If your memory serves you well ...

Schlagwort: Politikersprache (Seite 1 von 3)

Same old story

Alle Jahre wieder scheitert eine Klimakonferenz. Bei der Abschlusskundgebung wird es heißen, es seien große Erfolge beim Scheitern zu verzeichnen gewesen, und über den Willen zum Scheitern hätte unter den Industrienationen völlige Einigkeit geherrscht. Auch das Thema ‘Kohle’ hätte wesentlich zu den flammenden Appellen am großen Scheiterhaufen beigetragen …

Scheiterhaufen

Bild: wikimedia, gemeinfrei (Verbrennung Salzburger Täufer, 1528 – aus der Serie: ‘Der Mensch ist gut … vor allem, wenn er religiös wird’)

Reform-Allergie

Wohl kein Wort ist so sinnentleert, wie das Wörtchen ‘Reform’, seit es unseren Politikern in die Hände fiel. Es klingt gut, aber meint allemal das Gegenteil. Es gehört in den Giftschrank zu ‘Kundenorientierung’, zu ‘Restrukturierung’, zu ‘Qualitätsjournalismus’, zu ‘Rationalisierung’ und zu anderen hohl scheppernden Worthülsen in buntem Geschenkpapier.

Geht es um eine ‘Reform des Arbeitsmarktes’, dann darf sich jeder Arbeitnehmer sicher sein, dass er künftig schneller gefeuert werden kann und nur zu schlechteren Bedingungen wieder einen Job findet. Geht es um eine ‘Reform der Renten’, dann dürfen wir alle uns sicher sein, dass die Renten danach zum Sturzflug ansetzen. Geht es um eine ‘Reform des Steuersystems’, dann ist von vornherein klar, dass die Besitzenden künftig weniger Steuern zahlen werden. Geht es, wie jetzt im Falle Berlusconis, um eine ‘Reform der Justiz’, dann geht es darum, den Cavaliere vollends zu einem Unberührbaren zu machen, oder – um im Jargon begriffskranker Politiker zu bleiben – um “eine Rückkehr zur Gerechtigkeit.”

Dieser ewige ‘Reformbedarf’ ist also nichts als ein Vehikel, um bestehende Geld- und Machtverhältnisse zugunsten einiger Happy Few noch kuscheliger auszugestalten. Rosstäuscherei also … wir sollten sie künftig einfach auslachen, dort, wo sie von ‘Reform’ reden.

Satz des Tages

Es hat keine Zweitstimmenkampagne gegeben.”
(David McAllister)

Nö – ach wat! Nebenbei: Schwatzgelb hat mit dieser superklugen Strategie gleich beide Wahlziele krachend verfehlt: Die Macht ist für längere Zeit weg – und der Rösler ist immer noch da, sofern er nicht selber die Fliege macht. Apropos, Dobrindt & Co. von der CSU schließen jetzt das aus, was es laut CDU gar nicht gegeben hat: “CSU schließt Leihstimmenkampagne für FDP aus.”

Großes Daumenkino

Den Titel des kreativen Metaphernklempners errang in dieser Woche ein Häuptling der niedersächsischen Wegschmelz-Partei, als dort im Landtag über die ‘Causa Wulff’ debattiert wurde. Dort trug ein gewisser Christian Dürr, FDP-Fraktionschef ausweislich der Titelei bei ‘Phönix’, in die dahinplätschernde Debatte höchst windschiefe Bildlichkeit hinein:

“Ihr moralischer Zeigefinger ist ganz großes Kino.”

Jawollja – wenn dem Zuschauer gar kein Bild mehr vor Augen tritt, weiß der am ehesten noch, was vermutlich gemeint wäre. Denn ewiglich versuchen diese oppositionellen Dreckschleudern doch nur, mit gerecktem Langfinger den argumentativen Bodensatz von ihrem trüben Lügengebräu zu schöpfen, um daraus politischen Honig zu saugen, während der doch bloß auf sie selbst zurückfällt! So ähnlich jedenfalls …

Dichter Niebel

Zum Jahreswechsel hier das entschlossene Statement eines geborenen Wolkenschiebers und Tatsachendrehers aus jenem Klüngel, der sich einst als jedermanns Wunschpartner und lauthälsige Stimme zur letzten Vernunft zu positionieren trachtete:

Im SPIEGEL fordert FDP-Spitzenmann Niebel CDU und CSU auf, den Liberalen entgegenzukommen. Schließlich sei die Union darauf angewiesen, dass auch der Partner mit einem “guten Ergebnis über die Ziellinie gehe”.

Soso – ist sie das? Bei solch gewagter Sprachakrobatik beginnt für mich dann immer die politische Reise nach Jerusalem. Wo notorisch die Wahrheit keinen Stuhl mehr vorfindet, während alle anderen an ihren Posten kleben. Fakt ist: Die Union ist längst nicht mehr auf das Liberallala ‘angewiesen’, schon gar nicht in dessen komatösem Zustand. So pfeifen es die Spatzen von Berlins Dächern. Die Schwarzen sind faktisch und unentwegt in alle anderen Richtungen am Sondieren. Wowis rasante Kehrtwende ist doch nur das Vorspiel neuer Konstellationen gewesen.

Unverdrossen aber etwas in Sprache zu hüllen, was längst dem Realitätsempfinden des Publikums mit dem Mors ins Gesicht springt, das dürfte derzeit das größte Problem des Patienten FDP sein – wie auch das des Dichters Niebel: Erst gilt es mal, auf dem Boden der Tatsachen anzukommen. Nach unsanftem Aufprall kann man versuchen, wieder erste kleine Brötchen aus liberalem Brotteig zu backen, aus dem echten, und nicht aus neoliberaler Blähware.

Allen Lesern des Stilstandes einen guten Rutsch …

Realsatire

Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, Horatio, die sind poetologisch oder in der gewohnten Schriftform gar nicht zu toppen oder: Wofür sie besonders schwärmen, ist’s, alten Käse ewig aufzuwärmen. Und zwar in möglichst schlechter Sprache und ausgelutschtesten Kalauern – vielleicht aber redet man heute auch nur noch so daher: “Was wir am Ende gebrauchen, ist ein Wirtschaftssystemen, was nicht am Ende drei Stufen weniger, sondern Wohlstand vor alles stellt”. Ja, denn man tau, oder wer nichts wird, wird Volkswirt – blamiert haben sich da übrigens alle Parteien …

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Via: Spiegelfechter

Doppelte Maßstäbe

Manche Sätze unserer Politiker, vor allem, wenn sie zuckersüß mit moralischem Anspruch locken, klingen nur noch seltsam und ‘queer’, wenn sie auf einen anderen Kontext treffen – zum Beispiel auf die Vorgänge im eigenen Hometurf:

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Die Schülerlotsen

Auf den Weg gebracht!” – kaum eine Plattitüde duftet so streng nach Parlament und Ausschusswesen, wie diese rundgeschliffene Perle des politischen Sprachgebrauchs: “Das Bundeskabinett hat gestern eine Änderung bei der Besteuerung kleiner und mittlerer Unternehmen auf den Weg gebracht.”

Heute ist es nicht länger Hauptaufgabe der Politik, etwas zu erreichen oder ein Projekt bis ins Ziel zu bringen. Es genügt, ihm den richtigen Weg zu weisen, dann vielleicht noch ein kleiner Schubs, und schon muss das politische Baby auf eigenen Füßen gehen. Einer weiteren Bemutterung durch die Politik bedarf es nicht:

“Gut zwei Monate sind vergangen, seitdem der Bundesrat das Gesetzespaket zur Energiewende auf den Weg gebracht hat.”

Zu diesem Zeitpunkt zeigt sich regelhaft die Schwachstelle dieser Stanze, ihre immanente Fragwürdigkeit: Denn warum hören wir in der Folge so rein gar nichts mehr von dem, was von solchen ‘Entscheidern’ einst auf den Weg gebracht wurde? Wie lang ist überhaupt dieser Weg? Ist ihn schon jemals jemand zu Ende gegangen? Und was wird am Ende vom Selbstläufer noch übrig sein?

Fragen über Fragen – die dann, diesem Sprachgebrauch zufolge, allesamt nicht mehr Aufgabe der Politik sind. Denn sobald eine Initiative ‘auf den Weg gebracht’ wurde, endet der politische Sektor. Obwohl die Leichen derer, die von der Politik auf den Weg gebracht wurden, zu Tausenden den Straßenrand säumen …

Joan Maynard

In Sachen Europa werden die Schwarzgelben aus Vernunftgründen jetzt etwas tun wollen müssen, was sie aus Ideologiegründen nie zulassen wollen dürften. Das verdutzte Publikum jedenfalls freut sich schon mal auf den Flicflac zu Euro-Bonds und politischer Union. Vermutlich wird er in jenes gewohnt merkelianisch-sibyllinische Spreizvokabular gefasst, bei dem sich politische Ratlosigkeit auf bewährte Weise hinter relativierenden Relativsätzen relativ gut aufgehoben wähnt. In der Hoffnung, dass dieses verfluchte Buffalo bald erreicht sein möge …

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