If your memory serves you well ...

Schlagwort: Netz

Selbstüberschätzung

An dem Punkt habe ich dann aufgehört, Gabor Steingarts Traktat noch weiter zu lesen, weil er gleich mal von falschen Voraussetzungen ausgeht. Und stimmt vorn die Prämisse nicht, dann kann hinten auch nichts Zutreffendes folgen. Tsss … als würden im Netz nur ‘Verlagsprodukte’ herumstehen:

“Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithält, stammt kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistert, polarisiert, langweilt oder einfach nur informiert, ist von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt worden.”

Donnerwetter, ‘alles’ – was für ein Alleinvertretungsanspruch! Die Sache mit den ‘deutschen Autoren’ mag für den deutschsprachigen Teil des Netzes ja noch halbwegs stimmen. Aber gleich allen Autoren zu unterstellen, sie würden nur für konfektionierte Ware aus deutschen Verlagen sorgen, das erscheint mir als These doch arg abenteuerlich und durch keinerlei Fakten gedeckt. Meine Einschätzung lautet anders: Nur der geringere Teil der Inhalte im Netz stammt heutzutage noch aus dem altehrwürdigen Verlagsbereich.

Zumindest für den ‘Stilstand’ darf ich schon mal feststellen, dass hier nicht ein einziger Text als ‘Paid Content’ auf dem gepflegten Rasen eines gebenedeiten Verlagsgeländes heranwuchs …

Oh Gott, oh Gott …

Auch in diesem Blog hat mal jemand kommentiert, der auf seinem Beritt jemanden zu Wort kommen ließ, der mal einen Text verlinkt hat, wo wiederum in den Kommentarspalten ein Querverweis auf ein Blog zu finden war, wonach eine semiprominente Persönlichkeit Vegetarierin sei. Kurzum – da hätte ich besser aufpassen müssen, im Netz darf doch kein Netz entstehen …

Bis auf weiteres glaube ich, dieser Fall der FAZ wäre sogar der Pressekammer des Hamburger Landgerichts zu blöd …

Vorurteil und Netzferne

Wer mit netzfernen Leuten spricht, stößt immer wieder auf die gleichen Vorbehalte, sich ebenfalls ins Getümmel zu stürzen. Hier eine kleine Zusammenfassung, obwohl den meisten Netzbewohnern diese Einwendungen gut bekannt sein dürften.

Typisch ist zunächst der Verweis auf die gefürchtete „Anonymität des Internets“, wovon auch die Politiker ständig barmen. Ein ziemlich heuchlerischer Aufschrei, wenn wir bedenken, dass die gleichen Personen nahezu im gleichen Atemzug dann wieder den „Verlust der Privatsphäre“ im Netz beklagen. Ja – was denn nun? Mal dies, mal das, irgendetwas geht dort wohl logisch nicht zusammen.

Hinter dieser ‚Anonymität‘ verbirgt sich vor allem die Furcht vor den „Pseudos“, vor den angenommenen Namen. Eine Furcht, die vor allem viel Ignoranz zeigt, aber wenig Fachwissen. Erstens bleibt jeder Kommentator trotz eines Pseudos seinem Klarnamen wie mit Sekundenkleber verhaftet. Über die IP-Adresse, über die er sich einloggte, weiß ich notfalls immer, wer er ist – wenn’s mich denn interessiert. Wer wiederum seine virtuelle Kometenspur zu verschleiern sucht, indem er ‘von anderswo’ einschwebt, der gilt hingegen als ‚Troll‘ und er wird umgehend per ‚SpamKarma‘ oder durch ein anderes Tool vor die Tür gesetzt. Selbst die rechten Eiferer, die bspw. bei ‚Welt Online‘ im Forum – also dort bei den ‚Qualitätsmedien‘ in den Kloaken des Internet – unter Namen wie ‚Thilo sein Freund‘, ‚Armes Deutschland‘ oder ‚Oberschollo‘ extremistischen Müll absondern, die vergessen in ihrer Dummheit schlicht, dass sie sich zu diesem Forum über eine E-Mail-Adresse anmelden mussten, die wiederum auf staatsanwaltliches Verlangen vom Verlag ‚klargestellt‘ werden muss.

Andererseits benutze auch ich ein Pseudo – in der ‚Sargnagelschmiede‘ nenne ich mich ‚Chat Atkins‘. Aber nicht, um „anonym“ zu bleiben, sondern aus dem einfachen Grund, damit nicht jeder Kunde beim Googeln schon gleich über den weltanschaulich-politischen Kram fällt, den der Klaus Jarchow mit seinem Hang zum Sarkasmus dort zum Besten gibt. Schaut jemand aber ins Impressum meiner ‚Schmiede‘, dann findet er dort brav alle erforderlichen Angaben, auch den Klarnamen und die Postadresse, sonst wäre ich ein allzu leichtes Opfer für jeden wildgewordenen Abmahnanwalt.

Andere wiederum basteln sich mit ihrem Pseudo eine ‚Kunstfigur‘ oder ‚Sockenpuppe‘, ein Kasperle, das einen ganz anderen Charakter besitzen könnte als der Verfasser im Alltag. Zwischen der realen Person und der virtuellen Persönlichkeit findet dann gewissermaßen eine spielerische Aufgabenverteilung statt, ein Rollenspiel.

Ernster liegt der Fall beim „Verlust der Privatsphäre“. Hier bewirkt das Internet tatsächlich einen tiefgreifenden Wandel der Öffentlichkeit. Wer sich vor seiner Vergangenheit schützen will, der darf sich nicht ins Netz begeben. Niemand zwingt ihn. Punkt. Geht er aber dorthin, dann muss er wissen, dass das Netz nichts vergisst, dass auch niemals ein ‚Radiergummi‘ möglich sein wird, von dem so viele unbedarfte Politiker daher schwadronieren. Fehler lassen sich nicht mehr eliminieren, sie lassen sich nur noch integrieren. In die Biographie, in die Unternehmensgeschichte etc. Das Netz hat ein uferloses Gedächtnis. An anderer Stelle formulierte ich das Problem mal so:

„Die Leute werden daher lernen müssen, sich offensiv zu ihrer Biographie zu verhalten, ja, sich überhaupt erst einmal eine Biographie zuzulegen. Und das ist nun mal kein ‘Paint by Numbers’. Alles ‘Reputation Management’ ist dagegen nur ein Notbehelf für Leute mit einem Putzfimmel …“

Um auch mit dem letzten Vorurteil aufzuräumen: Das Internet ist gar kein „flüchtiges Medium“. Anders als im Falle der flüchtigen Zeitung landen Online-Texte nicht am nächsten Tag im Altpapier, sie werden auch nicht nur ein- oder zweimal gesendet, sie sind tage- und monatelang, oft ohne jede zeitliche Begrenzung abrufbar. Umso wichtiger ist eine korrekte, faire und sorgfältige Formulierung und Schreibweise. Das Internet erfordert mehr Sorgfalt bei der Arbeit als die „volatilen Altmedien“. Heute diese und morgen jene Meinung – das erlaubt das Internet also nicht so leicht …

Wandel der Selbstorganisation

Was gab es einst auf allen Vorstandsetagen für ein Ballyhoo um den Begriff der ‘Selbstorganisation’! Manager, die mit ziemlicher Sicherheit nie ein Buch über Systemtheorie in die Hand genommen hatten, fabulierten über ‘flache Hierarchien’, über ‘auto-informative Strukturen’, ‘dynamische Unvorhersagbarkeiten’ und über ‘Sklerosen von Entwicklungsmöglichkeiten’ so, dass es jede akademisch gebildete Sau grauste. Es war die hohe Zeit der ‘Deregulierung’, systemfremde Elemente sollten sich gefälligst aus dem ‘System’ der Wirtschaft heraushalten, vor allen anderen natürlich der Staat und seine Würdenträger. Die Wirtschaft wisse schon am besten, was gut für die Wirtschaft sei, völlig autonom könne sie ihre ‘Selbstorganisation’ problemlos betreiben. In seinem gesetzgeberischen Wahn solle sich der Staat zuvörderst um die Straßenbeleuchtung kümmern, auch das aber allenfalls in Public-Private-Partnership. Es folgten die sattsam bekannten Folgen, Systeme sind eben nur in Kooperation überlebensfähig … aber der gleichfalls systemtheoretische Begriff der ‘Ko-Evolution’ durfte als geborener Parvenu ja nicht in diesen Rotary Club erlesener Begrifflichkeiten aufsteigen.

Heute stehen dieselben Leute fassungslos vor einem ganz anders angepassten und verfassten ‘selbstorganisierenden System’, das ihnen ihre ‘Marktstrategien’ und ‘Geschäftsmodelle’ zu zerschlagen noch nicht einmal für nötig hält. Das neue System lässt die Fußkranken und harthörigen Begriffsentwickler schlicht am evolutionären Wegesrand liegen. Die Rede ist natürlich vom Netz. Das Web entwickelt mit seiner Schwarmintelligenz (vormals ‘Teamwork’) eigene informationelle Verbreitungsmöglichkeiten (Links, Referrers usw.), es bildet autochthone Geschäftsmodelle aus (Google), eigene Kontrollinstanzen (Wikileaks & Co.), sogar einen eigenen Mediendiskurs (in Blogs etc.) … und es lässt die anderen in ihrem bemoosten Quark nach Belieben reden und mosern.

So aber hatten die sich das mit der Selbstorganisation nicht gedacht – aus diesem trüben Quell entspringt jetzt der neue Regulierungsdiskurs von China über Schirrmacher bis Schavan. Schon komisch, dieser Listenreichtum der Geschichte …

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