If your memory serves you well ...

Schlagwort: Neologismus (Seite 1 von 3)

Spin-Doktoren, aufgepasst!

Wie soll der kommende Schuldenschnitt für Griechenland heißen, jetzt, wo die Regierung versprochen hat, dass es auf gar keinen Fall einen ‘Schuldenschnitt’ geben wird? Kanzleramtsminister Pofalla brachte ein ‘etat-optimiertes Konzept der Vernunft’ ins Spiel, wobei das Buh-Wort ‘Schulden’ ganz entfiele, Finanzminister Schäuble dozierte etwas von einem Zukunftsprogramm ‘Greece 21’, was nach Meinung anderer arg abgelatscht und schwer nach Helmut Kohl oder nach Deutscher Bahn klänge, Fiepsi Rösler sprach von einem ‘Economic Backrailing’, was den Vorteil hätte, dass dies kein Mensch mehr versteht. Was aber meint ihr, liebe Spin-Doktoren?

Apropos – wenn die EU-Länder die Schulden eines Mitgliedslandes als Gemeinschaftsaufgabe übernehmen und dafür haften, dann wäre das dieses gräusliche Teufelszeug, das wären also diese ‘Euro-Bonds’. Wenn aber jetzt die Gemeinschaft viel Geld zur Verfügung stellt, damit Griechenland “nicht weitere Kredite erh[ält] und seinen Schuldenstand damit noch weiter in die Höhe schrauben [muss]”, dann sind das selbstverständlich nie im Leben ‘Euro-Bonds’ – ask your local spin-doctor!

Derweil versucht sich die SZ schon mal an Voodoo-Economics:Neue Kredite kämen eigentlich in Frage [sic], da sie den ohnehin zu hohen Schuldenstand des Landes weiter nach oben treiben würden.” Eben – das kommt ja darauf jetzt ‘eigentlich’ auch nicht mehr an …

Öchsperten

Einen Neologismus wie ‘Öchsperten’ habe ich in meinen Sprachgebrauch aufgenommen, um ernsthafte Wissenschaftler von jenen Figuren unterscheiden zu können, die in meinen Augen ihre akademischen Titel nur möglichst rasch versilbern möchten, um sie einer Public-Private-Partnership ganz ‘engagiert’, ‘parteiisch’ und ‘induktiv’ zur Verfügung zu stellen, nach dem Motto ‘Erst kommt das Ergebnis und dann die Forschung‘:

“Schwartmann war Autor eines Gutachtens für 2-Strikes-Warnmodelle, dass das Bundeswirtschaftsministerium vergeben hatte. … Hentsch ist … einerseits “unabhängiger Wissenschaftler” … im Nebenberuf ist er noch Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Günter Krings, dem Urheberrechtshardliner der CDU-CSU-Fraktion.

Objektivität – ick hör’ dir trappsen …

Wort und Bild

Gute Fragen werden oft nicht gestellt … wer also rätselt, weshalb die derzeitige Abmahnwelle raffigieriger Kanzleien vor allem Bildrechtsverletzungen betrifft, der stößt schnell auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Wort und Bild: Ein Text lässt sich zitieren, ein Foto nicht. Betrachte ich diese Differenz als des “Pudels Kern“, kann mir die fidele Verwertungsgemeinschaft ‘Goethes Erben & Co KG’ dafür keinerlei Abmahnschreiben ins Haus schicken, obwohl es sich doch eindeutig um eine Faust-Reminiszenz handelt. Ebenso darf ich weiterhin ganz unbefangen von einer “Johurnaille” reden, auch wenn das Wort auf dem fruchtbaren Mist des Ingolstädters wuchs. Es gibt keinen ‘Besitz’ an Wörtern, allenfalls Firmennamen sind geschützt.

Auch Neologismen frisch aus dem Ofen – eine dahergeklimperte “Emmentaler-Argumentation”, “das Eigendumm”, “die Dorfbuurgeoisie”, “der Liberaltismus”, “das Porkfolio” – die stünden vom Moment ihrer Geburt an unter keinerlei Schutz des Gesetzgebers, sie wären sofort eine kurrente Münze, sofern jemand diesen Stuss überhaupt nachplappern will.

Mit einem Wort: Die Sprache ist eine durch und durch gesellschaftliche Veranstaltung, wo nirgends Schilder mit der Aufschrift ‘Privat’ stehen DÜRFEN, weil sonst die Funktion des Systems behindert wäre. Allenfalls genießen längere Texte einen gewissen Schutz vor Plagiatoren wie dem Guttenberg, vor Figuren also, die nie im Leben etwas Eigenes aufs Papier zu bringen vermöchten. Bei dieser Form des Schutzrechtes handelt es sich also vor allem um die gesellschaftliche Abwehr von ‘Blendern’ und Betrügern.

Gerade wegen dieser durch und durch gesellschaftlichen Fundierung der Sprache ist ja auch der Kampf der Verleger gegen Textausrisse oder ‘Snippets’ so irre, weil sie keinerlei Begriff von der Funktion einer Sprache zu haben scheinen. Die Folgen sind eigentlich jedem klar: Entweder sie verabschieden sich mit ihrem Medium aus dem Diskurs oder sie behindern die allgemeine Kommunikation. Produktiv sind sie in keinem Fall.

Kurzum: Copyright ist deshalb nicht gleich Copyright, weil ein Bild niemals die Flughöhe eines Wortkunstwerkes erreichen kann – was wiederum mit dem kollektiven Charakter der Sprache zusammenhängt. Niemand würde sich ein Wort übers private Sofa pinnen, aber privatisierte Bilder hängen dort oft. Dass die Sprache allen gehört, zählt zu ihren Funktionsbedingungen. Würde sie jemals von Abmahnwälten parzelliert, dann hätten wir zwar einen Kleingartenverein, jedes Verständnis untereinander aber wäre sofort dahin. Auch so etwas gibt es vor allem in hirnvernagelten Kleingärtnervereinen, die da meinen, diese Welt wäre eine Privatveranstaltung, so auch in dem Schrebergarten ‘Zum florierenden Paragraphenritter’, den ich eingangs erwähnte …

Primitive Headlines

Ich weiß nicht, welchen Tee jener Schreiber trank, der diese schöne Headline formte, mit Recherche hat sie aber nicht viel zu tun:

“Neoprimitive zerstören Timbuktu.”

Natürlich ist der Reflex erklärlich, der die Zerstörung eines Weltkulturerbes aus dem Bauch heraus ‘primitiv’ schimpfen möchte, um dann – weil doch einige Fakten im Hinterkopf zu laut bimmeln – schnell die Vorsilbe ‘Neo-‘ davor zu bappen. Jene islamischen Fundamentalisten in Mali aber sind ungefähr so ‘primitiv’ wie Luther und die Reformatoren zu ihrer Zeit.

Im Gegenteil: Der ‘Wahhabinismus’ ist eine modernistische und zugleich retro-hafte Richtung im Islam, eine außerweltliche Ideologie, die eine verkommene Religion gewissermaßen “vorwärts zu ihren Wurzeln” führen möchte. Dominiert wird sie von ‘Akademikern’ islamischer Provenienz. Im Gefolge solch religiöser Strömungen entsteht dann regelhaft das Phänomen des ‘Bildersturms’. Denn in nahezu allen monotheistischen Religionen ist es verboten, sich von Gott ‘ein Bild zu machen’ oder mit Nebengöttern ‘Götzendienst’ zu betreiben.

In der Reformation stützten sich die radikalen Protestanten bei ihrer Argumentation auf das erste und zweite Gebot Moses. Die Heiligenverehrung, der Kirchenschmuck, Statuen, Bibelszenen auf Gemälden, die einem illiteraten Volk die Erzählungen der heiligen Schrift unmittelbar vor Augen führten, die wanderten unter großem Tumult auf den Scheiterhaufen oder sie wurden – von den geschäftstüchtigeren Reformatoren – schlicht verkauft.

Bilderstuermer reißen ein Kreuz nieder

Timbuktu heißt hier Stadelhofen

Diese ‘Bilderstürme’ fanden in nahezu allen Teilen Europas statt, in denen Luthers und Calvins Lehre Fuß fassen konnte. Im Kern ging es heute wie damals darum, einem wunder- und abergläubigem Volk die tradierte ‘sinnliche Religion’ zu rauben, um sie zu einem asketischen, unanschaulichen und kontemplativen Religionsbegriff zurückzuzwingen. Angeführt wurden solche ikonoklastischen Tumulte regelhaft von studierten Predigern an der Spitze, es waren keine blinden Aktionen der ‘Primitiven’ oder des ‘Pöbels’.

So ist es auch in Mali und Timbuktu. Die Anführer des Bildersturms dort sind studierte Leute aus Koranschulen und Madrassen, auch wenn wir die Bildungseinrichtungen der islamischen Welt nicht allzu ernst zu nehmen pflegen. Die Grabmäler der wundertätigen Marabuts aber, die dort jetzt geschändet werden, das sind die ‘Tempel des Volkes’, um die herum die Bewohner ihre westafrikanische Form eines populären Islam praktizierten, mit Tanz, Gesang und Musik, mit den mystischen und sinnlichen Anteilen des Sufitums, Lebensäußerungen, die wegen ihrer ‘lusthaften Anteile’ allen wahren Asketen ein Gräuel sind. Es ist also das alte Muster religiöser Reformationen, das dort aufgeführt wird.

Im Kern geht es um den Versuch einer im islamischen Sinne hochgebildeten religiösen Elite, dem Volk das eigene, fern der Lebenspraxis zusammenstudierte Religionsverständnis mit Gewalt und Zerstörung aufzuzwängen. Zu diesem Zweck müssen ‘goldene Kälber’ und andere Fetische zu Staub zerfallen. Mit ‘Neoprimitivität’ aber hat das nichts zu tun, eher schon mit den Wiedertäufern, mit Calvin und mit Zwingli …

Bild: Bildersturm in Stadelhofen, wikimedia, gemeinfrei

Praxistest für Neologismen

Vor allem, wenn es sich um ein gelenkiges Verb handelt, muss sich ein neues Wort problemlos allen grammatischen Anforderungen fügen. Viele fremdsprachliche Kandidaten scheitern an dieser umgangssprachlichen Hürde einer flexiblen und zugleich eindeutigen Verwendung (s. ‘geupdatet’ vs. ‘upgedatet’ usw.) – nicht so das schöne neue Tätigkeitswörtchen ‘wulffen’, nur echt mit dem kerndeutschen ‘ff’.

Historische Brauchbarkeit ist zunächst wichtig – das Wort muss im Ohr des heutigen Lesers sinnvoll klingen, auch dann, wenn es auf Ereignisse der Vergangenheit angewandt wird: “Leckt mich im Arsch”, wulffte Götz von Berlichingen den Abgesandten der Obrigkeit entgegen. Für die Schreibpraxis interessant ist zudem die nahezu beliebige Verfügbarkeit des Stammwortes zur Konstruktion zusammengesetzter Verben: ‘entgegenwulffen’, ‘anwulffen’, ‘niederwulffen’ usw.

In der Wissenschaft wiederum kommt es darauf an, dass der sprachliche Neubürger auch zur Bildung akademischen Vokabulars veranlagt ist: “Die Wulffikation des öffentlichen Diskurses trägt zu einem eher konfrontativen Habitus in der Gesellschaft bei“. Paralleles Vokabular, dem die akademische Weihe ebenfalls nicht versagt werden kann, formt sich daran anschließend nahezu problemlos: das Wulffeske, wulffatorische Überkompensation, die notwendige Entwulffung der Welt usw.

Dort, wo Sprache auf den Alltag der Menschen trifft, kommt es hingegen auf die problemlose und schnelle Handhabbarkeit an: “Glaub’ bloß nicht, dass du mit deinem Gewulffe bei mir was erreichst, ej!”, “Du kannst dir hier ‘nen Wolf wulffen – ich mach das nicht!”, “Ob Wulff oder Wuffel – das geht mir am Mors vorbei!“. Wir sehen also, auch den Praxistest beim ‘Sixpack Joe’ besteht das neue Verb problemlos. Kurzum – dieses Wort wird es vermutlich länger geben als den Bundespräsidenten.

Willkommen in der deutschen Sprache!

Scheininnovation

So heißt im Pharmabereich die Methode, einen Ladenhüter in leicht veränderter Verpackung als ‘dernier cri’ anzupreisen, um satte Windfall-Renditen weiterhin einzustreichen. Ähnlich geht jetzt der Cicero vor, wenn er uns das ‘Wachstum’ als NEUE und brandheiße liberale Leitidee andienern will, so als ob die Liberallas nicht seit Jahrzehnten schon an den Fetisch Wachstum so fest glauben, wie der Katholik an die Jungfrauengeburt:

“FDP-Parteichef Philipp Rösler kann die neue liberale Leitidee „Wachstum“ nicht richtig verkaufen.”

Das Problem liegt doch wohl eher darin, dass noch nicht einmal ein Weizsäcker oder ein Obama die ausgeleierte Wachstumsplatte den Bürgern als ‘neue’ Leitidee und als kommenden Hit verkaufen könnte …

Wieder was gelernt:

Das heißt jetzt gar nicht mehr ‘Schuldenschnitt’, ‘Haircut’, ‘Bankraub’, ‘Gelddrucken’ oder ‘Müllabfuhr’ – das heißt ab jetzt ‘Quantitative Easing’ … damit nicht mehr ersichtlich sei, wo irgendein ‘Bailout’ dabei.

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