If your memory serves you well ...

Schlagwort: Pessimismus

Sprachwandel

Ich bin ja gespannt, wann unsere konzilianten Politiker und die allseits verzeihungsbereiten Leidmedien das erste Mal von einer ‘russischen Invasion’ sprechen werden. Aber ach, sie scheinen zu glauben, dass das, was sie nicht sagen oder schreiben, auch nicht stattfände. Sprachmagiegläubige, allesamt:

“The city of Novoazovsk has been captured by Russian troops, the commander of the 5th special Donetsk unit of the Dnipro-1 battalion Volodymyr Shypov stated on Channel 5 on Wednesday, August 27, as reported by Ukrainska Pravda. “At present the city of Novoazovsk has been captured by Russian troops and is being blocked by tanks. Residents are prohibited from exiting. Tomorrow, according to Russian military, a cleanup of the city is planned,” he said.”

Merke: Der Pessimismus ist seit Anno Schopenhauer die einzig angemessene Weltanschauung. Trotzdem kann sich ein Pessimist nie darüber freuen, Recht behalten zu haben. Es ist eine Weltanschauung, die ihre Anhänger keineswegs mit Freude oder Befriedigung belohnt. Immerhin schützt sie vor Illusionen. Zweite Merkregel – bei notorischen Lügnern ist immer das Gegenteil wahr:

“Moskau wies Vorwürfe einer geplanten Annexion der umkämpften Gebiete Donezk und Luhansk abermals zurück. „Wir sind nicht daran interessiert, den ukrainischen Staat zu zerstören“, sagte Außenminister Sergej Lawrow.”

Hier noch die neueste Kreation aus den russischen Lügenschmieden – die russischen Soldaten machen doch nur Ferien an der Front:

“Ein Separatisten-Anführer bestätigt: Russische Soldaten kämpfen in ihrem Urlaub mit uns.”

Und die Panzer nehmen sie mit, so wie andere Leute ihr Surfbrett … und wenn Russland vor irgendetwas ‘warnt’, dann sollten wir dies jetzt tun. Es wird auch Zeit, dass der UN-Sicherheitsrat zusammentritt. Ein Mitglied dort, das ‘Konfliktpartei’ ist, verliert automatisch sein Veto-Recht. Diese Praxis hat übrigens auch Russland gebilligt und unterschrieben … und das dürfte auch der höhere Grund sein, weshalb der Kreml so verzweiflungsvoll jede direkte Beteiligung zu leugnen versucht. Eine russische Funktionärin aus der Putin-Riege hat jetzt das Buh-Wort in den Mund genommen:

“Ella Poljakowa, Mitglied im Menschenrechtskomitee von Wladimir Putin, spricht von einer Invasion der Ukraine. “Wenn Menschenmassen unter Befehlshabern auf Panzern, Mannschaftstransportwagen und unter Einsatz von schweren Waffen auf dem Territorium eines anderen Landes sind, dann halte ich das für eine Invasion”, sagte Poljakowa der Nachrichtenagentur Reuters.

Die dürfte demnächst wohl mit unbekanntem Ziel verreist sein … die Position einiger der russischen Truppen wurde jetzt auch eindeutig ‘geolocated’ – dem verfluchten Internet sei dank: Aus der Schlinge kommt der Putin jetzt nicht mehr raus. Damit also dürfte Russlands Veto-Recht im UN-Sicherheitsrat endgültig dahin sein …

Für den Zettelkasten (15)

Wollte man eine Bibel des Pessimismus zusammenstellen, alle Männer von Genie und Herz, welche jemals und irgendwo aufgestanden, würden die Verfassser derselben sein. … Wenn der philosophische Optimismus sich daran erbauen mag, alles auf eine sogenannte ‘Weltvernunft’ zurückzuführen, so hat der philosophische Pessimismus gewiß auch das Recht, die Grundwurzel von allem in einer ‘Weltunvernunft’ zu erblicken. Diese macht sich wenigstens tagtäglich und allstündlich fühl- und spürbar, während jene nichts ist als eine Verkleidung der alten theologischen Frau Base Teleologie …”
(Johannes Scherr: Größenwahn, 15 f)

Zu unserer portfolio-fixierten Wirtschaftspresse weiß dieser Scherr auch schon was zu sagen. Kurzum – wir sollten diesen vergessenen Radikaldemokraten aus den Antiquariaten buddeln. Erstens passen seine Ansichten wieder so in die Zeit wie Mors auf Eimer, und zweitens gehört er zu den wenigen echten Sprachgewalten, die wir in Deutschland hatten und haben:

“Da ist auch der Größenwahn der arbeitsscheuen Rafferei und Rapserei, welcher sich als “volkswirtschaftliches” Genie oder “realpolitisches” Verdienst aufzuspielen weiß mit solchem Erfolg, daß jeder beliebige Schmutzchrist oder Stinkjude, dem es gelungen, die Million oder gar Milliarde zu erdiebsfingern, als ein dreimal gebenedeiter Apis im papierenen Börsendorado vom unteren, mittleren und oberen Pöbel mit Hallelujah und Hosianna umtanzt wird.” (7 f)

Tscha, die Welt der Gründerzeit wirkt schon merkwürdig vertraut …

Max Weber hat doch recht

Die zunehmende Intellektualisierung und Rationalisierung bedeutet (…) nicht eine zunehmende allgemeine Kenntnis der Lebensbedingungen, unter denen man steht. Sondern sie bedeutet etwas anderes: das Wissen davon oder den Glauben daran: daß man, wenn man nur wollte, es jederzeit erfahren könnte, daß es also prinzipiell keine geheimnisvollen unberechenbaren Mächte gebe, die da hineinspielen, daß man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. (…) Dann allerdings könnte für die ‘letzten Menschen’ dieser Kulturentwicklung das Wort zur Wahrheit werden: Fachmenschen ohne Geist, Genußmenschen ohne Herz, dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.” (Max Weber: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus)

Tscha – weit haben wir’s gebracht! Wenn diese typischen Figuren unserer durch und durch rationalisierten Moderne dann – dumpfschmerzlich ihren existenziellen Mangel empfindend – sich an einer erneuten ‘Verzauberung der Welt’ versuchen, dann reicht ihre kulturelle Potenz, historisch gesehen, entweder nur zu einem mythosbesoffenen Nationalsozialismus im wagalaweienden Wagnerkostüm oder zu einem schlechterdings tierisch-egoistischen Mammonismus, der sich aus Mangel an Geist über seine erbärmliche Existenzweise gleich gar keine Gedanken mehr zu machen pflegt …

Vom Pessimismus

Als Realistenkrankheit wird der Pessimismus oft zutreffend bezeichnet: Es gibt kein Davonschweben in den blauen Himmel des Idealismus, wo endlich unsere Welt so erscheinen darf, wie sie leider nicht ist. Er macht sich keine Illusionen von den Menschen, die im Kern ganz anders sein sollen, als man sie auf der Straße antrifft. Er macht keine hohlen Versprechungen von ewiger Jugend, von immerwährendem Fortschritt und bleibendem Wohlstand, heute meist ‘Wellness’, ‘Wachstum’ und ‘Besitz’ genannt. Die ‘Facts of Life’ werden ohne mit der Wimper zu zucken fest ins Auge gefasst – und das Resultat ist erwartbar fürchterlich: Alles ist so, wie es ist.

Mir fällt – von Grimmelshausen bis David Foster Wallace – aus dem Stand kein großer Schriftsteller ein, der im Kern nicht Pessimist gewesen wäre (außer Günter Grass vielleicht). Die resultierenden realistischen Texte klingen meist sehr vernünftig, in ihnen gibt es auch kein hochgestimmtes und -gestemmtes Pathos im Stile Horst Köhlers. Hier der Standpunkt des Ahnherrn aller Pessimisten:

“Ein eigentümlicher Fehler der Deutschen ist, daß sie, was vor ihren Füßen liegt, in den Wolken suchen. … Um die einfachen menschlichen Lebensverhältnisse, … also Recht und Unrecht, Besitz, Staat, Strafrecht u.s.w. zu erklären, werden die überschwänglichsten, abstraktesten, folglich weitesten und inhaltsleersten Begriffe herbeigeholt, und nun aus ihnen bald dieser, bald jener Babelturm in die Wolken gebaut … Dadurch werden die klärsten, einfachsten und uns unmittelbar angehenden Lebensverhältnisse unverständlich gemacht, zum großen Nachteil der jungen Leute, die in solcher Schule gebildet werden, während die Sachen selbst höchst einfach und begreiflich sind … Bei gewissen Worten, wie da sind Recht, Freiheit, das Gute, das Sein (dieser nichtssagende Infinitiv der Kopula) u.a.m. wird dem Deutschen ganz schwindlich, er gerät alsbald in eine Art Delirium und fängt an, sich in nichtssagenden, hochtrabenden Phrasen zu ergehen, indem er die weitesten, folglich hohlsten Begriffe künstlich aneinanderreiht, statt daß er die Realität ins Auge fassen und die Dinge leibhaftig anschauen sollte, aus denen jene Begriffe abstrahiert sind und die folglich ihren alleinigen wahren Inhalt ausmachen.”

Wie hätte ein Arthur Schopenhauer erst unseren heutigen Politikern, diesen Reitern über den Bodensee, die Luft aus den Reifen gelassen! Ihren spekulativen Blasen im grundlosen Himmelblau eines verkommenen und phrasenverwanzten Idealismus, diesem “Europa des Friedens und der Freiheit“, der “Zuversicht in die Zukunft“, dem “Schöpfen aus dem Bewusstsein des Möglichen“, dem “mitfühlenden Liberalismus” gar, dem “Mut zu langfristigen Konzepten“, die doch selten länger als eine Legislaturperiode währen, der “Verlässlichkeit in den Maßstäben und Werten“, dem “freien Wirken der Märkte“, den “neuen Chancen und Möglichkeiten” oder jener “starken und verlässlichen Partnerschaft“, von der schon in der eigenen Partei, vollends aber in der Realität, so wenig zu finden ist. Das Problem dieses ebenso dahergeleierten wie verblasenen politischen Idealismus in all seiner pastoralen Selbstüberhöhung besteht darin, dass die Resultate stets im Gegensatz zum Beschworenen und Verkündeten stehen. Aber man fühlt sich erhoben! Es ist blanker Schamanismus. Der politische Idealismus bewirkt zudem eine umgekehrt mephistophelische Situation: Er ist die Kraft, die stets vom Guten tönt, und stets das Schlechte schafft. Dann doch lieber Pessimismus … er ist ehrlicher.

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