In seinem höchst privaten Wunderland argumentiert der Alexander Kissler gern und fern aller anerkannten Vernunft daher. Nehmen wir beispielsweise die gebräuchlichste Definition, wonach ‘Freiheit’ die Chance wäre, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten wählen zu dürfen. Nach dieser Definition wäre zum Beispiel ein Hartz-IV-Empfänger seiner grundlegenden Freiheiten beraubt, weil die Agentur sein ferneres Schicksal ‘fremdbestimmt’, das Individuum hat seine Autonomie verloren. So bestünde beispielsweise auch die berühmte ‘Freiheit des Christenmenschen’ darin, entweder den schmalen Weg ins Himmelreich schweißgebadet zu erklimmen, oder aber die breite Autobahn zur Hölle ganz bankstermäßig zu befahren. Der irdische Sündenkloß muss sich dann nur über die Konsequenzen – Harfespielen in Ewigkeit oder Röstfleisch, glühende Zangen und so – auch klar sein, weshalb es Priester und Pastoren zur apokalyptisch eingefärbten Erläuterung gibt. Wodurch natürlich die vermaledeite Kirche in ihrem eingeborenen Jesuitismus den Freiheitsbegriff durch solche Drohungen ratzfatz gleich mal wieder einschränkt. Wer wird schon gern gekniffen?

Wie aber verfährt unser Neokatholik vom ‘Cicero’? Er schränkt in seiner neoliberalen Lego-Welt diese grundlegende Freiheit der Wahl durch ein ‘nur’ gleich mal so weit ein, dass er ‘alternativlos’ wie Frau Merkel daher zu parlieren vermag. Was dann erst ein wahrer ‘Liberalismus’ sein soll:

“Liberalismus: Nur der Markt schafft Freiheit.”

Woart – ik hust’ dir glieks wat! Wie wäre es denn mit ‘Vernunft’, ‘Tod’, ‘Verzicht’, ‘Glaube’, ‘Weisheit’, ‘Verantwortung’, ‘Rausch’ – alles Begriffe, an die sich auch ein Diskurs über Freiheit problemlos und ‘alternativ’ anschließen ließe; Begriffe, die sich allemal statt ‘Markt’ in den obigen Satz einflechten ließen, ohne irre zu wirken? Es kommt eben immer darauf an, was man unter Freiheit versteht … und wer gern auf dem Grabbeltisch nach Schnäppchen wühlt, der betrachtet dann eben den Markt als Freiheitsbringer. Das wäre dann gewissermaßen ein Liberalismus im Sommerschlussverkauf, extra tief gelegt auf ein konsumistisches Verona-Pooth-Niveau … daneben aber gibt es weitere ‘mille plateaux’. Da mag man noch so oft apodiktisch und illiberal ein ‘Nur’ dahertröten …

Nebenbei: Auch der Rest des Textes ist historisch völlig neben der Spur, wonach nämlich die Demokratie wie ein Phönix erst aus dem freien Marktgeschehen emporgewachsen sei. Förmlich das Gegenteil ist richtig: Erst wurde der König geköpft, dann kam das Direktorium. Die marktorientierte rheinische Bourgeoisie vertrug sich hervorragend mit der preußischen Reaktion, Hand in Hand kämpften beide für das Dreiklassenwahlrecht, welches das Volk von der Demokratie ausschloss. Die Sklavenwirtschaft während der amerikanischen Sezession wurde ja gerade mit dem Argument vom Süden verteidigt, dass man anders ‘auf dem Weltmarkt’ gar nicht bestehen könne. Marktfern und religiös fundiert kam dagegen eher der Norden daher, die Quäker und Abolitionisten. So ließen sich noch hundert Beispiele anführen: Textilfabriken in Bangladesh, Coltan-Minen im Kongo usw., die Zwangsarbeiterfabriken in China, die Baumwollfelder in Kasachstan – überall knallharter Markt, aber nirgends Demokratie. Ein Markt sans phrase und die Demokratie sind immer Antagonisten, Oliver-Twist-Welten sind die Folge, das Gesabbel von der Allianz dieser beiden ist ein interessierter Mythos – nach der Melodie: “Wer nur den freien Markt läst walten / Und hoffet auf Ihn allezeit / Der wird Ihn wunderlich erhalten / In aller Noht und Traurigkeit.” Mit anderen Worten: Bullshit für Sektenmitglieder …