Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Presse

Nostalgie

Die Funktion einer Zeitung besteht in einer Demokratie darin, den herrschenden Quacksalbern eine Art Daueropposition zu bieten. Sobald sie versucht, deren Gejohle noch zu übertreffen, büßt sie ihren Charakter ein und macht sich lächerlich.” H. L. Mencken, Werke II, 215

Die Abwärtsspirale

Endlich wird der grundlegende strukturelle Mechanismus – wenn auch arg verknödelt und in einer etwas windschiefen Metapher – von einem ‘Qualitätsmedium’ korrekt beschrieben:

“Bezogen auf die Kaufpresse diagnostizieren die Forscher dabei eine Abwärtsspirale, die von drei miteinander verknüpften Prozessen in Rotation versetzt werde. Ausgehend von stetigen Verlusten auf dem Lesermarkt müssen die verantwortlichen Verlage spürbare Einbussen im Werbemarkt hinnehmen, die mit Kosteneinsparungen auf der redaktionellen Ebene oder durch Konzentrationsprozesse auf Verlagsebene ausgeglichen werden, was schliesslich zu einem Verlust an journalistischer Qualität und publizistischer Vielfalt führe.”

Das Absaufen des Dampfers würde also von der Brücke dadurch unterstützt, dass man zusätzlich die Ventile aufreißt. Hinzu käme vielleicht noch der Befund, dass immer weniger Menschen das Bedürfnis nach Muttis publizistischem Patschehändchen verspüren, also das Bedürfnis, sich massenmedial ‘ausrichten’ und ‘auf Linie bringen’ zu lassen. Und das von solchen Journalisten! In der Summe aber sei das Publikum leselustig wie eh und je – nur bedienen sie sich nicht länger nur bei der Presse.

Die Forscher bieten zur Abhilfe wieder die beliebten ‘Bezahlmodelle’ für den Online-Bereich an. Das war bei der allgemeinen Fantasiearmut vorab schon klar, wie auch bei der cash-flow-orientierten Erwartungshaltung auf den auftraggebenden Verlagsetagen – ebenso klar ist aber auch der Misserfolg, der mal wieder resultieren wird. Bei den Maßnahmen zieht keiner mal ein Karnickel aus dem Hut, da folgen alle dem Muster der Stubenfliege im Zimmer: Immer wieder mit Rumms vor die gleiche Scheibe. Wie wäre es mal mit ‘Verzicht auf überzogene Renditeerwartungen’ auf der Ebene der Eigentümer? Plakativ ausgedrückt: 20 Prozent Umsatzrendite sind für euch nicht mehr drin! Immer nur von einer ‘zukunftsfähigen und nachhaltigen Wirtschaft ohne Wachstum’ zu schreiben, ohne selbst das Experiment zu wagen, das wirkt nicht gerade konsequent …

Was ist eine Information?

Das Wesen der journalistischen Nachricht glossierte Kurt Tucholsky im Jahr 1924, als er für die ‘Weltbühne’ ein Buch von Siegfried Bryk besprach (GA VI, 411 ff). Nehmen wir an, sagt Tucholsky, ein Bankier träume eines Nachts ganz intensiv von einer Goldmine. Mit der Geschichte von diesem Traum ginge er am nächsten Tag auf eine Redaktion – und er würde dort ein paar Scheinchen auf den Tisch des Hauses legen.

Dass er Geld gegeben hat, das sei dann ganz und gar keine journalistische Nachricht, sagt Tucholsky. Auch nicht, dass er das alles nur geträumt habe. Aber die Existenz der Goldmine, das sei eine waschechte journalistische Information … das wird gedruckt.

Das blinde Vertrauen ging dahin …

Die Medienkrise hat viele Ursachen – der dekadente und abgelutschte Stil des Pressedeutschen, die unverhohlenen Interessen, die keineswegs diejenigen des Publikums sind, das Recycling jeder abgenagten Meldung in immer neuen Schleifen, wie bspw. zuletzt das Décolletée der Vera Lengsfeld (‘Was ist das denn?’, ‘Darf die das denn?’, ‘Was ist das denn für eine Gesellschaft, wo die das darf?’) – solche offenbaren Kritikpunkte nennen längst noch nicht alle Gründe:

“Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eigenes Wesen aufklärt, und weil eine andere Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist.”

Das konnte Kurt Tucholsky am 13. 10. 1921 noch unwidersprochen schreiben [GA V, 148]. Die Presse besaß ein informationelles Monopol, sie redete nicht über sich, und das kurz darauf aufkommende Radio war auch nicht mehr als ein ‘tönender Leitartikel’, zunächst im Auftrag des Staates. Es gab keinen ‘Publikumskanal’.

Heute dagegen hat sich die Sachlage – nicht zuletzt durch das Web 2.0 – grundlegend verändert. Es gibt jetzt nicht mehr nur die altgewohnte ‘Medienkonkurrenz’, sondern verschiedene Medienarten machen sich untereinander Konkurrenz. Wir haben also eine ‘Medienartenkonkurrenz’. Wobei das Neue, also das Netz, durch seine systembedingte Vielfalt sich weniger manipulativ auswirkt – und nicht etwa deshalb, weil es ‘moralisch besser’ wäre.

Trotzdem ist der Leser dem kapitalkräftigen “Bourgeoisie-Kanal” und seinen hölzernen Presseorganen nicht länger informationell ‘ausgeliefert’. Durch den konkurrierenden und unkontrollierbaren Feedback-Kanal des Web wird er inzwischen ständig über das Wesen der Presse aufgeklärt, wie falsch oder richtig auch immer. Der Leser hat dadurch einen ‘bösen Blick’ entwickelt, das Urvertrauen ist dahin. Und das, was der er nach der erfolgten Aufklärung über Holzhausener Zustände sieht, das gefällt ihm zunehmend weniger. Siehe die lange Netz-Debatte über die publizistische Deutungshoheit zwischen Journalisten und Bloggern (hier der jüngste Akt).

So liegt eben auch in der unausgesprochenen Publikumsverachtung der Macher von Holzmedien ein Grund für die andauernde altmediale Krise. Im Pressebereich war immer nur der Anzeigenkunde König, nie der Leser …

Der Berliner Börsen-Courier

An Tagen, an denen ich kulturpessimistisch gestimmt bin, halte ich unsere Bourgeoisie für intellektuell arg auf den Hund gekommen. Um zu dieser Diagnose zu gelangen, genügt es, den Medienkonsum einer heute doch eher bildungsfernen Bevölkerungsgruppe mit demjenigen ihrer Vorgänger von einst zu vergleichen. Also bspw. die ‘Financial Times Deutschland‘ (FTD), die ‘Wirtschafts-Woche‘ oder das ‘Manager Magazin‘ neben die führende Wirtschaftszeitung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu halten. Ich rede natürlich vom ‘Berliner Börsen-Courier’ (BBC), der 1868 erstmals erschien, zunächst herausgegeben von dem Bankier George Davidson.

Natürlich enthielt auch dieser Berliner Börsen-Courier zunächst alles das, was den arbeitsenthobenen Spekulanten primär interessiert: Börsenkurse und Hypothekenpreise, hochaktuell dargereicht in einer Morgen- und Abendausgabe. Nebenher aber führte das Blatt an führender Stelle und als Avantgarde im Kaiserreich den Kulturkampf für die Musik Richard Wagners. Später in den 20er Jahren – unter dem genialen Chefredakteur Emil Faktor und herausgegeben von den Brüdern Herrmann – machte sich der BBC um das Brecht’sche Theater verdient.

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usw.

Welch ein Gelechze und Gesabber – wie die Koberer auf Sankt Pauli: Für vieles findet die Presse einfach keine Worte mehr, sie verliert jedes Maß und versagt sprachlich vor dem Geschehen der Welt. Das große Defizit nimmt fast täglich zu – und zwischen BILD und Stern macht die Überschrift schon längst keinen Unterschied mehr …

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