Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Metapher (Seite 2 von 10)

Versteh’ ich nicht …

Ohne Skrupel ist die SPD auf die Enthüllungen Edward Snowdens gesprungen. Nun fällt den Sozialdemokraten die Späh-Affäre auf die Füße.”

Ein beliebiges X wäre zunächst ‘auf ein Y gesprungen’. Dieses X stünde also demnach jetzt oben. Trotzdem kann diesem X das Y ‘auf die Füße fallen’. Wir lernen: Im deutschen Journalismus sind die Gesetze der Schwerkraft aufgehoben; die Dinge fallen von unten nach oben. Endlich einmal wurde der olle Newton ‘ohne Skrupel’ widerlegt – und jedes Lektorat wäre im modernen Qualitätsjournalismus nur noch retro. Auch für den Leser “bietet sich so ein ernüchterndes Gesamtbild”.

Fremde Lorbeeren

Es ist die beste SPD, die es je gab. Ich rede natürlich von der Union. Mit dem Verzicht auf ihre letzte ‘Kernkompetenz’, die ja so recht nie eine war, räumen die Konservativen jetzt auch die einzige Bastion, die ihnen noch verblieben war, eine immer sanktionsbewehrtere und radikalere Innenpolitik:

“Mit dem Segen von Merkel und Seehofer vollzieht die Union den nächsten radikalen Kurswechsel: CDU und CSU verabschieden sich nach jahrelangem Kampf von der Vorratsdatenspeicherung.”

Gut, der Friedrich steht jetzt zwar blöd da, aber der war eh nie der Hellste, also passt das schon. Sofern diese nicht abreißende Kette von CDU-Abschieden aus alten Selbstgewissheiten uns eines beweist – Homo-Ehe, Mindestlohn, Atomausstieg usw. – dann nur eines: Dass ‘die Linken’ eigentlich immer richtig liegen, und dass der Konservatismus mit der gebotenen Verspätung diese Wendungen irgendwann unter Windungen nachvollziehen wird, selbst wenn sie zunächst nur an den Worthülsen klempnern. Die ‘Linken’ und die ‘Öko-Faschisten’ von den Grünen wären also die eigentlichen gesellschaftspolitischen Schnellmerker – ihr Problem: Sie stehen zu früh auf.

Für ihr Hinterherhinken wird die Union im September jetzt gewählt – für eine im Kern immer linkere Politik, die dabei stets so verspätet kommt, wie bspw. auch der ICE in deutsche Hauptbahnhöfe einläuft. Was mag bloß als nächstes dran sein? Drogenfreigabe? Euro-Bonds? Vermögenssteuer?

Einige altkonservative Dinosaurier löcken zwar noch wider den Stachel, mehr als ein im Kern religiöses Vokabular ist aber auch ihnen nicht geblieben. So mosert der Professor Biedenkopf, längst mehr FDP als CDU, heute im ‘Handelsblatt-Newsletter’:

“Die Politik erliegt der Versuchung, ihre Wahlchancen durch Manipulation des Verhältnisses von Leistung und Gegenleistung zu verbessern.”

Dröseln wir uns diesen rhetorischen Galimathias mal auf, dessen Qualität wohl kaum die Anschaulichkeit ist: ‘Die Politik’ – das wäre natürlich Bundeskanzlerin Merkel samt ihrer Entourage. Die anderen können ja nicht gemeint sein, weil diese notorischen Frühaufsteher zurecht ‘bloß Opposition’ sind. Diese Kanzlerin betreibe ferner eine waschechte ‘Manipulation’, also ein Hütchenspiel, nur um an der Macht zu bleiben. Mit anderen Worten: Sie macht doch tatsächlich eine mehrheitsfähige Politik. Mit dem ‘Verhältnis von Leistung und Gegenleistung’ meint Biedenkopf dann vermutlich jene unaufhörlichen Milliardengeschenke an Banken und Großanleger – – – obwohl, hmmmhmmm, vielleicht zielt er ja auch auf all das unnütze ‘Sozialgedöns’ für den vernachlässigenswerten Plebs, also auf jene absolut entbehrlichen ‘Geschenke’, die einem echten Liberalen schon immer deshalb ein Graus waren, weil sie in die falsche Richtung fließen.

Die große ‘Versuchung’, der unsere notgeile Politik dann ‘erliegt’, das wäre schließlich eine durch und durch religiöse Kategorie: Satan, der große ‘Versucher’, naht sich mit sardonischem Lächeln unseren politischen ‘Leistungsträgern’, um durch sein teuflisches Spiel uns alle in die ewige Verdammnis zu führen, weil das verfügbare Geld nun mal zum höheren Ruhm Gottes im sakralen Bereich stets nach oben zu fallen hat. Eine solche Sicht widerspricht zwar den Naturgesetzen, aber konnte unser Herr Jesus nicht auch übers Wasser wandeln? So ähnlich jedenfalls habe ich mir das Gebrabbel des alten Herrn übersetzt – ganz schlau bin ich daraus leider nicht geworden.

Nachtrag: Weil’s in den Kommentaren als bloß ‘rhetorische Wende’ glossiert wurde, es soll wohl doch mehr werden: “Unter dem Eindruck der amerikanischen Internetspionage erwägt die CSU jetzt offenbar eine bemerkenswerte Kehrtwende. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE drängt Parteichef Horst Seehofer (CSU) auf eine Abkehr von der bisherigen Position zur Vorratsdatenspeicherung.”

Über die eigenen Beine …

Ätschbätsch, ich habe ihn trotzdem gefunden. Der da sprach nämlich Folgendes – und stellte seinen Text prompt ‘ins Internet’, vermutlich, um wegen der Überlänge dort dann nicht gelesen zu werden:

“Warum sollte man nicht sagen, dass man es bedauerlich und bedenklich findet, wenn im Netz kaum Artikel gelesen werden, die eine Länge von etwa 5.000 Zeichen haben, dass also ein typischer Zeitungsartikel wie etwa dieser Text nicht internettauglich sei?”

Tscha, warum sollte man das nicht sagen, wenn’s denn wahr wäre? Überall diese Denkverbote! Holterdipolter, schon bricht weiteres Vorwissen aus ihm heraus: Alle Internetnutzer seien zwischen 20 und 25 Jahren alt, auch wenn jede Statistik anderes behauptet. Damit seien diese Milchbubis auch völlig irrelevant. Die Auflagen der Zeitungen brächen faktisch gar nicht ein, sondern die blöden Verlegerkaninchen würden nur angstvoll durch die Lupe auf eine impotente Blindschleiche starren, während das verführte Publikum sich schon bald angewidert von all diesen ‘Info-Schnipselchen’ im Netz abwenden werde, um reumütig in die Holzwerkstätten des Altjournalismus zurückzukehren. Kurzum, der typische Prophetengestus: Alle liegen falsch, außer Pappi.

So etwas Apartes nennt sich heutzutage dann ausgewiesener Philosoph – fühlt sich also als ein Mann, der die Weisheit liebt. Was will man da machen? Er pflegt halt hingebungsvoll seinen Hang zur Sumpf-Metaphorik, wo – hassenichgesehn – die Blindschleichen plötzlich zu Unken mutieren, wo alle dann nicht nur wie festgenagelt auf die Schlange starren, sondern gleichzeitig und ständig irgendeinem Sumpfgeist hinterherrennen, während sie dabei wohl ihre Lupe schwenken – oder so ähnlich. Höhere Bildwelten also, mein Vorstellungsvermögen übersteigend:

“Es wird Zeit, dass der gute Journalismus sich vom Blick der Blindschleiche löst und seine eigenen Stärken selbstbewusst betont, statt den lauten Unkenrufen hinterherzurennen.”

Tscha, dieses untrügliche Mittel wird dem Journalismus ratzfatz wieder auf die Beine helfen. Mir liegt übrigens ein lateinisches Zitat auf den Lippen, aber das sag’ ich euch nicht …

Der Endlosschleifer

In Boston ist eine Bombe explodiert.
Deshalb brauchen wir eine extremismusbezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Auf der Isar ist ein Kanu umgekippt.
Deshalb brauchen wir eine wassersportbezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

In Augsburg sind zwei Autos zusammengestoßen.
Deshalb brauchen wir eine verkehrsbezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Beim Frühstück war mein Ei zu weich.
Deshalb brauchen wir eine gastronomiebezogene Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Die CSU braucht jedenfalls mehr Leute wie mich.
Deshalb brauchen wir eine intelligenzunabhängige Vorratsdatenspeicherung, sagt Hans-Peter Uhl, CSU-Innenpolitiker.

Welches Stöckchen man diesem Bello auch wirft – er kehrt stets mit seinem geliebten Quietsche-Entchen zurück. Dass die USA längst ein FBI mit einer Vorratsdatenspeicherung ‘bis hinten gegen’ haben, dass sie dort trotzdem den Anschlag nicht verhindern konnten, das fällt unserem Pawlowschen Reflektor niemals auf: Sobald etwas durch die Luft fliegt, stratzt er los. Und generell – ob wir ausgerechnet unseren verblendeten Verfassungsschutzämtern mehr Befugnisse geben sollten, daran dürfen wir nach dem ‘NSU-Desaster’ doch begründete Zweifel hegen. Manchmal mag die Politik ja dem geduldigen Bohren dicker Bretter gleichkommen, nirgends aber steht, dass sie sich mit dem Hammer immer auf denselben Daumen hauen muss.

Ist schon Armageddon?

Weltwirtschaft zittert vor 85-Milliarden-Dollar-Cut.”
“Amerika fürchtet Einschlag der Schuldenbombe.”
“US-Haushaltsstreit: Countdown für die Sparbombe.”
“Politische Gegner stürzen USA ins Finanzchaos.”
“Amerikas Staatshaushalt: Unter dem Fallbeil.”
“Obama schürt die Angst vor dem Spar-Hammer.”
“Die Billionen-Dollar-Frage.”

Rekapitulieren wir mal diesen militaristisch-todessüchtigen Metaphernwettbewerb auf dem holprigen Boulevard des Qualitätsjournalismus: Die Sparbombe liegt jetzt unter irgendeinem Fallbeil, wo sie Obamas Hammer treffen wird, was wiederum das Finanzchaos, Hand in Hand mit der zitternden Weltwirtschaft, vollends ratlos vor der Billionen-Dollar-Frage stehen lässt, während die obige Bombe leise ‘Pffft!’ macht …

Aus der Frühindustrialisierung

Lokomotive der Weltkonjunktur steht wieder unter Dampf.”

Tscha, wat’n Glück – dank Ruß und Kohle, nebst James Watt. Da kann der ICE des Hochfrequenzhandels gar nicht gegen-anstinken! Kurzum: Zeige mir deine Metaphern und ich sage dir, auf welchem Stand der kognitiven Entwicklung du zurückgeblieben bist. In diesem Fall war’s Anno Märklin. Ähnlich retardiert ist übrigens diese Nummer mit einem rüstigen Hoppelsenior:

“Eine Hürde auf dem Weg dorthin hat der 63-Jährige jetzt genommen.”

Der Doppel-Oxer steht ihm aber noch bevor … oder: Wenn man sich besser nichts darunter vorstellen sollte, war’s bestimmt eine Journalisten-Metapher.

Journalistenkarrieren

Allen, die sich über das vorherrschende Dutzendformat des ‘Alphajournalismus’ in Deutschland jemals gewundert haben, sei dieser Text ans Herz gelegt. Einen Tucholsky gibt es in jeder Generation gerade mal einen – und dieser Text ist immerhin von Constantin Seibt, der sich nie so bezeichnen würde, obwohl er einer ist:

“Eine ganze Generation steigt [im Journalismus] hoch, wie der Schimmel im Abwasch eines Junggesellen. Der beste Satz, den man Jugendlichen zu Theorie und Praxis der Karriere sagen kann, ist: Wart mal.”

Schon der grüngraue Glanz dieser stimmigen Metapher zeigt mir den Solitär mit den Adleraugen …

Metaphorische Vollwertkost

Wenn’s bei uns im Januar ein paar Tage winterlich kalt werden sollte, dann ist das keineswegs normal. Künftig hat dann die gefürchtete “Polarpeitsche” zugeschlagen. Merkt euch das, ihr Verharmloser!

Schulbildend

Auf Journalisten scheint die Schulzeit einen prägenden Einfluss auszuüben, nehmen wir den Perlenfluss ihrer Metaphern zum Maßstab. Selbst die Schulämter müssen bei ihnen neuerdings schon die Hausaufgaben vorzeigen:

“Das Schulamt hat seine Hausaufgaben gemacht.”
“Neubiberg hat seine Hausaufgaben gemacht.”
“Juventus hat seine Hausaufgaben gemacht.”

Auch die einschlägigen Schulstrafen haben in der Erlebniswelt der schreibenden Zunft tiefe Spuren hinterlassen:

“Podolski trifft, aber Arsenal muss nachsitzen.”
“Rating: Musterschüler muss nachsitzen.”
“Verkehrsausschuss muss nachsitzen.”

Kein Wunder, dass sich, mit ihrem publizistischen Lappen in der Hand, so manche Institution schon gar nicht mehr nach Hause traut:

“BUND stellt Bundesregierung schlechtes Zeugnis aus.”
“Studie stellt Schweizer Privatbanken schlechtes Zeugnis aus.”
“Der CSU stellte Franke ein schlechtes Zeugnis aus.”

Die Folgen sind dann jedem klar, der schon einmal eine ‘Ehrenrunde’ drehte:

“Dafür wissen ARD und ZDF jetzt: Wenn sie sich nicht anstrengen, sind sie versetzungsgefährdet.”

Tscha – alles klingt nach den ‘Einträgen ins Klassenbuch’. Hier abschließend noch eine kinderleichte Aufgabe für angehende Journalisten. Schreiben Sie einen Artikel über die Gebrauchshundeschau zu Wuffelstetten. Verwenden Sie hierzu ausschließlich die bestens eingeführte ‘Schulmetaphorik’: “Bello hatte im Unterricht nicht aufgepasst. Die Folgen bekam er jetzt zu spüren, als ihn Herrchen vor die gesamte Klasse rief. Zwanzigmal musste er – ‘Sitz! Platz!’ – unter den strengen Blicken des Kollegiums die gestellte Aufgabe wiederholen. Bei der großen Hundeschau zu Wuffelstetten ging es gestern zu wie auf einer Journalistenschule …” usw. usf.

Flatulentia

Einmal Unternehmensberater – und schon ist man ein Leben lang für die Philosophie verdorben.

Der große Bhagwan schenkte uns den Peter Sloterdijk.

Seit die Grünen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, gibt’s guten Rat von allen Seiten.

Was in Ägypten Scharia heißt, nennen sie in Bayern ‘gesundes Volksempfinden’.

Die ‘CDU ringt um Profil’, schreiben Journalisten. Ich versuche mich prompt am Bild – und scheitere.

Torschlusspanik im Bundesjustizministerium – alle FDP-Buddies werden schon mal schnell befördert. Was die wohl weiß, was wir nicht wissen …

Aus dem Mainstream sollte niemand trinken.

Was war sonst noch? Ach so – prima Klima bei den Klimaskeptikern!

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