und der Regeln werden die Menschen fressen; eines schönen Tages jedoch werden wir uns selbst wie Schweine im Dreck schwimmen sehen. Und es wird eine solche Gesellschaft geben. Und wir werden uns gegenseitig mitsamt dem Dreck fressen.”

Eigentlich eine zutreffende Selbstbeschreibung …

Schwarze PR

Russische Medien berichten, Tausende ukrainische Soldaten und Polizisten seien übergelaufen. Zudem gebe es einen Exodus nach Russland. Als Beleg soll ein Foto gelten. Es zeigt allerdings eine Autoschlange an einem Grenzübergang nach Polen.”

Und alle Astroturfer johlen im Chor, bis die Forenwände beben … ich hingegen meine: Wer würde schon von einem Arbeitslager ins andere fliehen? Das ‘eurasische System’ sieht übrigens so aus:

“Die Partei der Regionen sprach jedem [Pro-Janukowitsch-]Demonstranten [im Donbass] 400 Grivnas zu. Die einzelnen Teilnehmer haben aber schlussendlich nur 200 Grivnas oder manchmal auch gar nichts erhalten. … Die Differenz landet in den Taschen von Parteifunktionären.”

Tscha, selbst wer sich wunschgemäß auf die Schwarze PR einlässt, wird auch dort noch über den Tisch gezogen …

Blochers Blökvieh trötzelt

Die Absage an die Personenfreizügigkeit mit Kroatien hat für die Schweiz erste Folgen: Die EU sistiert die Verhandlung über «Horizon 2020».”

Und in den Kommentaren beim Bergvölklein geht es hoch her – zumeist fern aller Fakten und Zahlen. Dass der andere Hund auch beißen kann, das hätten sie nicht gedacht. Isolationismus als Bauchgefühl: Wir nabeln uns einfach ab – und dann geht es dem Baby gleich viel besser. Und die EU wird irgendwie dann schon auf Knien angekrochen kommen.

Dieser Populismus von rechts ist schon eine selten dämliche Veranstaltung. Schade nur, dass ich – je länger, je mehr – dabei zu einem Kritiker der direkten Demokratie werde, zumindest solange parallel die milliardenschweren Propagandamaschinen medial auf das Volk eintrommeln, die diesen Menschen das Himmelreich auf Erden versprechen, sofern man ihnen ihren Blödsinn nur glaubt. Die Geschichte kennt keinen Rückwärtsgang, es gibt kein Taxi zurück in die ‘gute, alte Zeit’. Auf dem Zeitstrahl der gesellschaftlichen Entwicklung geht es immer nur vorwärts – und zwar so oder so. Die Schweizer wollten es so …

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