Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Plattdeutsch

Reiche allein zu Haus

Maßnahmen wie die Erhöhung der Einkommensteuer auf 75 Prozent für Leute, die mehr als eine Million Euro im Jahr verdienen, erhalten Zustimmungsraten von 76 Prozent und selbst von denen, die bei den jüngsten Wahlen für Nicolas Sarkozys UMP gestimmt haben, sind noch 49 Prozent dafür.”

Tendenziell entspricht das dem, was ich zunehmend in meinem Bekanntenkreis erlebe. Die Indifferenz gegenüber den Stinkreichen ist gewichen. Das altbewährte Motto “Lass die doch in ihren Schöner-Wohnen-Ghettos wurkeln!” gilt nicht mehr. Heute verlangt der Souverän von seinen Politikern ein aktiveres fiskalisches Vorgehen gegen leistungslose Profiteure des Systems. Sollten die dann auswandern wollen – bitte schön, niemand hindert sie! Turkmenistan ist ja auch ein schönes Land.

Gesellschaftlich spricht sich also die Einsicht herum, dass es Ländern keinen Nutzen bringt, wenn reiche Familien unproduktiv auf rapide wachsenden Vermögen hocken, um damit noch mehr Vermögen aufzuhäufeln. Während sie zugleich, um diese Rendite zu erzielen, ideologisch die Auslieferung und die Versklavung des Humanen an und durch ‘die Märkte’ mit Hilfe willfähriger Medien befeuern. Manager-Magazin und Wirtschaftswoche seien in diesem Spiel doch bloß die ‘Grünen Blätter’ des Geldadels. Der künftige Slogan, um einfach mal Helmut Kohls alten Wahlkampfschlager zu parodieren, hieße daher wohl: “Freiheit oder Liberalismus!“. Denn in Ländern, wo der Markt das Leben bestimme, seien jede Menge Zwänge, aber bestimmt keine Freiheiten zu finden. Das sei nun mal die Lebenslüge der Wirtschaftsliberalen, dort höre bei denen das Denken schon vor dem Leben auf. Letzteres sei nur jenseits des Marktes existent, zum Beispiel hier auf den Bierbänken am Grill, während das nackte, unregulierte Marktgeschehen derzeit an der amerikanisch-mexikanischen Grenze zu bewundern sei …

(Dies zusammengefasst, nur etwas aufpoliert, die Gesprächsinhalte einer Grill-Party unter fröhlichen Landleuten – aus dem Herzen der niedersächsischen Provinz, in einem traditionellen CDU-Wahlkreis. Was auf die Frage zurückführt, weshalb Politiker jeder Couleur dem Volk bloß noch ‘abgehoben’ erscheinen. Sprachlich klang der O-Ton allerdings anders – hier einige Fetzen, aus dem Gedächtnis zitiert: “Moarkt – dat heet, dat ik för’n Jungswien nicht dat kriech, wat dat Jungswien mich kost”, “Liberoalismus? – De Liberaolismus seggt, dat eenigen weenigen good geihn mutt, nur mir jümmers nüch”, “Wenn ‘ne fette Sau verschwindet, gibt’s Platz und gute Luft im Stall!”, “Wat hoab ik davon, wenn de Moaschmeyer riiker waard? Schall ik doarto etwa midde swattrotgüldene Plünnen winken?”, “Tööf man – noch een, twee Joahr, dann hebbt wi hier ook Mexiko!”, “Dat ook noch lesen, wat disse Kloogsnacker wullt? De Professor Sinn un so? De sullt sik sülbens öber all dat Öchsperten-Gemöhre erstmoal eenig woarn”, “Wenn dat Swien quiekt, is de Slachter nich wiet”, “Am Morgen geit’s inne Kaarken, abends to Anne Will” … usw., usf.)

Regionalismen

Plattdeutsch und Humor seien Synonyme, sagt Tucholsky. Trotzdem betrachten es viele immer noch als Fehler, in ihrer Berichterstattung, selbst in der lokal gebundenen, mit ‘Regionalismen’ zu arbeiten. Immer noch wird eine imaginäre ‘Hochsprache’ gepflegt, die nur auf dem Papier zu finden ist – aber nicht unter Menschen.

Gestern stand ich mit einem Nachbarn am Zaun – und natürlich kam das Gespräch auch auf die Griechenland-Krise. “Westerwelle sagt aber, die Steuern würden trotzdem gesenkt“, sagte ich. “Seggt hei!“, antwortete mir der Nachbar. In großartiger Lapidarität kam in dieser kleinen, abwertenden Sentenz alles zum Ausdruck, wofür sonst ganze Absätze verschwendet werden müssten: “Wer ist schon Westerwelle?“, fand ich darin, “Dascha ok blot so’n fixen Dschung” und vor allem: “De snackt to veel“.

Die regionale Einfärbung eines Textes – speziell im Plattdeutschen – bringt also nicht nur oftmals die witzigeren Formulierungen hervor, sie hält auch die treffenderen Kommentare zum Weltgeschehen bereit. Sollte also unser Raffelmäuschen von der Privatversicherungsfront mal wieder über den ‘demographischen Faktor’ zetern und uns die drohende ‘Vergreisung’ der Gesellschaft als Teufel an die Wand malen, dann ließe man seinem interessierten Alarmismus – statt mit ellenlangen auf Statistik gestützten Gegenargumentationen – mit einem plattdeutschen Satz viel sicherer die Luft aus den Reifen: “Nu schiet di man nüch ins Hemd!“.

Auch die Wortbildungen sind im Plattdeutschen schlichtweg umwerfend und zudem meist sehr viel anschaulicher. Hier eine kleine Blütenlese zum Abschluss: ‘Verkloogfideln‘ für ‘Überwindung von Vermittlungsproblemen‘, ‘Suupuut‘ für ‘Aufgaben eines Wirtschaftsministers‘, ‘Gebabbel‘ für ‘Public Relations‘, ‘Swinepreester‘ für ‘Werbefachmann‘, ‘Tüünkraam‘ für ‘Politik‘ usw. usf.

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