Stilstand

If your memory serves you well ...

Schlagwort: Medienkrise

Boah, ej!

Telepolis veröffentlicht ein dickes Buch über angeblich staatsgelenkte Mainstream-Medien, sozusagen eine wahre Aluhut-Bibel. Darin gleich zwei Kapitel über die Bilderberger-Konferenzen, wo bekanntlich alles Übel dieser Welt ausgekaspert wird – aber nicht einmal fällt das Wort ‘Nashibots’:

“In den Foren der großen Online-Medien hagelt es Tag für Tag Kritik an den gebotenen Deutungsnarrativen der Leitartikler und Meinungsmacher.”

Wo’s hagelt, gibt’s meist auch Hagelmacher – oder? Von wem wurde eigentlich damals die ‘Konkret’ finanziert? Und das Publikum ist vermutlich blöd, es könnte ja die ‘Deutschen Wirtschafts Nachrichten’ (jetzt auch gedruckt) oder ‘Compact’ statt des ‘Spiegel’ oder der ‘FAZ’ kaufen. Das tut es aber nun mal erwiesenermaßen nicht.

Tscha, wohl alle doof, außer den einschlägigen Kommentatoren. Vermutlich ist es ja ähnlich wie auf den ‘Montagsdemos’, da schreien auch fünfzig Hanseln ‘Wir sind das Volk!’ – und sie glauben sogar daran … aber gut, der Ulf Poschardt meint ja auch, dass er mit seinen ollen Kamellen von der FDP-Resterampe noch irgendwelche relevanten Bevölkerungsschichten repräsentiere.

Zumindest aber hätten unsere Teleponies doch hierzu mal etwas in ihrem dicken Buch sagen können, statt von ‘wahrer Volksmeinung’ daherzuwiehern und kreuzbrav ‘Russia Today’ aus der Hand zu fressen:

“Aus einem Strategiepapier der Sankt Petersburger “Agentur zur Analyse des Internets” geht hervor, wie die Wellen von Troll-Kommentaren auf Online-Plattformen funktionieren. Das russische Dokument wurde von einer Gruppe mit dem Namen “Anonymous International” veröffentlicht.

It’s the economist, stupid!

Die tiefe Krise [der alten Medien] … hat dabei … gar nicht so viel mit dem Internet zu tun – der Niedergang begann viel früher. “Viele Zeitungen in den USA kränkelten schon seit den 1980er Jahren, aber schafften es immer noch, nach außen ziemlich gesund auszusehen. Sie kauften sich gegenseitig auf, die landesweiten Zeitungsketten entstanden, und vor allem die Aktienkurse stiegen und stiegen.” Doch die Investoren hinter den Konzernen wollten ernten, “Gewinn- und Renditemaximierung war alles – und genau ab diesem Punkt ging es schief.”

Was ich immer sage – Management by Madagascar: Hole dir einen BWL’ler an Bord, und schaue dann zu, wie dein Geschäftsmodell erodiert und die Pest immer neue Decks infiziert. Die Kernaufgabe eines Mediums besteht darin, Informationen sach- und lesergerecht aufzuarbeiten und zu verbreiten, die Ökonomie gehört eher in den Maschinenraum. Wer aber meint, an diesen Basisfunktionen, also am Sachgerechten und an den Leserinteressen, ökonomistisch herumschnippeln zu müssen, der ist schlicht nur verblendet – vermutlich durch Öchsperten.

Vergleichsweise haben die Inhaber von dort unten aus dem Stockdunklen einen Bilanzexperten statt eines Navigators nach oben auf die Brücke des Schiffes gestellt, der jedoch weiterhin nur ans Kohleschippen denkt, der den ‘renditeträchtigsten Kurs’ anhand des Treibstoffverbrauchs bestimmt, und den Dampfer mangels nautischer Erfahrung prompt auf die Klippen setzt. Mit Internet und ‘Social Media’ aber hat das alles nur wenig zu tun, es ist eine selbstverschuldete Krise …

Der Eiertanz

In meiner Sturm-und-Drang-Zeit war die ‘Frankfurter Rundschau’ die Stimme der Bedächtigen im linksliberalen Lager. Gegen Brokdorf zu demonstrieren, das sei im Prinzip schon in Ordnung, aber müssten einige Hitzköpfe sich immer gleich verweigern, wenn die Polizei befiehlt, die Versammlung termingemäß aufzulösen? So etwas würfe doch ein schädliches Licht auf die Anliegen der Bewegung. Besser wäre es allemal, in einen ‘Diskurs’ einzutreten, außerdem sei Tränengas nicht gut für die Augen. Die ‘Frankfurter Rundschau’ sah sich als Stimme der allgemeinen Vernunft, die allemal diejenige der Sozialdemokratie war, sie steckte morgens im Briefkasten jedes besseren Lehrerhaushaltes, und predigte unentwegt vom weichen Wasser, das den härtesten Stein zu schleifen vermöge. Wir anderen dagegen lasen Graswurzelmedien aus der Anti-AKW-Bewegung, schrieben für die taz, die damals gerade entstand, und gaben jedem Widerstand gegen die Atomlobby in Politik und Wirtschaft solange keine Chance, wie der den Gegner nichts kostete.

Heute ist die ‘Frankfurter Rundschau’ – und damit auch der unverbindlich-linksliberale Kukident-Kritizismus – wirtschaftlich schwer derangiert, ein Prozess, der sich quälend über Jahre hinzog. Es ist nicht nur der Verlust von Stellenanzeigen, von Wohnungs- und Gebrauchtwagenmarkt, auch ideologisch dupliziert sich gewissermaßen das Elend der allgemeinen sozialdemokratischen Desorientierung hier auf publizistischem Gebiet.

Jetzt, wo das Kind in den Brunnen gefallen ist, wenden sich die Herausgeber in einem großen Artikel an das werte Publikum. Stilistisch lässt sich hieran das Dilemma der ‘Frankfurter Rundschau’ festmachen. Wieder wird in bester linksliberaler Manier besänftigt, beschönigt und gerade gestrickt, bis von einem Scheitern nichts mehr zu lesen ist. Selbstkritik sieht anders aus. Ich versuche deshalb, das große Eiapopeia durch eine Binnenkommentierung dieses Textes deutlich zu machen:

Drastische Verluste des Verlags der Frankfurter Rundschau bei Anzeigengeschäft und Erlösen im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise [ah, ja, der beliebte Popanz der Finanzkrise – ist’s nicht vielmehr eine Medienkrise?] zwingen Gesellschafter, Verlagsgeschäftsführung und Chefredaktion zu Veränderungen in der Produktion der Zeitung. Unser oberstes Ziel [es gibt also noch weitere] ist es, die Rundschau als wichtige publizistische Stimme zu erhalten und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, trotz wirtschaftlicher Zwänge auch weiterhin [wenn ich “trotz” in Verbindung mit “auch weiterhin” höre, schließe ich messerscharf auf ein waschechtes Paradox] täglich ein hochwertiges redaktionelles Angebot machen zu können. Dazu haben wir intensiv [Synonym für ‘vergeblich’] nach Wegen gesucht und glauben [wissen es aber nicht], dass wir die Frankfurter Rundschau im Verbund mit den anderen Zeitungstiteln der Mediengruppe M. DuMont Schauberg in eine Zukunft [‘Zukunft’ kommt immer gut] führen können, die neben dem hohen publizistischen Anspruch auch wirtschaftliche Stabilität garantiert [eine eierlegende Wollmilchsau zeugt]. … Der Anspruch wird sein, aus einer gemeinsamen Redaktion zwei Zeitungen mit je eigener Gestalt zu produzieren: die Frankfurter Rundschau und die Berliner Zeitung [nur wo BZ draufsteht ist auch FR drin!]. Es geht um größtmögliche [faktisch geringe] Eigenständigkeit der Titel bei gleichzeitiger Bündelung der Kräfte [publizistischer Volkssturm]. … Korrespondenten der Ressorts Wirtschaft, Sport und Feuilleton werden weiterhin in Frankfurt arbeiten [jene Ressorts also, für die ‘Regionalität’ eher verzichtbar ist]. Überdies werden ausgewiesene Autoren [also Journalisten in Altersteilzeit], die für thematische Schwerpunkte der Frankfurter Rundschau stehen [wer steht, bewegt sich nicht] und Ihnen, liebe Leserinnen und Leser [liebe Gemeinde!], vertraut sind, an die Zeitung gebunden und für Sie tätig bleiben. Die Bereiche Digital sowie die Berichterstattung aus der Stadt Frankfurt und der Region sind entscheidend für die Zukunft der Zeitung. Das iPad-Angebot mit der App der Frankfurter Rundschau ist ein voller Erfolg [nanu?]. Der Markt dafür steckt aber in den Kinderschuhen [ach so!], so dass sich hier derzeit noch nicht [‘hier derzeit noch nicht’, Prinzip Hoffnung in Füllwortgestalt – frei nach Ernst Bloch] die Erlöse erzielen lassen, die der Verlag auf den klassischen Printmärkten eingebüßt hat. … Wir sind aber auch zu der schmerzlichen Erkenntnis [aua!] gelangt, dass die Zukunft der Frankfurter Rundschau nicht ohne den Verlust von Arbeitsplätzen zu sichern ist. In der alten Struktur müssen 88 Arbeitsplätze abgebaut werden. Da mit der Umstrukturierung des Druck- und Verlagshauses aber auch neue Arbeitsplätze entstehen, müssen wir von einem bereinigten Verlust [eine saubere Lösung also] von etwa 44 Stellen ausgehen. Wir wissen um die Härten für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen. Wir werden alles daransetzen, diese Härten zu mildern und sozial abzufedern [‘wissen um’, ‘alles daransetzen’ – konkrete, geldwerte Zusagen klingen irgendwie anders]. … Die Entscheidung für diesen Weg, so unumgänglich er ist, ist uns sehr schwergefallen [ein wenig tun wir uns dabei auch selber leid]. Gerade weil wir erleben, mit welchem Einsatz, welcher Professionalität und Leidenschaft [besser: Leidensbereitschaft] die Redaktion für Sie [und nur für Sie!] jeden Tag eine profilierte und vielfältige Zeitung erstellt. An diesem Anspruch halten wir gemeinsam mit der Redaktion fest [auch wenn die Fakten dem zu widersprechen scheinen]. Joachim Frank und Rouven Schellenberger, Chefredakteure, Karlheinz Kroke, Geschäftsführer

Föjetong und Festlichkeit

Ach, kaum war endlich mal Ruhe eingekehrt – da verspüre ich notorischer Miesmacher an diesem Text doch schon wieder einen Hauch jener ominösen Krise: “Von Medienkrise war … anlässlich Hubert Burdas 70. Geburtstag … nichts zu spüren.” Prompt kam nämlich dort ein berufsjugendlicher Hansdampf “als Überraschungsredner” ans Pult gestürmt, ein anderer “machte eine ausgezeichnete Figur”. Dann gab’s noch “eine Video mit Geburtstagsgrüßen” – Bastian Sic! ließ herzlichst grüßen. “Unterschiedliche Gratulanten” kamen und gingen, und nicht immer bloß dieselben, wie’s ja bei dieser “festlichen Gelegenheit” auch nicht zu erwarten war. Eine leibhaftige “Schlager-Legende” griff tief ins Büffet und ins Klavier, was aber keinesfalls das einzige und “erste Highlight” blieb. Auch ein Roboter “trieb sein Unwesen”. Gut gelaunte Gäste hatten sich derweil “mit Frack und Zylinder” beworfen – oder so ähnlich – kurzum: klipperdiklapp, plapperlapapp, tandaradei. Das muss wohl ein wahres Festival der Stenze und Stanzen gewesen sein … von Medienkrise aber keine Spur.

Das blinde Vertrauen ging dahin …

Die Medienkrise hat viele Ursachen – der dekadente und abgelutschte Stil des Pressedeutschen, die unverhohlenen Interessen, die keineswegs diejenigen des Publikums sind, das Recycling jeder abgenagten Meldung in immer neuen Schleifen, wie bspw. zuletzt das Décolletée der Vera Lengsfeld (‘Was ist das denn?’, ‘Darf die das denn?’, ‘Was ist das denn für eine Gesellschaft, wo die das darf?’) – solche offenbaren Kritikpunkte nennen längst noch nicht alle Gründe:

“Der Leser vertraut der Presse blind, weil ihn seine Zeitung ja nicht über ihr eigenes Wesen aufklärt, und weil eine andere Einwirkung auf die Öffentlichkeit gegen die Presse nur sehr, sehr schwer ist.”

Das konnte Kurt Tucholsky am 13. 10. 1921 noch unwidersprochen schreiben [GA V, 148]. Die Presse besaß ein informationelles Monopol, sie redete nicht über sich, und das kurz darauf aufkommende Radio war auch nicht mehr als ein ‘tönender Leitartikel’, zunächst im Auftrag des Staates. Es gab keinen ‘Publikumskanal’.

Heute dagegen hat sich die Sachlage – nicht zuletzt durch das Web 2.0 – grundlegend verändert. Es gibt jetzt nicht mehr nur die altgewohnte ‘Medienkonkurrenz’, sondern verschiedene Medienarten machen sich untereinander Konkurrenz. Wir haben also eine ‘Medienartenkonkurrenz’. Wobei das Neue, also das Netz, durch seine systembedingte Vielfalt sich weniger manipulativ auswirkt – und nicht etwa deshalb, weil es ‘moralisch besser’ wäre.

Trotzdem ist der Leser dem kapitalkräftigen “Bourgeoisie-Kanal” und seinen hölzernen Presseorganen nicht länger informationell ‘ausgeliefert’. Durch den konkurrierenden und unkontrollierbaren Feedback-Kanal des Web wird er inzwischen ständig über das Wesen der Presse aufgeklärt, wie falsch oder richtig auch immer. Der Leser hat dadurch einen ‘bösen Blick’ entwickelt, das Urvertrauen ist dahin. Und das, was der er nach der erfolgten Aufklärung über Holzhausener Zustände sieht, das gefällt ihm zunehmend weniger. Siehe die lange Netz-Debatte über die publizistische Deutungshoheit zwischen Journalisten und Bloggern (hier der jüngste Akt).

So liegt eben auch in der unausgesprochenen Publikumsverachtung der Macher von Holzmedien ein Grund für die andauernde altmediale Krise. Im Pressebereich war immer nur der Anzeigenkunde König, nie der Leser …

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