Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Pseudonym

Bekleckertes Feuilleton

Am 2. März 1952 sandte “auf Anraten von Herrn Dr. Gottfried Benn” ein Friedhelm Leucht aus Aschaffenburg ein Konvolut von 19 Gedichten an den Eugen Diederichs Verlag – von einem gewissen George Forestier, einem Ex-SS-Mann und großem Weltenbummler, der im Alter von 30 Jahren als Fremdenlegionär in Indochina verschütt gegangen sei. Eine der größten Blamagen des deutschen Feuilletons war die Folge dieser Germanisten-Saga.

Der dünne Lyrikband erschien 1952 unter dem Titel ‘Ich schreibe mein Herz in den Staub der Straße‘ – eine Metapher, deren platte Epigonalität bis hin zu Uta Danella und Rosamunde Pilcher reicht. Alle Alphamedien und alle Alphadichter der Republik überschlugen sich, von der FAZ bis zur Süddeutschen, von Stefan Andres bis Karl Krolow. Vor allem die Exkulpierung der Kriegsgeneration wurde im Feuilleton mit Hilfe des dichtenden SS-Mannes eifrig betrieben, seine Lyrik zeige, so die FAZ, “daß dieses im Chaos gezeugte, im Chaos großgewordene Geschlecht wunderbarerweise doch nicht zu den verlorenen Generationen gehört.” Beckmesserisch wäre es jetzt, festzustellen, dass diese Generation ja gar nicht ‘im Chaos’ gezeugt wurde, sondern in der Weimarer Republik – aber gut, solche Zeitschiebungen gehören wohl zur großen Persilschein-Metaphorik dieser Nachkriegszeit, vor allem in konservativen Medien. Sensationelle 21.000 Bände dieses verschollenen Militaria-Poeten setzte der Diederichs-Verlag jedenfalls ab, in einem Genre, wo sonst 200 Exemplare als Erfolg gelten. ‘Gaaanz zufällig’ fand der clevere Verleger dann noch weitere Gedichte, die ein weiteres elegant gebundenes Bändchen füllten. Und dann …?

Tscha, und dann flog die Mystifikation unter Getöse auf, und die Gralshüter der deutschen Literatur standen bekleckert da. Der ‘Entdecker’, Dr. Friedrich Leucht, hatte dem Diederichs-Verlag schon Monate zuvor mitgeteilt, wer der wirkliche Verfassser sei: Kein geheimnisvoller Mister X, modernd in den Dschungeln Kambodschas, sondern ein biederer Dr. Karl Emerich Krämer, der im grauen Anzug im Diederichs-Verlag höchstselbst als Herstellungsleiter saß. Der Duft des nachfolgenden Skandals war bis nach Paris und Moskau zu riechen … und das deutsche Feuilleton durfte mal wieder Kränze auf das Grab seiner Urteilskraft legen.

So weit, so gut: Interessanter ist für mich ein anderes Phänomen. Dieser Friedrich Krämer – Träger übrigens diverser Auszeichnungen der Reichsschrifttumskammer – veröffentlichte weiterhin emsig seine gelenkig-gelehrige Lyrik, weiterhin auch unter dem Namen Forestier. Und obwohl die Gedichte nicht um ein Deut besser oder schlechter wurden (letzteres war auch kaum möglich), verkauften sie sich danach nur noch wie Schnee in der Antarktis. Tscha, so ist das halt: Wenn im düstersten Lorca-Stil ukrainische Partisanen im Taigawind an kahlen Bäumen schaukeln, wenn ein marokkanischer Wüstensturm saint-exupéry-mäßig dem Fremdenlegionär die Bartstoppeln schabt – dann erwartet das Publikum, dass dies auch alles ‘wirklich wahr’ sei. Die bloße Erfindung dagegen sei – verglichen mit ‘dem echten Erlebnis’ – ein schales Muster ohne Wert. Dabei verhält es sich, literartechnisch gesehen, genau anders herum. Aber pssst! Nicht weitersagen!

Friedrich holpert durchs Internet

Die Ahnungslosigkeit unserer Politiker ist oft erschreckend, wenn das Reizwort ‘Internet’ fällt, geraten sie außer Rand und Band. Jetzt fordert unser oberster Sheriff, die erschröckliche ‘Annonümmidät’ im Internet zu beenden, denn sie – und nicht das gesprochene Wort – sei der Quell alles Bösen:

“Politisch motivierte Täter wie Breivik finden heute vor allem im Internet jede Menge radikalisierter, undifferenzierter Thesen, sie können sich dort von Blog zu Blog hangeln und bewegen sich nur noch in dieser geistigen Sauce”, sagte Friedrich dem SPIEGEL. “Warum müssen ,Fjordman’ und andere anonyme Blogger ihre wahre Identität nicht offenbaren?”

An dieser Einlassung ist so ziemlich alles falsch. Zunächst einmal war dieser Breivik so ziemlich das Gegenteil eines Anonymen Ideologikers. Er führte einen Klarnamen, und war vom ‘Willen zum Ruhm’ geradezu berauscht, er wollte sich also keinesfalls hinter einem Pseudonym verstecken. Bis in absehbare Ewigkeit bleibt hier das Lätzchen eines Klarnamens mit dem Blut vieler eher anonymer Opfer bekleckert.

Auch die Garde der Islamophoben aus der zweiten Reihe, ein Herre, ein Wilders, ein Broder, auch ein Sarrazin – die zeichnen sich doch nicht durch ihren Hang zur Anonymität aus. Eher im Gegenteil … flackert irgendwo ein Rotlicht auf, droht ein Talkshow-Stuhl unbesetzt zu bleiben, ist die Bühne für verquere Ansichten frei, dann trabt auch schon die rechte Rampensau ins Scheinwerferlicht.

Ganz abgesehen davon, dass ich in jeder besseren Provinzzeitung auf Artikel stoßen kann, die ebenfalls von anonymen Autoren verfasst wurden: ‘dpa’, ‘eb’ usw. steht dann als Verfasserangabe unter dem Text. Und wer nur die ‘Welt’ oder die ‘Junge Freiheit’ abonniert hat, der bewegt sich eben auch ewig in der gleichen “geistigen Sauce”. Wem’s vor intellektuellen Freiräumen schaudert, der kauft nur den ‘Gefängnisboten’. Den Anschein einer übersichtlichen heilen Welt bietet nur der kleine Maßstab.

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Tucholskys Lektüre

Jaja – bei dem Kurt Tucholsky, da kennt sich jeder bessere Zeitungsschreiber auch ganz ohne Lexikon wie in seiner Hosentasche aus. Zumindest sonntags beim Frühschoppen: ‘Wissense, das war ein ganz Großer, mein Vorbild übrigens, nicht so’n anonymer Krakeeler, wie wir sie heute im Internet finden’. – ‘Wie jetzt – Tucholsky hätte doch auch nur höchst selten seine Artikel als Tucholsky gezeichnet?’ – ‘Hörensema, das war ja damals auch noch ganz was anderes! Überall Freikorps und Fememörder und so. Und total modern und fortschrittlich war der Mann ja auch.’

Wen also wird dieser Tucholsky schon auf seinem literarischen Olymp um sich versammelt haben? Die Avantgarde seiner Zeit vermutlich, so wie unser feuilletonistischen Pflastertreter sie vom Heute aus sähe: Den Brecht also, den Karl Kraus, den Benn (weil der Tucholsky ‘das mit dem’ ja damals noch nicht wissen konnte), Döblin, vielleicht auch Hermann Hesse oder Johannes R. Becher.

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